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Deutschland und China - Partner in der Wissenschaft

Vom Stand der wissenschaftlich-technologischen Zusammenarbeit beider Staaten überzeugte sich eine Gruppe deutscher Wissenschaftsjournalisten, die Forschungseinrichtungen im Reich der Mitte besuchte.


Die Geschichte der Wissenschaftsbeziehungen zwischen China und Europa ist fast so lang wie die des Handels zwischen beiden Regionen. Im frühen Mittelalter – bevor die Mongolen Ende des 13. Jahrhunderts das Land eroberten – war China eine der höchstentwickelten und reichsten Nationen; dort haben nicht nur das Schießpulver, der Kompaß und das Papier ihren Ursprung, sondern auch zahlreiche andere kulturelle Errungenschaften (Spektrum der Wissenschaft, Januar 1996, Seite 125).

Bereits der Naturwissenschaftler und Diplomat Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716) hatte in seinem 1697 erschienenen Werk "Novissima Sinica" eine wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit zwischen Europa und China vorgeschlagen. Aus einem von Deutschen im Jahre 1900 gegründeten evangelischen Krankenhaus in Shanghai entstand eine Medizinische Hochschule – deren Nachfolge-Einrichtung sich nun in Wuhan befindet – und später die Technische Tongji-Universität. In den zwanziger und dreißiger Jahren haben Hunderte chinesischer Studenten und Wissenschaftler an Hochschulen in Deutschland gearbeitet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte China eine wissenschaftliche Kooperation mit der DDR begonnen, doch wegen des Konflikts mit der Sowjetunion 1960 wieder eingestellt. Ein Jahr nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik China 1972 begann der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) als erste westdeutsche Einrichtung im Rahmen des Kulturabkommens mit dem Austausch von Studenten und Wissenschaftlern. Zu den weltweit insgesamt 57000 im vergangenen Jahr Geförderten gehören 539 Chinesen und 420 Deutsche, die jeweils im anderen Land tätig waren. Das 1996 eingerichtete DAAD-Programm "Sprache und Praxis in China" findet regen Zuspruch. Deutsche Hochschulabsolventen sollen im Rahmen dieser Förderung zwei Jahre in einer Kombination von Sprachausbildung, Landeskunde und Praktikum einen tieferen Einblick in die Wirtschaft des fernöstlichen Landes bekommen. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierte Programm fördert pro Jahrgang zwischen zwölf und 15 neue Bewerber.

Im Jahre 1974 vereinbarte die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) mündlich eine Zusammenarbeit mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (Chinese Academy of Sciences, CAS), die 1978 – im gleichen Jahr wie das Regierungsabkommen – schriftlich fixiert wurde und sich seither sehr erfolgreich entwickelte. Ebenfalls 1978 öffnete die Alexander von Humboldt-Stiftung ihr Stipendienprogramm wieder für chinesische Forscher. Im vergangenen Jahr kamen von den insgesamt 1546 Humboldt-Stipendiaten in Deutschland 177 aus China – mehr als aus jedem anderen Land. Deutsche Stiftungen, insbesondere die Volkswagen-Stiftung, haben in den beiden letzten Jahrzehnten Vorhaben in China unterstützt, und Hunderte von Universitäten und Forschungseinrichtungen waren als Partner an gemeinsamen Projekten beteiligt.


Gleichwertige Partnerschaft



Während am Anfang der Wissenschaftsbeziehungen vor allem die Chinesen von ihren westlichen Partnern lernen wollten, könne man heute von einer "echten, gleichwertigen Partnerschaft" sprechen, meinte der MPG-Präsident Hubert Markl auf der Festveranstaltung zum 20. Jahrestag der Vereinbarung am 1. Oktober in Bonn. Bei der Festveranstaltung in Beijing am 5. Oktober (Bild 1) betonten Li Xueyong, Vizeminister des chinesischen Ministeriums für Wissenschaft und Technologie, sowie der deutsche Botschafter Konrad Seitz, Deutschland sei heute der wichtigste europäische Handelspartner Chinas und die deutsche Industrie der wichtigste ausländische Investor in Hochtechnologie-Bereichen (noch vor den USA und Japan). Um die Beziehungen noch weiter auszubauen, errichten das BMBF und der Deutsche Industrie- und Handelstag jetzt in Beijing und Shanghai Kontaktbüros zur kompetenten Beratung von Klein- und Mittelunternehmen.

In der chinesischen Öffnungspolitik spielt Wissenschaft eine zentrale Rolle. Das illustrieren schon allein die – freilich mit Vorsicht zu behandelnden – offiziellen Zahlen: Insgesamt haben im Jahre 1997 Forschungsinstitute, Universitäten und Unternehmen 96 Milliarden Yuan (knapp 20 Milliarden Mark) für wissenschaftliche und technologische Zwecke ausgegeben, 8,6 Prozent mehr als 1996. Auf Forschung und Entwicklung entfielen davon knapp 47 Milliarden Yuan; das sind zwar 10,4 Prozent mehr als 1996, entspricht aber nur 0,5 Prozent des Bruttosozialprodukts. Bemerkenswert stark ist die Zahl der Patentanmeldungen in China von 83000 im Jahre 1995 auf 103000 im Jahre 1996 gestiegen.

Die lange eher vernachlässigte Orientierung der Forschung am Markt sowie der Wettbewerb werden spätestens seit dem Nationalen Volkskongreß im März 1998 stark betont. Die Wissenschaftseinrichtungen sollen auch enger mit Unternehmen zusammenarbeiten. Eine neu eingesetzte staatliche Lenkungsgruppe für Wissenschaft, Technologie und Bildung koordiniert die Regierungsprogramme in diesen Bereichen. Das von Zhu Lilan (sie hat in den siebziger Jahren an der Universität Freiburg im Bereich der Polymerchemie gearbeitet) geleitete Ministerium für Wissenschaft und Technologie formuliert die Wissenschafts- und Forschungspolitik und koordiniert die Aktivitäten der verschiedenen Forschungseinrichtungen.

Die 1949 gegründete CAS unter dem Vorsitz von Lu Yongxiang, einem ehemaligen Humboldt-Stipendiaten, zählt mehr als 60000 Mitarbeiter in 123 Forschungsinstituten und 13 Zweigstellen. Sie verfügt über ein Jahresbudget von rund 2,3 Milliarden Yuan (knapp 500 Millionen Mark) und wird derzeit umstrukturiert. In der Forschungsförderung spielt die 1986 gegründete, jetzt von Zhang Cunhao geleitete National Natural Science Foundation of China (NSFC) eine zentrale Rolle. Sie unterstützt mit einem Etat von derzeit über 600 Millionen Yuan (120 Millionen Mark) natur- und ingenieurwissenschaftliche Projekte der Grundlagen- und angewandten Forschung, berät die Regierung und ist für den internationalen Wissenschaftleraustausch zuständig. In einem speziellen Programm werden jährlich für über 200 junge Wissenschaftler fast drei Millionen Yuan (600000 Mark) aufgewendet, um sie zu kürzeren Forschungs- und Lehraufenthalten aus dem Ausland zurückzuholen.

Partner der NSFC in Deutschland ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Mit ihr werden jährlich rund 50 gemeinsame Forschungsprojekte begonnen. Mit der Europäischen Union (EU) bestehe keine offizielle Verbindung, aber man habe in Shanghai mit einer EU-Delegation bereits über eine Partnerschaft diskutiert, wurde bei der NSFC versichert. Wang Shaogi, im Wissenschaftsministerium für internationale Beziehungen zuständig, hofft sogar auf ein baldiges Abkommen mit der EU.


Gemeinsame Projekte



Hundert der mehr als 1000 Universitäten in China sollen mit Hilfe von Sondermitteln bis Mitte des nächsten Jahrhunderts internationalen Standard erreichen; 35 von ihnen sind der Staatlichen Erziehungskommission unterstellt, der Rest wird von anderen Ministerien oder den Provinzregierungen unterhalten. Von den jährlich rund zwei Millionen Studienplatzbewerbern wird etwa die Hälfte aufgenommen. Insgesamt sind etwa drei Millionen Studenten an den wissenschaftlichen Hochschulen eingeschrieben, die von 400000 Hochschullehrern betreut werden.

Seit der bilateralen Vereinbarung über die wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit im Jahre 1978 wurden 15 weitere Kooperationsabkommen in einzelnen Fachbereichen abgeschlossen sowie weit über hundert Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in Gang gebracht, an denen Universitäten, Akademie-Institute, Großforschungseinrichtungen, Wissenschaftsorganisationen und Unternehmen beteiligt sind. Insgesamt wurde mehr als eine halbe Milliarde Mark investiert. Die Themen umfassen eine große Bandbreite. Einige Beispiele:

- Chinesen nutzten schon in den siebziger Jahren die beiden deutsch-französischen Symphonie-Satelliten.

- Wissenschaftler des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege in München und des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz arbeiten an der Konservierung und Restaurierung der weltberühmten Terrakotta-Armee bei Xian und der Gräber der Tang-Dynastie mit (Bild 2; siehe auch "Kaisergräber der Tang-Dynastie", Spektrum der Wissenschaft, November 1996, Seite 100).

- Wissenschaftler in Shanghai hatten ein Schallabsorber-Verfahren entwickelt, mit dem sie zusammen mit Kollegen des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik in Stuttgart die akustischen Mängel des neuen Bundestags-Plenarsaals in Bonn behoben.

- Das chinesische Institut für wissenschaftlich-technische Information wirkt seit 1996 als Repräsentant des Informationsnetzes STN International, welches das Fachinformtionszentrum Karlsruhe mit den amerikanischen Chemical Abstracts Services sowie der entsprechenden japanischen Einrichtung verbindet.

An der Universität Xian fand Anfang Oktober ein internationales akademisches Symposium über Verwaltungsrecht statt, aus dem ein chinesisch-deutsches Zentrum entstehen soll. Im Rahmen der Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie an der Medizinischen Tongji-Universität Wuhan trainieren Wissenschaftler aus beiden Ländern ihre chinesischen Kollegen in den modernen Verfahren der Psychoanalyse, der Verhaltenspsychologie sowie der systematischen Familientherapie. In Zusammenarbeit mit der Technischen Tongji-Universität Shanghai unterhält die BASF China Ltd. ein Trainingszentrum, das Management- und kaufmännische Qualifikationen vermitteln soll.

An derselben Universität wurden gemeinsam mit Wissenschaftlern der TU Darmstadt Verfahren der Schlammbehandlung und der Nährstoffelimination entwickelt, mit denen die Kläranlagen in China gängige Abwassernormen einhalten können. Seit 1978 sind Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum an der Tongji-Universität an Projekten der Produktionswissenschaft beteiligt. Sie sollen die Qualifikation chinesischer Ingenieure verbessern und beim Aufbau der Maschinenbauindustrie mithelfen sowie die Tele-Diagnose mittels Videokonferenzen einführen – mit mnemotechnischer Hilfe von Linguisten, welche die Reparaturanweisungen in international verständliche Piktogramme umsetzen.

Seit 1979 hat die Volkswagen-Stiftung rund 58 Millionen Mark für die China-Förderung bereitgestellt. Anfangs wurden vor allem Ausstattungshilfen für wissenschaftliche Institute gewährt, später deutsch-chinesische Forschungsvorhaben unterstützt. Das Programm ist 1997 ausgelaufen; künftig werden Themenschwerpunkte gefördert.


Deutsche wissenschaftliche Institutionen in China



Neben der Zusammenarbeit in Forschungsprojekten entstehen immer mehr institutionelle Partnerschaften. So unterstützt zum Beispiel die VW-Stiftung die Errichtung des East-Asia Institute of Visual Anthropology an der Yunnan Universität in Kunming in Zusammenarbeit mit dem Institut für den Wissenschaftlichen Film in Göttingen. Ebenfalls mit Mitteln der VW-Stiftung wurde am Institut für Hydrobiologie in Wuhan 1996 ein Gästelabor des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Naturschutz in Neuherberg eingerichtet. Es analysiert als einziges Institut in China mit seinen modernen Gaschromatographen und Massenspektrometern den Dioxin-Gehalt in der Umwelt.

Anfang 1998 eröffnete das Chinesisch-Deutsche Hochschulkolleg an der Tongji-Universität Shanghai, an dem chinesische Postgraduierte zunächst in Intensivkursen Deutsch lernen. Danach werden ihnen Aufbaustudiengänge in Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften angeboten. Beim vollen Ausbau rechnet der Konstanzer Biologe Horst Sund, der Vorsitzender der Baden-Württembergischen China-Gesellschaft ist und das Kolleg im Auftrag des DAAD betreut, mit 120 Studenten in den drei Studienjahren. Von sieben vorgesehenen Lehrstühlen – von deutschen und chinesischen Unternehmen gestiftet – sind fünf inzwischen eingerichtet.

Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin erforscht in einem gemeinsamen Labor mit dem Fu Wei Hospital Beijing genetisch bedingte Ursachen von Herz-Kreislauf-Krankheiten. Die DFG hat 1998 mit der NSFC einen Vertrag über die Gründung eines Chinesisch-Deutschen Zentrums für Wissenschaftsförderung geschlossen. Besonders deutlich verankert sich institutionell die MPG in China. So richtete sie kürzlich im CAS-Institut für Zellbiologie – das bereits 1985 aus Stiftungsmitteln ein Gästelabor erhielt – nach deutschem Vorbild zwei Gruppen aus Nachwuchsforschern ein. Eine weitere soll im Fachgebiet Elektronenmikroskopie folgen. Für die projektbezogene Zusammenarbeit will die MPG Partnergruppen in CAS-Instituten – zunächst in denen für Theoretische Kosmologie und für Metallurgie – einrichten. Deren Leitung sollen junge Chinesen übernehmen, die in Deutschland an einem Max-Planck-Institut tätig waren. Damit sucht die MPG dem für die chinesische Wissenschaft immer gefährlicher werdenden brain drain gegenzusteuern, während die Nachwuchsgruppen dazu bestimmt sind, den Gedanken der wissenschaftlichen Autonomie zu verbreiten.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1998, Seite 121
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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