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Der Preis des Überlebens. Gedanken und Gespräche über zukünftige Aufgaben der Umweltpolitik.

Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1997. 284 Seiten, DM 34,–.


In Nürnberg gibt es eine Vertriebszentrale von neuseeländischem Trinkwasser und mexikanischem Bier. Muß das sein? Kann man nicht klarmachen, daß das Bier der Brauerei um die Ecke mindestens genauso gut und das Wasser aus den Wasserhähnen in Deutschland immer noch zu 95% trinkbar ist?"

Mit diesem Beispiel will Bundesumweltministerin Angela Merkel verdeutlichen, daß zwischen ökonomischen und sozialen Zielen einerseits und ökologischen andererseits nach wie vor ein Konflikt besteht – zumindest in den Augen der politischen Akteure. Von dem Ideal eines harmonischen Dreiklanges zwischen Ökologie, Ökonomie und Sozialem, wie er 1992 auf dem Umweltgipfel von Rio de Janeiro der Weltöffentlichkeit gegenüber proklamiert wurde, ist das öffentliche Bewußtsein noch weit entfernt.

Die Umweltpolitik steht nun, so Merkel, vor der Aufgabe, bestehende falsche Vorstellungen durch Schaffung neuer Bewertungsmaßstäbe zu korrigieren und vorausblickend neue Ziele zu definieren. Diese müssen sich dabei im Widerstreit der Argumente unzähliger Interessenverbände bewähren. Übrig bleibt meist nur ein für alle Beteiligten enttäuschender Kompromiß. Und so findet sich die Umweltpolitik fast immer in der Verteidigungsposition wieder.

Angela Merkel referiert die bekannten Hindernisse, mit denen gerade ihr Ressort zu kämpfen hat: Umweltbeziehungen sind regelmäßig so komplex, daß sich Kausalzusammenhänge selten bis ins letzte Glied wissenschaftlich beweisen lassen. Ohne diese Beweise sind die Menschen schwerlich zu Verhaltensänderungen bereit, die sie als einschneidend empfinden. Die übliche Gleichsetzung von Naturschutz mit Verzicht ist in diesem Zusammenhang äußerst mißlich. Und sowohl ökologisches Fehlverhalten als auch die Veränderung von Gewohnheiten wirken merklich erst in langen Zeiträumen, während die Menschen im allgemeinen und die politisch Verantwortlichen im besonderen dazu neigen, nur auf unmittelbare, kurzfristige Bedrohungen zu reagieren. Angela Merkel gibt in diesem Zusammenhang zu, daß die Kürze der Wahlperioden keine optimale Umweltpolitik zuläßt.

Eine Möglichkeit, dennoch weiterzukommen, sieht sie in der Übertragung des Prinzips der Tarifautonomie auf den Umweltbereich. Voraussetzung für eine derartige Umweltautonomie wäre eine stärkere Miteinbeziehung der Umweltverbände in die politische Verantwortung. Sie schlägt weiter vor, auf juristischem Gebiet intensiv die Möglichkeit einer Verbandsklage zu prüfen. Kontrollmechanismen, die sich bereits in der Wirtschaftsprüfung bewährt haben, sollen auch auf den Bereich des Umweltschutzes übertragen werden. Das bekannteste Beispiel ist das sogenannte Öko-Audit. Dafür braucht es jedoch alsbald objektive Bewertungskriterien in Form quantifizierbarer physikalischer Größen, die es bislang noch nicht gibt und so bald auch nicht geben wird.

Anhand von Beispielen aus ihrem Berufsalltag versucht die Ministerin im ersten Drittel ihres Buches, Zielvorgaben für ihre eigene Umweltpolitik zu formulieren. Es folgen acht Auszüge von Gesprächen mit hochrangigen Repräsentanten gesellschaftlicher Interessenverbände und Organisationen. Die Deutschland betreffenden Aspekte des "magischen Dreiecks" aus Ökologie, Ökonomie und Sozialem diskutiert die Autorin mit dem Präsidenten des Bundesverbandes der deutschen Industrie, Hans-Olaf Henkel, dem Chef des deutschen Gewerkschaftsbundes, Dieter Schulte, sowie mit Ernst Ulrich von Weizsäcker, dem Präsidenten des Wuppertal-Instituts für Klima, Energie und Umwelt. Bei diesen Gesprächen überrascht, daß die Frage der Schaffung von Arbeitsplätzen durch Aufgaben im Naturschutz kaum eine Rolle spielt. Der Verhaltensbiologe und Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl, setzt sich mit der Frage des menschlichen Umgangs mit langen Zeitabläufen auseinander. Weitere Gesprächspartner sind Hubert Weinzierl, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Deutschland, und Gerd Sonnleitner, der neue Präsident des deutschen Bauernverbandes. Die globale Seite in Fragen des Umweltschutzes beleuchten Julia Carabias, Umweltministerin von Mexiko, und Lester Brown, der Leiter des Washingtoner Worldwatch-Instituts.

Die teilweise auf hohem akademischen Niveau geführten Gespräche gehören zu den positiven Aspekten dieses Buches. Lobenswert ist auch, daß Angela Merkel parteipolitische Profilierungsversuche bewußt außen vor läßt, obwohl sie ihr Buch bewußt als politisches verstanden wissen will.

All dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß es am roten Faden fehlt. Das liegt auch an der unklaren Kapiteleinteilung. Zahlreiche heterogene und nicht gerade neue Argumente zu unterschiedlichsten Themenbereichen des Umweltschutzes werden ungeordnet angehäuft, viele wiederholt. Stellenweise liest sich das Buch wie eine Mischung aus Informationsbroschüren des Umweltministeriums und auf Umweltkongressen gesammelten Redemanuskripten.

Das Buch kann die hohen Ansprüche, die Angela Merkel selbst vorgibt, nicht erfüllen; an einigen Stellen entspricht es nicht der fachlichen Kompetenz, die sie bei anderer Gelegenheit gezeigt hat.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1998, Seite 110
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
10 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 10 / 1998

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