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Maya-Archäologie: Der Untergang von Xkipché

Abrupt endete die Hochkultur der Maya im Tiefland Yukatans. Krieg oder Klimawandel? Noch heute rätseln Archäologen, warum blühende Städte plötzlich verfielen.


Sechs Uhr in der Frühe. Wir klammern uns müde an die Sitze auf dem alten Pritschenwagen. Schon jetzt zeigt das Quecksilber 25 Grad an, es verspricht wieder ein heißer Tag zu werden – typisch für den April in Mexiko. Gemeinsam mit unseren Kollegen von der Universität Bonn und Archäologen des "Instituto Nacional de Antropología e Historia Yucatán" sowie fast dreißig Arbeitern schaukeln wir auf Wegen, die diesen Namen kaum verdienen. Unser Ziel: die Ruinen von Xkipché, einer wenig bekannten Maya-Siedlung im Nordwesten der Halbinsel Yukatan.

Eine Stunde später haben wir unseren Arbeitsplatz im Buschwald erreicht. Während zehn Kilometer nördlich Bildungsreisende die Ruinen von Uxmal bewundern und noch einmal hundert Kilometer weiter im Norden Touristen an weißen Stränden ins Meer springen, schleppt unser kleiner Trupp Hacken und Schaufeln in die Savanne. Wir passieren eine sechs Meter hohe Plattform aus Erde und Steinen, darauf stehen die Überreste eines monumentalen zweistöckigen Gebäudes der Maya.

Der deutsche Archäologe Teobert Maler (1842-1917) hatte diesen Palast schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts fotografiert, Jahre nachdem er mit dem erfolglosen Expeditionsheer des mexikanischen Kaisers Maximilian in Veracruz an Land gegangen war . Doch seine Beschreibungen, Zeichnungen und Fotografien gerieten in Vergessenheit, bis der Archäologe Hanns J. Prem sich des umfangreichen Nachlasses von Maler im Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin annahm. Der Leiter des Instituts für Altamerikanistik und Ethnologie der Universität Bonn bereitete das Material auf, 1997 wurde es zum ersten Mal veröffentlicht. Einige der abgebildeten Stätten versuchte Prem wieder zu finden. So entdeckte er 1989 gemeinsam mit dem amerikanischen Archäologen George F. Andrews von der Universität Oregon erneut die Ruinenstadt von Xkipché, die südlich von Uxmal liegt. Seit 1991 forscht sein Team dort nach Hinweisen auf eines der großen Rätsel der Archäologie Altamerikas: den Untergang der Maya-Städte im nördlichen Tiefland der Halbinsel Yukatan.

Mittlerweile gehört diese Halbinsel zu Mexiko, Guatemala und Belize. Dort sowie in angrenzenden Bereichen des heutigen Honduras existierten zwischen 500 v. Chr. und der Eroberung durch die Spanier im 16. Jahrhundert die Stadtstaaten und Stadtbünde der Maya. Was davon übrig geblieben ist, dient jetzt als Touristenattraktion. Zu den Pyramiden von Chichen Itza pilgern alljährlich mehr als eine Million Reisende aus aller Herren Länder.

Ihre Anfänge nahm die Kultur der Maya spätestens um 1500 v. Chr. im Süden und Südwesten der Halbinsel. In der als klassisch bezeichneten Periode von 300 bis 900 n.Chr. entwickelten sich viele kleine Dörfer zu mächtigen Stadtstaaten, von Gottkönigen regiert. Spätestens um 850 bis 900 n.Chr. aber muss etwas Schreckliches geschehen sein, denn die meisten Metropolen und Siedlungen im Tiefland wurden in kurzer Zeit weitgehend verlassen und verfielen.

Warum endete diese Periode der steten Entwicklung so abrupt? Haben Kriege, Epidemien, Natur- oder Umweltkatastrophen die Menschen vertrieben? Neue Fakten ans Licht zu bringen ist das Ziel des "Archäologischen Projekts Xkipché". Denn die Puuc-Region, ein subtropisches und tropisches Tiefland-Gebiet von der Größe des Saarlandes, lässt sich ohne Übertreibung mit Mesopotamien oder dem Alten Ägypten vergleichen.

Auch dort entwickelten sich in nur wenigen hundert Jahren große Städte. In der klassischen Zeit existierten im Puuc-Gebiet 250 kleinere und größere Siedlungen, darunter auch so bekannte Städte wie Uxmal, Sayil und Kabah.

Die Baumeister der Region entwickelten sogar einen eigenständigen Architekturstil: Hatten ihre Gebäude um etwa 450 n. Chr. noch Wände aus grob bearbeiteten Steinquadern, ersannen sie im Laufe von 200 Jahren eine völlig andere Konstruktionstechnik und verblendeten einen Kern aus Mörteln und groben Bruchsteinen mit fein bearbeiteten Steinen. Die Decken bauten sie in der frühen Zeit als Kraggewölbe, also durch Aufeinandersetzen immer weiter nach innen vorstehender Quader. Ihre tragende Funktion übernahm später ein solider Kern aus einer Art Zement, vermischt mit Bruchsteinen. Mittels Zapfen und Mörtel verankerten die Maurer Blendsteine als Verkleidung in der Gewölbekonstruktion. Auch für das Auge wurde etwas getan: Waren die Fassaden zunächst schmucklos und lediglich durch einfache Gesimsbänder zweigeteilt, zierten später Säulen den oberen Fassadenteil. Eine außen weiße und innen wohl weiße bis orangefarbige Putzschicht verschönte die Gebäude zu allen Zeiten.

Die bauliche Entwicklung dürfte einem schlichten Zweck gedient haben: Sie reduzierte den nötigen Aufwand für die Bearbeitung der vermauerten Steine. Während anderswo der Massivbau weiter vorherrschte und somit nur lokale Eliten in den Genuss der aufwendigen Steinbauten kamen, konnten sich in der Puuc-Region auch weniger wohlhabende Bevölkerungsschichten ein Steingebäude leisten. Vermutlich reagierten die Maya mit dieser neuen Technik auf ein Anwachsen der Bevölkerung in der Zeit von 750 bis spätestens 1000 n. Chr. Etwa achtzig Prozent aller Gebäude der Region entstanden in diesen Jahrhunderten.

An den Bauten wie auch an den importierten Waren lässt sich ablesen, dass die Region zu jener Zeit aufblühte. Offensichtlich gelangten Obsidian, ein vulkanisches Glas, und Jade aus dem Hochland Guatemalas in die Städte. Aus den Küstenregionen brachten Händler Meeresmuscheln und Feuerstein (fachlich Silex) – da Metall unbekannt war, fertigten die Handwerker des Puuc-Gebietes daraus Werkzeuge und Waffen.

Unterirdische Zisternen für die Trockenzeit

Doch warum erschien dieses Gebiet den Maya überhaupt so attraktiv? Wie erklärt sich die hohe Bevölkerungsdichte von etwa 750 bis 1000 n. Chr.? Regen hatte den Kalksteinboden der Halbinsel im Laufe der Jahrtausende zu Hügeln und Kegeln geformt. In den Senken sammelten sich fruchtbare Böden, die intensiven Ackerbau möglich machten. Doch das war nur eine Seite der Medaille, denn in dem karstigen Gestein versickerte der Regen auch rasch, sodass der Grundwasserspiegel der Puuc-Region etwa sechzig Meter unter der Erdoberfläche lag. Von unterirdischen Höhlensystemen abgesehen fehlten damit sowohl Quellen wie auch Wasserläufe. Zudem wechselte ein sehr feuchter Jahresabschnitt von Juni bis September mit einem sehr trockenen von Oktober bis Mai ab.

Die Maya meisterten die Unbillen der Natur und bauten unterirdische, bis zu 30000 Liter Wasser fassende Zisternen, die Chultunes. Daraus schöpften die Menschen – auch zur Bewässerung der Felder – während der Trockenzeit das kostbare Nass. Grundnahrungspflanzen, vor allem Mais, Bohnen und Kürbisse, pflanzten die Bauern zu Anfang der Regenzeit, mit Beginn der Trockenzeit wurden sie geerntet und für den weiteren Jahresverlauf gelagert. Ergänzend dazu gab es kleinere Küchengärten, welche die Haushalte mit Gewürzen, Chili-Sorten und Heilpflanzen versorgt haben. Da größere Haustiere wie Kuh und Schwein bis zur Ankunft der Spanier im 16. Jahrhundert unbekannt waren, kam nur selten Fleisch auf den Tisch: Vereinzelt erlegten die Männer Wild, an den Küsten wurde Fisch gefangen, mitunter lieferte ein domestizierter Truthahn wertvolles Protein.

Viele prosperierende Siedlungen der Puuc-Region entwickelten sich bis Ende des 10. Jahrhunderts zu kleineren Städten. Einige erlangten sogar überregionale Bedeutung. Zum Beispiel wohnten bis zu 30000 Einwohner in Uxmal. Ein Netz von bis zu sechs Meter breiten und etwa dreißig Kilometer langen Straßen verband diese Stadt mit anderen in der Region. Die Verkehrswege waren gut konstruiert: Sie bestanden aus einem Fundament aus Bruchsteinen mit einem leicht gewölbten Überzug aus Kalkmörtel, der starke Regenfälle rasch ablaufen ließ.

Demgegenüber war Xkipché nur ein kleiner Ort, der in seiner Blütezeit vermutlich nicht mehr als 2000 bis 3000 Einwohner beherbergte und 278 Gebäude umfasste. Immerhin die Hälfte davon bestand aber aus Stein – arm war man dort nicht. Die Bauten waren keineswegs gleichmäßig über das Stadtgebiet verteilt, sondern zu acht Gruppen angeordnet, häufig auf geschlossene oder zu einer Seite offene Höfe hin ausgerichtet. Eine Gebäudegruppe im Ortskern bestand aus kleineren Gebäuden und zwei Pyramiden – hier lag vermutlich das religiöse Zentrum. Dafür spricht auch, dass dort keine Gegenstände des Alltagslebens wie Mahlsteine und Feuerstein gefunden wurden; auch Zisternen fehlen dort. Eine benachbarte Gruppe von Bauten hatte davon hingegen reichlich. Niedrige Grundmauern als Fundament für Aufbauten aus pflanzlichen Materialien belegen auch einfache Hütten aus Holz und Ästen. Lebte und arbeitete dort die einfache Bevölkerung?

Das Zentrum der Macht lag sicher im Palast, und der dürfte mit knapp fünfzig Zimmern in der Region seinesgleichen gesucht haben: Im Laufe der Jahrhunderte ließen die lokalen Herrscher ständig neue Komplexe anbauen, vermutlich um ihren wachsenden Einfluss zu verdeut-lichen. Doch nichts währt ewig: Was immer um das Jahr 1000 das Tiefland erschüttert hat, es hinterließ auch hier Spuren: Die Nordfassade und das zweite Stockwerk auf dem Ostflügel sollten wohl noch prächtiger werden; davon zeugen Reihen sauber ausgearbeiteter Säulchentrommeln auf zwei Gesimsbändern. Doch offenbar blieben die Bauarbeiten unvollendet. Steinerne Türpfosten und Türstürze fanden wir, fertig bearbeitet, vor den Räumen, deren Eingang sie einmal bilden sollten. Andere Gebäude in Xkipché zeigen das gleiche Bild: Anhäufungen von Werksteinen an schon fertig gestellten Grundmauern. Als hätten die Maurer ihren Arbeitsplatz von einem Tag auf den anderen verlassen.

Es ist 12 Uhr mittags, das Quecksilber erreicht im Schatten 42 Grad. Unter unseren deutschen Grabungspraktikanten macht sich Unmut breit: Sie hatten wohl geheimnisvolle Maya-Paläste im Urwald erwartet und ein wenig Indiana-Jones-Feeling. Jetzt stehen sie schwitzend in der zeckenverseuchten Savanne vor ein paar unscheinbaren Steinhaufen. Sie zeichnen Geröll und katalogisieren Silexabschläge. Das mag zwar wenig spektakulär sein, doch seit dem Frühjahr 2002 hat sich der Schwerpunkt unserer Grabungen vom Palast zu den Tempel- und Wohnbezirken verlagert. Was die jungen Leute enttäuscht, interessiert die mexikanischen Maya-Arbeiter: "Die hier gelebt haben – unsere Ahnen – waren so arm wie wir." Mit Palästen können sie wenig anfangen: Die seien wohl das Werk von Riesen, erklären sie uns.

Kein Abfall, keine Stadtbewohner

Für das Leben der einfachen Bevölkerung interessieren sich Archäologen erst seit etwa fünf Jahren. Keramiken und Werkzeuge auf den Fußböden der einstigen Häuser deuten ebenfalls auf einen plötzlichen Exodus hin. Hatte sich das Klima verändert, sodass der Regen ausblieb? Im mexikanischen Bundesstaat Quintana Roo, östlich des Puuc-Gebietes, haben Archäobotaniker Proben aus Seesedimenten analysiert und darin Pollen aus dem 9. und 10. Jahrhundert n. Chr. gefunden. Sie stammen von Pflanzen, die eher an trockenere Umweltbedingungen angepasst waren, was tatsächlich auf eine Klimaveränderung hindeutet.

Eine weitere Theorie unterstellt kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Maya-Stadtstaaten. Demnach hätte sich im Norden der Halbinsel Yukatan unter der Führung der mächtigen Metropole Chichen Itza eine Allianz gegen die Städte der Puuc-Region gebildet. Gab es offene Kämpfe? Darüber lässt sich nur spekulieren, doch in Uxmal haben Archäologen Indizien dafür gefunden: Unmittelbar nach dem Ende jeder Bautätigkeit um 920 n. Chr. tauchen dort sonst nur aus der Region von Chichen Itza bekannte Keramikprodukte auf – waren es Hinterlassenschaften der Eroberer? Kurze Zeit später wurden die Städte des Puuc von den lokalen Eliten und bald darauf auch vom Großteil der einfachen Bevölkerung aufgegeben.

Dieses Schicksal hatte auch Xkipché ereilt. Doch nicht alle Menschen verließen den Ort. Einige blieben und richteten sich in den noch unversehrten Räumen ein oder fledderten die zu Ruinen verfallenden Bauten für neue, einfache Behausungen. Wir haben in der letzten Grabungskampagne solche Unterkünfte ausgegraben. Eine Gruppe von sechs Gebäuden war auf einem Platz nordöstlich einer der beiden Pyramiden errichtet worden. Zu-vor müssen dort kleinere Tempel und Altäre gestanden haben. Den noch intakten Stuckboden, der diesen Bereich überzog, haben die Dagebliebenen weiter genutzt.

Ihre Häuser standen nur noch auf kleinen Plattformen aus Bruchsteinen und dem Material zerstörter Bauwerke. Es waren anscheinend lang gestreckte Gebäude, nur ein bis zwei Meter schmal und nach Westen oder Osten hin offen. Für die Ewigkeit ist dort nicht mehr gemauert worden – die Überreste sind deutlich weniger gut erhalten als ältere Ruinen. Auch der östlich angrenzende Platz verkam bald nach der Konstruktion der Plattformen immer mehr: Wir fanden mehrere flüchtig und ohne Fundamentierung angelegte Stuckböden. Zu unserer Überraschung hatten die Bewohner eine alte Zisterne halb mit einer Plattform zugebaut. Das spricht nun nicht unbedingt für einen übergroßen Wassermangel als Ursache des Exodus. Grabungen belegen zudem, dass die Zisterne längere Zeit nicht gesäubert wurde.

Wie wenig von dem einstigen Glanz Xkipchés blieb, belegt auch das ärmliche Fundinventar jener Zeit nach dem Zusammenbruch: Einfache Keramik, einige schmale Obsidianklingen und einfachste Werkzeuge aus Feuerstein dominieren. An einem Altar mussten schlichte Wassergefäße die Opfergaben aufnehmen. Kurz: In den Trümmern der einst bedeutenden Stadt hauste eine Bevölkerung, die über keine materiellen Reichtümer mehr verfügte. Sie war vermutlich nicht einmal in der Lage, aufwendige Reparaturen durchzuführen.

Lang haben auch diese Menschen nicht mehr ausgeharrt: Indizien für eine längere Nutzungsdauer wie etwa Abfallhaufen fehlen, die Gebäude scheinen nur kurze Zeit bewohnt worden zu sein. Wir hoffen, dass uns die nächsten Kampagnen und die Auswertung der zahlreichen Artefakte dazu neue Informationen bringen. Im kommenden Jahr wollen wir einen etwas außerhalb liegenden Wohnkomplex mit mehreren Zisternen untersuchen. Das Drama der Puuc-Region hatte viele Gesichter. Auch Indiana Jones würde heute vielleicht eher nach aussagekräftigem Alltagsgerät in Schutthaufen auf die Jagd gehen.

Literaturhinweise


Die Geschichte einer Maya-Siedlung: Forschungsergebnisse aus den Ausgrabungen von Xkipché. Von Michael Vallo in: Maya – Gottkönige im Regenwald. Von Nikolai Grube, Eva Eggebrecht und Matthias Seidel (Hg). Könemann Verlagsgesellschaft, Köln 2000. Península Yucatán. Von Teobert Maler. Aus dem Nachlass herausgegeben von Hanns J. Prem (Hg.). Mann Verlag, Berlin 1997. Xkipché: Eine Mayasiedlung im nördlichen Yucatán, Mexiko. Von Markus Reindel. Beiträge zur Allgemeinen und Vergleichenden Archäologie, Heft 17, S. 177, Mainz 1997. Chronicle of the Maya Kings and Queens. Von Simon Martin und Nikolai Grube. Thames and Hudson, London 2000.


Die Maya heute


Etwa 97 Millionen Menschen leben heutzutage in Mexiko, davon stammen etwa 10 Millionen von indianischen Völkern ab. Doch nur Ruinen erinnern an die Hochkulturen ihrer Vorfahren, die zwischen etwa 1200 v. und 1521 n. Chr. in Mexiko existierten. Die Gegenwart dieser indigenen Bevölkerung sieht anders aus.

Am 21. April 1519 landete der Spanier Hernando Cortez mit rund 600 Soldaten nahe dem heutigen Veracruz. In nur zwei Jahren vernichteten die Eroberer 3000 Jahre Zivilisation. Gewalt, Ausbeutung und von den Europäern eingeschleppte Krankheiten töteten etwa 24 Millionen Indianer innerhalb von kaum hundert Jahren. Die verbleibende Million wurde zu Menschen dritter Klasse degradiert.

Auch die Unabhängigkeit Mexikos 1821 änderte an dieser Situation wenig – die Kreolen genannten Nachkommen der Spanier blieben an der Macht. Um 1840 erhoben sich die Maya, um die weißen Grundbesitzer von Yukatan zu vertreiben – vergeblich. In Einzelfällen gelangten auch Indianer in hochrangige Positionen: Präsident Benito Juárez war Zapoteke. Als Frankreich versuchte, seine Machtposition als Gläubigerland auszunutzen und den Habsburger Maximilian im Jahr 1864 als Kaiser in Mexiko einzusetzen, gelang es Juárez, die Unabhängigkeit seines Landes zu bewahren.

So sehr dieser Mann nach wie vor Heldenverehrung erfährt – die Situation seiner Bevölkerungsgruppe hat sich bis heute nicht verbessert. Als die Regierung 1988 durch eine Agrarreform die Privatisierung des Landbesitzes förderte – Teil eines Maßnahmenpakets, um den Anschluss an die Weltwirtschaft zu erreichen –, traf sie damit auch die indianische Bevölkerung, der ihre tradierte Lebensweise genommen wurde. Der Eintritt in die Weltwirtschaft wurde in den folgenden Jahren vom Aufstand des Zapatistischen Nationalen Befreiungsheers EZLN erschwert, einer Rebellenarmee, die zumeist Indianer des südlichen Bundesstaates Chiapas rekrutiert und für bessere Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung eintritt.

Versuche gemäßigter Politiker, dem Bürgerkrieg durch Reformen zu begegnen, scheiterten am Widerstand der Hardliner. Während die Regierung immer wieder Verhandlungsangebote unterbreitet, unterstützt sie gleichzeitig paramilitärische Einheiten im Kampf gegen die EZLN. Rund 20000 Indigenas wurden bereits aus ihren Gemeinden in Chiapas vertrieben.

Im Zweifelsfall haben Indianer, die der Rebellion angeklagt werden, vor Gericht wenig Chancen: Mexikanische Gerichte akzeptieren unter Folter erzwungene Geständnisse als Beweismittel. Morddrohungen und Überfälle auf die Büros von Nichtregierungsorganisationen belegen, dass eine wirkliche Gleichstellung der indigenen Bevölkerung vorläufig nicht zu erwarten ist.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2002, Seite 38
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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