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Die Bonobos und ihre weiblich bestimmte Gemeinschaft

Die Vorstellung von männlicher Dominanz bei den frühen Hominiden wird fraglich, denn bei den mit dem Menschen eng verwandten Zwergschimpansen scheinen vor allem die Weibchen das soziale Klima zu prägen. Insbesondere durch vielfältige Sexualkontakte sorgen sie für Harmonie.

Die Bestrebungen für die gesellschaftliche Gleichstellung der Frau erhalten jetzt unerwartet Rückhalt durch Erkenntnisse der Primatenforschung. Bisherige Entwürfe der Menschwerdung hoben in der Regel die führende Rolle des Mannes hervor – auch unterschwellig, etwa mit Begriffen wie "der Mensch als Jäger" oder "der Mensch als Werkzeugmacher"; doch hat sich nun herausgestellt, daß bei den mit uns wohl am engsten verwandten Menschenaffen die Weibchen im Mittelpunkt der Gemeinschaft stehen oder gar die beherrschende Rolle haben.

Diese Art, deren soziales Verhalten in manchem so gar nicht zu dem anderer höherer Primaten paßt, ist wenig bekannt und wird auch erst seit einigen Jahren eingehend erforscht. Ohnehin sind die Zwergschimpansen oder Bonobos (Bild 1) eine der wenigen großen Säugetierarten, die noch in diesem Jahrhundert entdeckt wurden.

Daß es außer dem Orang-Utan, dem Gorillas und dem Gemeinen Schimpansen einen vierten großen Menschenaffen gibt, hat man erst vor gut 60 Jahren herausgefunden. Der deutsche Anatom Ernst Schwarz untersuchte 1929 in einem belgischen Kolonialmuseum einen Schädel, der seiner geringen Größe wegen als der eines jungen Schimpansen galt, doch er erkannte, daß die Knochennähte bereits fest verwachsen waren; demnach mußte es sich um ein ausgewachsenes Individuum gehandelt haben. Schwarz glaubte zunächst an eine neue Schimpansen-Unterart, doch wenige Jahre später gab man dem Tier den Status einer eigenen, völlig neuen Spezies.

Es sollte wegen seiner Ähnlichkeit mit Schimpansen den gleichen Gattungsnamen tragen – der Gemeine Schimpanse heißt wissenschaftlich Pan troglodytes, nach dem griechischen Hirtengott, der halb Tier, halb Mensch war, und dem veralteten Namen für den Höhlen- oder Eiszeitmenschen. Deswegen wurde die neue Art Pan paniscus getauft, also kleiner Pan. Ich glaube allerdings, daß die Experten sich damals anders entschieden hätten, wenn sie schon so viel über die Tiere gewußt hätten wie wir heute. Ursprünglich wurde für den Gemeinen Schimpansen der Artname satyrus (nach dem lüsternen griechischen Waldgeist und Fruchtbarkeitsdämon im Gefolge des Dionysos) vorgesehen – und der hätte auf den Bonobo vortrefflich gepaßt.

Denn das Charakteristischste am Verhalten dieser Menschenaffen, worin sie sich auch stark von den Schimpansen unterscheiden, sind die zentrale soziale Stellung der Weibchen, die Gleichwertigkeit der Geschlechter und die stark ausgeprägte Sexualität, mit der vielfach Aggressionen abgefangen werden. Anders als die meisten Tiere sind Bonobos nicht nur in bestimmten Situationen, sondern bei vielen Gelegenheiten sexuell aktiv. Das scheint geradezu ein integraler Bestandteil ihrer sozialen Beziehungen zu sein – und nicht nur derer zwischen Männchen und Weibchen. Lediglich gegenüber den allernächsten Familienangehörigen sind sexuelle Handlungen einigermaßen unterdrückt; ansonsten werden sie praktisch mit jedem vertrauten Artgenossen vollzogen.

Solche Kontakte haben Bonobos weit häufiger als sämtliche anderen Primaten. Auf die Fortpflanzung wirkt sich das jedoch nicht direkt aus: Die Weibchen bekommen etwa alle fünf bis sechs Jahre ein Junges, ähnlich wie Schimpansen. Sexualität und Zeugung sind also weitgehend entkoppelt – eine Parallele zu einem der markantesten Wesenszüge des Menschen.

Das ist insofern besonders interessant, als Zwergschimpansen dem Menschen genetisch mindestens ebenso nahe stehen wie Schimpansen: Das Erbmaterial ist zu mehr als 98 Prozent gleich. Man nimmt heute an, daß die letzten gemeinsamen Vorfahren aller drei Arten vor knapp acht Millionen Jahren gelebt haben (Bild 2).

Die Entwicklungslinien der beiden Menschenaffen-Spezies dürften sich erst viel später getrennt haben; vielleicht geschah dies, als die Schimpansen-Ahnen sich an offenere Lebensräume wie Savannenwälder anpassen mußten, weil das Klima in Teilen Afrikas langsam trockener wurde (Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1994, Seite 64). Die Zwergschimpansen hingegen haben den Schutz des dichten, immergrünen Regenwaldes vermutlich nie aufgegeben.

Wild leben Bonobos nur mehr in einem kleinen Gebiet südlich des Kongo in Zaire. Es gibt schätzungsweise kaum noch 10000 Individuen. Bei ihrer langsamen Fortpflanzung sowie dem Raubbau am Regenwald und der unruhigen politischen Lage in der Region ist ihr Überleben äußerst ungewiß.


Widersprüchliche Primatenmodelle

Wenn tatsächlich zutrifft, daß die ökologischen Verhältnisse der Bonobos seit Jahrmillionen ziemlich gleich geblieben sind, könnte es sein, daß sie selbst sich in dieser Zeit weniger verändert haben als die Angehörigen vor allem der Menschen-, aber auch der Schimpansen-Linie. Dann sollten sie dem gemeinsamen Vorfahren noch am meisten ähneln.

Dies hatte schon in den dreißiger Jahren der amerikanische Anatom Harold J. Coolidge postuliert, der die heute gülti-ge taxonomische Zuordnung des Zwergschimpansen vorgenommen hatte. Die Art ist nämlich, wie er erkannte, im Körperbau weniger spezialisiert als Schimpansen. Man vergleicht die Erscheinung von Bonobos manchmal sogar mit der von Australopithecinen, Vorformen des Menschen, die sich vor rund dreieinhalb Millionen Jahren in Afrika entwickelt hatten. Wenn Zwergschimpansen sich nämlich auf die Hinterbeine stellen oder aufrecht gehen (was sie recht häufig tun, zumindest viel öfter und geschickter als Schimpansen), erinnern sie verblüffend an Darstellungen früher Hominiden (Bild 5 rechts).

Eine Zeitlang galten die Steppenpaviane als das beste lebende Modell für die Vorfahren des Menschen, denn sie sind an ähnliche ökologische Verhältnisse – offene Baum- und Buschlandschaften – angepaßt wie die, in denen Vor- und Frühmenschen wohl lebten. Man vermutete, viele der typisch menschlichen Züge hätten sich unter dem Zwang der Umstellung vom Regenwald auf die Savanne herausgebildet, so vielleicht die Art der Nahrungsbeschaffung und möglicherweise auch die Struktur des Sozialverbands wie die Formen des Umgangs miteinander.

Je besser dann Schimpansen erforscht wurden, desto deutlicher wurde, daß diese Menschenaffen schon über einige den Menschen auszeichnende Eigenschaften und Fähigkeiten zumindest ansatzweise verfügen, die bei Pavianen nicht oder kaum ausgeprägt sind, insbesondere kooperative Jagd, Teilen der Nahrung, Werkzeuggebrauch, Rangfolge-Kampfstrategien und regelrechte primitive Kriegführung zwischen Nachbargruppen. Schimpansen in Menschenobhut lernen sogar Zeichensprache, und sie erkennen ihr Spiegelbild, was man als Hinweis deutet, daß sie ein Bewußtsein ihrer selbst haben. Deswegen nahm man sie Ende der siebziger Jahre zum neuen Vorbild, um die Lebensweise der ersten Hominiden zu modellieren.

Auch wenn man daran viele Aspekte der menschlichen Evolution besser verstehen lernte, blieben die Vorstellungen zumindest in einem Punkt von dem Pa-radigmenwechsel unberührt: Weiterhin wurde eine Vormachtstellung des männlichen Geschlechts als natürlich angesehen. Sowohl in Pavian- wie Schimpansengesellschaften stehen an der Spitze der Hierarchie eindeutig die männlichen Tiere; sie herrschen über die Weibchen – oft auch brutal – und würden sich im Erwachsenenalter kaum je einem fügen, auch keinem ranghohen.


Die kleinen, bedeutungsvollen Unterschiede

Was die Bonobos von den Gemeinen Schimpansen unterscheidet, ist in der Hauptsache nicht ihre Größe, eher schon die körperliche Erscheinung; vor allem aber ist es die Art, wie sie miteinander umgehen. Der Name kleiner Pan ist darum etwas irreführend, denn sie wiegen etwa so viel wie die kleinste Schimpansen-Unterart: rund 43 Kilogramm die Männchen und etwa 33 die Weibchen. Doch bei den Bonobos pflegen die körperlich schwächeren Weibchen sich durchzusetzen, was einer Schimpansenfrau kaum gelingen würde.

Äußerlich, sozusagen im Design, unterscheiden die beiden Arten sich wie eine Concorde von einer Boeing 747. Ohne Schimpansen abqualifizieren zu wollen, muß ich Bonobos einfach mehr Klasse zusprechen. Die langen Beine, der kleine Kopf auf den schmalen Schultern – alles an ihnen ist graziler. Sie haben auch ein flacheres, offeneres Gesicht und eine höhere Stirn, rötliche Lippen, kleine Ohren und fast so weite Nasenlöcher wie ein Gorilla. Ihre Eleganz wird noch von der hübschen Mittelscheitelfrisur aus feinem, langem, schwarzem Haar betont (Bild 1).

Die Weibchen nähren ihre Kinder wie Schimpansinnen bis zu fünf Jahre lang und haben sie während dieser Zeit immer bei sich. Mit etwa sieben Jahren wird ein Bonobo allmählich unabhängiger. Die jungen Weibchen gebären erstmals mit 13 oder 14 Jahren; ausgewachsen sind sie aber erst mit ungefähr 15 Jahren. Wie alt Bonobos werden, weiß man nicht; Schimpansen zumindest können in der Wildbahn mehr als 40, in Gefangenschaft fast 60 Jahre erreichen.

Beide Arten ernähren sich hauptsächlich von Früchten. Zusätzlich fressen sie Tiere – Bonobos allerdings viel weniger. Sie fangen sich wohl manchmal Insekten und gelegentlich kleinere Wirbeltiere, auch Säuger; doch daß sie wie Schimpansen gar kleinere Affen erjagen würden, hat man noch nicht beobachtet. Anstelle tierischen Proteins verspeisen sie gern markhaltige Pflanzenstengel.

Schimpansen haben viele Tricks, um sich Nahrung zu beschaffen: Um etwa Nüsse zu knacken, holen sie sich eigens geeignete Steine, und Termiten oder Ameisen angeln sie mit Grashalmen und zurechtgebissenen Stöckchen aus deren Bauten. Offenbar gehen wilden Bonobos solche Fähigkeiten ab, obwohl sie als Zootiere sehr erfindungsreich Gegenstände als Werkzeuge handhaben. An Intelligenz scheinen sie Schimpansen gleichwohl nicht nachzustehen. Hingegen sind sie von viel empfindlicherem Wesen. Dies zeigte sich auch, als im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff auf München alle Bonobos des Tierparks Hellabrunn anscheinend vor Angst vor den Detonationen starben, während die Schimpansen den Schrecken gesund überstanden.

Beachtlich ist ihr Einfallsreichtum beim Spiel. Mitunter etwa verdeckt ein Tier die Augen mit einem Bananenblatt oder drückt sie mit zwei Fingern zu. So wankt es herum, wobei es Schwierigkeiten hat, das Gleichgewicht zu halten, bufft gegen Kameraden und verliert auf dem Klettergerüst beinahe den Halt, als müsse es der Blindekuh-Regel unbedingt folgen. Andere Menschen- und auch Tieraffen mögen das Spiel gleichfalls, aber nie habe ich gesehen, daß sie sich ihm so eifrig und ausgiebig widmeten.

Besonders junge Bonobos sind hemmungslos verspielt und schneiden gern Fratzen, etwa wenn sie sich gegenseitig durchkitzeln; manchmal beschäftigen sie sich auch mit pantomimischen Verrenkungen lange für sich allein. Aber Bonobos sind in ihren Emotionen wiederum kontrollierter und lassen sich nicht so stark gehen wie die extrovertierten Schimpansen, die Freude, Traurigkeit, Aufregung oder Wut meist sehr deutlich zeigen und andere fühlen lassen. Unter ranghohen Schimpansenmännern ist es üblich, seine Kräfte in einem imposanten, für die anderen nicht ungefährlichen Spektakel zur Schau zu stellen. Sie rasen dann minutenlang randalierend mit gesträubtem Fell umher, hauen um sich, machen mit allem, was ihnen in die Quere kommt, Lärm und werfen mit Steinbrocken, abgebrochenen Ästen und selbst mit ausgerissenen Bäumchen. Die schwächeren Artgenossen pflegen sich derweil wohlweislich in Sicherheit zu bringen. Die Kraftdemonstration eines Bonobomännchens verläuft vergleichsweise harmlos: Meist tut es schon ein kurzer Spurt, bei dem es einige Äste hinter sich herschleift.

Beide Arten teilen ihre Absichten und Gefühle mimisch und durch Handgesten mit. Vielfach ist es die gleiche Körpersprache, die auch der Mensch hat. So strecken bettelnde Bonobos die offene Hand aus – manchmal freilich auch einen Fuß (wie sie überhaupt beim Kommunizieren auffallend viel die Füße benutzen); ergattern sie nicht den erwünschten Leckerbissen, verziehen sie schmollend den Mund und jammern weinerlich.

Die Lautäußerungen der beiden Arten klingen allerdings verschieden. Statt des tiefen, langgezogenen, eher keuchenden "huuu – huuu" der Schimpansen beispielsweise, einem häufigen Kontaktruf, an dem sich wohl auch Individuen über Distanzen erkennen, geben Bonobos ein ziemlich scharfes, hohes Bellen von sich.


Sexuelle Freizügigkeit

Zu den Bonobos zog mich weniger ihr Charme. Mein eigentliches Forschungsgebiet ist das Aggressionsverhalten von Primaten, wobei mich insbesondere das Nachspiel ernster Auseinandersetzungen interessiert. Den Umgang mit Konflikten hatte ich jahrelang an Schimpansen studiert und zum Beispiel beobachtet, daß zwei Männchen sich nach einem Kampf umarmen und auf den Mund küssen. Ich nenne solches Verhalten Versöhnung, weil man vermuten darf, daß die Kontrahenten auf diese Weise wieder Frieden schließen.

Gesten dieser Art haben alle Tiere in engen sozialen Bindungen nötig, bei denen auch immer wieder Interessenkonflikte auftreten können. Der Mensch ist da keine Ausnahme: Wie viele Ehen und Freundschaften würden wohl halten, wenn es nicht Möglichkeiten gäbe, sich wieder zu versöhnen und einen Streit vergessen zu machen? Ich wollte wissen, wie andere Primaten mit solchen Situationen umgehen. Deswegen beobachtete ich mehrere Arten in verschiedenen zoologischen Gärten. Auf die Lösung, die Bonobos praktizieren, war ich indes nicht gefaßt.

Mit diesen Studien begann ich 1983 in San Diego (Kalifornien), wo damals die größte in einem Zoo gehaltene Kolonie lebte. Es waren zehn Individuen, unterteilt in drei Gruppen. Ich verbrachte ganze Tage vor dem Gehege und nahm mit einer Videokamera das Verhalten bei der Fütterung auf. Kaum näherte sich ein Tierpfleger, bekamen die Männchen eine Erektion, und beide Geschlechter lockten einander mit sexuellen Gesten – auch Weibchen untereinander.

Die Sexualität, das wurde mir bald klar, ist der Schlüssel zum Sozialleben der Zwergschimpansen. Ein erstes Anzeichen dieser Besonderheit beschrieben schon 1954 die deutschen Primatologen Eduard Tratz und Heinz Heck – zurückhaltend mit lateinischen Begriffen: Die Schimpansen im Tierpark Hellabrunn würden sich more canum (wie Hunde) paaren, die Bonobos more hominum (auf Menschenart). Nun hatte man bis damals geglaubt, nur Angehörige unserer Gattung vollzögen den Geschlechtsakt mit zugewandten Gesichtern; und zu Kolonialzeiten meinte man auch, diese kulturelle Errungenschaft unzivilisierten Völkern erst beibringen zu müssen – daher stammt der Ausdruck "Missionarsstellung". Aber die Arbeit von Tratz und Heck wurde wohl nicht aus Prüderie international ignoriert, sondern weil sie auf deutsch verfaßt war. So mußte die Eigenheit der Bonobos erst in den siebziger Jahren wiederentdeckt werden, damit sich die Erkenntnis durchsetzte, daß ihre Paarungsstellung der des Menschen ähnelt (Bild 5 Mitte).

Zwergschimpansen sind bemerkenswert leicht sexuell erregbar, und sie verleihen dem in allen möglichen Begattungspositionen und sonstigen Weisen des Genitalkontaktes Ausdruck. Freilebende Tiere kehren einander bei etwa jeder dritten Kopulation das Gesicht zu, Schimpansen praktisch nie. Anscheinend sind die Genitalien der Bonobo-Weibchen dieser Stellung angepaßt, denn Vulva und Klitoris liegen relativ weit vorn.

Eine weitere Parallele zum Menschen ist die erhöhte sexuelle Bereitschaft der Weibchen. Bei beiden Schimpansenarten ist sie an einer auffallenden, rosafarbenen Genitalschwellung erkennbar. Dieser Zustand hält aber bei den weiblichen Gemeinen Schimpansen in der Regel nur wenige Tage während des Zyklus an, hauptsächlich solange das Weibchen tatsächlich fruchtbar ist, bei den weiblichen Bonobos hingegen fast permanent; und sie lassen sich fast stets, sogar in der Schwangerschaft, begatten (Bild 3).

Typisch für Bonobos und offenbar einzigartig unter tierischen Primaten ist, daß zwei Weibchen einander die Genitalien reiben. Das eine legt sich rücklings hin und klammert sich dann mit Armen und Beinen an das andere, das auf allen Vieren steht und die Partnerin hochhebt. Schließlich bewegen sie ihre Schwellungen seitwärts gegeneinander, wobei sie das Gesicht wie zum Grinsen verziehen und spitze Schreie ausstoßen, vermutlich weil sie einen Orgasmus haben. (Wie Laboruntersuchungen an Bärenmakaken ergaben, erleben nicht nur Menschenfrauen einen solchen konvulsivischen Höhepunkt geschlechtlicher Erregung.)

Auch Bonobo-Männchen haben miteinander Genitalverkehr. Doch meist wenden sie sich dabei den Rücken zu, und eines reibt kurz sein Skrotum am Hinterteil des anderen; oder sie lassen sich einander zugewandt von einem Ast baumeln, während sich die erigierten Glieder berühren.

Als weitere Spielarten kommen gelegentlich Oralverkehr, Massieren der Genitalien eines anderen und intensive Zungenküsse vor. Man denke nun allerdings nicht, Bonobos seien versessen auf solche Betätigungen, und ihr Sexualtrieb sei geradezu pathologisch ausgeprägt. Nachdem ich sie viele hundert Stunden beobachtet habe, kann ich sagen, daß dies alles eher beiläufig und entspannt geschieht. Geschlechtliche Kontakte gehören offenbar einfach zum Gruppenleben und ergeben sich, wie beim Menschen gewöhnlich auch, nur gelegentlich. Außerdem werden die Kopulationen recht rasch vollzogen; sie dauern durchschnittlich 13 Sekunden.

Sexuelle Kontakte angesichts von Futter beobachtete Nancy Thompson-Handler von der Staatsuniversität von New York in Stony Brook auch in freier Wildbahn, etwa wenn ein Trupp Bonobos im Lomakowald von Zaire einen Baum voller reifer Feigen erklommen oder eines der Tiere eine größere Beute – etwa eine kleine Waldantilope – gefangen hatte. Die libidinöse Phase dauerte vielleicht fünf oder zehn Minuten, dann machten sich alle ans Fressen.


Liebe statt Krieg

Es hat den Anschein, als würden solche geschlechtlichen Aktivitäten die ruhige gemeinsame Mahlzeit erst ermöglichen. Ich möchte nicht ausschließen, daß zu einem gewissen Teil die Begeisterung über verlockende Nahrung in sexuelle Erregung umschlägt, welche die Tiere dann abzureagieren suchen. Hauptsächlich aber dürfte dieses Verhalten Futterneid unterdrücken.

Daß die Bonobos mit sexuell getönten Handlungen Zank und Streit vermeiden, vermute ich aus zwei Gründen. Zum einen muß nicht unbedingt Futter, vielmehr kann irgend etwas, wofür zwei der Tiere sich zugleich interessieren, der Auslöser sein. Wird beispielsweise ein leerer Pappkarton ins Gehege geworfen, den beide unbedingt haben möchten, besteigen sie sich im allgemeinen kurz und spielen dann gemeinsam damit. Bei den meisten anderen Primatenarten wären solche Situationen Anlaß für aggressive Rivalität. Bonobos hingegen verhalten sich oft erstaunlich tolerant. Ich denke, daß sie sich mit dem sexuellen Kontakt von dem Gegenstand eines potentiellen Konflikts ablenken und die innere Spannung lösen.

Zum anderen fällt auf, daß sie intime Nähe häufig direkt nach irgendwelchen tätlichen Auseinandersetzungen suchen. So kommt es vor, daß ein eifersüchtiges Männchen einen Nebenbuhler verscheucht, sich aber nicht dem Weibchen zuwendet, sondern mit dem Rivalen zusammenhockt und beide einander die Hoden reiben. Oder wenn eine Mutter sich wütend auf ein Weibchen stürzt, das ihr Junges geschlagen hat, kann der Angriff unmittelbar in einen Genitalkontakt übergehen.

Einmal sah ich, wie der junge, im Klettern noch unsichere Kako auf einem Ast unabsichtlich der ein wenig älteren Leslie in die Quere kam. Die stupste ihn an, was ihn aber nur nervös machte, so daß er sich um so krampfhafter festklammerte und unsicher grinste. Als nächstes biß sie ihn leicht in die Hand, doch Kako quiekte nur und rührte sich noch immer nicht. Schließlich rieb Leslie ihre Vulva gegen seine Schulter – da krabbelte er zur Seite. Nach menschlichem Ermessen hätte nicht viel gefehlt, daß die aufgebrachte Äffin sich gewaltsam durchsetzte; statt dessen beruhigte sie mit einem sexuellen Akt sich und den Störenfried.

Ob es um Futter geht oder darum, einen Streit beizulegen – das Aktionsrepertoire ist das gleiche. Anhand vieler Einzelbeobachtungen vermochte ich erstmals eindeutig zu belegen, daß geschlechtliche Kontakte dazu dienen können, Aggression zu überwinden. Das gilt auch für andere Tiere (vom Menschen nicht zu reden) und ist verschiedentlich beschrieben worden; doch am höchsten entwickelt ist diese Weise der Beschwichtigung wohl sicherlich bei den Bonobos. Ihr sexuelles Verhalten ist so eng mit dem sozialen Geschehen verknüpft, daß beides nicht mehr zu trennen ist. Mithin sollte es eigentlich nicht erstaunen, daß praktisch jedes Gruppenmitglied mit jedem geschlechtliche Kontakte haben kann – sogar Jungtiere mit Erwachsenen. Da der wesentliche Zweck allgemeine Harmonie ist, sind alle von klein auf in die friedensstiftenden Begegnungen einbezogen.


Die Liga der Weibchen

Die Sexualität der Bonobos prägt zudem den besonderen Charakter ihrer Sozialstruktur mit. Dies wurde erst durch die Feldbeobachtungen deutlich, die Mitte der siebziger Jahre begannen, also knapp 15 Jahre später als die Freilandstudien der Engländerin Jane Goodall und des Japaners Toshisada Nishida in Tanzania an Schimpansen; was diese beiden unabhängigen Projekte am Gombe-Fluß und in den Mahale-Bergen, die über die Jahrzehnte mit einem großen Mitarbeiterstab fortgesetzt wurden, an Erkenntnissen gebracht haben, ist sicherlich einmalig.

Allmählich zahlen sich aber auch die nunmehr zwanzig Jahre aus, die der Primatologe Takayoshi Kano und andere Forscher der Universität Kyoto (Japan) auf der Forschungsstation Wamba in Zaire bei den dortigen Zwergschimpansen zugebracht haben. Auch wenn eine solche Zeitspanne bei weitem nicht ausreicht, um wirklich zu begreifen, in welcher Weise die Gesellschaften dieser Menschenaffen aufgebaut sind, vermitteln die kontinuierlichen Beobachtungen über ein oder zwei Generationen doch erhellende Eindrücke.

Schimpansen wie auch Bonobos bewegen sich nicht im festen Verband, sondern in teilweise immer wieder wechselnden Grüppchen; mitunter sondert sich auch ein Tier ab und streift stunden-oder gar tagelang allein umher. Es kommt vor, daß ein kleiner Trupp morgens loszieht, mittags auf einen anderen stößt und beide den Nachmittag über zusammenbleiben. Auch wenn die Gruppe sich später wieder auflöst, kann die Konfiguration ganz anders sein als vorher. Möglicherweise brechen ein oder zwei Tiere aus jedem der beiden Trupps auch gleich zusammen auf und lassen die anderen zurück. Unverbrüchlich ist nur der Zusammenhalt der Mütter mit noch nicht selbständigen Kindern.

Diese Unstetheit verstanden die Forscher zunächst nicht, konnte das doch bedeuten, daß die dem Menschen nächsten Primaten nicht in stabiler Gemeinschaft leben – wie zum Beispiel Paviane oder Makaken, die feste Horden bilden, und auch die anderen Menschenaffen außer dem eher einzelgängerischen Orang-Utan (siehe Spektrum der Wissenschaft, November 1994, Seite 78): Gorillas haben relativ kleine, stabile Familienverbände mit einem Männchen an der Spitze; Gibbons führen eine Einehe.

Daß auch Pan in individualisierten, gegeneinander abgegrenzten Verbänden lebt, dokumentierte zuerst Nishida an der Schimpansen-Population in den Mahale-Bergen, nachdem jahrelang die täglichen Wanderungen ihrer Mitglieder registriert worden waren.

Demnach ist ein sozialer Verband relativ groß; er umfaßt all die kleinen, sich immer wieder neu formierenden Grüppchen. Wahrscheinlich begegnen sich manchmal Tiere tagelang, vielleicht sogar wochenlang nicht. Daß sämtliche Mitglieder – es mögen bis zu einigen Dutzend sein – gleichzeitig zusammentreffen, scheint nicht sehr oft vorzukommen. Die Individuen kennen sich aber gut und tolerieren einander im allgemeinen, außer etwa bei Rangkämpfen. Männliche Tiere eines anderen Verbandes werden allerdings nicht geduldet, Weibchen nur unter besonderen Voraussetzungen.

Wie später Jane Goodall feststellte, hat jede dieser geschlossenen Großgruppen ihr Territorium. Die Männer verschiedener Verbände befehden sich unter Umständen bis zum Tode; sogar regelrechte Kriegszüge hat sie beschrieben, wobei mehrere Tiere zusammen losziehen und Angehörigen eines fremden Verbandes auflauern.

Die männlichen Schimpansen beider Arten bleiben offenbar zeitlebens in ihrer Herkunftsgruppe, während junge Weibchen oft anderwärts Anschluß suchen (manche allerdings wohl nicht auf Dauer). Folglich kennen die erwachsenen Männer jeden Jüngeren ihres Verbandes von Geburt an, und Männchen derselben Altersklasse haben als Kinder miteinander herumgetollt. Abwandernde Weibchen hingegen müssen sich erst in der fremden Gemeinschaft einleben, die ihnen anfangs oft feindlich begegnet. Wie ihnen dies gelingt, wenn ihnen möglicherweise kein einziger vertrauter Artgenosse Rückhalt gibt, ist einer der grundlegenden Unterschiede zwischen Schimpansen und Bonobos.

Ein junges Weibchen der Wamba-Population, das zu einer neuen Gruppe kommt, sucht mit einer oder zweien der erwachsenen Weibchen in engeren Kontakt zu kommen, indem es immer wieder gegenseitiges Genitalreiben anregt und ihnen das Fell pflegt. Wenn die Partnerinnen darauf eingehen, kann sich eine Freundschaft entwickeln, die der Fremden hilft, auch von den anderen Tieren allmählich akzeptiert zu werden. Mit der ersten Geburt wird ihr Status noch sicherer. So kann sie nach und nach in eine maßgebliche soziale Position vorrücken, bis sogar wiederum jüngere fremde Weibchen bei ihr Schutz suchen. Die sexuelle Annäherung ebnet gewissermaßen den Weg in die Gemeinschaft der Weibchen, die bei den Bonobos viel enger ist als bei Schimpansen – und so schließlich in den gesamten Verband.

Schimpansenweibchen haben diese Möglichkeit anscheinend nicht. Allenfalls scheinen sich zwischen Männchen des fremden Verbandes und sexuell attraktiven jungen Weibchen erste freundlich getönte Kontakte anzubahnen.

Verschieden ist bei den beiden Arten offenbar auch die soziale Einbindung der erwachsenen männlichen Tiere. Ein Bonobomann bleibt sein Leben lang eng mit der Mutter liiert. Er zieht viel mit ihr herum, wohin immer sie sich begibt, und genießt – oder benötigt wohl auch – ihre Protektion bei Rivalitäten und Rangkämpfen mit Geschlechtsgenossen. Viele der ranghöchsten Männer sind denn auch die Söhne bedeutender Weibchen.

Bei Schimpansen geht es völlig anders zu. Die Männchen schlagen sich selbst durch, kämpfen sich im Rang oft allerdings mit der Unterstützung eines oder mehrerer Gefährten hoch. Auch streifen sie häufig zu mehreren umher und pflegen sich gegenseitig das Fell. In ihre strenge soziale Hierarchie haben Weibchen sich nicht einzumischen.

Trotz des unablässigen Wettbewerbs um die höchsten Rangpositionen bestehen zwischen erwachsenen Männchen enge Freundschaften. Offenbar müssen Schimpansenmänner schon deswegen zusammenhalten, damit sie den Angriff einer Nachbargruppe überstehen und ihr Revier halten können. Wie gefährlich ihr Leben ist, läßt sich auch daraus ersehen, daß es in einer Population gemeinhin deutlich weniger erwachsene Männchen als Weibchen gibt.

Zwar hat man im Freiland auch zwischen Bobono-Gruppen ernste Auseinandersetzungen beobachtet, doch scheinen sie selten zu sein. Einigen Berichten zufolge finden sogar ab und an Mitglieder einzelner Horden friedlich zusammen und lassen sich dann auf sexuelle Kontakte und Fellpflege ein. Falls Gruppenkämpfe tatsächlich die Ausnahme sind, hätte man eine gute Erklärung, wieso Zwergschimpansen kaum Männerbünde schließen: Truppenbildung gegen aggressive Fremde wäre nicht nötig.

Das könnte mit ein Grund dafür sein, daß das soziale Gefüge anscheinend eher auf Bindungen mit und zwischen den Weibchen basiert. Selbst für ein erwachsenes Männchen scheint die Beziehung zu seiner Mutter mehr zu zählen als die zu Geschlechtsgenossen, was für einen Schimpansen äußerst ungewöhnlich wäre. Kano nennt denn auch die Muttertiere den Kern einer Bonobo-Gruppe.

Zwergschimpansen dürften die einzigen tierischen Primaten sein, bei denen erwachsene Weibchen einer Gruppe mit denen einer fremden eine enge Freundschaft eingehen. Generell, so hat der Anthropologe Richard W. Wrangham von der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) dargelegt, bilden sich die stärksten Bindungen zwischen den Zugehörigen desjenigen Geschlechtes, das in der Gruppe seiner Herkunft verbleibt. Die Schimpansen mit ihren Männerfreundschaften würden dem Prinzip mithin gehorchen. Auf umgekehrte Weise passen Makaken und Paviane in dieses Schema, weil sich meist die Männchen eine neue Gruppe suchen, während die Weibchen von mütterlichen Clans eine verschworene Einheit bilden.

Warum sich Bonobo-Weibchen entgegen Wranghams Regel mit gruppenfremden sozusagen sekundär verschwistern und sich somit anders verhalten als Schimpansinnen, wissen wir nicht. Vielleicht spielt eine ökologische Anpassung mit; die Lebensräume beider Arten sind recht verschieden, also auch das Nahrungsangebot – aber das ist wohl nicht der einzige Grund.

Immerhin handelt es sich um einen gravierenden Unterschied im Sozialleben der beiden Schimpansenarten. Es ist bei den Bonobos nicht nur auffallend auf die Weibchen orientiert, sondern scheint von ihnen dominiert zu sein. Dies wäre für Primaten dieser Entwicklungsstufe so ungewöhnlich, daß die Experten lange zögerten, diese These öffentlich zu vertreten. Erst auf dem 14. Internationalen Primatologen-Kongreß 1992 in Straßburg brachten Freiland- und Zooforscher Belege dafür vor, die kaum mehr einen Zweifel lassen (Bild 4).

Eindrucksvoll beschrieb etwa Amy R. Parish von der Universität von Kalifornien in Davis, wie anders sich Schimpansen und Bonobos der Stuttgarter Wilhelma bei Nahrungskonkurrenz verhielten. Die Gruppen bestanden jeweils aus einem Männchen und zwei Weibchen. Kaum wurde in ein tiefes, enges Loch in einer Art künstlichem Bienenstock Honig gefüllt, den die Tiere mit Stöckchen herausholen konnten, raste der Schimpansenmann mit einschüchterndem Gehabe durch das Gehege und machte sich dann allein über die Leckerei her; die Weibchen konnten sich erst herantrauen, als er genug hatte. Bei den Bonobos beanspruchten die Weibchen den Vortritt. Sie rieben erst einmal kurz die Genitalien aneinander, hockten sich dann einträchtig vor das Loch und steckten abwechselnd ihre Stöckchen hinein. Dem Männchen nutzte sein Imponiergehabe gar nichts – es wurde einfach ignoriert.

Im Tierpark von Planckendael bei Brüssel, wo Bonobos besonders naturnah gehalten werden, herrschen offenbar ähnliche Verhältnisse. Wenn ein Männchen Streit mit einem Weibchen anfängt, sieht es sich alsbald dem Ansturm aller übrigen ausgesetzt. Zu mehreren können sie sich gegen Individuen des körperlich stärkeren Geschlechts durchsetzen, und vermutlich dienen ihre engen, durch Genitalkontakte gefestigten Freundschaften auch diesem Zweck.

Solche Frauenbündnisse werden auch im Freiland geschlossen. In Wamba lockten die Forscher zum Beispiel Bonobos mit Zuckerrohr aus dem Wald, schufen also eine zugleich attraktive und brenzlige Situation. Takeshi Furuichi erzählte: "Gewöhnlich tauchen an der Futterstelle zuerst Männchen auf. Doch sobald die Weibchen erscheinen, räumen sie die ergiebigsten Plätze. Es sieht so aus, als würden sie deswegen so rasch herbeieilen, weil sie sonst nichts abbekämen – und nicht etwa, weil sie die dominanten Gruppenmitglieder wären."


Sex für Nahrung

Gelegentlich zeigen Bonobos ein Verhalten, das an ein menschliches Charakteristikum gemahnt: das Suchen oder Gewähren intimer Nähe im Austausch für Versorgung. Einige Anthropologen, so Owen Lovejoy von der Staatsuniversität von Ohio in Kent und Helen Fisher von der Rutgers-Universität in New Brunswick (New Jersey), vermuten, daß die Sexualität des Menschen deswegen teilweise von der Fortpflanzung entkoppelt sei, weil sie auch dazu diene, den Zusammenhalt zwischen den Partnern zu stärken – zu wechselseitigem Nutzen. Die Bereitschaft der Frau praktisch während des gesamten Zyklus und ihr ausgeprägtes sexuelles Verlangen erlauben es ihr, dem Mann sozusagen Befriedigung für eheliche Treue und väterliche Fürsorge zu bieten; auf dieser Basis mag die Kernfamilie entstanden sein. Eine solche Beziehung wurde in der Entwicklung unserer Gattung favorisiert, so nimmt man an, weil eine Frau dann mehr Kinder großziehen kann als alleine.

Die exklusive heterosexuelle Paarbindung haben Zwergschimpansen nun zwar eindeutig nicht, doch paßt ihr Verhalten trotzdem in wichtigen Punkten zu dem Modell. Bedeutsam sind zum einen die langen Phasen sexueller Bereitschaft der Weibchen. Außerdem biedern sie sich mit sexuellen Aufforderungen bei Männchen an, wenn sie sich anders nicht durchsetzen können – etwa weil sie noch zu jung sind und deswegen ihre Stellung in der Gemeinschaft zu gering ist.

War beispielsweise Loretta im Zoo von San Diego gerade sexuell attraktiv und Vernon hatte saftige Blätter zu fressen, näherte sie sich ihm geradewegs, kopulierte mit ihm und entwand ihm unter hohen Bettellauten das gesamte Bündel Zweige. Wenn Loretta hingegen keine Genitalschwellung hatte, wartete sie ab, bis Vernon ihr von sich aus etwas Futter abgab. Suehisa Kuroda sah solch ein Tauschmanöver auch in Wamba: "Ein junges Weibchen näherte sich einem Männchen, das gerade Zuckerrohr kaute. Sie kopulierten kurz, woraufhin es ihm eines der beiden Stücke entriß und sich davonmachte."

Weiter reicht die sexuell-ökonomische Beziehung zwischen den Geschlechtern allerdings nicht. Bei den Bonobos bilden sich keine dauernden Paarbindungen, geschweige denn Familien. Die Last der Kinderaufzucht teilen die Väter nicht. Der Zusammenhalt eines Paares mit seinen Sprößlingen wäre mit den vielfältigen Sexualkontakten, die auch gänzlich anderen Zwecken dienen, wohl nicht vereinbar. Wären die Vorfahren des Menschen ähnlich freizügig gewesen, hätten sich unsere Sozialstrukturen vermutlich sehr anders entwickelt, als wir sie nun für normal halten.

Aus biologischer Sicht war der Anreiz für männliche Hominiden, sich für die Familie einzusetzen, die ziemlich zweifelsfreie Gewißheit der Vaterschaft; gewissermaßen lohnte ihre Investition in den Nachwuchs, weil es der eigene war. Unter den sozialen Verhältnissen der Bonobos wäre dies niemals gewährleistet; Menschen hingegen setzen die Integrität der Ehe und Familie mit Tabus und moralischen Restriktionen durch. So ausgeprägt unsere Sexualität auch sein mag – in keiner der vielen Gesellschaftsordnungen ist es üblich, sich dem nächstbesten Artgenossen öffentlich bei geringstem Anlaß hinzugeben, wie es die Zwergschimpansen tun, etwa um mit einer Pappschachtel spielen zu können oder eine Frucht zu ergattern. Auch das Schamgefühl und der Wunsch nach einer Intimsphäre sind sicherlich etwas typisch Menschliches und dürften als ein wesentliches Moment unserer kulturellen Evolution die besondere Eigenart der Familie mit geprägt haben.

Dennoch wird kein Moralgesetz, wie strikt auch immer, sexuelle Kontakte außerhalb der Kernfamilie gänzlich unterbinden können. Einiges Verständnis dafür ließe sich aus dem Studium der Geschlechterbeziehungen im Tierreich lernen, nicht nur derer unserer stammesgeschichtlichen Verwandten (siehe "Evolutive Ursachen der Monogamie", von Jürg Lamprecht, Spektrum der Wissenschaft, April 1993, Seite 62).

Modelle hängen freilich entscheidend vom Gang und Stand der Wissenschaft ab. Was für eine Vorstellung von den biologischen Grundlagen unserer Gesellschaftsstruktur hätten wir wohl, wenn die Primatenforschung sich bisher nur der Bonobos angenommen hätte?

Wahrscheinlich würden wir glauben, daß in den Horden der frühen Hominiden die Frauen im Mittelpunkt standen, daß ein reibungsloses Zusammenleben nur mittels allseitiger geschlechtlicher Kontakte funktionierte und daß blutige Auseinandersetzungen nur selten vorkamen. Vielleicht liegt die Antwort darauf, warum wir so geworden sind, wie wir nun einmal sind, irgendwo in der Mitte dessen, was an Menschen, Schimpansen und Bonobos zu erfahren ist.

Literaturhinweise

- The Communicative Repertoire of Captive Bonobos (Pan paniscus) Compared to That of Chimpanzees. Von Frans B.M. de Waal in: Behaviour, Band 106, Heft 3 bis 4, Seiten 183 bis 251, September 1988.

– The Pygmy Chimpanzee: Evolutionary Biology and Behavior. Herausgegeben von Randall L. Susman. Plenum Press, 1984.

– The Last Ape: Pygmy Chimpanzee Behavior and Ecology. Von Takayoshi Kano. Stanford University Press, 1992.

– Unterstanding Chimpanzees. Herausgegeben von Paul Heltne und Linda A. Marquardt. Harvard University Press, 1989.

– Chimpanzee Cultures. Von R. Wrangham, W.C. McGrew, F.B.M. de Waal und P. Heltne. Harvard University Press, 1994.

– Wilde Diplomaten. Versöhnung und Entspannungspolitik bei Affen und Menschen. Von Frans B.M. de Waal. Hanser, München 1991.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1995, Seite 76
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1995

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