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Der gute Affe. Der Ursprung von Recht und Unrecht bei Menschen und anderen Tieren.

Aus dem Amerikanischen
von Inge Leipold.
Hanser, München 1997.
332 Seiten, DM 49,80.

Der niederländische Ethologe Frans de Waal, Forschungsleiter am regionalen Primatenforschungszentrum in Atlanta (Georgia), ist ein hervorragender Primatenkenner (vergleiche sein Buch "Wilde Diplomaten", besprochen in Spektrum der Wissenschaft, Juli 1992, Seite 130). Auf dem Hintergrund eingehender Verhaltensstudien geht er ein immer wieder kontrovers diskutiertes Thema an: Woher kommt die Moralität des Menschen? "Legen Tiere Verhaltensweisen an den Tag, die der Güte wie auch den Regeln und Vorschriften des moralischen Verhaltens von Menschen entsprechen?" (Seite 11).

De Waal ist davon überzeugt. So schildert er zu Beginn seines ersten Kapitels "Widersprüche des Darwinismus" die soziale Toleranz einer Gruppe von Japanmakaken gegenüber einem Weibchen, dessen Hände und Füße nur Stummel sind.

Im weiteren Verlauf der Darstellung bespricht der Autor die Entwicklung der Soziobiologie. Die Konzepte des "egoistischen Gens" von Richard Dawkins und der "Überlebensmaschinen", die er äußerst kritisch beurteilt, "haben sich weiter entwickelt zur Einsicht, daß Anpassungsgabe und Entscheidungsfähigkeit auch zur Verhaltensausstattung gehören", und "Empathie und Sympathie sind zwei Grundpfeiler der menschlichen Moral" (Seite 32).

"Das Kernstück jeder tragfähigen Theorie der Evolution der Moral" (Seite 39) sieht der Autor in dem Konzept des reziproken Altruismus, das Robert Trivers von der Universität von Kalifornien in Santa Cruz 1971 eingeführt hat. Gemeint ist ein Verhalten, das zunächst nur für den Empfänger von Vorteil, für den Spender hingegen Aufwand und Risiko ist, nach einer gewissen Zeit jedoch auch ihm etwas einbringt, weil Gutes mit Gutem vergolten wird. Als weitere Voraussetzung sieht de Waal im Anschluß an den Biologen Richard Alexander von der Universität von Michigan in Ann Arbor Konflikte innerhalb der Gruppe. Einen dritten Aspekt fügt er selber hinzu: das Gemeinschaftsinteresse. "Jedes Individuum hat ein Interesse an der Qualität des sozialen Umfelds, von dem sein Überleben abhängt. Indem es die Qualität zu seinem eigenen Vorteil zu verbessern versucht, hilft es möglicherweise gleichzeitig vielen seiner Gefährten. Ein Beispiel dafür ist Schlichtung und Vermittlung bei Streitereien" (Seite 45).

Damit sind für de Waal die evolutiven Voraussetzungen der Moral beisammen: Individuen leben in Gruppen zusammen; die Mitglieder einer Gruppe sind, etwa bei der Nahrungssuche sowie der Verteidigung gegen Feinde und Räuber, aufeinander angewiesen, sie kooperieren im Sinne des reziproken Altruismus, haben aber gleichwohl unterschiedliche Interessen.

Die aus dieser Konstellation erwachsenden Konflikte können zwischen den beiden unmittelbar Beteiligten gelöst werden oder eben auf höherer Ebene: Versöhnung, die durch Vermittlung herbeigeführt wird, friedliche Schlichtung von Streitigkeiten, Wertschätzung altruistischen Verhaltens durch die Gruppe als indirekte Reziprozität sowie die Anregung, zur Verbesserung des sozialen Umfeldes beizutragen, wobei letzteres speziell für den Menschen gilt.

Die Evolution hat nach Auffassung de Waals die Voraussetzungen für die Moral geschaffen: eine Neigung, soziale Normen zu entwickeln und durchzusetzen, die Befähigung zu Empathie und Sympathie sowie zu gegenseitiger Hilfe, ein gewisses Gerechtigkeitsempfinden, Mechanismen der Konfliktlösung und weitere Verhaltensnormen. Dies zeigt er in vielen eindrucksvollen Beispielen zu den Themen "Mitgefühl", "Rang und Ordnung", "Quid pro quo" und "Miteinander auskommen".

Damit setzt er sich von Vertretern anderer Auffassungen ab, die wie der englische Philosoph Herbert Spencer (1820 bis 1903) die "Ethik der heutigen Marktwirtschaft" aus der Natur ableiten möchten und die ganze Funktion der Marktwirtschaft darin sehen, die Welt vom Unfitten zu reinigen und Platz für "die Besseren" zu machen. De Waal bestreitet auch, daß es einen prinzipiellen Gegensatz zwischen Moral und Natur gebe, daß die Moral des Menschen den von den Tieren ererbten Konkurrenz-Egoismus, in den Worten von Dawkins die "Tyrannei der egoistischen Replikatoren", zähmen müßte. Schließlich geht de Waal auch über den Evolutionsbiologen Ernst Mayr hinaus, der in der Grenze zwischen "instinktivem" Verhalten und eigenverantwortlichem Handeln "die Demarkationslinie der Ethik" sieht.

Ein Schatz dieses lesenswerten Buches sind die Berichte von unzähligen Beobachtungen an Primaten. Hier finden sich wissenschaftlich fundierte Belege für "auf Mitgefühl bezogene Merkmale" wie Zusammengehörigkeitsgefühl, Hilfsverhalten und emotionale Ansteckung sowie kognitive Empathie, auf "normbezogene Eigenschaften" wie soziale Regeln und "Vorwegnahme einer möglichen Bestrafung, auf "Wechselseitigkeit" wie Nehmen und Geben, Austausch und "Rache" sowie auf "Miteinander auskommen" durch Friedenschließen und Vermeidung von Konflikten, Gemeinschaftsinteresse und Aufrechterhaltung guter Beziehungen.

Ein wichtiger Beitrag zu einem hochaktuellen Thema.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1997, Seite 136
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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