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Die Botanischen-Gärten in Deutschland

Hoffmann und Campe, Hamburg 1997.
320 Seiten, DM 68,-.

Dem Bonner Botaniker Wilhelm Barthlott, der das Vorwort zu diesem Buch schrieb, ist vorbehaltlos zuzustimmen: Eigentlich ist es sehr erstaunlich, daß erst jetzt (von einer ziemlich schäbigen Kompilation aus DDR-Zeiten abgesehen) eine Gesamtübersicht der botanischen Gärten in Deutschland erscheint, während die repräsentativen Gartenanlagen und Parks schon seit geraumer Zeit ausgiebig dokumentiert oder gar in umfänglichen Monographien gewürdigt sind. Dabei rangieren sie, wie die Besucherzahlen eindrücklich belegen, im Publikumsinteresse weit oben.

Die Autorin, die sich trotz vieler öffentlicher Verpflichtungen schon während der Ministertätigkeit und Kanzlerschaft ihres Gatten Helmut Schmidt für den Naturschutz engagierte und als kenntnisreiche Pflanzenliebhaberin profilierte, hat den Kultstätten der scientia amabilis eine umfangreiche Gesamtdarstellung gewidmet. Mit siebzig botanischen Gärten, von Kiel bis Konstanz und von Aachen bis Dresden, stellt Loki Schmidt fast alle wissenschaftlich geführten Institutionen dieser Art vor.

Die alphabetisch geordneten Gartenporträts sind nach einheitlichem Grundmuster aufgebaut: Einem kurzen Streifzug durch die Gründungs- und Entwicklungsgeschichte folgt ein erzählender Rundgang mit Schilderung von Flächenaufteilung, Beetbestückung und Sonderthemen, fallweise ergänzt mit betrachtendem Verweilen und genauerem Blick auf botanische Kostbarkeiten im Freiland oder in den Schauhäusern. Ein Textkasten informiert schlagwortartig über Einzelheiten wie Adresse, Öffnungszeiten, Artenzahl, Sammlungsprogramm oder -schwerpunkte, Fördervereine und Schrifttum für das Publikum. Ein Gartenplan zeigt Wegeführung, Lage von Gewächshäusern oder sonstigen publikumsrelevanten Einrichtungen. Deren Orientierung ist allerdings eher verwirrend als hilfreich: Selten ist Norden oben, mitunter überhaupt keine Himmelsrichtung vermerkt.

Das auf Abwechslung angelegte Layout arbeitet mit sämtlichen Bildformaten, die überhaupt aufs Papier passen. Die Bildinhalte sind entsprechend vielfältig, ihre Qualität überzeugt jedoch nicht immer. Von amateurhaft schaurig (Beispiele auf den Seiten 118, 132, 178, 191, 241, 260 oder 305) über motivisch nichtssagend (25, 123, 159 oder 216) bis zu hinreißenden Pflanzenkonterfeis oder Gartenansichten (63, 152, 157, 198, 247, 256 oder 281) zeigt die Auswahl eine beachtliche Bandbreite, überwiegend jedoch ästhetische Mittelmäßigkeit.

Eine wichtige Aussage des Buches verliert man dennoch nicht aus den Augen: Botanische Gärten sind zwar auch Erholungseinrichtungen, geeignet für das Nachmittagsschwätzchen oder ein Rendezvous bei den Rosenrabatten, in erster Linie jedoch unentbehrliche Bildungsstätten, in denen jeder Besucher Artenvielfalt in eigener Anschauung erfahren kann. Selbstverständlich dienen die umfangreichen und wertvollen Sammlungen Tausender lebender Pflanzenarten der Demonstration und Bewunderung floristischer Exotik, aber eben auch der Materialversorgung für Forschung und Unterricht.

Überdies ist den Gärten gerade in den letzten Jahrzehnten eine weitere wichtige Aufgabe zugewachsen: Sie bewahren hochgradig gefährdete genetische Ressourcen und sind in vielen Fällen bereits die buchstäblich letzte Instanz des praktischen Artenschutzes durch Erhaltungskultur. Im Bonner Botanischen Garten pflegt man beispielsweise den Toromiro, einen ehemals endemischen Baum der Osterinseln, der in seiner Heimat längst ausgerottet ist.

Außer bürgernah und belehrend, dekorativ und denkmalwert sind die Gärten somit ein dringend benötigter Hort für Florenvielfalt und Genreserven. Auch dafür liefert Loki Schmidts Führer viele lesenswerte Beweise.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1997, Seite 142
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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