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Pharmazeutika: Der steinige Weg zur Anti-Aging-Pille

Ein biblisches Alter erreichen und dabei vital bleiben - hochwertige Schmalkost könnte dazu verhelfen. Forscher suchen nach einer Pille, die den Effekt harter Selbstkasteiung durch Hungern imitiert.


Gegen Altern scheint bislang kein Kraut gewachsen. Kein käufliches Mittel kann bislang beim Menschen nachweislich den Prozess verzögern – so das Fazit eines Positionspapiers, das 51 Experten im Mai 2002 veröffentlichten. Als "Altern" bezeichnen sie dabei das allmähliche Anhäufen molekularer und zellulärer Schäden, die immer anfälliger und schließlich gebrechlich machen (siehe SdW 8/2002, S. 68). Eine Maßnahme jedoch bringt immerhin bei Tieren, ganz verschiedenen Arten zudem, geradezu unglaublich gute Ergebnisse: Eine stark kalorienreduzierte, aber ernährungsphysiologisch ausgewogene Kost lässt die Tiere länger leben und – noch wichtiger – länger fit bleiben. Vermutlich könnte somit eine entsprechende Diät auch das Altern beim Menschen verzögern.

Für maximale Effekte müsste allerdings jemand seine tägliche Kalorienzufuhr wahrscheinlich um zirka ein Drittel senken. Das hieße beispielsweise, statt 2500 nur 1750 Kilokalorien aufzunehmen. Nur wenige Sterbliche könnten eine solch strenge Diät einhalten, und das auch noch jahrelang. Doch was wäre, wenn eine Pille erfunden würde, welche die physiologischen Effekte der Schmalkost imitierte, ohne zum Hungern zu zwingen? Könnte ein solches Kalorienreduktions-Mimetikum, wie wir es nennen, die Menschen in die Lage versetzen, länger gesund zu bleiben, also erst in einem sehr späten Lebensabschnitt an altersbedingten Leiden – wie Diabetes, Gefäßverkalkung, Herzproblemen und Krebs – zu erkranken?

Wir stellten uns diese Frage erstmals Mitte der 1990er Jahre, nachdem wir auf einen chemischen Stoff gestoßen waren, der bei Nagetieren offenbar viele günstige Effekte einer Kalorienreduktion nachahmte. Seitdem suchen wir und andere Forscher nach einer gesundheitlich unbedenklichen Substanz, die ohne problematische Nebenwirkungen beim Menschen dasselbe Kunststück fertig bringt. So paradox es klingt: Unsere bisherigen Misserfolge sind aufschlussreich – und haben die Hoffnung wachsen lassen, dass sich tatsächlich Kalorienreduktions-Mimetika entwickeln lassen.

Zunächst ging es uns darum, die zahlreichen Wirkungen einer Kalorienknappheit auf den Körper besser zu verstehen. Schon vor mehr als sechzig Jahren hatten Wissenschaftler den Wert der Maßnahme bei Tieren erkannt. Wie sie damals feststellten, lebten kalorienarm ernährte Ratten im Durchschnitt länger als Artgenossen, die nach Belieben fressen durften. Typische altersbedingte Leiden traten zudem seltener auf. Was aber noch mehr zählt: Einige der kurz gehaltenen Tiere wurden sogar älter als die am längsten lebenden der Vergleichsgruppe. Das bedeutete nämlich, dass die maximale Lebensdauer – das höchste erreichbare Alter – zunahm und nicht einfach nur die durchschnittliche Lebensspanne. Verschiedene Maßnahmen wie die Gabe infektionsbekämpfender Arzneimittel können die durchschnittliche Lebensdauer einer Gruppe erhöhen (indem sie vorzeitige Todesfälle verhindern), aber nur Maßnahmen, die das Altern des Körpers verlangsamen, steigern die maximale Lebensdauer.

Gesünder durch karge Kost

Die Versuche mit Ratten wurden von vielen Seiten wiederholt und auf ein breites Spektrum von Lebewesen ausgedehnt: von Hefezellen über Taufliegen, Würmer, Spinnen und Fische zu anderen Labornagern. Lange beschränkten sich die Wissenschaftler auf solche kurzlebigen Lebewesen, die dem Menschen genetisch nicht gerade nahe stehen. Mittlerweile laufen jedoch Langzeitstudien an zwei Tierarten, die mit dem Menschen näher verwandt sind: Rhesus- und Totenkopfaffen. Initiiert wurde das eine Affenprojekt in den späten 1980er Jahren von unserer Gruppe am amerikanischen Nationalen Alterungsinstitut in Bethesda (Maryland). Das andere wurde in den frühen 1990er Jahren begonnen und zwar durch ein Forschungsteam an der Universität von Wisconsin in Madison. Die bisherigen Ergebnisse legen nahe, dass Primaten auf eine ausgewogene Schmalkost fast identisch wie Nagetiere reagieren – das macht uns optimistischer denn je, dass eine dies imitierende Substanz dem Menschen nützen könnte.

Beispielsweise haben Affen bei einer stark kalorienreduzierten Kost eine niedrigere Körpertemperatur und niedrigere Insulin-Spiegel. Außerdem bleibt der Blutspiegel bestimmter anderer Hormone, der gewöhnlich mit dem Alter abnimmt, länger auf jugendlichem Niveau. Dazu zählt Dehydroepiandrosteron in seiner Sulfatform, kurz DHEAS. Es ist ein Androgen aus der Nebennierenrinde und wirkt schwächer als das typische männliche Hormon Testosteron.

Bestimmten Indikatoren nach sinkt bei diesen Tieren zudem das Risiko für altersbedingte Krankheiten. Beispielsweise liegen ihre Blutdruck- und Blutfettwerte niedriger, was eine verminderte Wahrscheinlichkeit für Herzinfarkt und Schlaganfall signalisiert. Darüber hinaus bleibt ihr Blutzuckerspiegel eher im Normalbereich, was für ein geringeres Diabetes-Risiko spricht. Tatsächlich entwickeln unsere Rhesusaffen, die nun schon fast 15 Jahre strikt kalorienarm ernährt werden, seltener chronische Krankheiten. Sie und andere Affen müssen jedoch noch länger beobachtet werden, bevor wir wissen, ob eine solche Schmalkost sowohl ihre durchschnittliche als auch ihre maximale Lebensdauer verlängert. Rhesusaffen bringen es normalerweise im Mittel auf 24, einige sogar auf 40 Jahre. Totenkopfäffchen leben hingegen im Schnitt 19, maximal 28 Jahre.

Wie aber verzögern die vielen physiologischen und biochemischen Veränderungen, die durch Kalorienreduktion hervorgerufen werden, den Alterungsprozess bei Säugetieren? Dieser Frage begannen wir um 1995 nachzugehen. Aus mehreren Gründen vermuteten wir, dass Veränderungen im Zellstoffwechsel eine Schlüsselrolle spielen. Mit "Stoffwechsel" meinen wir die Aufnahme von Nährstoffen aus dem Blut und deren Umwandlung in Energie, die für zelluläre Prozesse nutzbar ist. Auf ihn konzentrierten wir uns zum einen deshalb, weil die positiven Effekte einer Kalorienreduktion eindeutig auf der geminderten Gesamtmenge an Brennstoff beruhen, die zum Weiterverarbeiten in den Körper gelangt. Der andere Grund: Da die kalorische Beschränkung das Altern von vielerlei Geweben beeinflusst, sollte sie biologische Prozesse verändern, die in allen Zellen ablaufen. Der Stoffwechsel wiederum ist einer der wirklich fundamentalen Prozesse.

Wir fragten uns insbesondere, ob Veränderungen beim Zucker-Stoffwechsel die Nutzeffekte erklären können. Glucose, besser bekannt als Traubenzucker, ist die primäre Energiequelle des Körpers. Die Nahrung liefert diesen Brennstoff pur oder in Form zusammengesetzter Kohlenhydrate. Das "Verbrennen" von Glucose ist für Zellen die wichtigste Möglichkeit, Adenosintriphosphat zu erzeugen. Erst dieses Molekül, kurz ATP genannt, treibt die meisten Zellprozesse dann direkt an. Außerdem wollten wir wissen, wie wichtig Veränderungen im Zusammenhang mit Insulin sind. Dieses Hormon wird von der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttet, sobald der Glucose-Spiegel im Blut nach einer Mahlzeit ansteigt; es dient quasi als Schlüssel, der dem Zucker die Türen in die Zellen öffnet. Wir konzentrierten uns auf Glucose und Insulin, weil eine kalorienarme Ernährung sehr bald schon den jeweiligen Blutspiegel absenkt und die Zellen auf das Hormon besser ansprechen lässt. Beides zählt zu den zuverlässigsten Merkmalen einer Kalorienreduktion bei Nagetieren wie bei Primaten.

Zucker als Falschmünze

Kurz nachdem wir uns für solche Untersuchungen entschieden hatten, veröffentlichten andere Wissenschaftler erste Ergebnisse, die besagen, dass Stoffwechselprozesse, an denen Glucose und Insulin beteiligt sind, die Lebensdauer beeinflussen. Das bestärkte uns in der Überzeugung, auf der richtigen Fährte zu sein. So verlängerte sich etwa die Lebensdauer von Fadenwürmern beachtlich, wenn ähnliche Gene und damit Proteine mutiert waren, wie sie an molekularen Reaktionen auf Insulin bei Säugetieren beteiligt sind. Etwas später stellten Wissenschaftler bei Hefezellen fest, dass eine verminderte Aufnahme von Glucose oder eine beeinträchtigte Verarbeitung ebenfalls lebensverlängernd wirken kann. Bei Taufliegen schließlich zeigte sich, dass auch hier manche "Stoffwechsel-Gene" die Lebensdauer beeinflussen. Eine solches Gen erhielt den witzigen Namen INDY – I’am not dead yet, "ich bin noch nicht tot". Fällt es aus, leben die Tiere fast doppelt so lang.

Etwa um die Zeit, als die Fadenwurm-Studie herauskam, begannen wir die wissenschaftliche Literatur nach Methoden zu durchforsten, mit denen sich die Abgabe von Insulin und die Ansprechbarkeit der Zellen auf das Hormon manipulieren ließen – aber ohne Diabetes oder Unterzuckerung hervorzurufen. In Arbeiten aus den 1940er und 1950er Jahren stießen wir auf eine interessante Substanz: die 2-Desoxy-D-Glucose (2DG). Diese Zuckervariante war an Nagetieren gegen Krebs getestet worden, soll aber auch – so stand es zu lesen – den Insulin-Spiegel im Blut gesenkt haben.

Beim weiteren Nachforschen hatten wir ein echtes "Aha"-Erlebnis. Die Verbindung rief offensichtlich viele klassische Effekte einer eingeschränkten Kalorienzufuhr hervor, darunter niedrigere Körpertemperatur, erhöhte Glucocorticoid-Spiegel, weniger Vermehrungszyklen und reduziertes Tumorwachstum (dieser Effekt fiel fast genauso deutlich aus wie die wohl bekannte Verlängerung der Lebensdauer).

Wir durchsuchten die Literatur nach Einzelheiten über seine molekulare Wirkungsweise. So erfuhren wir, dass 2DG die Funktion eines Schlüsselenzyms blockiert, das an der Aufbereitung von Glucose in der Zelle beteiligt ist. Die Zucker-abart ähnelt strukturell dem Glucose-Molekül, weshalb sie von der Zelle leicht aufgenommen wird. Ein Enzym, das normalerweise Glucose bearbeitet, modifiziert sie zunächst. Das entstandene falsche Zwischenprodukt hemmt aber dann einen Biokatalysator des nächsten Bearbeitungsschritts. Es ist nicht einfach nur unbrauchbar, sondern beeinträchtigt dessen Zugriff auf das korrekte Zwischenprodukt.

Da die Zellen nun weniger Glucose verwerten können, fallen auch weniger Nebenprodukte an – genau wie bei einer dauerhaft kalorienarmen Kost. Einige dieser Nebenprodukte sind so etwas wie Zulieferer für die ATP bildende Maschinerie der Zellkraftwerke, der Mitochon-drien. Mangels Material produziert die Maschinerie weniger ATP. Alles in allem bringt 2DG die Zellen in eine ähnliche Stoffwechsellage wie eine dauerhafte Kalorienreduktion, obwohl dem Körper normale Mengen an Glucose zur Verfügung stehen. Solange die Menge an noch erzeugtem ATP den Mindestbedarf der Zellen deckt, ist diese Drosselung der Maschinerie offenbar vorteilhaft.

Wieso könnte aber die Arbeit auf Sparflamme dazu beitragen, dem Altern entgegenzuwirken? Wir haben zumindest einige Vorstellungen hierüber, aber noch keine Gewissheit, dass sie zutreffen. Eine seit langem existierende Theorie des Alterns dreht sich um "freie Radikale", reaktionsfreudige Moleküle mit einem ungepaarten Elektron. Im Körper entsteht der Löwenanteil freier Radikale, wenn der ATP bildende Apparat in Betrieb ist. Mit der Zeit, so die Annahme, verursachen diese hochreaktiven Moleküle dauerhafte Schäden an Bestandteilen der Zellen, wovon auch die ATP erzeugenden Proteinkomplexe selbst nicht verschont bleiben. Möglicherweise verlangsamen 2DG wie auch Schmalkost die Bildung freier Radikale und damit das Zerstörungswerk in den Zellen, indem sie die Produktion von ATP drosseln.

Selbsterhalt statt Sex

Der Mangel an Glucose-Nebenprodukten dürfte das Altern noch auf eine andere Weise verzögern. Einige dieser Verbindungen fördern die Abgabe von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse, nachdem ein Organismus Nahrung aufgenommen hat. Eine geringe "Dosis" an diesen Nebenprodukten würde vermutlich die Insulin-Menge begrenzen und dadurch unerwünschte Nebenwirkungen des Hormons auf den Körper minimieren. Insulin treibt nämlich nicht nur den ATP bildenden Apparat zur Höchstleistung an, was zu einer explosionsartigen Produktion von freien Radikalen führt, sondern kann auch zu Herzerkrankungen und unerwünschter Zellwucherung beitragen.

Wenn dem ATP bildenden Apparat weniger Material angeliefert wird, so werten die Zellen das außerdem, wie wir ferner vermuten, als ein Signal für Nahrungsknappheit. Sie könnten dann auf einen Selbstschutz-Mechanismus umschalten, indem sie nicht für Erhalt und Reparatur benötigte Aktivitäten – wie etwa die Vermehrung – hemmen. Dies hieße, sie würden die vorhandene Energie weitestgehend in die Sicherung ihrer Unversehrtheit investieren. Damit ließe sich erklären, warum Schmalkost die Produktion von Selbstschutz-Substanzen steigert, welche die Zellen bei starker Hitze und anderm Stress schützen.

Dieses Umschwenken auf einen Selbsterhaltungsmodus – zu Lasten der Vermehrung – würde auf Zellebene etwas widerspiegeln, was bei Organismen in Zeiten von Nahrungsknappheit passieren sollte. Nach einer inzwischen weithin anerkannten Theorie des Alterns, entwickelt von Thomas Kirkwood an der englischen Universität Newcastle, muss jedes Lebewesen mit seiner Energie haushalten und zwischen verschiedenen Prioritäten Kompromisse schließen: so zwischen Selbsterhalt und Fortpflanzung. Bei reichen Ressourcen können sich die Lebewesen beides leisten – sich selbst zu erhalten sowie zu wachsen und sich fortzupflanzen. Selbst bei guter Versorgung soll aber – so Kirkwood – die Fortpflanzung energetisch zu Lasten der Selbsterhaltung gehen, sodass Reparaturmechanismen im Körper zu kurz kommen. Wird hingegen die Nahrung knapp, aktiviere der Körper Prozesse, die Wachstum und Fortpflanzung unterbinden, kümmere sich also in erster Linie um den eigenen Erhalt, was lebensverlängernd wirken könne.

Bei unseren ersten Experimenten mit 2DG verabreichten wir Ratten diese Substanz in geringer Menge sechs Monate lang im Futter. Das Ergebnis: Körpergewicht, Körpertemperatur und der Glucose-Spiegel morgens im nüchternen Zustand sanken mäßig, der Nüchtern-Spiegel des Insulins sogar deutlich – Befunde, die mit der Wirkung einer Kalorienreduktion übereinstimmten. Interessanterweise fraßen die Tiere der 2DG-Gruppe, nach einer anfänglichen Gewöhnungsphase an die neue Kost, kaum weniger als ihre unbehandelten Artgenossen. Wie diese aufregenden vorläufigen Analysen zeigten, ließen sich zumindest einige positive Effekte einer Kalorienreduktion nachahmen, ohne die Nahrungsaufnahme zu vermindern.

Kurz nachdem wir diese Ergebnisse 1998 veröffentlicht hatten, entdeckten andere Forschergruppen nach und nach weitere Wirkungen von 2DG analog einer Kalorienreduktion. Mark Mattson beispielsweise, damals an der Universität von Kentucky in Lexington tätig, hatte schon früher mit seinen Kollegen festgestellt, dass ein Nervengift das Gehirn von Nagern weniger schädigte und auch geringere Verhaltensdefizite verursachte, wenn die Tiere bei karger Kost gehalten wurden. Als die Forscher nun Nagetiere mit 2DG physiologisch kurz hielten, beobachteten sie die gleiche schützende Wirkung auf Nervenzellen.

Tödlicher Haken

Mittlerweile laufen bei uns Langzeitstudien an Nagetieren mit 2DG. Die bisherigen Resultate bestätigen unsere ersten Befunde, dass die Substanz Blutzucker und Körpertemperatur leicht senkt. Uns interessiert natürlich nun insbesondere, ob 2DG seltener Krebs auftreten lässt und ob es die Lebensdauer verlängert, wenn die Tiere es von klein auf, ab der Entwöhnung, in niedrigen Dosen im Futter erhalten. Im Prinzip funktioniert nach den bisherigen Erkenntnissen das Konzept, den Glucose-Stoffwechsel zu hemmen; denn zahlreiche Effekte einer Kalorienreduktion wurden imitiert. Leider hat 2DG jedoch einen Haken, einen tödlichen sogar, und der macht unsere Hoffnung zunichte, schon das gesuchte Wundermittel zu haben. Zwar ist es in bestimmten niedrigen Dosen unbedenklich, kann aber offenbar für einige Tiere toxisch werden, wenn es lange Zeit oder in geringfügig höherer Dosis verabreicht wird. Der schmale Grat zwischen nützlicher und schädlicher Dosierung verbietet den Einsatz von 2DG beim Menschen. Wir hoffen, dass die schmale Sicherheitsspanne kein generelles Merkmal von Kalorienreduktions-Mimetika ist.

Vorausgesetzt unsere Langzeitstudien bestätigen, dass ein Drosseln des Stoffwechsels das Altern verzögert, dann heißt es erst einmal, andere Substanzen zu finden, welche die Nutzeffekte von 2DG entfalten, aber weniger Sicherheitsprobleme aufwerfen. Verschiedene Kandidaten haben sich in ersten Studien als viel versprechend erwiesen. Dazu gehört Jod-acetat, das Mattson mit seinem Team zurzeit am Labor für Neurowissenschaften des Nationalen Altersinstituts untersucht. Bei Tieren scheint dieser Stoff die Hirnzellen vor den Angriffen toxischer Substanzen zu schützen. Medikamente, die Zellen besser auf Insulin ansprechen lassen und eigentlich zur Behandlung der Zuckerkrankheit gedacht sind, könnten ebenfalls nützlich sein – sofern die nötige Dosis den Blutzucker-Spiegel nicht zu tief fallen lässt.

Als Reaktion auf karge Kost können sich freilich auch andere Aspekte des Stoffwechsels verändern, nicht nur der von Glucose. Wenn der Körper der aufgenommenen Nahrung nicht genügend Glucose entziehen kann, wird er versuchen, auf anderen Wegen Energie zu gewinnen. Beispielsweise könnte er Eiweiß und Fett abbauen. Pharmaka, die auf diese Prozesse abzielen, eignen sich daher möglicherweise ebenfalls, entweder allein oder in Kombination mit Substanzen, die in den Glucose-Stoffwechsel eingreifen. Man kennt zwar einige Verbindungen, die bei den alternativen Stoffwechselwegen ansetzen, doch ist ihr Potenzial als Kalorienreduktions-Mimetika bislang noch nicht wissenschaftlich überprüft.

Stoffe, die nur bestimmte Effekte einer Kalorienreduktion imitieren, könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Theoretisch kommen antioxidative Vitamine wie E und C in Frage, doch den bisherigen Studien zufolge wird dieser spezielle Eingriff die Lebensdauer wohl nicht verlängern.

Anders als die Fülle an Elixieren, die als neueste Mittel gegen das Altern gepriesen werden, würden Kalorienreduktions-Mimetika grundlegende Prozesse des Alterns verändern. Unser Ziel ist daher: unbedenkliche Verbindungen zu entwickeln und mit ihnen Zellen zu verleiten, Bewahrungs- und Reparaturmechanismen zu aktivieren. Wir würden Menschen zu besserer Gesundheit und zu längerem Leben verhelfen – ohne Kasteien. Die Aufgabe ist schwierig, aber offenbar nicht länger unmöglich.

Literaturhinweise


Länger leben bei karger Kost. Von R. Weindruch in: Spektrum der Wissenschaft, März 1996, S. 74.

Caloric Restriction in Primates and Relevance to Humans. Von George S. Roth et al. in: Annals of the New York Academy of Sciences, Bd. 928, S. 305, 2001.

2-Deoxy-D-Glucose Feeding in Rats Mimics Physiological Effects of Caloric Restriction. Von Mark A. Lane et al. in: Journal of Anti-Aging Medicine, Bd. 1, Nr. 4, S. 327, 1998.


Wie verfälschter Zucker karge Kost imitiert


Der bestuntersuchte Kandidat für ein Mittel, das die Effekte einer dauernden energiearmen Ernährung nachahmt, ist ein Zuckerabkömmling namens 2-Desoxy-D-Glucose, kurz 2DG. Er greift in den Glucose-Stoffwechsel der Zelle ein. Beim Menschen kann er allerdings nicht angewendet werden, da er bei Tieren ab einer bestimmten Dosierung giftig wirkt. Die Versuche mit ihm haben jedoch bewiesen, dass chemische Verbindungen die Nutzeffekte einer Kalorienreduktion imitieren können. Die Kunst besteht nun darin, die für den Menschen richtige zu finden.

Zellen nutzen Glucose – Traubenzucker – aus der Nahrung zur Produktion von Adenosintriphosphat, ATP, das dann als eine Art universeller und dabei direkter Energiespender für zahlreiche Aktivitäten dient. Aufgenommene Glucose (blaues Sechseck, obere Reihe) wird schrittweise durch Enzyme modifiziert und abgebaut, zunächst im Zellplasma, dann in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen. Dabei entstehen wichtige Nebenprodukte, die den ATP bildenden Apparat mit Elektronen (e-) versorgen. Der Übergang der Elektronen von einer Komponente des Apparates zur anderen und im letzten Schritt auf ein Sauerstoff-Molekül treibt Protonen (H+) durch einen als ATP-Synthetase bezeichneten Komplex. Er erzeugt, quasi im Turbobetrieb, ATP.

Bei karger, aufs Nötigste beschränkter Kost steht den Zellen weniger Glucose – sprich Brennstoff – zur Verfügung, und somit wird weniger ATP gebildet (mittlere Reihe). Wenn dagegen normal fressende Tiere 2DG erhalten, dann steht den Zellen Glucose zwar in der gewohnten Fülle zur Verfügung (untere Reihe). 2DG behindert jedoch ein Schlüsselenzym. Ein Großteil der Glucose kann nicht zum Abbau vorbereitet werden, was letztlich die ATP-Produktion drosselt.

Wie aber könnte die Drosselung von Glucose-Stoffwechsel und ATP-Synthese das Altern verzögern? Eine mögliche Erklärung sehen Wissenschaftler im verminderten "Ausstoß" freier Radikale, beim Betrieb des ATP bildenden Apparats. Diese reaktionsfreudigen Verbindungen sollen, indem sie Zellen schädigen, zum Altern beitragen, auch zu solchen altersbedingten Krankheiten wie Krebs. Eine andere Hypothese geht davon aus, dass die reduzierte Bearbeitung aufgenommener Glucose den Zellen möglicherweise Nahrungsknappheit signalisiert (selbst wenn keine besteht). Die Zellen würden dann auf einen Modus umschwenken, bei dem der Erhalt des Körpers Vorrang vor derartigem "Luxus" wie Wachstum und Fortpflanzung gewönne. Dies könnte das Altern verzögern.


Schmalhans sein lohnt


Nagetiere und Affen, die streng kalorienarm, aber ausgewogen ernährt werden, unterscheiden sich von ihren normal gehaltenen Artgenossen in vielerlei Hinsicht. Wie die sie beide betreffenden Veränderungen (A bis C) das Altern beeinflussen, bleibt zwar noch zu klären. Doch die engen Übereinstimmungen zwischen beiden Tiergruppen lassen hoffen, dass die gesundheitsfördernden und alterungsverzögernden Effekte, die bei Nagetieren schon lange belegt sind (D), für Säugetiere einschließlich des Menschen allgemein gelten. In diesem Fall sollten Verbindungen, welche die Effekte einer Kalorienreduktion nachahmen, auch Menschen zu einem gesünderen und längeren Leben verhelfen. Die mit dem Pillensymbol versehenen Effekte sind durch Einsatz von 2DG bei Ratten belegt.

Indikatoren für Veränderungen beim Wachstum, bei der Entwicklung oder im Stoffwechsel
– niedrigere Körpertemperatur
- spätere Geschlechtsreife
- späteres Ausreifen des Skeletts

Indikatoren für eine bessere Gesundheit
- geringeres Körpergewicht
- weniger Bauchfett

Indikatoren für ein vermindertes Risiko, an altersbedingten Leiden wie Diabetes und Herzproblemen zu erkranken
- besseres Ansprechen auf Insulin
- niedrigerer Insulin-Spiegel (nüchtern)
– niedrigerer Glucose-Spiegel (nüchtern)
- niedrigerer Cholesterin- und Triglycerid-Spiegel
- niedrigerer Spiegel des insulinähnlichen Wachstumsfaktors 1
- höhere Spiegel an HDL (»gutem« Cholesterin)
- langsamerer Rückgang beim Hormon DHEA

Effekte, die bei Nagetieren belegt sind, an Affen aber derzeit noch untersucht werden- späteres Auftreten von Alterskrankheiten (einschließlich Krebs)
- häufigerer »Selbstmord« der Zellen (was zum Eindämmen von Tumorwachstum beitragen könnte)
- höhere durchschnittliche Lebensdauer
- höhere maximale Lebensspanne (ein deutliches Zeichen verlangsamten Alterns)

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2003, Seite 58
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 2003

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