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Die deutsche Forschungsförderung ist reformbedürftig

Das Wissenschafts- und Forschungssystem ist unbeweglich und konservativ geworden und nicht mehr innovativ – mit diesem Vorwurf müssen sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) auseinandersetzen.


ie internationale Kommission zur Systemevaluation der DFG und der MPG übergab ihren Bericht "Forschungsförderung in Deutschland" am 25. Mai dem Auftraggeber, der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung. Nach einer ähnlichen Untersuchung der Fraunhofer-Gesellschaft ist er nun die zweite Systemevaluation im Wissenschaftsbereich (Spektrum der Wissenschaft, April 1999, S. 104).

Neben DFG und MPG bezieht der Bericht – vor allem auf Wunsch der ausländischen Kommissionsmitglieder – die deutschen Universitäten mit ein. Die Kommission drängt nun darauf, für die Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF) und die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) ebenfalls eine Systemevaluation vorzunehmen. Dabei sollen auch, wie es heißt, "die Projektträgerschaften als ein materiell sehr bedeutsamer, in den Abwicklungsformen und in der Interaktion mit anderen Teilen des Systems wenig transparenter Bereich der öffentlich finanzierten Forschungsförderung sowie die Aufgaben und die Architektur der verschiedenen Sonder- und Strategiefonds in den Blick genommen werden".

Der HGF-Senat hat sich daraufhin eilig an den eigentlich für solche Evaluierungen zuständigen Wissenschaftsrat gewandt und ihn um Begutachtung durch eine ebenfalls international zusammengesetzte Gruppe gebeten. Der Wissenschaftsrat will nach der gegenwärtigen Evaluation der einzelnen WGL-Institute auch die Aufgaben, Strukturen und Entwicklungsmöglichkeiten des WGL-Systems als Ganzes überprüfen. Er hat zudem eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich mit den weitreichen-den Zukunftsperspektiven des Wissenschaftssystems befaßt. Welche Elemente tragen dieses System? Wo verlaufen künftig die Grenzen zwischen den bisherigen Sektoren? Die Gruppe arbeitet "an der Vision eines Gesamtsystems, das flexibel und sachgerecht auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts reagieren kann".

Während die Fraunhofer-Gesellschaft durchweg wohlwollend beurteilt wurde, gehen die zehn Mitglieder der internationalen Kommission (darunter zwei in Deutschland tätige) mit dem Kern des deutschen Wissenschaftssystems sehr kritisch um, insbesondere mit der DFG. Trotzdem bescheinigte der Kommissionsvorsitzende Richard Brook, Leiter des britischen Engineering and Physical Science Research Council, sowohl der DFG als auch der MPG eine führende Rolle in der deutschen Forschung. Beide Einrichtungen arbeiteten auf hohem internationalen Niveau und seien wesentliche Eckpfeiler für das Forschungssystem in Deutschland und Europa.

Dies hoben selbstverständlich die Präsidenten der DFG und der MPG, Ernst-Ludwig Winnacker und Hubert Markl, auf ihren diesjährigen Jahresversammlungen ebenfalls gebührend hervor. Beide Organisationen haben seit etwa zwei Jahren einige der angeregten Reformen bereits angepackt. "DFG und MPG kümmern sich verstärkt um interdisziplinäre Ansätze und um den wissenschaftlichen Nachwuchs", wurde vor einem Jahr festgestellt (Spektrum der Wissenschaft, September 1998, S. 108). Was die Evaluierungskommission jetzt aber rügt und verlangt, greift tief ins Selbstverständnis insbesondere der DFG ein.

Die Schaffung von außeruniversitären Institutionen eigens zur Wahrnehmung unterschiedlicher Forschungsaufgaben begrenzt nach Erkenntnissen der Kommission die Beweglichkeit des Systems und schwächt angesichts starrer Strukturen in den Universitäten dessen Fähigkeit, "innovative Forschungsfelder rasch aufzugreifen und sie jenseits bestehender Einrichtungen in flexiblen, verbundförmigen und verschiedene Trägereinrichtungen umfassenden Strukturen zu bearbeiten". Auch die Rahmenbedingungen für die Finanzierung sind an der Inflexibilität mitschuldig. Die relative Schwäche der Universitä-ten gegenüber anderen öffent-lich geförderten Forschungseinrichtungen beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems. Weitere Kritikpunkte: Nachwuchswissenschaftler werden relativ spät selbständig, starre Regelungen des öffentlichen Arbeits-, Tarif- und Haushaltsrechts sowie des Beamten- und Besoldungsrechts setzen enge Grenzen, ein kontinuierliches Monitoring des Systems und Wettbewerb unter den Institutionen fehlen.

"Das Förderhandeln der DFG wird durch eine primär responsive Grundausrichtung charakterisiert", beanstanden die Gutachter. Sie definiere sich als Dienstleistungsagentur und Eigentum der Forscher. Die positiv bewertete Offenheit für alle Arten und Formen der Forschung hat also eine Kehrseite: Die DFG vollzieht zwar neue Entwicklungen nach, gestaltet sie aber in der Regel nicht selbst.

Die Kommission verlangt einen deutlichen Wandel in der Förder"kultur" der DFG. Das Normalverfahren, in dem jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler Anträge auf Förderung der von ihnen geplanten Projekte stellen und nach einer Gutachterprüfung diese auch erhalten können, soll als "Kernstück der DFG-Forschungsförderung" zwar beibehalten, ja sogar gestärkt werden. Aber als Ergänzung dazu soll die DFG in eigener Verantwortung Themen ihrer Forschungsförderung bestimmen, also "ein Angebot wissenschaftsgesteuerter, strategisch orientierter Programme für eine befristete Förderung ausgewählter Forschungsbereiche, Arbeitsformen und solcher Querschnittsthemen auflegen, die entweder als besonders unterstützungsbedürftig oder als besonders vielversprechend erscheinen".

Hier sieht DFG-Präsident Winnacker die Gefahr einer fremdbestimmten Forschung heraufziehen. Er ist stolz auf das bisher praktizierte DFG-Förderprinzip bottom up und will unter keinen Umständen jetzt den Grundsatz top down einführen. Wenn die DFG Schwerpunktprogramme, Sonderforschungsbereiche, Forschergruppen oder Graduiertenkollegs einrichtet, "dirigiert sie, wenn überhaupt, immer nur sehr indirekt im Hintergrund und dabei weniger themen- als strukturorientiert". Sie greife Initiativen einzelner Wissenschaftler auf. Winnacker will dies nicht als strategisch orientierte, sondern als "induktive" Programmpolitik verstanden wissen. Wenn die DFG ohne die bisherige intensive Rückkopplung mit den Fächern, ja in Distanz zu ihnen über Förderthemen entscheide, "liefen wir möglicherweise Gefahr, uns von den Wurzeln der Wissenschaft zu entfernen". Die Wissenschaftssteuerung wäre nur noch formal, die Autonomie wäre bedroht.

Freilich räumt Winnacker ein, daß es bei der DFG auch Präsidialinitiativen gibt, etwa die trilateralen Projekte deutscher, israelischer und palästinensischer Wissenschaftler (Spektrum der Wissenschaft, März 1996, S. 108), die Programme Bioethik (Spektrum der Wissenschaft, September 1998, S. 112) und neuerdings Bioinformatik. Überdies suchten Referenten in der DFG-Geschäftsstelle in Bonn "nach wichtigen Themen", freilich im Wechselspiel mit Gutachtern, Gremienmitgliedern und Antragstellern. In einer Testphase sind zwei multidisziplinäre Programmgruppen zu den Querschnittsgebieten Ernährungsforschung und Materialwissenschaften eingerichtet worden.

Das alles scheint die Empfehlung der Internationalen Kommission, die DFG solle Teile ihres Förderhandelns neu ausrichten, überflüssig zu machen. Doch mit Ausnahme der trilateralen Projekte stammen die vom DFG-Präsidenten aufgeführten Aktivitäten aus allerjüngster Zeit, als die Kommission schon an der Arbeit und ihre Tendenz erkennbar war. "Aktive Förderphilosophie" und Programmpflege sieht sie als wichtige Aufgabe des Präsidiums an. Damit es seine Entscheidungskompetenzen stärken kann, soll die zentrale Mittelreserve deutlich aufgestockt werden. Den Referenten spricht die Kommission die Rolle eines thematischen Frühwarnsystems zu. Dazu soll die DFG-Geschäftsstelle neu organisiert werden. Sie soll als modernes Management prozeßorientiert und interdisziplinär arbeiten und mehr Mittel für Verwaltungs- und Geschäftskosten erhalten.

In diesem Zusammenhang kritisiert die Kommission ungewöhnlich scharf das Gutachtersystem der DFG. Es verstärke den "tendenziell konservativen Grundzug" ihres Förderhandelns. Die Rekrutierung der Fachgutachter sei grundsätzlich disziplinär orientiert und baue auf Vorschlägen der etablierten Fachgesellschaften auf. Das bedeutet: "Ein relativ hohes Durchschnittsalter der Fachgutachter, tendenziell geringe Toleranzen gegenüber Innovationen, insbesondere in kleineren Fächern, sowie Akzeptanzprobleme für inter- bzw. transdisziplinäre Forschungsvorhaben." Das weisungsfreie, ausschließlich an der wissenschaftlichen Qualität orientierte peer review sei "klar national und hierarchisch ausgerichtet" und weise strukturelle Schwächen auf, "die den mainstream der Wissenschaften begünstigen und bisweilen innovative Ansätze behindern". Mit den fallweise hinzugezogenen Sondergutachtern werde "die vielgelobte Qualität der Antragsbegutachtung ... vielfach durch solche Gutachter erreicht, die gewissermaßen am Rande des Systems der gewählten Fachgutachter tätig werden".

Dem konnte Winnacker zunächst wenig Substantielles zur Verteidigung der bisherigen Praxis entgegensetzen. Er kündigte allerdings vor der Jahresversammlung am 22. Juni in Bremen an, daß die Zahl der Gutachter bei der nächsten Wahl in diesem Jahr um ein Viertel vermehrt wird. Die Fachgesellschaften sollen bei ihren Vorschlägen dem Nachwuchs sowie den Frauen größere Chancen einräumen. Für eine nicht näher datierte "folgende" Fachgutachterwahl sollen die Voraussetzungen für künftige Wahlen neu formuliert werden. Sie sollen "den Fächerkanon der Fachausschüsse im Sinne notwendiger Multidisziplinarität" anpassen und "gegebenenfalls" das Vorschlagsrecht über die Fachgesellschaften hinaus erweitern.

Die DFG-Gremien würden demnächst auch "darüber diskutieren", die Namen der Sondergutachter jährlich zu publizieren. Seit Anfang 1999 werden im Gegensatz zu früher die Gründe für die Ablehnung eines Antrags regelmäßig mitgeteilt. Winnacker räumte auch ein, daß das Fachausschußsystem der DFG, das ja der strengen Disziplinarität des Hochschulsystems folgt, "den interdisziplinären Verflechtungen nicht immer die Chance gibt, die ihnen zweifelsohne gebührt". Antragsteller gewinnen dann den Eindruck, Risikobereitschaft könne ihrem Antrag bei der DFG schaden. Die DFG wirke dieser "Ausschließlichkeit des mainstream" aber entgegen, indem sie vermehrt Gruppen von Gutachtern aus verschiedenen Disziplinen einsetzt.

Die DFG versucht somit bereits, die wichtigsten Forderungen der Evaluierungskommission wenigstens in Ansätzen zu erfüllen. Im Interesse einer noch besseren Transparenz des Begutachtungssystems sollte aber die Geschäftsstelle den Antragstellern nicht erst die Ablehnungsgründe mitteilen, sondern ihnen schon die Gutachterkritik so rechtzeitig zuleiten, daß sie vor der letzten Entscheidung dazu Stellung nehmen können. Für die vergleichende Begutachtung in von ihr selbst gestalteten Programmen soll die DFG Gutachterkreise einrichten. Antragsteller sollen ihre Projektanträge von vornherein einem solchen Programm oder einem fachübergreifenden Forschungsfeld zuordnen können. Mehr ausländische, international anerkannte Experten sollen helfen, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wissenschaft zu stärken. Der Forderung, dem wissenschaftlichen Nachwuchs schon früh mehr Selbständigkeit zu gewähren, kommen DFG und MPG mit neuen Programmen schon nach. Die Hochschulen sollen die Habilitation abschaffen und nicht nur kurzbefristete Nachwuchsstellen anbieten.

Generell setzt sich die Internationale Kommission für mehr finanzielle Beweglichkeit in Gestalt von Globalhaushalten für die Forschungsorganisationen und Universitäten ein. Die DFG soll die Zahl ihrer verschiedenen Programme reduzieren, sie nicht mehr gegeneinander abschotten und einen einheitlichen Globalhaushalt von Bund und Ländern im Verhältnis von 57,4 zu 42,6 Prozent erhalten.

Viele Max-Planck-Institute sind nach Ansicht der Kommission gegenwärtig dabei, sich von anderen Teilen des deutschen Forschungssystems abzukoppeln. Das Institutsprinzip berge in sich "die Gefahr eines strukturellen Konservativismus". Es soll gelockert und um zeitlich begrenzte Arbeitsformen und Förderinstrumente ergänzt werden, darunter auch transdisziplinär angelegte MPG-Forschungsstellen in Universitäten. Planungen zur Einrichtung von "International Max-Planck-Research Schools" auf der Grundlage von Vereinbarungen zwischen Max-Planck-Instituten und Universitäten liegen bereits vor, so MPG-Präsident Markl auf der Hauptversammlung am 11. Juni in Dortmund.

Als Grundprinzip stellt der Bericht der internationalen Kommission die gegenseitige Durchlässigkeit innerhalb des Forschungssystems und mit der Gesellschaft heraus. Es erfülle einen öffentlichen Auftrag. Darum reiche es nicht aus, "neues Wissen nur als Expertenwissen zu generieren. Vielmehr muß das Wissenschafts- und Forschungssystem offen sein für einen kontinuierlichen intensiven Austausch mit seinem gesellschaftlichen Umfeld und den Nutzern wissenschaftlichen Wissens". Es müsse die Verbreitung des Wissens ermöglichen, aber auch Anregungen und Impulse aus dem Umfeld aufnehmen. Die vor 30 Jahren so oft mißbrauchten und mißverstandenen Begriffe des "Abschieds vom Elfenbeinturm" und der "gesellschaftlichen Relevanz" von Wissenschaft und Forschung werden so wieder zu einer Herausforderung. n



Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1999, Seite 96
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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