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Deutsches Museum Bonn - Dokumentation der wissenschaftlich-technischen Gegenwart

Die "Bundesstadt" Bonn erhält als deutliches Zeichen für ihre neue Funktion als "Wissenschaftsstadt" ein Museum für zeitgenösssische naturwissenschaftliche Forschung und Technik. Die Konzeption dieser Einrichtung, die ab 15. November im Wissenschaftszentrum in Bad Godesberg der Öffentlichkeit zugänglich sein wird, ist einzigartig: Sie bietet außer etwa einhundert exklusiven Original-Exponaten vielfältige Möglichkeiten der Kommunikation.

Ein Teil des Prototyps der Magnetschwebebahn Transrapid, der auf der 31 Kilometer langen Versuchsstrecke im Emsland zwischen Dörpen und Lathen jahrelang im Einsatz gewesen war, sollte eigentlich bereits Anfang 1994 am Eingang zum künftigen Deutschen Museum Bonn aufgebaut werden und als Attraktion der ersten bundesweiten "Tage der Forschung" dienen. Doch scheute man damals die Symbolkraft dieses Unterfangens: Das vom Forschungsministerium seit 1968 mit knapp zwei Milliarden Mark geförderte neuartige Fernverkehrsmittel, das bei Testfahrten Geschwindigkeiten bis zu 450 Kilometern pro Stunde erreichte, sollte nicht just zu einer Zeit, in der die Politiker über sein weiteres Schicksal debattierten, auf das museale Abstellgleis geschoben werden. So wurde erst ein Jahr später eine der beiden knapp 27 Meter langen Bugsektionen des Transrapid auf einem aufgeständerten Betonfahrweg zwischen dem Eingang des Museums, dem Gebäude der Hochschulrektorenkonferenz und dem Godesberger Friedhof montiert.

So wie der Transrapid widerlegen alle Ausstellungsstücke die These, ein Museum habe sich an der Vergangenheit zu orientieren. Die neue Bonner Einrichtung ist zwar eine Außenstelle des die Historie betonenden Deutschen Museums München, widmet sich jedoch ausschließlich der Gegenwart, genauer: der Entwicklung von Wissenschaft und Technik in ganz Deutschland seit 1945.

Somit dokumentiert es nicht nur den modernen Kenntnisstand, sondern auch die heutigen Grenzen und die künftigen Vorhaben der wissenschaftlichen Forschung. Die ausgestellten Cäsium-Atomuhren zum Beispiel, von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig als Zeitnormal entwickelt, sind mit einer Abweichung von einer Sekunde in fünf Millionen Jahren die weltweit genauesten Chronometer; doch noch präzisere Indium-Ionen-Uhren sollen künftig eingesetzt werden, um geologische Veränderungen wie etwa die Verschiebung der Kontinente zu vermessen. Der Besucher erfährt, mit welchen innovativen Ansätzen Chaosforscher Kardiologen bei der Erkennung herzinfarktgefährdeter Patienten unterstützen können, warum das Wahrnehmungssystem des Rüsselkäfers als Vorbild für einen Flugzeug-Geschwindigkeitsmesser dienen kann und wie das menschliche Handeln durch einen Drei-Sekunden-Takt der Informationsverarbeitung im Gehirn bestimmt wird (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1992, Seite 111). Bei den Exponaten handelt es sich fast durchweg um Originalapparaturen und -gegenstände; die Erläuterungen auf den Schrifttafeln und im Ausstellungskatalog haben die jeweiligen Erbauer und Entwickler selbst verfaßt.

Deutsche Entwicklung, globaler Kontext

Das Deutsche Museum Bonn ist in zwei Untergeschossen des Wissenschaftszentrums in Bad Godesberg neben einer Tiefgarage untergebracht – in Bereichen, die ursprünglich als Hallenbad und andere Erholungseinrichtungen für die Beschäftigten in diesem großen Bürohaus gedacht waren. Größere Exponate wie der Transrapid und ein Schild für den hydraulischen Schreitausbau in einem Steinkohlenbergwerk sind im Außenbereich aufgestellt; das untere Segment des mehr als 9000 Meter langen Bohrgestänges des Kontinentalen Tiefbohr-Programms in Windisch-Eschenbach befindet sich in einem Treppenhaus und reicht bis in das sechste Stockwerk des Gebäudes hinauf.

Die neue Einrichtung – die außer von der Hauptstelle in München vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, dem das Wissenschaftszentrum gehört, sowie vom Land Nordrhein-Westfalen unterstützt wird – stellt Wissenschaft und Technik als kulturellen Bestandteil der Bundesrepublik vor, reicht jedoch auch in die Zeit vor 1945 zurück und veranschaulicht globale Zusammenhänge. Sie macht so den wissenschaftlichen Paradigmenwechsel der vergangenen Jahrzehnte deutlich: Während in Deutschland bis weit in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts hinein die Physik diejenige Disziplin war, in der die größten wissenschaftlichen Leistungen vollbracht wurden, haben diese Rolle nun die molekulare Biowissenschaft und die Neurologie übernommen.

Der Blick des eintretenden Besuchers wird zunächst nach außen gerichtet: auf einen Globus mit fünf Wissenschaftlern – einem aus jedem der fünf Kontinente –, die einmal in Deutschland tätig gewesen waren. In einer didaktisch aufgebauten Säulenfolge werden die weltweiten und die europäischen Zusammenhänge von Wissenschaft und Technik sowie die Aufgaben der Bundesrepublik Deutschland, ihrer Länder und der vielfältigen Wissenschaftsorganisationen und -einrichtungen dargestellt.

Viele Exponate offenbaren ebenfalls die internationalen Verflechtungen und Verwicklungen – sei es der Rückschlag für die Physik in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus, als rund 150 der besten Physiker das Land verließen, die weltweite Aufgabe der Raumfahrt in der Erderkundung oder die beispielhafte Kooperation des Immunologen Georges Köhler (1946 bis 1995) mit dem argentinischen Molekularbiologen César Milstein bei der Entdeckung der monoklonalen Antikörper (gemeinsam mit dem Dänen Niels K. Jerne erhielten die beiden Forscher 1984 den Nobelpreis für Medizin).

Auch Beispiele aus der Wirtschaft fehlen nicht. Während sich Teile der deutschen Uhrenindustrie nach dem internationalen Niedergang durch die Produktion von Funkarmband- und Atomuhren wieder emporarbeiten konnten, scheiterte ein wichtiger Bereich der ostdeutschen Kameraproduktion 1990 endgültig an der japanischen Konkurrenz; das Patent der von Karl Heinz Steigerwald erfundenen, aber von deutschen Firmen verschmähten Elektronenstrahl-Schweißmaschine kauften schließlich amerikanische Firmen, und der Drehkolbenmotor des Ingenieurs Felix Wankel (1902 bis 1988) treibt heute lediglich einige japanische Autos an.

Das Museum ist in fünf unterschiedliche Bereiche mit insgesamt 34 Kurzgeschichten (sogenannten Episoden) mit jeweils mehreren Exponaten gegliedert:

- Elementares: Gefangene Elementarteilchen (zum Beispiel der von dem Physik-Nobelpreisträger Wolfgang Paul entwickelte Ionenkäfig und das Bonner Elektronensynchrotron), ZeitStandard (hochpräzise Atomuhren), Mössbauer-Effekte (von der spektroskopischen Untersuchung keltischer Töpfe bis zur Raumfahrtforschung; Bild 2 rechts), MaßRegelungen (Schilderung des Quanten-Hall-Effekts durch seinen Entdecker, den Physik-Nobelpreisträger Klaus von Klitzing), ElementARchitekten (Fullerene und Dibenzolchrom), ErstVeröffentlichung (an den Beispielen der Gaschromatographie und des Farbstofflasers), ZellKultur (Patch-Clamp-Methode mit dem Meßplatz der Medizin-Nobelpreisträger Erwin Neher und Bert Sakmann; Bild 3), KlangWerkStätten (das von Oskar Sala entwickelte Mixtur-Trautonium und Karlheinz Stockhausens Rotations-Tisch);

- EisBrechen: Mauer im Eis (deutsche Teilung in der Antarktisforschung, Forschungsschiff "Polarstern", Ozonsonde), Schnelle Devisen (Optik und Kameras in der DDR), AllMächte (Augendruckmesser im Weltall und Werkstofflabor von D-2; Bild 2 links), Der Ingenieur als Verteidiger (Flugzeugbauer Ludwig Bölkow), Heiße Eisen (Elektronenstrahl-Schweißmaschine von Karl Heinz Steigerwald und Manfred von Ardennes Hochleistungs-Elektronenkanone), Abgeschnitten von der Außenwelt (Mikroelektronik in der DDR).

- Zwischen Himmel und Hölle: Raumfahrt als Erderkundung (ERS-1 und BREM-SAT, Bild 2 links), SchadensErsatz? (Phosphatersatzstoff Zeolith A und FCKW-freier Kühlschrank), Schwebende Verfahren (Transrapid, Bremer Fallkapsel), EnergieFrage (Kugelhaufenreaktor, Kernfusion, Solarzellen, Solarhaus), RohStoffSicherung (Kontinentales Tiefbohrprogramm, Schreitausbau), Genetik und Hippokratischer Eid (Amniozentese, Ultraschall, Pränataldiagnostik).

- Grenzgänger: Zwischen Leben und Maschine (Photokoagulation, Bionik), UnDiszipliniert (plötzlicher Herztod, Nierenlithotripter, Faserverbundwerkstoff als Knochenersatz), GastArbeiter (Stablinsen-Endoskop, Vermessungskreisel Gyromat 2000, SUPRENUM), SehHilfen (Rosat, HERA, Neutrino-Teleskop).

- Tradition-Vision: Patente Lösungen (Fischer-Dübel, Styropor), MagnetSpur (Cäsium-Magnetometrie in Troia), MotorAlternativen (Wankel-Motor), Sicher ans Ziel (Raketenwagen, Airbag), UnterhaltungsPolitik (Röhrenradio, PAL-Fernsehen, Transistoren, digitales Satelliten-Radio), RechenKünstler (Konrad Zuse, diskrete Mathematik), ComputerArbeiter (Fluidik, AnySIM für Arbeit in der Fabrik der Zukunft), Besser als die Natur? (Seitenleitwerk des Airbus, Insulinsynthese, Sol-Gel-Verfahren, Enzym-Membran-Reaktor), Der Newton des Grashalms (Manfred Eigens Evolutionsmaschine, biologische Photozelle, DNA-Bausteine im Rasterlektronenmikroskop, neuronal gesteuerter laufender Roboter), Fenster ins Gehirn (Ernst Pöppels Drei-Sekunden-Segmentierung der Informationsverarbeitung im Gehirn, Magnetresonanz-Tomographie und andere bildgebende Verfahren).


Dialog zu den Exponaten

Den präsentierten Gegenständen stellt das Deutsche Museum Bonn einen "TechnikDialog" zur Seite. An sogenannten Dialoginseln können die Besucher inszenierte Gespräche von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit über Kopfhörer verfolgen (Bild 1); so debattieren etwa der Physikochemiker Manfred Eigen (Nobelpreis für Chemie 1967) und der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Wolfgang Frühwald, über Grundlagenforschung, die Astronauten Sigmund Jähn und Ulf Merbold über Erfahrungen in der Raumfahrt in Ost und West oder der Dübel-Erfinder Artur Fischer und der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Hans-Jürgen Warnecke, über innovationsfreudige Wirtschaft.

In allen fünf Bereichen sind von Moderatoren präsentierte kritische, kontrovers aufgearbeitete naturwissenschaftlich-technische Videoreportagen über Themen wie das deutsche Bildungssystem, die Geschichte der Zeiss-Werke oder den sogenannten Standort Deutschland zu verfolgen. Über Computer lassen sich Detailinformationen zu den Exponaten abrufen. Einmal im Monat können Besucher über Bildtelephon mit maßgeblichen Wissenschaftlern über bestimmte Themen diskutieren.

Eine Besonderheit ist der Katalog des Museums. Er enthält nicht nur Beschreibungen der Exponate, sondern auch – nach einer Einleitung von den beiden Museums-Managern Peter Frieß und Peter M. Steiner – 13 Beiträge über Geschichte, darunter ein nach dem Vorbild des griechischen Gelehrten Platon von dem Konstanzer Wissenschaftsforscher Jürgen Mittelstraß verfaßter Dialog über Wissenschaft, Forschung und Technik, eine autobiographische Skizze des aus Deutschland emigrierten britischen Biophysikers Sir Bernard Katz sowie historische und organisatorische Darstellungen zu einzelnen Themen. Bemerkenswert sind fünf Interviews zu Fragen der Grundlagenforschung und Forschungsorganisation mit dem Biochemiker Adolf Butenandt (1903 bis 1995; Chemie-Nobelpreis 1939), dem Physiker Wolfgang Paul (1913 bis 1993; Physik-Nobelpreis 1989), dem Musiker und Physiker Oskar Sala, dem Synergetikforscher Hermann Haken und dem Biochemiker Johann Heinrich Matthaei.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1995, Seite 114
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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