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John D. Barrow:: Der kosmische Schnitt.Die Naturgesetze des Ästhetischen.

Aus dem Englischen von Anita Ehlers.
Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1997. 344 Seiten,
DM 49,80.

Der Titel läßt Schlimmes befürchten. Sollte es sich um einen weiteren Beitrag zum geistreichen Geschwätz über Kunst handeln – vielleicht noch mit esoterischem Einschlag? Doch schon nach der Lektüre der ersten Seiten darf man aufatmen: Hier versucht ein Naturwissenschaftler, Regeln aufzuspüren, denen das "Schöne" folgt. John D. Barrow ist Professor für Astronomie an der Universität von Sussex in Brighton.
Bemühungen dieser Art sind nicht neu. Die sogenannte rationale Ästhetik nähert sich der Kunst nicht, wie üblich, auf dem Weg über das einzelne Werk und dessen besondere Eigenschaften, sondern beschränkt sich – ganz im Sinne der Naturwissenschaft – auf allgemein gültige, überprüfbare Aussagen. Nach Barrow ist dieser prinzipielle Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaft ohnehin in Aufweichung begriffen: "Während die Naturwissenschaft ihren Horizont über Ordnung und Symmetrie hinaus erweitert hat, um Vielfalt und Unvorhersagbarkeit einzubeziehen, müssen die Geisteswissenschaften es noch lernen, Gemeinschaft und Struktur als für das Verständnis der menschlichen Kreativität wesentliche Faktoren gemeinsam zu sehen."
Die Schwierigkeit einer rationalen Ästhetik liegt darin, daß sich Kunst in höchst verschiedener Art manifestiert – in Bild, Ton, Wort und Kombinationen davon. Dahinter etwas Gemeinsames zu finden, etwas, das überall denselben Regeln folgt, ist nicht einfach. John Barrow sieht diese Gemeinsamkeit in der (biologischen) Evolution; diese wiederum versteht er als eine Konsequenz der Naturgesetze, denen der gesamte Kosmos unterworfen ist. Man muß Barrows Fachgebiet zugute halten, daß er so weit ausholt; doch gelingt es ihm durchaus, Zusammenhänge aufzuzei-gen, beispielsweise im Hinblick auf astronomisch vorgegebene Rhythmen oder auf die Art und Weise, wie sich Intelligenzwesen in einer nach Naturgesetzen funktionierenden, physikalischen Welt orientieren.
An welchen Schlüsselstellen der Entwicklung des Lebens kommen Eigenschaften und Fähigkeiten ins Spiel, die schließlich zur Kunst heranwachsen? Offenbar dort, wo es um Kognition geht, speziell um das Erkennen von Gestalten und Mustern aus dem Reizangebot der Umgebung. Das Buch bringt eine Fülle von Beispielen dafür, welchen Überlebensvorteil es schon für das Tier mit sich bringt, wenn es alles Ungewöhnliche, Gefährliche oder auch Vorteilhafte rasch erkennen kann.
Der Mensch hat diese Fähigkeiten außerordentlich erweitert und verfügt damit über ein breit angelegtes Differenzierungsvermögen, das ihm die analytische Betrachtung seiner Welt ermöglicht. Aber er trägt auch ein evolutionäres Erbe mit sich, das ihn bestimmte Reizmuster als angenehm empfinden läßt. Für diese Ansicht sprechen viele Beispiele, vor allem aus der Malerei. Die Vorliebe vieler Betrachter für Darstellungen fruchtbarer, lichtdurchwirkter Landschaften könnte darauf zurückgehen, daß unsere Hominiden-Vorfahren sich über lange Zeit einem Leben in der Savanne angepaßt haben. Es sind also "Gemeinsamkeiten mensch-licher Erfahrung", die unserem ästhetischen Empfinden zugrunde liegen – die Kunst erweist sich als "seltsames Nebenprodukt von Anpassung".
Nach der Lektüre dieses Buches darf man sicher sein, einiges noch nicht gemeinhin Bekannte über Kunst erfahren zu haben – allgemeingültiges Wissen im besten Sinne der rationalen Ästhetik. Was gäbe es daran auszusetzen? Daß sich Naturwissenschaftler für Kunst interessieren und die Resultate ihrer Annäherung an die Natur des Schönen auch publizieren, ist erfreulich; nur kümmern sie sich dann - abweichend von den eisernen Regeln ihrer Zunft – wenig um das bereits vorhandene Wissen, sondern entwerfen ihre Theorien von Grund auf neu.
Das gilt leider auch für Barrow. Aus seinem Literaturverzeichnis ist zu ersehen, daß er – wie in den USA durchaus üblich – nur englischsprachiges Schrifttum berücksichtigt hat. Das wirkt sich in diesem Fall fatal aus, denn die fortschrittlichsten Arbeiten der rationalen Kunsttheorie sind in französischer und deutscher Sprache erschienen. So kommt es, daß einiges, was durchaus ins Konzept gepaßt hätte, einfach fehlt – vor allem Erkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie und der Verhaltensforschung. Gerade mit den Mitteln dieser Fachbereiche lassen sich für die gesamte Kunst geltende Regeln angeben, beispielsweise über die Rolle von Ordnung und Zufall und die Art und Weise, wie das Wahrnehmungs- und Denksystem darauf reagiert. Die ja auch von Barrow angeführte Suche nach Mustern erscheint hier noch einmal aus einem anderen Aspekt, der für das Verständnis des Ästhetischen wesentlich ist und im "Kosmischen Schnitt" völlig fehlt. Das ist schade, weil das Buch den Leser über manches im ungewissen läßt, was inzwischen längst geklärt ist.
Barrow bleibt das Verdienst, die evolutionäre Basis der Kunst in bisher einmaliger Weise beschrieben zu haben. Das macht sein Buch trotz der angesprochenen Mängel zu einem wissensvermittelnden und spannenden Lesestoff.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1998, Seite 118
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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