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Der Untergang von Behura

Auf der Suche nach Spuren einstiger Erdbeben in Armenien entdeckten Geowissenschaftler die verschollene bronzezeitliche Stadt Behura, von deren Eroberung während eines Erdbebens der urartäische König Argischti I. in einer Inschrift berichtet.


Der deutsche Altertumskundler Friedrich Eduard Schulz reiste 1827 ins türkische Bergland südöstlich des Schwarzen Meeres. Im Auftrag der Asiatischen Gesellschaft Frankreichs sollte er Keilschrift-Texte untersuchen, die unterhalb einer Ruinenstätte am Van-See in den Fels gemeißelt waren. Mit seinen Studien kam Schulz aber nicht sehr weit – schon ein Jahr später wurde er unter mysteriösen Umständen ermordet.

Das war der tragische Beginn der Erforschung einer bronzezeitlichen Kultur, die sich lange gegen Assyrien und andere militante Nachbarn behauptet hatte – auch noch nach dem Verlust ihrer politischen Macht. Vor allem ihre Metallhandwerker waren berühmt; deren Erzeugnisse – insbesondere Waffen, Skulpturen, Möbelbeschläge und große Kessel auf dreifüßigen Ständern – wurden nach Süden hin bis Mesopotamien und im Westen bis Griechenland und sogar bis ins etruskische Italien gehandelt. Örtliche Relikte, die bei Raub- und Forschungsgrabungen zu Tage kamen, gehören mittlerweile zu den bedeutenden Exponaten von Museen in London, Berlin und Sankt Petersburg.

Die Hochebene am Van-See wird in der Bibel mehrfach als das Land Ararat erwähnt; auf dem 5185 Meter hohen erloschenen Vulkan gleichen Namens war dem 1. Buch Mose zufolge Noahs Arche nach der Sintflut gelandet. Dort ansässige Stämme hatten sich kurz vor Mitte des 9. Jahrhunderts vor Christus zu einem Reich zusammengeschlossen, das sie selbst Biainili, die Assyrer hingegen Urartu nannten.

Der um 840 gekrönte Sarduri I. wurde der Stammvater einer zweieinhalb Jahrhunderte herrschenden Dynastie. Am Südostufer des Sees gründete er die Hauptstadt Tuschpa, das heutige Van, und ließ sich am Burgfelsen noch in assyrischer Sprache als "großen König, gewaltigen König und König des Universums" verewigen. Seine Nachfolger adaptierten die assyrische Keilschrift für das Idiom ihres Volkes, das – wie man inzwischen weiß – weder semitisch noch indogermanisch war, sondern sich von dem damals schon ausgestorbenen Hurritisch ableitete.

Eine solche Inschrift zum Lobpreis von Sarduris Urenkel Argischti I. (Regierungszeit 780 bis 756 vor Christus) und dessen Sohn Sarduri II. (Regierungszeit bis 735 vor Christus) war bislang stellenweise kryptisch geblieben. Ein Wissenschaftszweig, den damit eigentlich gar nichts verbindet, hat jetzt zur Aufklärung dieser Passagen beigetragen und dadurch wiederum selbst eine wichtige Erkenntnis gewonnen: die Paläoseismologie.

Die Inschrift beschreibt einen Feldzug Argischtis I. und seines Sohnes. Dabei erwähnt sie die dramatischen Begleiterscheinungen der Eroberung der bislang unbekannten Stadt Behura. Auf der Suche nach Spuren früherer Erdbeben stießen Paläoseismologen zufällig auf diesen Ort und konnten die Ereignisse während seiner Eroberung als schwere seismische Erschütterung deuten. Der Keilschriftbericht lieferte ihnen damit zugleich das Datum des Ereignisses. Zu diesem Erfolg haben Fachleute beigetragen, die normalerweise nicht zusammenarbeiten: außer Seismologen, Geologen, Geomorphologen und Bodenkundlern auch Archäologen, Prähistoriker und Historiker sowie Sachverständige der altorientalischen Schriftsysteme.

Gefährlicher Schnittpunkt sich reibender Krustenplatten


In der östlichen Türkei und dem angrenzenden Armenien stoßen gleich mehrere Platten der Erdkruste zusammen, die sich langsam, aber unablässig gegeneinander bewegen. In einer solchen mobilen Zone ist stets mit mehr oder minder verheerenden tektonischen Erdbeben zu rechnen, bei denen sich lokale Spannungen im Untergrund ruckartig entladen – und sich alsbald wieder aufbauen. Überdies können sich langfristig neue Verwerfungslinien bilden.

Traurige Berühmtheit erlangte das Erdbeben von Spitak am 7. Dezember 1988. Mit einer Magnitude von 7,5 war es das verheerendste, das die Gegenden südlich des Kaukasus seit Jahrhunderten heimgesucht hatte: Es forderte 25000 Menschenleben und machte Spitak praktisch dem Erdboden gleich.

Aber auch früher gab es vergleichbare Katastrophen. Nach einer der vielen Teilungen des Landes war im 4. Jahrhundert Dvin die Hauptstadt der Persarmenien genannten östlichen Hälfte geworden, musste jedoch aufgegeben werden, nachdem Beben den Ort mehrmals verwüstet hatten.

Im 10. Jahrhundert, als in Armenien die Künste florierten, machte König Aschot III., genannt der Gnadenreiche, das heute auf türkischem Gebiet liegende Ani zur Hauptstadt und zu einem Juwel mittelalterlicher Architektur; die Befestigungen waren so gut gebaut, dass der byzantinische Kaiser Konstantin IX. Monomachus die Stadt im Jahre 1045 monatelang vergebens belagerte – sie fiel erst, als heftige Erschütterungen die Mauern zerstörten. Außerdem mussten zahlreiche Kirchen in Armenien mehrfach wieder aufgebaut oder zumindest restauriert werden. Die Chronik solcher Schäden trug viel zum Verständnis der seismischen Aktivität in historischer Vergangenheit bei.

Das verhängnisvolle Beben von Spitak regte französische und armenische Wissenschaftler zu eingehenden Untersuchungen an. Daraus entwickelte sich ein Gemeinschaftsprogramm für Seismotektonik, das vom Nationalen Forschungszentrum und vom Außenministerium Frankreichs gefördert wird. Es hat durchaus praktische Bedeutung: Armenien erlebt einen wirtschaftlichen Aufschwung, und vielerorts ist zu entscheiden, ob Industrieanlagen und Infrastrukturen überhaupt gebaut werden dürfen oder für welches Bebenrisiko sie ausgelegt werden müssen.

Dieses Risiko war bisher kaum abzuschätzen. Seismische Messnetze gibt es erst seit einigen Jahrzehnten, und historische Berichte über Beben liegen in Armenien – wie in den meisten Ländern – nur sporadisch vor. Die Ruhephase zwischen zwei verheerenden seismischen Erschütterungen kann mehrere Jahrhunderte betragen. Für verlässliche Aussagen über die Bebenhäufigkeit braucht man deshalb Daten aus mehreren Jahrtausenden. Sie zu sammeln hat sich die Paläoseismologie zur Aufgabe gemacht, indem sie typische Spuren von schweren Erdbeben in tiefer Vergangenheit aufzuspüren und zu datieren sucht.

Topographische Anzeichen starker seismischer Aktivität sind beispielsweise Versetzungen von Fluss- und Bachbetten oder Verzerrungen im Schichtmuster anstehenden Gesteins. Zudem treten mitunter indirekte Effekte wie Steinschläge, Erdrutsche oder Stalaktitenstürze in Tropfsteinhöhlen auf.

Meist sind alte Störungen allerdings unter später angeschwemmtem und angewehtem Erdreich verborgen. Selbst mehrere Meter hohe Geländestufen, wie sie gelegentlich durch vertikale Bewegungen von Plattenrändern entstehen, erodieren mit der Zeit und werden mancherorts völlig eingeebnet: Noch während des Bebens können Geröll und Erdschollen von dem Hang losbrechen; je nach Klima rutscht und rieselt dann mehr oder minder rasch weiteres Material nach. Was bleibt, ist eine keilförmige Ansammlung grober und feiner Sedimente am Fuß der ehemaligen Böschung – das dauerhafte Relikt eines plötzlichen Geschehens (Grafik auf Seite 27). Hebt sich der eine Plattenrand erneut über den anderen empor, bildet sich ein zweiter Sedimentkeil über dem ersten. Aus dem Volumen dieser Ablagerungen lässt sich die ursprüngliche Hanghöhe ermitteln und damit auf die Stärke des jeweiligen Erdbebens rückschließen.

Um überdeckte oder nivellierte Bebenspuren ausfindig zu machen, legen die Paläoseismologen quer zu der Verwerfung oder in unmittelbarer Nähe der Bruchzone Suchgräben an. In einer Zeichnung der Grabenwand werden penibel Art und Abfolge der durchschnittenen Schichten erfasst. Anhand ihrer Beschaffenheit und Anordnung muss der Ausschnitt interpretiert, also die seismische Aktivität bestimmt werden. Schließlich gilt es, das so dokumentierte Ereignis zeitlich einzuordnen.

Enthält eine durch ein Beben charakteristisch veränderte Schicht Humus und somit organische Substanz, ist die Radiokohlenstoffmethode anwendbar, die Datierungen bis zu 40000 Jahren in die Vergangenheit ermöglicht. Andere Verfahren eigenen sich auch für anorganisches sowie älteres Material, ergeben in der Regel aber nur recht ungenaue Werte. Durchschneidet die Verwerfung ein ehemals bewohntes Areal, können Artefakte wie praktisch unvergängliche Keramikscherben, die sich einer bestimmten Kulturphase zuordnen lassen, weitere, oft sehr aufschlussreiche Hinweise geben.

Wir beschäftigten uns in den letzten drei Jahren vornehmlich mit einer der größten Verwerfungen Armeniens, nach markanten Punkten Pambak-Sewan-Sunik genannt. Sie erstreckt sich ungefähr parallel zum Kleinen Kaukasus über mehr als 400 Kilometer von der Gegend um Spitak im Nordwesten über den Sewan-See bis in den Iran im Südosten (Karte links unten). In historischer Zeit traten an ihr keine starken Beben (mit einer Magnitude über 7) auf, doch deuten alle Anzeichen darauf hin, dass diese Zone noch nach Ende der letzten Eiszeit – also vor weniger als 10000 Jahren – aktiv war. Kann man erwarten, dass eine so lange Ruhe weiterhin anhält? Oder ist nicht eher zu befürchten, dass sich mittlerweile in der Tiefe immense Spannungen aufgebaut haben und ein entsprechend starkes Beben bevorsteht?

Mittels Satellitenbildern und Luftaufnahmen sowie anhand geomorphologischer und geologischer Untersuchungen des Terrains prüften wir zunächst, wo günstige Bedingungen für die paläoseismologische Analyse zu vermuten waren. An einer solchen Stelle bei der Ortschaft Khonarasar südöstlich des Sewan-Sees stießen wir zu unserer Überraschung auch auf antike Siedlungsspuren.

Wie sich bald herausstellte, lag hier ehemals eine ganze Stadt mit Wohnhäusern, Befestigungen und einem großen Gräberfeld. Während der Erkundung kam uns die Bedeutung dieser Entdeckung immer mehr zu Bewusstsein: Wir hatten ein Pompeji der Bronzezeit gefunden. Die Stadt war trotz ihrer Ausdehnung von etwa einem Quadratkilometer und der guten Erhaltung der Bauwerksreste den Archäologen noch nicht bekannt. Der Keramik nach muss sie bis ins erste vorchristliche Jahrtausend bewohnt gewesen sein.

Eine bislang kryptische Inschrift enthüllt die Katastrophe


Als wir der Verwerfung in diesem Areal folgten, entdeckten wir quer dazu eine aus großen Steinen gefügte Mauer, die geborsten und deren einer Teil gegen den anderen um fast zwei Meter versetzt worden war. Wann hatten sich die Schollenränder dermaßen bewegt – vor 500, 1000, 2000 oder mehr Jahren? Bei der Suche nach der Antwort kamen uns die altertumskundigen Kollegen zu Hilfe.

Der längste der urartäischen Keilschrift-Texte von Tuschpa, den Schulz 1828 kurz vor seinem gewaltsamen Tode erstmals beschrieben hatte, umfasst acht Spalten, von denen sieben noch gut zu entziffern sind. Die zwischen 742 und 739 vor Christus gravierte Inschrift rühmt König Argischti I. als Gründer der Festung Jerewan, also der heutigen armenischen Hauptstadt, und berichtet, er habe zwischen 782 und 773 einen Feldzug an die nördliche Grenze seines Reiches in die Gegend des Sewan-Sees unternommen. Dabei habe er auch die Stadt Behura am Fuße der Bamni-Berge belagert, bei denen es sich um das Vardenis-Vulkanmassiv handeln muss.

Was dem Keilschrift-Text zufolge dann geschah, macht mehr als wahrscheinlich, dass Behura und die vergessene Stadt, deren Ruinen wir entdeckt hatten, identisch sind. Darin heißt es nämlich: "Durch die Macht Chaldis sagte Argischti I. Folgendes: Als ich die Stadt Behura erneut umzingelte, waren die Bamni-Berge zerstört, Rauch bedeckte die Stadt und verhüllte das Antlitz der Sonne. In dem Moment, als die Bamni-Berge zerstört wurden, nahm ich die Stadt ein." Und in einer weiteren Passage spricht Sarduri II, der Sohn Argischtis: "Das Volk [von Behura] fürchtete meine Waffen und floh in die Berge von Uschkiani und Bamni. Ich umzingelte einen Teil von ihnen und tötete sie. Die anderen, die geflohen waren, wurden von Teischeba verbrannt." (Chaldi war im urartäischen Pantheon der Hauptgott, der des Himmels und Krieges; Teischeba, der Zerstörer und Erdgott, nahm den zweiten Rang ein.)

Beide Textstellen erwähnen eindeutig eine Naturkatastrophe: einen Vulkanausbruch, dessen Eruptionswolke ("Rauch") über der Stadt hing und mit dem wahrscheinlich ein Erdbeben einherging, das den Eindringlingen das Erstürmen der Festung erleichterte. Diese Interpretation wird durch einen unabhängigen Befund gestützt: Weniger als 15 Kilometer von der Ruinenstätte entfernt, die wir mit Behura identifizieren, war der Vulkan Porak offenbar bis in historische Zeit tätig; denn an seinem Fuße findet sich in der südöstlichen Verlängerung der Verwerfung bei Khonarasar so frisches Lavagestein, dass es bisher kaum von Vegetation überwachsen ist. In dieser Gegend wie auch anderwärts in Armenien steht die vulkanische Aktivität in enger Verbindung mit der Plattentektonik; bei Bewegungen von Erdkrustenschollen können durchaus Vulkankegel abgesprengt und Lavaströme verlagert werden.

Schließlich blieb noch zu prüfen, ob die historischen Schlussfolgerungen zu den geologischen Forschungsergebnissen passten, die an der Verwerfung selbst gewonnen wurden. Tatsächlich stießen wir dort in einem Profilschnitt auf eine alte Bodenschicht mit Keramikfragmenten aus dem ersten vorchristlichen Jahrtausend, die mit denen am Fuße der megalithischen Mauer übereinstimmten. Auch dieser Boden war offensichtlich verlagert worden. Jüngere Sedimente hatten die gestörte Schicht ebenso wie diejenige an der gespaltenen und versetzten Mauer versiegelt. Da diese Ablagerungen keinerlei Spuren eines Erdbebens aufweisen, müssen die dicht unter der heutigen Erdoberfläche erkennbaren Störungen von dem letzten seismischen Ereignis in der Region herrühren – und das ist anhand des Berichts über die Einnahme von Behura durch König Argischti I. auf die Jahre zwischen 783 und 773 vor Christus zu datieren.

Erstaunlicherweise gibt es über Naturkatastrophen in der frühen historischen Phase der menschlichen Zivilisation im Allgemeinen nur wenig Informationen. Neue Erkenntnisse dazu beruhen großenteils auf modernen naturwissenschaftlichen Methoden wie der Fernerkundung und zuverlässigen Datierungsverfahren; oft aber sind sie auch die Frucht interdisziplinärer Zusammenarbeit. Dafür ist unsere Kampagne in Armenien sicherlich beispielhaft. Außergewöhnlich war dort aber, dass sich die Kooperation nicht nur, wie sonst üblich, auf Vertreter anderer naturwissenschaftlicher Fächer erstreckte, sondern auch Geisteswissenschaftler einbezog. Für uns Geologen hatte diese Begegnung etwas Ergreifendes: Es kommt nicht häufig vor, dass uns stumme Zeugnisse von Menschen, deren Namen kaum jemand mehr kennt, über ein bedeutendes erdgeschichtliches Ereignis berichten.

Literaturhinweise

Paläoseismologie, Eurocode 8 und Schwingungsisolierung (DGEB-Workshop, Karlsruhe 1997). Von Stavros A. Savidis (Hg.). Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft für Erdbebeningenieurwesen und Baudynamik, 1998.

James McCalpin. Paleoseismology. Academic Press, 1998.

The Geology of Earthquakes. Von R. S. Yeats, K. Sieh und C. R. Allen. Oxford University Press, 1997.

Irrregular Recurrence of Large Earthquakes: An Analysis of Historic and Paleoseismic Catalogs. Von Saskia Goes in: Journal of Geophysical Research, Bd. 101, S. 5739–5749 (1996).


Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2000, Seite 24
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 2000

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 2000

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