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Die Andaman-Insulaner

Die Ureinwohner einer Inselkette zwischen Indien und Thailand bieten faszinierende Einblicke in die Lebensweise traditioneller Jäger und Sammler. Doch wie lange wird dieses Fenster in die Vergangenheit noch offenstehen?


Auf den Andamanen – einer Inselkette im Golf von Bengalen – leben seit mindestens 2000 Jahren Eingeborene in üppig grünen Regenwäldern. Über die Jahrhunderte hinweg faszinierten die Insulaner die Außenwelt – und jagten ihr zugleich Furcht ein; oft genug wurden sie als brutale Kannibalen porträtiert. Der Entdeckungsreisende Marco Polo zum Beispiel gibt in seinen Reiseberichten im 13. Jahrhundert eine Geschichte über die "hundeköpfigen" Bewohner jener Inseln wieder. In jüngerer Zeit charakterisierte Sir Arthur Conan Doyle in seinem Buch "Das Zeichen der Vier" die Inselbewohner als Wilde mit "todbringenden Pfeilen" und einem "Gesicht, das einem Mann eine schlaflose Nacht bereiten kann".

Doch auch von solchen Ausgeburten dichterischer Phantasie abgesehen, faszinieren Geschichte und Kultur der Andamanen bis heute – nicht zuletzt natürlich Anthropologen wie mich. Derzeit leben noch etwa 450 bis 500 Eingeborene auf den Inseln: Negritos, Vertreter einer kleinwüchsigen, dunkelhäutigen Bevölkerungsgruppe Südasiens. Bis im 19. Jahrhundert britische Kolonialherren die Inseln besetzten, übten die Andamane-sen ihre traditionelle Lebensform als halbnomadische Jäger, Sammler und Fischer aus.

Trotz der fremden Einflüsse gelang es einigen Inselbewohnern, traditionelle Gebräuche am Leben zu erhalten. Bis heute existiert ein weitgehend isoliert lebender Volksstamm, der sich bewußt von der Umwelt abschirmt und sein Territorium mit aller Gewalt gegen jeden Eindringling verteidigt. Aber der Einfluß der fremden Herren – erst Briten, dann Inder – hat seinen Preis gefordert. Die Zahl der Insulaner ist in den letzten 200 Jahren rapide gesunken; noch Mitte des 19. Jahrhunderts, so schätzt man, lebten rund 5000 Eingeborene auf dem Archipel.

Heute gibt es nur noch vier Stämme: die Groß-Andamanesen, die Onge, die Jarawa sowie die Sentinelesen, benannt nach der Insel Sentinel, auf der sie leben. Vermutlich waren es einst zwölf Stämme, mit je eigener Sprache und eigenem Territorium. Doch auch für die letzten Repräsentanten andamanischer Kultur läuft inzwischen die Zeit ab.

In der Hoffnung, mehr über die Geschichte, das Leben und die Aussichten der Inselbewohner zu lernen, verbrachte ich zwischen 1989 und 1993 etwa achtzehn Monate auf dem Archipel – die meiste Zeit davon bei dem Onge-Stamm. Der Ursprung der Insulaner liegt, von Spekulationen einmal abgesehen, weitgehend im Dunkeln. Neueste Befunde – die jüngsten Ausgrabungen führte Zarine Cooper vom Deccan-College in Puna (Indien) durch – bestätigen die Annahme, daß die Andamanen zumindest während der letzten 2200 Jahre kontinuierlich besiedelt waren. Manche Forscher glauben, daß die Vorfahren der heutigen Eingeborenen vor rund 35000 Jahren ankamen. Die kleine Statur der Insulaner, ihr Haarwuchs in Verbindung mit der sehr dunklen Haut zeigen an, daß sie sich ethnisch von den Bewohnern des indischen Festlandes unterscheiden. Und auch mit den Ureinwohnern der benachbarten Nikobaren-Inseln sind sie offensichtlich nicht verwandt.

Lidio Cipriani, der in den frühen fünfziger Jahren die Außenstelle des Anthropological Survey of India in Port Blair auf den Andamanen leitete, sowie neuerdings Vishvajit Pandya von der Victoria-Universität in Wellington (Neuseeland) haben die Vermutung geäußert, die Bewohner der Andamanen seien mit einem anderen Negrito-Volk verwandt, den Semang in Südostasien. Neuesten genetischen Daten zufolge sind die Andamanesen vielleicht Abkömmlinge der ersten Auswanderungswelle aus Afrika vor rund 100000 Jahren; die Inseln haben sie, so wird gemutmaßt, vor 35000 bis 40000 Jahren erreicht. Während der damaligen Eiszeit war der Meeresspiegel viel niedriger als heute, so daß es möglicherweise eine Landverbindung zu den Inseln gab; andernfalls könnten die Vorfahren der Eingeborenen die flache See in Einbäumen von Sumatra, den Nikobaren oder der malaysischen und burmesischen Küste aus überquert haben.

Zu Unrecht haftet den Andamanesen der Mythos des Kannibalismus an. Sein Ursprung ist die frühere Sitte der Insulaner, die Leiber ihrer getöteten Feinde zu zerschneiden und ins Feuer zu werfen. Außenstehende Beobachter haben wohl vermutet, diese Sitte bilde den Auftakt zu einem kannibalischen Festschmaus. Heute jedoch steht zweifelsfrei fest, daß die Insulaner die Körper nie verzehrten; ihr Brauch war nur eine Vorsichtsmaßnahme, um böse Geister zu vertreiben. Hingegen begraben die Eingeborenen die Leichen ihrer Verwandten unter den Gemeinschaftshütten, um die Seelen nahe bei der Familie zu wissen.

Oft hat man die Andaman-Kultur als steinzeitlich beschrieben, doch es wäre falsch, zu behaupten, die Eingeborenen hätten vor Eintreffen der Briten keinerlei Kontakt zur Außenwelt gehabt. Schon bevor die Kolonialmächte auftauchten, wurden Insulaner oft als Sklaven in Süd- und Südostasien gehandelt. So fanden sich viele im Besitz des Radscha von Kedah wieder, der sie wiederum als Teil seiner Tributzahlung an den König von Siam schickte. Einiges spricht sogar dafür, daß andamanische Sklaven an den französischen Hof gelangten. Das war jedoch nicht der einzige Weg, auf dem die Ureinwohner etwas von der weiten Welt erfuhren: Reisende brachten Gegenstände mit – oder die Andamanesen fanden angeschwemmte Objekte am Strand.

Während meiner Feldstudien verbrachte ich die meiste Zeit beim Stamm der Onge. Heute leben etwa 100 Onge auf Klein-Andaman (siehe Karte) in zwei dauerhaften Siedlungen: Dugong Creek im Norden und South Bay an der Südspitze. Auf der übrigen Insel leben Einwanderer aus Indien. Aus den Erzählungen der Onge, eigenen Beobachtungen, den Forschungen von Cipriani, Pandya sowie Badal Basu vom Anthropological Survey of India konnte ich mir allmählich ein Mosaik des Lebens der Onge und ihrer Traditionen zusammensetzen.

Bei zahlreichen Interviews mit rund 30 Frauen, Männern und Kindern entdeckte ich bislang unbekannte Seiten des Lebens der Insulaner im Regenwald. Ich führte diese Gespräche in der Onge-Sprache durch; die aufschlußreichsten Auskünfte lieferten die Männer Bada Raju, Totanange und Tilai. Ihre Aussagen habe ich zu folgendem Bericht verwoben:

"Während der Trockenzeit sammelten sie [die Vorfahren oder andere Onge] bulundange [Jackfrucht] und lagerten sie. Sie füllten tole [große Körbe] randvoll mit Früchten und bedeckten sie mit Blättern. Sie gingen auch auf die Jagd, brachten Wildschweinfleisch zurück, und, wenn das aufgebraucht war, aßen sie bulundange. Damals gab es keinen Tee, sie tranken nur Wasser. Sie sammelten viel trockenes Holz, denn sobald es naß wird, ist es sehr schwierig, Holz zu finden. Deswegen wird das gesamte Holz während der Torale [Trockenzeit] auf Vorrat gesammelt. Bevor es zu regnen beginnt, wird die große tokabe [Gemeinschaftshütte] gebaut. Während der Regenzeit ist es drinnen sehr angenehm.

In der Vergangenheit gab es keine Lohnarbeit, sie hatten viel Zeit, ihre Häuser zu bauen, Wildschweinfleisch zu beschaffen und fettes Fleisch zu essen. Sie hatten auch keine Küchengeräte – um das Schweinefleisch zu kochen, töpferten sie bucu (Tontöpfe). Wenn dann Kwalokange [der Südostmonsun] einsetzt, magern die Wildschweine ab und schmecken nicht mehr so gut. In den Bächen im Wald gibt es aber genügend Fische, und sie fingen Fische und nana (Garnelen)."

"Damals gab es kein Eisen, wir benutzten das Holz der Areca-Palmen…, aber am Strand fanden wir dennoch angeschwemmtes Metall. Aus einem anderen Holz bauten wir dange [Einbäume], aber sobald wir sie zu Wasser ließen, sanken sie. So wußten wir, daß dieses Holz nicht taugt. Deshalb probierten wir eine andere Holzart und, siehe da, sie schwamm. Dieses Holz haben wir danach benutzt. So haben wir dazugelernt. In den alten Tagen gab es kein Nylonseil – die Faser, mit der heute Schildkröten getötet werden. Wir stiegen ins Wasser und umzingelten die Schildkröte. Wir benutzten Räucherwerk aus dem Wald, machten eine Fackel aus kuendeve [getrockneten Rotang-Blättern] und zündeten sie mit dem Räucherwerk an, während wir die Schildkröte einkreisten. Damals waren wir viele Onge, und so trieben wir die Schildkröte in die Enge. Zu der Zeit töteten wir die Schildkröte noch nicht mit Harpunen; Pfeile benutzten wir nur, um Wildschweine zu jagen."



Der Alltag auf den Andamanen



"Auf dieselbe Weise fingen wir Seekühe. Wir warteten bis zur Ebbe und jagten Schildkröten und Seekühe bei Nacht. Nicht bei Flut – da wären wir ertrunken. Sobald das erledigt war, gingen wir wieder in den Wald, holten mehr Räucherwerk, zündeten es an und machten uns auf die Suche nach Wildschweinen.

Damals waren wir viele Onge, wir hatten keine Angst vor Tommanyo [einem Nachtgeist] und gingen nachts in den Wald. Wir hatten überhaupt keine Angst. Damals lebten die Onge überall, es gab überall viele bera [territoriale Gemeinschaften]. Wir waren so viele. Die Wildschweine legten sich nachts schlafen, und dann jagten wir sie. Es war so einfach damals. Bei Tageslicht kamen wir zurück und suchten das Wildschwein, das wir während der Nacht gejagt hatten. Dann nahmen wir es mit, räucherten es und kochten es. Und so lebten wir. Wir hatten damals keine Kleider, wir trugen Rinde aus dem Wald. Die Mädchen machten sie mit kuendeve. Das sind einige der Dinge, die wir taten."

Wie viele andere Eingeborenengruppen sehen die Onge sich in einem Universum, in dem alles mit allem verbunden ist; es ist bevölkert von Geistern, zu denen auch ihre Vorfahren – die Onkoboykwo – gehören, die in ihrem alltäglichen Leben eine wichtige Rolle spielen. Andere Geister sind die tomya. Sie machen sich als Winde aus verschiedenen Richtungen bemerkbar; deshalb bezeichnen ihre Namen auch die Jahreszeiten.



Die Geister der Vorfahren



Nahrung treibt für die Onge den Kreislauf des Lebens an. So wird neues Leben gezeugt, wenn eine Frau Essen zu sich nimmt, in dem die Onkoboykwo hausen. Diese Geister der Vorfahren leben ansonsten in einer Welt, die derjenigen der Onge gleicht. Doch sie haben keine Zähne und können nicht kauen. Deshalb nisten sie sich in Nahrungsmitteln ein, um ihren Hunger zu befriedigen. Wenn darum die Frauen Nahrung zu sich nehmen, in der Geister hausen, werden aus den Onkoboykwo Onge; nach dem Tod verwandeln die Onge sich wiederum in Onkoboykwo. Die Nahrung ist auch Grundlage bestimmter sozialer Beziehungen. So bildet sich ein enges Band zwischen einem Kind und allen Frauen, die es ernährt haben, oder auch zwischen dem Kind und dem Mann oder der Frau, die das Essen lieferten, welches die Mutter geschwängert hat.

Daraus wird die tiefe und symbolische Bedeutung der Nahrung für die Onge deutlich – eine Bedeutung, die das Jäger- und Sammlerleben der Onge widerspiegelt. Besonders stark ist dadurch die Verbindung zur Natur, denn sie bestimmt, wo die Onge im Laufe eines Jahres leben und was sie essen. So ziehen die Onge, sobald die heiße Trockensaison beginnt – in der Regel von März bis April –, von der Küste, wo sie Schildkröten gejagt haben, in die Wälder, um dort tanja (Honig) zu sammeln. Dieser Umzug markiert den Beginn der Jahreszeit Torale, in der die Geister die Inseln verlassen. Die Familien einer bera versammeln sich dann in der großen, bienenkorbförmigen Gemeindehütte, unter der die Gebeine der Vorfahren begraben liegen.

Die Ankunft des Dare-Geistes, der im Juni auf dem Rücken des Südwest-monsuns in den Wald reitet, markiert das Ende der Torale-Zeit. Für die Onge ist dieser Wind das Zeichen, die Wälder zu verlassen und in provisorische Unterkünfte an Bächen und Mangrovenhainen zu ziehen. Hier sammeln und jagen sie Garnelen, Fische und Mangrovenfrüchte. Sobald der Geist Dare Ende September wieder verschwindet, ziehen sich die Onge in ihre Wälder zurück und leben von Wildschweinen – bis zur Ankunft des Kwalokange-Geistes und des Südostmonsuns im Oktober. Nun kehren die Onge an die Küste zurück und beginnen Seekühe zu jagen. Sie glauben, daß der Geist Kwalokange unterdessen im Wald die restlichen Wildschweine verzehrt und nur ein paar für den nächsten Geist übrigläßt: den Nordostwind Mekange. Das Erscheinen von Mekange von November bis Februar erinnert die Onge daran, daß es Zeit ist, wieder Schildkröten zu fangen. So schließt sich der Kreis der Jahreszeiten.

Alles, was ich bislang von den Gebräuchen und dem Glauben der Onge berichtet habe, handelt von ihren traditionellen Lebensformen. Doch seit Beginn der Kolonialherrschaft vor fast 150 Jahren geht diese althergebrachte Kultur langsam zugrunde.

Die britische Regierung richtete auf den Andamanen 1858 eine ständige Strafkolonie ein. Aus dieser Zeit stammen die ersten verläßlichen schriftlichen Quellen über die Inseln und ihre Bewohner. Als die ersten englischen Kolonisten ankamen, gab es auf den meisten der rund 200 Inseln des Andamanen-Archipels Eingeborene. Der Kontakt mit den Briten zog die "Befriedung" der verschiedenen territorialen Gruppen des Groß-Andamanesischen Stammes nach sich. Den an der Küste lebenden Gruppen der Onge erging es nicht viel besser.

Natürlich ist "Befriedung" ein Euphemismus: Das Militär brach – oft gewaltsam – den Widerstand der Ureinwohner. Carmel Schrire von der Rutgers-Universität in New Brunswick (New Jersey) schreibt in ihrem Buch "Digging Through Darkness: Chronicles of an Archaeologist" (University Press of Virginia, 1995), die Tatsache, daß "die Meinungen und Gefühle der Enteigneten" selten bekannt würden, "bedeutet nicht, daß sie zu allem geschwiegen hätten…. Sie wurden ganz einfach nicht überliefert." Nahezu unser gesamtes Wissen über jene Ära stammt daher aus Zeugnissen der Kolonisten, die über Zusammenstöße mit den Einheimischen berichten.

Die Briten bescherten den Stämmen auf Nord-, Mittel- und Süd-Andaman erst ein Blutbad, dann Krankheiten und schließlich Enteignung. Im Jahre 1901, als die Briten auf dem indischen Subkontinent ihre erste Volkszählung durchführten, fanden die Beamten noch 625 Groß-Andamanesen vor. Die Anzahl der anderen Stämme bezifferten sie auf 672 Onge, 468 Jarawa und 117 Sentinelesen. Nach kurzer japanischer Besetzung während des Zweiten Weltkriegs übernahm die indische Regierung im Jahre 1947 die Kontrolle über die Inseln.

Doch das neue Regime gebärdete sich nicht weniger kolonial. Gleich den Briten suchte die indische Regierung "die Last des weißen Mannes" zu übernehmen und den Eingeborenen von oben herab zu helfen. Doch Seuchen und andere Widrigkeiten forderten weiterhin ihren Tribut. Als das unabhängige Indien 1951 seine erste Volkszählung durchführte, war die Zahl der Groß-Andamanesen auf 23 gefallen. Die Schätzungen für die anderen Stämme lagen ähnlich niedrig: 150 Onge, 50 Jarawa und 50 Sentinelesen.

Heute haben die knapp vierzig Leute, die sich auf ihre Herkunft von Groß-Andamanesen berufen, meist auch indisches Blut. Es gibt nur noch etwa 100 Onge, 250 Jarawa und 100 Sentinelesen. Den größten Schaden fügte die Kolonialzeit zweifellos den Groß-Andamanesen zu; die indische Regierung hat sie auf die kleine Strait-Insel umgesiedelt, um ein wenig von dem historischen Unrecht gutzumachen, das diesem Volk angetan wurde.

Sowohl die Groß-Andamanesen als auch die Onge leben gegenwärtig seßhaft: Statt zu jagen und zu fischen, verzehren sie Nahrungsrationen, die ihnen die indische Regierung zukommen läßt. Die Kolonialzeit besser überstanden haben die Jarawa und die Sentinelesen. Der in dichten Waldgebieten lebende Jarawa-Stamm hat bis heute nur eingeschränkten Kontakt zur Außenwelt, über dessen Umfang und Konditionen er allein bestimmt. Die Angehörigen des Sentinelesen-Stammes lassen sich praktisch überhaupt nie mit Fremden ein.

Beide Stämme – vor allem die Sentinelesen – verteidigen die Grenzen ihres Territoriums mit eisenbewehrten Pfeilen und Bogen. Vertreter der indischen Regierung suchen die Jarawa zu friedlicheren Umgangsformen zu bekehren, indem sie sie mit der Möglichkeit locken, "vollberechtigte Bürger des Landes" zu werden, und ihnen dafür Kokosnüsse, Bananen, Reis, Stoff und Eisenwaren versprechen.

Wie der Ökologe Romulus Whitaker festgestellt hat, sind die Jarawa gegenwärtig vor allem durch zunehmende Übergriffe Außenstehender in ihre traditionell angestammten Jagd- und Fischgründe bedroht. Er beobachtet, daß die Jarawa bereit sind, hohe Risiken einzugehen, um an Eisen für ihre Pfeilspitzen zu gelangen: Dafür überfallen sie sogar Straßenbaustellen, Waldhütten und Farmen. Wie das Ausmaß der "Jarawa-Vorfälle" belegt (die übrigens nur dann auf ein Presse-Echo stoßen, wenn es Tote auf indischer Seite gibt), haben Siedler, illegale Zuwanderer und Polizei mittlerweil auf eigene Faust einen Kleinkrieg gegen die Jarawa begonnen.

Die Sentinelesen hingegen erfreuen sich eines relativ sicheren Lebens, da sie eine kleine Insel bewohnen, die schwierig zu erreichen ist. Der Außenwelt gegenüber verhalten sie sich weiterhin feindselig. Bis vor acht Jahren haben sie jeden Versuch abgewehrt, Sentinel zu besuchen. Erst 1991 nahmen sie von indischen Anthropologen und Verwaltungsbeamten einige Kokosnüsse an – doch seither ist nichts dergleichen mehr geschehen.

Für die fortschreitende Zerstörung vieler Eingeborenenkulturen hat sich in den letzten Jahren der Begriff Ethnozid eingebürgert. Zwar werden die Menschen selbst meist nicht gezielt angegriffen, doch oft schiebt man sie in kleine Enklaven ab, wo sie in Abhängigkeit von der herrschenden Bevölkerungsmehrheit leben müssen, die ihr Land an sich gerissen hat. Das Herrschervolk versucht dann, die Lebensqualität dieser "Primitiven" zu verbessern, indem es alle Elemente ihrer "rückständigen" Lebensweise zerstört.

Oberflächlich betrachtet erscheinen diese Versuche als humanitäre Hilfsmaßnahmen; doch sie zeugen von dem Vorurteil, der Lebensstil der Eingeborenen sei minderwertig und müsse daher durch einen anderen und besseren ersetzt werden. Zudem unterstellt diese Politik, die Eingeborenen seien unfähig, ihre Zukunft in die eigene Hand zu nehmen; darum meinen die Eindringlinge, sie müßten sich als große Helfer aufspielen. In Wahrheit jedoch hat die Anpassung der Eingeborenen an die indische Lebensweise vornehmlich den neuen Herren genützt. Während die Briten ihre Kolonie über Nord-, Mittel- und Süd-Andaman ausweiteten, gab es bereits Pläne, das Land der Ureinwohner profitbringend für Bauholz, Land- und Viehwirtschaft sowie Straßenbau zu nutzen. Diese Absichten wurden auf Kosten der Insulaner verwirklicht, die man in kleine Siedlungen verbannte. Als dann Indien von Großbritannien unabhängig wurde, rückten überdies die Wälder auf Klein-Andaman, wo die Onge wohnen, ins Blickfeld des wirtschaftlichen Interesses.

Doch wie auch immer die Maßnahmen verbrämt werden – in jedem Fall sind die Konsequenzen für die Andaman-Insulaner von Nachteil: Die Landfläche, über die sie schalten und walten können, wird ständig kleiner; ihre einzigartige Lebensweise wird allmählich zerstört, und schließlich werden sie immer mehr an den Rand der indischen Gesellschaft gedrängt, in das wachsende Heer der völlig Mittellosen. David Maybury-Lewis von der Hilfsorganisation "Cultural Survival" bemerkt dazu: "Land und der Kampf darum sind der Kern des Problems kulturellen Überlebens, denn was Stammesangehörige am meisten brauchen, ist die Garantie für ihr Land." Aber weil in aller Welt die Forderungen der Eingeborenen die Staatsmacht in Frage stellen, ist es kein Wunder, daß sie meistens erfolglos bleiben.

Dennoch sollte jede Debatte über internationale Menschenrechte den Anspruch der Ureinwohner auf ihr Land einschließen und nach neuen Wegen suchen, derlei Streitigkeiten zu schlichten. Es wird noch einige Zeit dauern, bis die Andamanesen politisch genügend aktiv werden, um selbst ihre Rechte zu definieren. Den ersten Schritt müssen wir Außenstehende tun, indem wir den Insulanern – wenn sie denn überleben sollen – auf lokaler Ebene das Recht einräumen, ihre eigene Zukunft zu planen.

Literaturhinweise


The Andaman Islanders. Von Alfred R. Radcliffe-Brown. Cambridge University Press, 1922 (Neuauflage 1970).

Above the Forest: A Study of Andamanese Ethnoanemology, Cosmology, and the Power of Ritual. Von Vishvajit Pandya. Oxford University Press, New York und Delhi, 1993.

Policing Power, Governing Gender and Reimagining Resistance: A Perspective on the Contemporary Situation of the Andaman Islanders. Von Sita Venkateswar. Dissertation am Department of Anthropology. Rutgers University, 1997


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1999, Seite 58
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 1999

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