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Der überlistete Odysseus.

Über das zerrüttete Verhältnis von Menschen und Maschinen.
edition sigma, Berlin 1997. 356 Seiten, DM 44,–.

Der Text, den Sie gerade zu lesen im Begriff sind, wurde mit Hilfe einer aktuellen Textverarbeitungssoftware erstellt, die mich, den Anwender, mit einer unüberschaubaren Fülle von Funktionen (1653 Themen im Hilfeindex) und Manipulationsmöglichkeiten konfrontiert. Der Hersteller des Schreibprogramms liefert darum sogenannte Assistenten mit, kleine Programme, die dem Anwender selbständig intelligente Hilfestellungen im Umgang mit der einschüchternden Schreibapparatur bieten sollen.

Im Laufe meiner Tipparbeit verstricke ich mich mehrmals in den verschachtelten Menüs und den fast unbedienbar vielgestaltigen Manipulationsmöglichkeiten über Maus und Tastatur. Was war hier noch mal die Anweisung für Suchen-und-Ersetzen? Schmalbrüstige, spartanisch ausgestattete Editoren aus der Frühzeit der PC-Evolution, die ich vor 10 Jahren zu meistern gelernt habe („Ctrl-Q-A“), haben derartige Aufgaben effizienter erfüllt. Schon wieder hüpft mein zauberhaft animierter Computergehilfe im Dreieck. Eine pfiffig ausgedachte Formulierung verschwindet über dem Bemühen, ihn zur Ruhe zu bringen, im gedanklichen Nichts.

Diese Begebenheit für sich genommen wäre noch nicht sonderlich beunruhigend. Peter Brödner, Arbeitsgruppenleiter der Abteilung Produktionssysteme am Institut für Arbeit und Technik (IAT) des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen, bettet aber derartige kleine Probleme in den aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Kontext ein und zeigt deren immense Bedeutung im Großen.

Besonders ins Auge springt das sogenannte „Produktivitätsparadox“ der Informationstechnologie: Die Produktivität im dienstleistenden und im produzierenden Sektor bleibt in erschreckendem Ausmaß hinter den explodierenden Investitionen in Rechnerleistung zurück. Technik, so scheint es, ist nicht die Lösung, sondern ein Teil dieses Problems. Brödner verweist denn auch bald auf die historische Wurzel dieser paradoxen Situation: „Der überlistete Odysseus“ steht für den ersten Techniker der Geschichte (das altgriechische techne bedeutet Geschick, Schlauheit und Kunstfertigkeit), den seine Epigonen mittels eben dieser Technik heute wegrationalisiert haben.

Frederick Winslow Taylor (1856 bis 1915) gilt als der Begründer des „scientific management“, das die Trennung von Planung und Ausführung im industriellen Betrieb propagiert. Ziel des Taylorismus ist die Extraktion von objektivem Wissen über den Produktionsprozeß und dessen Zerlegung in detaillierte Planvorschriften für die Ausführung simpler Teilarbeitsschritte. Die zunächst erfolgreiche Methode zerschneidet aber den Funktionskreis des Handelns, der menschlicher Arbeit ursprünglich zu eigen ist. Warum ist dieser Eingriff so fatal?

Der genannte Funktionskreis, eine rekursive Beziehung zwischen Umwelt und Innenwelt des Subjekts, ist die Grund-voraussetzung für die selbstorganisierte Entstehung von Gedanken, Wissen, Bedeutung, Sprache und letztendlich auch technischen Artefakten. Die sogenann-ten autopoietisch selbstorganisierenden Systeme, zu denen auch der menschliche Organismus zählt, sind einerseits offen für Energie- und Informationsaustausch mit der Umwelt, andererseits operational geschlossen: Ihre inneren – hier: mentalen – Zustände gehen auch ohne Einwirkungen von außen fortlaufend auseinander hervor. Ein Mensch entwickelt sein Wissen und Können eben nicht nur durch reine innere Spiegelung einmal aufgenommener Reize aus der Außenwelt. Mehr noch: Er verlagert einen wesentlichen Teil der rekursiven Generierung von neuer Information mittels Sprache und Kommunikation nach außen. Von gleicher Art ist die Beziehung zwischen unserer Kunstfertigkeit und den Artefakten. Bei ihrer Verfertigung machen wir neue Erfahrungen, was uns in der Regel zur Weiterentwicklung der Artefakte befähigt: eine sich nach oben windende Entwicklungsspirale, in der aus dem Nichts Bedeutung zu entstehen scheint.

Im Laufe der Lektüre wird der Leser durch praktisch alle Wissenschaftszweige geführt, die Belege für die immense Wichtigkeit von rekursiver Selbstorganisation liefern. Das fängt an mit den Irrtümern einer rationalistischen Tradition, die versucht, eigentlich zyklische Beziehungen zu linearisieren. Der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Arbeiten von Kurt Gödel (1906 bis 1978) und Alan Turing (1912 bis 1954) widerlegte Glaube der Mathematiker, es könne ein in sich schlüssiges, abgeschlossenes formales System geben, liefert hierfür das offenkundigste Beispiel. Es reihen sich Aspekte aus Neurophysiologie des Gehirns, Kognitionswissenschaft, Informationstheorie, Physik und Kultur aneinander. Dabei tauchen immer wieder die essentiellen, konstruktiven zyklischen Beziehungen der Autopoiese auf.

Brödner führt den Leser auf langem, aber logischem Weg zu den Schlußfolgerungen für unseren Umgang mit und den Entwurf von technischen Systemen. So ist eine der zentralen Forderungen an Computer-Benutzerschnittstellen eine offene Konstruktion, die zum explorativen Umgang mit der Maschine und den Programmen ermuntert und dadurch den Benutzer aus der einseitigen Rolle des Dateneinspeisers in die des spielerisch kreativen Erkunders und Entwicklers befördert. Umgekehrt wird gezeigt, wie ein schlecht konstruiertes System die Kreativität von Experten auf Anfängerniveau verkrüppelt, indem es versucht, das menschliche Wissen in Regeln einzufrieren, und den Bediener in die passive Rolle des Nachbesserers zwingt.

Erstaunlich ist die Knappheit im anwendungsbezogenen Schlußteil, in dem Brödner die praktischen Konsequenzen für das Softwaredesign darstellt. Er bezieht sich auf ein am IAT implementiertes Modellsystem, das die wichtigsten seiner Forderungen zu erfüllen versucht. Inwieweit das im praktischen Einsatz gelingt, bleibt offen.

Bei dem riesigen Bogen der Argumentation verliert man anfänglich leicht das anvisierte Lernziel aus den Augen. Erst ab der Hälfte der Lektüre wird klar, daß es hier um das allgemeine Prinzip rekursiver Selbstorganisation geht. Douglas Hofstadter hat vor 17 Jahren in „Gödel, Escher, Bach: Ein endloses, geflochtenes Band“ über dasselbe Prinzip geschrieben, allerdings im besten Geschichtenerzählerstil. Was damals so leicht daherkam, handelt Brödner in ernster, akademischer Tiefe und Breite ab. Das macht das Buch zu einem fast perfekten interdisziplinären Nachschlagewerk.

Selbstverständlich lassen sich solche Gebiete wie künstliche neuronale Netzwerke nicht als Randthema auf neun Seiten abhandeln – für den nicht vorgebildeten Leser gibt das bestenfalls Hinweise zum Weiterlesen. Dennoch sind die knappen textlichen und illustrativen Erläuterungen exakt und hilfreich. Positiv ist auch zu vermerken, daß die Kapitel konsequent auf das große Thema hin ausgerichtet sind und jeweils ein Resümee aufweisen.

Peter Brödner liefert die Analyse, warum die Niederschrift meiner Gedanken zu seinem Buch mich doch erheblich mehr Zeit und Anstrengung als nötig gekostet hat. Er warnt vor dem auch in wirtschaftlichen Entscheidungsgremien noch verbreiteten Irrglauben, ein schlichtes Mehr an Informationstechnik und Einsparung von menschlichem Know-how steigere automatisch die Produktivität. Er macht klar, warum dem so nicht sein kann – und was zu tun ist, damit der Mensch von einem Bediener seiner Maschinen wieder zu einem kreativen Anwender mächtiger Werkzeuge wird.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1999, Seite 153
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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