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Der Quastenflosser. Ein lebendes Fossil und seine Entdeckung


Als die zoologische Entdeckung des Jahrhunderts schlechthin wurde er gefeiert, als das missing link zwischen den Fischen und den Landwirbeltieren (Tetrapoda) – der Entwicklungslinie, die letztlich auch den Menschen hervorgebracht hat. Niemand hätte für möglich gehalten, daß es noch lebende Vertreter dieser Fischgruppe gibt, die bis 1938 nur fossil als Hohlstachler (Coelacanthini) bekannt waren; doch im Dezember jenen Jahres ging einem Fischtrawler vor der südafrikanischen Küste ein Fisch ins Netz, der dann als Quastenflosser oder Coelacanth mit der Artbezeichnung Latimeria chalumnae die Gemüter (nicht nur von Zoologen) erregte.

Latimeria wurde die Gattung nach der jungen Museumskuratorin Marjorie Courtenay-Latimer benannt, welche die Bedeutung dieses Fanges ahnte und sich seiner im südafrikanischen East London annahm. Der Artname verweist auf den Fluß Chalumna, nahe dessen Mündung das erste Exemplar gefangen wurde.

Das Buch erzählt von der Entdeckungsgeschichte, der Biologie, Physiologie, Ökologie, dem Verhalten und der Gefährdung dieses Fisches. Auch werden andere sogenannte lebende Fossilien aus dem Tierreich vorgestellt und die Evolution der Landwirbeltiere nachgezeichnet. Keith S. Thomson, Direktor der Academy of Natural Sciences von Philadelphia (Pennsylvania), ist selbst an den Untersuchungen beteiligt und bürgt für die wissenschaftliche Richtigkeit der Darstellung. Die Ausgewogenheit der Argumentation fällt auf – keine Selbstverständlichkeit für einen Wissenschaftler, der über seinen eigenen Forschungsgegenstand berichtet. Die deutsche Übersetzung ist rundherum gelungen.

Obwohl der Wissenschaft bis heute etwa 100 Exemplare rezenter Hohlstachler bekannt wurden, blieb es bei der einen Art Latimeria chalumnae. Die Fische sind bis zu 1,80 Meter lang, von stahlblauer Färbung und wirken mit den langsamen, unabhängigen Bewegungen ihrer Flossen recht archaisch. Sie haben wenige große, dotterreiche Eier und sind lebendgebärend, wobei die Samenübertragung angesichts penisloser Männchen noch rätselhaft ist. Der kleine Bestand, der auf die Westküste der Komoren beschränkt zu sein scheint, ist insbesondere durch die Nachfrage der Wissenschaftler und Sammler ernsthaft bedroht.

Schon die umfassende und verständliche Beschreibung der Biologie des Quastenflossers macht dieses populärwissenschaftliche Buch lesenswert. Hinzu kommt die Entdeckungsgeschichte, die wie so oft auch von den Charakteren der beteiligten Forscher geprägt ist.

"Wirklich große Entdeckungen setzen eine Kombination von Glück, Wissen und Phantasie voraus. Doch sie verlangen auch intellektuellen Mut und so- gar physisches Durchhaltevermögen. Sie stellen eine schwere Verantwortung dar, und es erfordert eine starke, ausdau-ernde Persönlichkeit, damit umzugehen", schreibt der Autor auf Seite 26 und meint damit sowohl Marjorie Latimer als auch insbesondere James Leonard Brierly Smith, den seinerzeit wohl angesehensten südafrikanischen Ichthyologen und Beschreiber von Latimeria chalumnae. Dessen Seltenheit, die Unzugänglichkeit des Lebensraumes unterhalb von 100 Metern Wassertiefe, die leichte Verderblichkeit der Fische bei subtropischen Temperaturen und der Chauvinismus der an der Entdeckung beteiligten Länder waren nur äußerst mühsam zu überwinden.

Deutlich wird auch der Einfluß der Politik auf die Wissenschaftsförderung: Die Untersuchungen wurden endlich spürbar erleichtert, als nach dem Zweiten Weltkrieg Forschung in Südafrika Priorität erhielt und Wissenschaft zu einer Sache nationalen Prestiges wurde. Der Autor schildert des weiteren, wie Wissenschaft um so mehr zur Spekulation werden kann, je bedeutender das Forschungsobjekt wird. Das erklärt das ehrgeizige Festhalten an Vorstellungen wie Latimeria sei ein Hai, ein Tiefseefisch oder tatsächlich der nächste Verwandte der Landwirbeltiere.

Das Resultat umfangreicher neuerer Untersuchungen ist nämlich enttäuschend für alle, die nach dem missing link gesucht hatten: Hohlstachler sind eben nicht die direkten Vorfahren der Tetrapoden. Dies scheinen vielmehr die fossilen Osteolepiformen zu sein mit ihren nächsten rezenten Verwandten, den Lungenfischen (Dipnoi).


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1995, Seite 123
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 1995

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