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Deutsche Hochschulen - Autonomie statt Finanzdiktat

Eine immer härtere materielle und inhaltliche Steuerung bedroht die deutschen Universitäten. Statt ihnen die sonst überall als marktgerecht gepriesene Deregulierung zu ermöglichen, behandelt die Administration sie immer mehr als angepaßte staatliche Anstalten. Nun versuchen sie endlich ernsthaft, ihre akademische Selbstverwaltung zu retten. Die Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) am 5. und 6. Mai in Halle war das Signal dafür.

Die Kontroverse um die Funktion der Universität in Gesellschaft und Staat und um die beste Form, sie zu organisieren, spitzt sich zu. In der Eröffnungssitzung der HRK-Jahresversammlung betonte Heinrich Ursprung, schweizerischer Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, die "Hochschule im Wettbewerb" – im Titel der Veranstaltung ohne Fragezeichen – bedürfe der Evaluation ihrer Leistungen durch Außenstehende, einer an Themenbereichen orientierten Forschung sowie kluger Planungsarbeit bei den Berufungen, um zu vermeiden, daß Lehrstühle zu Leerstühlen würden. Sein Kollege Fritz Schaumann vom Bonner Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft sprach von "marktähnlichen Steuerungsmechanismen" in der Struktur der Hochschulen. Detlef Müller-Böling, bis 30. April Rektor der Universität Dortmund, stellte in seinem die Diskussion einleitenden Vortrag fest, die Bewertungen der Hochschulleistungen evozierten einen Prozeß der Zielbildung und müßten Folgen beim Auf- oder Abbau von Lehrstühlen und Fakultäten haben.

Schon damit war aber für einige der westdeutschen Hochschulleiter das Maß voll: Nicht Adam Smith, der Urvater der sozialen Marktwirtschaft, sondern der preußische Universitätsreformer Wilhelm von Humboldt sei schließlich Stammvater der deutschen Universität. "Wir verfallen dem Zeitgeist", hieß es, "wenn wir uns an den Kriterien der Erfolgsgesellschaft orientieren." Evaluation sei Planwirtschaft; es sei falsch, sie mit der Marktwirtschaft zu verbinden. Die deutschen Universitäten hätten sehr wohl konkrete Zielvorstellungen.

Der Staatssekretär in der Kieler Staatskanzlei, Klaus Gärtner, kritisierte diese Einwände in einer Podiumsdiskussion mit drei anderen Experten als "nicht mehr auszuhaltende Larmoyanz". Für ihn lag der Schluß nahe, daß sich an den Universitäten in den letzten Jahren offensichtlich nichts verändert habe.

Nachdem auf diesem Podium und auch in einer inszenierten Kontroverse zwischen dem (aus dem Westen gekommenen) sächsischen Finanzminister Georg Milbradt und dem Oldenburger Universitätspräsidenten Michael Daxner vorwiegend die westdeutsche Sicht des Themas abgehandelt worden war, griff schließlich als erster unter den wenigen ostdeutschen Rednern im Plenum der Rektor der Weimarer Hochschule für Architektur und Bauwesen, Gerd Zimmermann, ein: Die Probleme der ostdeutschen Hochschulen müßten gleichfalls in die Debatte kommen. Finanzpolitik müsse regionale Strukturpolitik sein, die auch in Ostdeutschland nur im Zusammenwirken von Wissenschaft, Regierung und Industrie möglich sei.

Daxner hatte zuvor selbstbewußt bekräftigt, besser als der Staat könnten die Universitäten sich selber reformieren; die Finanzminister setzten mit ihrer Hochschulpolitik das Schicksal der Kinder- und Enkelgeneration aufs Spiel. Äußerst heftig darauf die Reaktion von Milbradt: Die Universitäten (womit er eindeutig die westdeutschen meinte) hätten die Veränderungen der letzten fünf Jahre nicht zur Kenntnis genommen und extrapolierten ihre Forderungen aus den siebziger Jahren, obwohl Deutschland nicht mehr ein reiches Land sei. Seiner Behauptung, die Parlamente und nicht die Finanzminister entschieden über staatliche Geldmittel, hielt Daxner entgegen: Die Regierungen dürften die Haushaltsbewilligungen der Parlamente nicht fachlich interpretieren. Milbradt darauf: An der Spitze der Bürokratie sitzen ein vom Volk gewähltes Parlament und die Regierung; die Universitäten aber seien nicht vom Volk gewählt, sondern Institutionen des Staates und dürften Parlamentsentscheidungen nicht kritisieren.

Der Aufruhr unter den Rektoren war beträchtlich: Milbradt habe bestätigt, daß die Finanzminister Hochschulpolitik machten, er habe eine Kampfrede gegen die Universitäten gehalten. Der Attackierte fühlte sich daraufhin von einem Teil des Auditoriums mißverstanden. Als HRK-Präsident Hans-Uwe Erichsen daran erinnerte, daß sich die Hochschulen an ihren Beschluß von 1977 gehalten hätten, eine "Überlast" von Studenten aufzunehmen, der Staat aber diese Vereinbarung gebrochen habe, äußerte Milbradt dazu: Zwischen 1977 und 1994 habe es einen Strukturbruch gegeben. "Sie können nicht damit rechnen, daß sich in der Zeit, in der wir regieren, an den Finanzrestriktionen etwas ändert." Daxner dagegen: Es gehe nicht um einen einzelnen Finanzminister, sondern um Strukturprobleme; im Gegensatz zu den USA und Japan habe Deutschland den Strukturbruch nicht genutzt, um seine finanziellen Ausgaben für die Universitäten zu erhöhen.


Mobilisierung in der Universität

Die Lösung liege in einer weiter als bisher gehenden Selbständigkeit und Verantwortung der Hochschulen, freilich auf der Basis neuer Finanz- und Managementstrukturen, sagte Gärtner, so daß das staatliche Haushaltssystem dereguliert und flexibler werden könne. Erster Schritt dazu sei jedoch die Mobilisierung innerhalb der Universität, konstatierte die für Strukturfragen an der stark technisch orientierten Universität Bremen zuständige Konrektorin, die Germanistin Helga Gallas.

Für eine solche Reform der Universitäten müssen ihre jeweiligen Ziele operational festgelegt werden. Ob sie dazu fähig sind, war in Halle umstritten. Sie sollten nicht nachgeordnete staatliche Behörde oder Gruppeninstitution sein, sondern eine Kombination aus Gelehrtenrepublik und Dienstleistungsunternehmen, meinte Müller-Böling. HRK-Vizepräsident Günther Schilling aus Halle widersprach der These, die Universitäten seien ziellos, vielmehr dienten sie der Ausbildung des Nachwuchses an und mit der Wissenschaft. Forschung sei dafür und für Innovationen in der Wirtschaft ein Werkzeug; die Hochschulen seien auch kulturelle Zentren ihrer Regionen.

Ihre Leistungen in Lehre und Forschung müssen sicherlich intern und extern, quantitativ und qualitativ evaluiert werden. Erichsen sprach gar von einer "gläsernen Hochschule" mit transparenten Daten. Vor dem Hintergrund, daß die ostdeutschen Hochschulen dies schon hinzunehmen hatten, werde "man schwerlich den Einwand akzeptieren können, Leistungen und Ergebnisse in Lehre und Forschung ließen sich nicht bewerten". Studienleistungen würden seit Jahrhunderten in Prüfungen evaluiert – "warum sollte das nicht für die Leistung in der Lehre und in der Forschung möglich sein", fragte der HRK-Präsident. Meßinstrumente dafür gibt es viele – von den verschiedenen Methoden des sogenannten Ranking, also des Einstufens in Rangfolgen, über die Literaturanalyse auf Zahl und Zitierhäufigkeit von Publikationen bis zur Lehrevaluation, die zum Beispiel der Ring Christlich-Demokratischer Studenten jetzt zum dritten Mal praktiziert hat (Bild).


Profilierung von innen her

Die HRK hat mit ihrem Projekt "Profilbildung der Hochschulen" eine wichtige Voraussetzung für die Leistungsbeurteilung geschaffen. Immerhin 20 Hochschulen haben daran teilgenommen; die Ergebnisse sind in zwei Bänden der HRK-"Dokumente zur Hochschulreform" (82/1993 und 89/1994) erschienen. Anders als bei Unternehmen könne allerdings die Leistung der Universität nicht in quantitativen Größen, sondern nur in einer großen Anzahl von qualitativen Ersatzgrößen, bezogen auf die Hochschule als Ganzes sowie die einzelnen Fachbereiche, erfaßt werden – also durch die Beschreibung von Lehr- und Forschungsaktivitäten, ergänzt um statistische Angaben, meint die HRK.

Vor allem kommt es darauf an, wie die Entscheidungsbefugnisse an der Universität verteilt sind. Der Gießener Betriebswirt Karl Alewell hat dazu im Auftrag der Volkswagenstiftung "Vorschläge für eine Stärkung der Eigenverantwortung der Universitäten" ausgearbeitet ("Autonomie mit Augenmaß". Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993). Eine starke Position der Universitätsleitung mit Rechenschaftspflicht gegenüber dem Staat soll danach mit einem gestärkten Amt der Dekane in kleinen, überschaubaren Fakultäten ergänzt werden – ein Gedanke, den in Halle der Göttinger Universitätspräsident Hans-Ludwig Schreiber mit Erfolg verteidigte. Als Schreckgespenst diente dagegen Ursprungs Bild eines seine Kompetenz von der Regierung erhaltenden, in der Hochschule fast allmächtigen Präsidenten als "Verantwortungsträger" und eines Kuratoriums wie des Rates der Eidgenössischen Technischen Hochschulen für die "strategische Führung des Gesamtbereichs".

In der Bundesrepublik richten sich nun nach dieser Konferenz in Halle alle Hoffnungen auf die Arbeit des neuen Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), das HRK und Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh gegründet haben. Ihr Leiter Müller-Böling meint, Einheitlichkeit und Gleichwertigkeit müßten als Konstituenten des deutschen Hochschulwesens aufgegeben werden. Die "wettbewerbliche" Hochschule streite nicht mehr wie bisher nur um das beste Personal und die besten Forschungsleistungen, sondern auch um die besten oder für die jeweilige Institution typischen Lehrleistungen sowie um die Studienanfänger und die Arbeitsplätze für ihre Absolventen. In der "wissenschaftlichen" Hochschule seien nicht Bürokraten und Politiker, sondern die Wissenschaftler für die Leistung in Forschung und Lehre verantwortlich; sie müßten auch problemnah und qualifiziert, dezentral und dereguliert entscheiden können. Das setze eine "autonome" Hochschule voraus.

Die Chancen, daß sich alle Universitäten damit nicht nur verbal, sondern auch praktisch dem Vorwurf der Politik entziehen, sie seien reform- und damit auch wettbewerbsunfähig, scheinen nach der HRK-Jahresversammlung etwas besser zu sein, wenn auch nicht übermäßig groß. Einige sind schon mitten in der (zumindest finanz-)autonomen Praxis: Dortmund, die TU Berlin und – ab 1995 – mit einem gemeinsamen Finanzierungsmodell die niedersächsischen Universitäten Clausthal, Oldenburg und Osnabrück. Die Skeptiker gegenüber Autonomie, Marktgerechtigkeit und Konkurrenz der Hochschulen waren in Halle nicht mehr in der Mehrheit.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1994, Seite 118
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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