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Der Fall Clara Immerwahr. Leben für eine humane Wissenschaft


"Immerwahr" war nicht nur der Mädchenname von Clara Haber (1870 bis 1915), sondern auch eine zutreffende Charakterisierung ihrer Person. Leider ist sie viel zu wenig bekannt, und so muß man meistens erklärend hinzufügen: die Frau von Fritz Haber (1868 bis 1934), dem Chemiker und Mitentwickler des Haber-Bosch-Verfahrens. Unvermeidlich muß eine Biographie von Clara Immerwahr auch viel aus dem Leben ihres berühmten Mannes erzählen.

Fritz Haber entwickelte, wohl auch weil er als Jude immer wieder Zurücksetzungen erleiden mußte, einen skrupellosen Ehrgeiz. Seine Bewerbungen auf eine Professur schienen lange aussichtslos. Ein Ordinariat für physikalische Chemie in Wien wurde ihm, nachdem er seine jüdische Abstammung mitgeteilt hatte, nicht ein zweites Mal angeboten. Eine militärische Karriere entsprechend der von Richard Abegg, der sein Studienkollege und der Doktorvater seiner Frau war, blieb ihm verwehrt. Daß er getauft war, half ihm nicht; er wurde mitunter als "Kunstarier" bezeichnet.

Nachdem Fritz Haber endlich Ordinarius in Karlsruhe geworden war, entwickelte er in experimenteller Arbeit das Verfahren zur Ammoniaksynthese, das seinen Namen und den seines Fachkollegen Carl Bosch (1874 bis 1940) trägt und für das er 1918 den Nobelpreis für Chemie erhielt (Bosch bekam ihn 1931). In einer Zeit, in der aufgrund der Forschungsarbeiten von Justus von Liebig (1803 bis 1873) stickstoffhaltige Kunstdünger Ernährungsprobleme zu beseitigen versprachen, war dies ein revolutionärer Fortschritt.

Im Ersten Weltkrieg lieferte künstlich synthetisiertes Ammoniak allerdings auch einen Ausgangsstoff zur Deckung des ungeheuren Munitions- und Sprengstoffbedarfs. Nach den Chlorgas-Einsätzen an der Westfront wurde Haber zum Hauptmann befördert; die Verwendung von chemischen Kampfstoffen hatte damit unter seiner wissenschaftlichen Leitung ihren Anfang genommen.

Clara Immerwahr hatte 1900 dreißigjährig als erste Frau im Fach physikalische Chemie promoviert und war eine begeisterte und talentierte Wissenschaftlerin. Grundlagenforschung war für sie zweifelsfrei ein unentbehrliches Mittel, um die Lebensgrundlagen der Menschheit zu verbessern und der Wahrheitsfindung zu dienen. Sie hielt Vorträge im Volksbildungsverein, um beispielsweise auf bessere Ernährungsmöglichkeiten oder schädliche Auswirkungen von Alkohol auf Kinder hinzuweisen.

Den skrupellosen Ehrgeiz Fritz Habers, mit dem sie seit 1901 verheiratet war, vermochte sie nicht zu bremsen. Die Ambivalenz seiner Forschung wurde ihr immer deutlicher. Es quälte sie, daß nützliche chemische Substanzen wie Chlorkalk (zum Färben von Baumwolle) oder Salpeter (zum Düngen) für die Massenvernichtung von Menschen auf brutalste Weise mißbraucht wurden. Tierversuche in den Laboratorien ihres Mannes zur Erforschung der Giftgase waren für sie die Perversion der Wissenschaft schlechthin.

Die Auseinandersetzungen gingen so weit, daß er sie als Vaterlandsverräterin bezeichnete: Der Chlorgas-Einsatz an der Westfront hätte noch verheerendere Wirkungen gehabt, wenn genügend deutsche Reservetruppen zur Verfügung gestanden hätten; für deren Ausbleiben machte Haber Claras demoralisierende Propaganda verantwortlich.

Am 2. Mai 1915 erschoß sich Clara Immerwahr mit der Dienstpistole ihres Mannes. Daß ihr Leben und Sterben für eine humane Wissenschaft so lange unbeachtet bleiben konnten, ist nicht mehr Bestandteil ihrer Biographie, aber aus dem Klappentext des Buches ersichtlich: Offiziell starb sie eines natürlichen Todes. Ihre Abschiedsbriefe, die das Hauspersonal sah, sind verschwunden. Ihr Freitod ist als die Tat einer psychisch kranken und erblich vorbelasteten Frau erklärt worden. Eine makabre Bestätigung schien diese Fehldeutung Jahrzehnte später zu finden, als ihr einziger Sohn Hermann sich vor der Deportation nach Auschwitz das Leben nahm.

Die Autorin Gerit von Leitner, laut Klappentext "heute überwiegend mit Frauenforschung, Geschichte, Pädagogik und Filmwesen" beschäftigt, folgt keineswegs der einfachen Formel, daß Weiblichkeit mit Friedfertigkeit und Männlichkeit mit blindem Forscherehrgeiz gleichzusetzen seien. Sie erzählt auch vom Patriotismus der Frauenvereine und berichtet, daß der Physiker Max Born (1882 bis 1970; Nobelpreis 1954) eine Aufforderung Fritz Habers, dessen Spezialtruppe beizutreten, mit Hinweis auf das Barbarische der chemischen Kriegführung strikt ablehnte. Dem Leser begegnen zahlreiche weitere Forscherpersönlichkeiten der Zeit, darunter Max Planck, Marie Curie, Walther Nernst, Otto Hahn und Lise Meitner. Das macht dieses Buch auch wissenschaftsgeschichtlich interessant.

Es geht in dieser Biographie nicht nur um Naturwissenschaft und Ethik, Ambivalenz der Forschung und verantwortete Wissenschaft. Eindrucksvoll zu lesen ist auch der Abschnitt über Clara Immerwahrs Werdegang bis zur Promotion. Obwohl es nur wenige Zeugnisse aus ihrem Leben gibt, ist es Gerit von Leitner gelungen, durch geschickte Ergänzungen mit zeitgenössischen Quellen ein lebendiges Bild vom Bildungssystem – insbesondere den Bedingungen für Frauen – vor der Jahrhundertwende zu zeichnen. Man erfährt von Privatunterricht, dem Gasthörerinnenstatus, Sondergenehmigungen für die Immatrikulation und dem ersten deutschen Mädchengymnasium.

Es war einst ein Buch, das Claras Begeisterung für die Chemie weckte: "Unterhaltungen über die Chemie" von der Engländerin Jane Marcet. Vielleicht kann das hier besprochene Buch eine ähnliche Begeisterung für Forschung – in Verantwortung – weitertragen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1995, Seite 113
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1995

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