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Die Einheit des Wissens.

Aus dem Amerikanischen von Yvonne Badal. Siedler, Berlin 1998. 448 Seiten, DM 49,90.

Vor gut zwei Jahren kürte das US- Nachrichtenmagazin „Time“ den Zoologen und Evolutionstheoretiker Edward O. Wilson zu einer der 25 einflußreichsten Personen Amerikas. Und das nicht etwa, weil er in den fünfziger Jahren die chemische Kommunikation bei Ameisen entdeckt hatte, sondern weil er als Visionär die Relevanz seiner Studien über Grenzen seines Faches hinaus erkannt habe: Einsichten in die biologischen Grundlagen sozialen Verhaltens.

Von Wilsons originellen Thesen erfuhr die interessierte Öffentlichkeit erstmals 1975. In seinem Werk „Soziobiologie: Die neue Synthese“ wagte es der Harvard-Professor, nach stammesgeschichtlich ererbten Merkmalen des Verhaltens, die er bei Ameisengesellschaften erkannt hatte, auch beim Menschen zu suchen. Humane Eigenschaften wie Sexualität, Altruismus oder Aggression erklärt er als Folgen der Evolution. Erwartungsgemäß provozierte er damit zunächst vor allem politische Kritik – Wilson rede einem Sozialdarwinismus das Wort, wurde ihm vorgeworfen. Doch die Wogen glätteten sich im Lauf der Zeit. Um die Frage, wie das genetische Erbe menschliches Handeln beeinflußt, kreisen heute nur noch wissenschaftliche, keine ideologischen Debatten mehr.

Doch diese öffentliche Umarmung scheint Wilson nicht allzusehr zu schätzen. In seiner neuesten Veröffentlichung „Die Einheit des Wissens“ entwindet er sich seinen Anhängern und eilt ihnen abermals mit Siebenmeilenstiefeln voraus, diesmal aus der Naturwissenschaft geradewegs in die Philosophie. „Der Glaube an die Möglichkeit einer Vereinigung, die über die Naturwissenschaften hinaus alle großen Wissensgebiete einbezieht, ist selbst noch nicht wissenschaftlich. Vielmehr steht er für eine metaphysische Weltanschauung, die erst von einer Minderheit vertreten wird.“ Diese Minderheitenposition vertritt der Nestor der Entomologie mit Verve. Nicht mehr allein Verhaltensforschung und die anderen Teilgebiete der Biologie gelte es zu verheiraten – alle Wissenschaften, von der Quantenphysik bis zu den Geisteswissenschaften, will Wilson unter dem Dach des empirischen Wissens vereinen. Doch die erhoffte große Debatte hat der streitbare Evolutionstheoretiker bislang weder in den Staaten noch in Europa ausgelöst. Das hat seine Gründe.

Die „Einheit des Wissens“ beginnt mit einer autobiographischen Skizze, in der Wilson erzählt, wie verführerisch ihm bereits als Student der Gedanke erschien, daß alle Wissenschaften miteinander vernetzt werden könnten. Es folgen ein historischer Exkurs über das Zeitalter der Aufklärung, in dem Wilson das Projekt einer Vereinigung bereits erstmals in Angriff genommen sieht, und eine Lobeshymne auf empirische Forschung. So lange – fast ein Viertel des Buches – dauert Wilsons Anlauf, bis er endlich erklärt, wie die Einheit alles Wissens zustande kommen soll. Was er dann anbietet, nimmt sich jedoch recht bescheiden aus.

Eine holistische Theorie, die beschreiben könnte, wie verschiedene Realitätsstufen ineinandergreifen, gibt es noch nicht, wie Wilson darlegt. So läßt sich derzeit nicht bestimmen, wie die physikalische, die chemische, die biologische und die ökologische Ebene eines Biotops zusammenspielen. Ersatzweise begnügt sich Wilson zunächst mit ein paar Probebohrungen. Wenn ein Mensch träumt, so kann man das molekular, neuronal und durchaus auch stammesgeschichtlich analysieren. Doch ist es trivial, daß sich ein solcher Prozeß Schicht für Schicht abtragen läßt. Um eine Synthese der Wissenszweige zu schaffen, müßte Wilson vielmehr zeigen, wie die verschiedenen Ebenen ineinandergreifen.

So hat die Biologie, wie Wilson darlegt, große Fortschritte gemacht, was die Erklärung der molekularen Organisation von Zellen angeht. Was ist aber eine Zelle verglichen mit einem ganzen Menschen oder gar einem Volk! Da tun sich Abgründe auf. Aber auch das will Wilson unter den Hut der Naturwissenschaften bringen. Er selbst nennt als „überzeugendsten Test“ seines metaphysischen Glaubens an die Einheit des Wissens dessen „Effektivität in den Sozial- und Geisteswissenschaften“. Unter diesem Anspruch bricht die Vision in sich zusammen.

Den hochgesteckten Zielen versucht Wilson mit seinem altgedienten Modell des stammesgeschichtlichen Erbes beizukommen. So gibt es für den Evolutionstheoretiker epigenetische Regeln, ererbte Reguläritäten geistiger Entwicklung.

Ein Beispiel ist der nach dem finnischen Anthropologen Edward Westermarck benannte Effekt, der das Inzest-Tabu begründet. Menschen empfinden eine Abneigung gegen sexuelle Kontakte mit Personen, mit denen sie die ersten dreißig Monate ihres Lebens eng zusammenlebten. Grund dafür nach Wilson: Sie sind genetisch prädisponiert zu solchem Verhalten. Für den Evolutionstheoretiker machen solche epigenetischen Regeln die Natur des Menschen aus. Doch die meisten – und für Wilsons Projekt wichtigsten – Veranlagungen dieser Art sind bislang noch unentdeckt; es mag sie also geben oder nicht. Doch Wilson ist guter Dinge: Eines Tages werde sich nachweisen lassen, daß zum genetischen Erbe des Menschen auch gehört, solche Dinge wie Religion oder Kunst zu schaffen.

Auf solch spekulative Fundamente läßt sich freilich eine Synthese der Wissenschaften schlecht bauen. Doch selbst angenommen, es gäbe eine Prädisposition, zu malen oder an Gott zu glauben, die Utopie von der Synthese aller Wissenschaften sähe immer noch recht trübe aus. Denn wer nur die menschliche Natur zerlegt, sagt nicht viel über die Welt des Geistes und singuläre historische Entwicklungen, die Gegenstände der Sozial- und Geisteswissenschaften bilden.

Doch auch hier glaubt Wilson ein Rezept parat zu haben. Mit dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins nimmt er an, es gebe ein geistiges Äquivalent zu Genen, „Meme“ genannt: Gedanken, Sätze oder Wertvorstellungen, die die kulturelle Welt des Menschen bevölkerten. Ein Mem, das seiner Umwelt am besten angepaßt sei, werde wie ein erfolgreiches Gen überleben, sich vermehren und von Generation zu Generation vererben. So gefällig einfach dieses Modell erscheint, es trägt nicht viel dazu bei, historische Ereignisse wie die Französische Revolution zu erhellen, ganz davon abgesehen, ob es zutrifft oder nicht.

So gelingt es Edward Wilson bis zum Ende seines metaphysischen Alterswerkes leider nicht, den Glauben an die „Einheit des Wissens“ zu stiften. Wo er wissenschaftlich solide argumentiert, rennt er offene Türen ein, doch wo es interessant wird, bleibt er dubios.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1999, Seite 78
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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