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Der Mann im Eis. Die Ötztaler Mumie verrät die Geheimnisse der Steinzeit


Im Herbst 1991 ging die Nachricht einer archäologischen Sensation um die Erde. Es handelte sich um die jungsteinzeitliche Mumie aus dem Gletscher vom Hauslabjoch, Gemeinde Schnals, Autonome Provinz Bozen, Südtirol, Italien. So lautet heute die offizielle Bezeichnung des Fundes, der unter dem Kosenamen "Ötzi" – da das Hauslabjoch zu den Ötztaler Alpen gehört – Weltberühmtheit erlangte. Dem Prähistoriker Konrad Spindler, Professor an der Universität Innsbruck und Leiter des dortigen Instituts für Ur- und Frühgeschichte, ist ein spannend zu lesender, ausführlicher Bericht über Entdeckung, Bergung und wis-senschaftliche Bearbeitung des Fundes mitsamt ersten Ergebnissen gelungen.

Die Bergung war – vor allem durch die schlechte Witterung – von vielen Widrigkeiten begleitet. Spindler hebt immer wieder mit Recht die Verdienste des inzwischen verstorbenen Gerichtsmediziners Rainer Henn hervor, ohne dessen Umsicht die spätere wissenschaftliche Bearbeitung so gar nicht in Gang gekommen wäre. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Bergung aus verschiedenen Gründen völlig unwissenschaftlich verlaufen ist. Zwei Nachgrabungen unter Leitung von Andreas Lippert, damals noch an der Universität Innsbruck, heute Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Wien, erbrachten zusätzlich zu den von Spindler aufgeführten Objekten noch zahlreiche weitere Fundstücke, unter anderem Holzkohlefragmente und Ahornblätter, deren Untersuchung noch längst nicht abgeschlossen ist.

Entgegen dem ersten Anschein ist das Buch Spindlers nicht als abschließende Beurteilung des Befundes aufzufassen, sondern als ein ausführlicher Zwischenbericht, wobei leider Beschreibung und Deutung eines Befundes nicht immer sauber getrennt sind. Diese wissenschaftliche Methode würde jedoch möglicherweise den Laien abschrecken, für den etwa die Frage, ob die Ahornblätter wirklich dazu dienten, in dem einen Birkenrindengefäß einen Glutklumpen aufzubewahren, unerheblich sein mag.

Mit Hilfe einer Vielzahl farbiger Abbildungen und schwarz-weißer Rekonstruktionszeichnungen sowie Karten gelingt es dem Autor, ein Fenster in die ferne Zeit des ausgehenden Neolithikums zu öffnen, jenes letzten Abschnitts der Steinzeit, in dem der Mensch Ackerbau und Viehzucht erfand. Diese neue Wirtschaftsweise, die sich in Mitteleuropa im 6. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung durchsetzte, bildete bald die wesentliche Grundlage seines Nahrungserwerbs.

Am Mantel des Mannes vom Hauslabjoch hafteten zwei Getreidekörner. Daß sie ebenso wie andere organische Stoffe überhaupt erhalten geblieben sind, ist auf die Gefriertrocknung – eine natürliche Mumifizierung – des Mannes und seiner Ausrüstung zurückzuführen. Dadurch kommt uns ein neolithisches Individuum so nahe wie in keinem Fund vorher.

Andererseits ist der Vergleich mit anderen Funden schwierig, weil andernorts normalerweise keine organischen Materialien erhalten blieben. Eine Sondersituation stellen die circum-alpinen Seeufersiedlungen dar, doch geben Siedlungsfunde in der Regel nicht genaue Auskunft über individuelle Trachtausstattungen, wie wir sie häufig in Gräbern finden. An solchen Stellen sind wiederum in der Regel organische Materialien vergangen.

Der Mann vom Hauslabjoch gehörte in den jüngeren Abschnitt des Neolithikums, denn er führte auch ein Beil aus Kupfer mit sich. Um diese Zeit kam die Kupfermetallurgie auf (man spricht auch von Kupferzeit), in Mitteleuropa etwa im 4. vorchristlichen Jahrtausend.

Das Beil spielte in der wissenschaftlichen Diskussion über den Fund der Gletschermumie von Anfang an eine meines Erachtens verhängnisvolle Rolle. Sogenannte neolithische Kulturen werden vor allem anhand der zahlreich auftretenden Keramikreste klassifiziert; die aber trug "Ötzi" nicht bei sich. So bleiben das Kupferbeil sowie drei flächenretuschierte Feuersteinartefakte die einzigen Gegenstände, mit denen der Mann in einen kulturellen Zusammenhang gebracht werden kann.

Spindlers Auseinandersetzung mit diesem Thema ist nicht unproblematisch. Meines Erachtens ist zum Beispiel die Frage nach der Herkunft des Mannes vom Hauslabjoch falsch gestellt. Er kann ja die mitgeführten Gegenstände aus einer anderen Region erworben haben als der, in der er aufgewachsen ist. Der anfänglich politische Streit, ob die Fundstelle zu Österreich oder Italien gehöre – inzwischen ist diese Frage eindeutig für Italien entschieden –, findet hier seine Fortsetzung in der wissenschaftlichen Fragestellung.

Es ist überhaupt ein interessantes Phänomen, das nicht ausdrücklich formuliert, gleichwohl sehr klar aus Spindlers Bericht hervorgeht, daß nämlich hier die wissenschaftliche Behandlung eines archäologischen Objektes unter dem Druck der veröffentlichten Meinung durch die Medien in starkem Maße beeinflußt wurde.

Über diesen Druck gewann meines Erachtens auch die grundsätzlich nicht lösbare Frage nach der Herkunft des Mannes aus dem Eis ihre Bedeutung. Spindler erweckt durch geschickte Vergleiche den Eindruck, als gehörte er zur Remedello-Kultur oder wenigstens zu einer ihr nahestehenden Gruppe. Die Remedello-Kultur ist eine kupferzeitliche Gruppe Oberitaliens, die nach einem größeren Gräberfeld bei Brescia benannt wurde. Bisher scheint sie jedoch aufgrund spärlicher absoluter Datierungen frühestens an den Beginn des 3. Jahrtausends vor Christus zu gehören, während die Radiokohlenstoff-Daten des Mannes vom Hauslabjoch in das 4. Jahrtausend weisen. Doch sind für jene Zeit, wie auch Spindler darstellt, noch größere Forschungslücken im südalpinen Raum zu schließen.

Mag dem Archäologen die Interpretation Spindlers als ein wenig zu eindeutig erscheinen, so ist das Buch dennoch auch für den Fachmann sehr lesenswert, da sonst in keiner seriösen Publikation die Fundgeschichte so ausführlich dargestellt ist und die bisherigen Ergebnisse in dieser Fülle zusammengefaßt sind; zudem erleichtert ein ausführlicher Index den schnellen Zugang zu gesuchten Informationen. Sehr hilfreich ist auch das von Christiane Ganner zusammengestellte, 195 Titel umfassende Literaturverzeichnis. Wer sich heute mit der Gletschermumie vom Hauslabjoch beschäftigen möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1994, Seite 126
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 1994

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1994

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