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Die Einstein-Szilard-Kühlschränke

Zwei Visionäre der theoretischen Physik taten sich auch als Erfinder hervor: Gemeinsam entwickelten Albert Einstein und Leo Szilard in den zwanziger Jahren neuartige Varianten des Haushalts-Kühlschranks. Kürzlich gefundene Dokumente geben Aufschluß über das weitere Schicksal der gemeinsamen Patente.

Im Juli 1939 besuchte der aus Ungarn stammende Physiker Leo Szilard (1898 bis 1964) seinen aus Deutschland emigrierten Kollegen Albert Einstein (1879 bis 1955) auf Long Island im amerikanischen Bundesstaat New York, um mit ihm über die Gefahr atomarer Waffen zu sprechen. Kurz zuvor war die Uranspaltung entdeckt worden, und darüber war Szilard äußerst besorgt: Schon fast sechs Jahre früher hatte er aufgrund kernphysikalischer Theorien vorhergesagt, solche Prozesse könnten eine Kettenreaktion und somit eine Explosion nie gekannter Energie auslösen. Szilards Warnung, das zum Kriege rüstende nationalsozialistische Deutsche Reich wäre vielleicht imstande, eine Atombombe zu bauen, veranlaßte Einstein, den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt in einem berühmt gewordenen Brief aufzufordern, die Forschung der Vereinigen Staaten auf diesem Gebiet zu forcieren.

Mit dem Besuch bei Einstein knüpfte Szilard zugleich an eine Zusammenarbeit an, die in Berlin begonnen hatte: Im goldenen Zeitalter der modernen Physik dachten die beiden Koryphäen auch über eine recht bescheiden anmutende Anwendung nach – die Verbesserung eines Haushaltsgeräts (Bild 1). Wissenschaftshistoriker wissen zwar, daß sie Ende der zwanziger Jahre mehrere gemeinsame Patente für neuartige Kühlschränke ohne bewegliche Teile erwarben; doch außer den Patentschriften selbst hielt man das meiste für verschollen.

Bei meinen Forschungsarbeiten über Szilards Leben gelang es mir, nebenher die Geschichte dieser Partnerschaft fast vollständig zu rekonstruieren. In Stockholm fand ich heraus, daß die schwedische Firma Electrolux Unterlagen über den Kauf zweier Patente von Einstein und Szilard besitzt; und in Budapest gewährte mir der seinerzeit mit den Erfindungen befaßte Chefingenieur Einsicht in liebevoll aufbewahrte Erinnerungsstücke: Albert Korodi, der kürzlich im Alter von 96 Jahren gestorben ist, hatte noch längst verloren geglaubte Kopien von technischen Protokollen – unter anderem die einzigen erhaltenen Photographien von Prototypen der Kühlschränke (Bild 2).

Aus diesen Quellen sowie der Korrespondenz in Szilards schriftlichem Nachlaß an der Universität von Kalifornien in San Diego und den Albert-Einstein-Archiven an der Universität Princeton in New Jersey (deren Originale die Hebräische Universität von Jerusalem aufbewahrt) ergibt sich ein detailliertes Bild der Zusammenarbeit beider Forscher. Das Projekt war umfassender, profitabler und technisch erfolgreicher als bisher vermutet, und die Episode zeigt den Theoretiker Einstein in der kaum bekannten Rolle eines praktischen Erfinders.


Ungleiche Partner

Die Physiker lernten sich 1920 in Berlin kennen. Einstein war damals schon weltberühmt, wenngleich er den Nobelpreis erst im Folgejahr erhielt, während der fast 19 Jahre jüngere Szilard gerade promovieren wollte. Für seine Dissertation erweiterte der brillante Ungar die klassische Thermodynamik auf fluktuierende Systeme, und zwar in einer Weise, die Einstein zuvor als unmöglich abgetan hatte – er war beeindruckt, und die beiden wurden Freunde.

Nach der Promotion, so erinnerte sich Szilard später, riet ihm Einstein, eine Anstellung beim Patentamt zu suchen. Es sei nicht gut, meinte der Ältere, wenn ein Wissenschaftler darauf angewiesen sei, goldene Eier zu legen; seine eigene Zeit beim Schweizer Patentamt in Bern sei die beste überhaupt gewesen.

Doch Szilard entschied sich für eine akademische Laufbahn an der Berliner Universität. Schon bald gelang es ihm, eine Lösung für das Problem des sogenannten Maxwellschen Dämons zu entwickeln. Diesen mikrokosmischen Kobold hatte der englische Physiker James Clerk Maxwell (1831 bis 1879) ausgeheckt: Scheinbar vermag er den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu verletzen, indem er schnelle und langsame Moleküle in getrennte Behälter sortiert und so der natürlichen Tendenz zur Unordnung und Durchmischung entgegenarbeitet. Auf diese Weise ließe sich im Prinzip ein Perpetuum mobile der zweiten Art antreiben (Spektrum der Wissenschaft, Januar 1988, Seite 48).

Szilard zufolge würde jedoch, selbst wenn es einen solchen Mechanismus gäbe, der Zuwachs an Ordnung mehr als aufgewogen durch die Unordnung, die der Dämon beim Messen der Molekülgeschwindigkeiten unweigerlich erzeugt – das heißt beim Gewinnen von Information. Dieser Vorschlag zur Lösung des theoretischen Problems enthielt bereits die Idee des Bits als Einheit der Information und somit einen Keim der modernen Informatik. Ende 1924 nahm der Nobelpreisträger von 1914 Max von Laue (1879 bis 1960) den produktiven Nachwuchswissenschaftler als Assistenten in sein Institut für Theoretische Physik.

Mitte der zwanziger Jahre war er zudem oft zu Gast im Hause seines ersten Mentors. In mancher Hinsicht waren sie gegensätzliche Charaktere. Der gesellige Szilard gab sich extrovertiert und selbstbewußt (einige fanden ihn sogar arrogant), Einstein bescheiden und zurückhaltend. Doch in wichtigen Wesensmerkmalen waren sie verwandte Geister: Beide hatten Freude an neuen Ideen, waren politisch interessiert – und tüftelten gern an Erfindungen.

Wie Szilard später dem Fachkollegen Bernard Feld vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge erzählt hat, begann die Zusammenarbeit mit einem Zeitungsartikel. Eines Tages las Einstein, eine mehrköpfige Familie sei durch giftige Gase aus der Pumpe ihres Kühlschranks im Schlaf umgekommen. Damals nahm das Risiko solcher Unfälle immer mehr zu: Die herkömmlichen Eiskästen wurden von elektromechanischen Kühlschränken verdrängt, ohne daß man bereits ein ungiftiges Kältemittel gefunden hätte; die zu der Zeit verwendeten – Methylchlorid, Ammoniak und Schwefeldioxid – konnten in den Mengen, die ein Haushaltsgerät enthielt, tödlich wirken.

Die Tragödie machte Einstein sehr betroffen. Beide Physiker fanden, nicht nur das Kältemittel sei das Problem; denn bei Konstruktionen mit beweglichen Teilen ließ sich kaum vermeiden, daß aus Lagern und Dichtungen Gas austrat. Andererseits wußten sie aus der Theorie, daß viele thermodynamisch mögliche Kühlverfahren ohne mechanischen Antrieb realisierbar waren. Warum sollte man so etwas nicht praktisch nutzen?

Zudem gab es persönliche Motive, den Versuch zu wagen. Damals – offenbar im Winter 1925/1926 – bereitete Szilard sich gerade auf den nächsten Schritt seiner akademischen Laufbahn vor: Er wollte Privatdozent werden. Als Assistent erhielt er ein festes Gehalt; doch als Privatdozent würde er mit den geringfügigen Vorlesungsgebühren seiner Studenten auskommen müssen. Eine erfolgreiche Erfindung wäre ihm da sehr gelegen gekommen, und Einstein wollte dem begabten jungen Freund helfen.

In einem Brief an den Älteren hat Szilard die Bedingungen dieser Zusammenarbeit festgehalten: Jede Erfindung von einem der beiden auf dem Gebiet der Kältetechnik würde gemeinsames Eigentum sein. Szilard erhielt aber ein Vorzugsrecht auf die Gewinne, falls sein Einkommen unter das Gehalt eines Universitätsassistenten fallen sollte; ansonsten wollte man alle Einnahmen aus den Patenten fair teilen.


Erste Entwürfe

Die meisten Kältemaschinen arbeiteten bereits mit motorgetriebenen Kompressoren, die ein leicht siedendes Kältemittel aus einem Verdampfer absaugen und verdichten; das Gas wird anschließend in einem Kondensator durch Abgabe der überschüssigen Wärme an die Umgebung wieder verflüssigt. Ein Drosselorgan läßt die Flüssigkeit schließlich expandieren, wobei sie verdampft und dabei der zu kühlenden Kammer Wärme entzieht. Einstein und Szilard hielten jedoch ein anderes Prinzip für sicherer: In Absorptions-Kältemaschinen wird der Kühlprozeß nicht mechanisch durch einen Kolben-, Turbo- oder Schraubenverdichter angetrieben, sondern thermisch, etwa durch eine Gasflamme. Als Durchbruch galt damals das Gerät der schwedischen Erfinder Baltzar von Platen und Carl Munters, das Electrolux vertrieb. Szilard ersann nun eine Verbesserung.

Tatsächlich blieb es nicht bei einer einzigen Konstruktion. Dank Einsteins Erfahrung als Patentprüfer waren die beiden Physiker nicht auf die Hilfe von Anwälten angewiesen, und Anfang 1926 begann Szilard eine ganze Serie von Anmeldungen einzureichen. Im Herbst hatten er und Einstein sich für drei Entwürfe entschieden.

Diese scheinen auf völlig unterschiedlichen physikalischen Prinzipien beruht zu haben: Absorption, Diffusion und Elektromagnetismus. In einem Brief an seinen Bruder Bela vom Oktober 1926 schrieb Leo Szilard: "Die Angelegenheit der Eismaschinenpatente[,] die ich zusammen mit Prof. Einstein angemeldet habe[,] ist jetzt soweit, daß es uns vernünftig erscheint[,] mit der Industrie in Verbindung zu treten. [...] Alle drei Maschinen arbeiten ohne bewegliche Teile und sind hermetisch abgeschlossen (verschweißt). [...] Eine dieser drei Typen ist mit der Maschine der Electro Lux A.G. (meiner Ansicht nach z. Zt. die beste) nahezu identisch; [...] Die beiden anderen Typen sind vollkommen anders als irgendeine der bisher bekannten Eismaschinen."

Rasch handelte Szilard einen Vertrag mit der Firma Bamag-Meguin aus, einem Großproduzenten von Gaswerk-Anlagen mit Fabriken in Berlin und Anhalt. Ab Ende 1926 überwachte er die Entwicklung der Prototypen in den Laboratorien des Instituts für Technik in Berlin. Ein ungarischer Absolvent der elektrotechnischen Abteilung dieses Instituts begann alsbald an den Kühlschränken zu arbeiten: Albert Kornfeld, der später seinen Namen in Korodi änderte (Bild 4); er hatte 1916 den Eötvös-Preis – nach dem ungarischen Physiker Loránd Eötvös (1848 bis 1919) – im angesehenen Mathematik-Wettbewerb seines Heimatlandes für 18jährige Studenten gewonnen, dabei Szilard kennengelernt und danach mit ihm an der Technischen Universität Budapest studiert. Schließlich folgte er Szilard auch nach Berlin, wo sie im selben Mietshaus wohnten und enge Freunde wurden.

Wie Korodi sich erinnert, geriet die Bamag-Meguin allerdings nach nicht einmal einem Jahr in finanzielle Schwierigkeiten und ließ alle unsicheren Projekte fallen. Binnen weniger Monate konnten die Erfinder jedoch neue Verträge mit anderen Unternehmen abschließen.

Am 2. Dezember 1927 kaufte Platen-Munters, eine Tochterfirma von Electrolux in Stockholm, für 3150 Reichsmark den Patentantrag für eine Absorptions-Kältemaschine (Bild 2a). Beide Parteien zeigten sich mit der Transaktion zufrieden: Die Electrolux hielt, wie aus ihren Unterlagen hervorgeht, den Preis für "sehr billig"; Szilard und Einstein wiederum bekamen eine Summe, die immerhin rund 15000 Mark nach heutigem Geldwert entspricht.

Hingegen sorgte der Antrag auf ein US-Patent für einige Verwirrung in den Vereinigten Staaten. "Ich würde gern wissen, ob Albert Einstein derselbe ist, der die Relativitätstheorie vorgeschlagen hat", schrieb der dort zuständige Patentanwalt zurück. Im "Standard Dictionary" sei nämlich dieser Name "als ein Adjektiv aufgeführt, das eine Relativitätstheorie bezeichnet. Dem Lexikon zufolge leitet es sich von Albert Einstein her, einem Bürger sowohl der Schweiz als auch Deutschlands." Aber auf der Grundlage dieses Hinweises in einem der anerkannten Nachschlagewerke werde "das Patentamt meines Erachtens keine Einwände gegen die Aussage haben, daß Prof. Einstein Bürger zweier verschiedener Staaten ist".

Electrolux erwarb später auch den Entwurf des Diffusionsgerätes. In dem von der Firma angemeldeten Patent sind jedoch weder Einstein noch Szilard namentlich erwähnt; zudem nutzte das Unternehmen keines der beiden Patente. Bei aller Bewunderung für deren Raffinesse wollten die Schweden damit vor allem, wie ihre Unterlagen belegen, eigene Patentanträge absichern.

Aus einem grundlegend anderen Entwurf von Einstein und Szilard entwickelte sich die Partnerschaft mit dem Unternehmen Citogel in Hamburg (dessen Name leitet sich von den lateinischen Worten für schnell und Frost her). Korodi zufolge reagierte Einstein mit dieser Erfindung auf die vertrackte Umständlichkeit der Absorptionsgeräte, in denen in vernetzten Kreisläufen ein Kältemittel von einer Lösung absorbiert und dann wieder aus ihr ausgetrieben wird: "[Er] schlug ein ganz einfaches und billiges System vor, das sich besonders für kleine Aggregate eignete."

Das Gerät war nach Korodis Erinnerung "ein kleiner Tauchkühler, den man zum Beispiel in eine Tasse mit einem Getränk halten konnte". Zum Antrieb brauchte es lediglich einen Anschluß an einen Wasserhahn (Bild 3): Eine Wasserstrahlpumpe erzeugte Unterdruck in einer Kammer, in der Wasser und ein wenig Methanol verdampften; die der Umgebung entzogene Verdampfungswärme wirkte stark abkühlend. Zwar ging dabei das Methanol allmählich verloren, doch da es billig und überall erhältlich war, meinte man die verflüchtigte Menge ohne weiteres nachfüllen zu können. So, erklärte Korodi, habe Einstein sich das jedenfalls vorgestellt.

Der Kühler funktionierte tatsächlich gut, und Citogel führte einen Prototyp auf der Leipziger Messe im Frühjahr 1928 vor. Korodi ging nach Hamburg, um bei der Firma weiter an der Erfindung zu arbeiten. Deshalb kannte er auch das Ende der Geschichte, und ihm blieb Szilards Verzweiflung darüber unvergeßlich: Nicht nur, daß Methanol sich im Kleinverkauf als unerwartet teuer erwies; vor allem war der ausgeklügelte Kühler auf konstanten Wasserdruck angewiesen. Doch der schwankte von Gebäude zu Gebäude und von einem Stockwerk zum anderen so sehr, daß die Erfindung letztlich nie auf den Markt kam.

Die Einstein-Szilard-Pumpe

Die innovativste und zugleich erfolgreichste Erfindung war eine elektromagnetische Pumpe ohne bewegliche mechanische Teile. Vielmehr setzte ein elektromagnetisches Wanderfeld ein Flüssigmetall in Bewegung, das seinerseits als Kolben zur Kompression eines Kältemittels diente. (Von diesem Punkt an verlief der Kühlkreislauf wie bei üblichen Geräten.)

Korodi erinnerte sich noch genau, daß zunächst vorgesehen war, den Strom direkt durch das Flüssigmetall fließen zu lassen. Es lag nahe, dafür Quecksilber zu verwenden; aber dessen schlechte Leitfähigkeit verdarb den Wirkungsgrad. Daraufhin schlug Szilard eine viel besser leitende Kalium-Natrium-Legierung vor. Zwar sind sowohl Kalium als auch Natrium bei Raumtemperatur fest, doch eine passende Mischung schmilzt schon bei minus 11 Grad Celsius. Allerdings sind beide Metalle chemisch aggressiv und hätten die übliche Isolierung der elektrischen Kabel angegriffen, sobald das Gemisch unter Strom gesetzt worden wäre.

Nachdem Szilard und Korodi verschiedene andere Isolatoren in Betracht gezogen hatten, fragten sie den Dritten im Bunde um Rat. "Einstein dachte ein paar Minuten nach", erzählte Korodi, "und schlug dann vor, sich die Kabel überhaupt zu ersparen und statt dessen mittels externer Spulen die Kräfte indirekt durch Induktion zu erzeugen."

Somit wurde aus dem Konzept eine Induktionspumpe. Korodi berechnete ihren Wirkungsgrad für Kalium-Natrium-Legierungen und fand, daß er zwar noch immer weit unter dem mechanischer Kompressoren lag, dieser Mangel jedoch durch höhere Zuverlässigkeit wettgemacht würde. "Es lohnte sich, einen solchen Kompressor zu bauen", erklärte er: Eine Einstein-Szilard-Pumpe würde weder leck werden noch versagen.

Im Herbst 1928 fand sich die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) bereit, die Pumpe für Kühlzwecke zu entwickeln (Bild 2 b bis d). Die damals florierende Firma hatte in Berlin ein eigenes Forschungsinstitut, an dem sie nun eine Spezialabteilung mit zwei Vollzeit-Ingenieuren einrichtete: Korodi wurde mit den elektrischen Komponenten betraut und Lazislas Bihaly, ein ebenfalls mit Szilard befreundeter Ungar, mit den mechanischen Teilen.

Korodi und Szilard, der als offizieller Berater das Team leitete, erhielten ein Monatsgehalt von je 500 Reichsmark. "Das war ein gutes Einkommen", bemerkte Korodi, denn zu der Zeit "kostete ein Ford-Wagen 450 Reichsmark". Für Szilard war der AEG-Vertrag sogar noch lukrativer: Zusammen mit den Patentlizenzen brachte er es auf jährlich gut 12000 Reichsmark (was heute rund 60000 Mark entspräche).

Szilard und Einstein führten für die Lizenzeinnahmen ein gemeinsames Bankkonto; wieviel Einstein tatsächlich davon erhielt, ist unbekannt. Er war aber Korodi zufolge keineswegs nur ein stiller Teilhaber – in jeder Konstruktionsphase kam er ins Labor, um die Prototypen zu inspizieren. Korodi erinnerte sich auch, daß Szilard und er wohl öfter als zehnmal mit Einstein in dessen Berliner Wohnung neue Details besprachen. "Mit Einstein habe ich nicht über Physik geredet", erzählte er lachend.

Für Szilard, der mit Einstein gewiß viel über Physik diskutierte, war die Zusammenarbeit die finanzielle Absicherung einer immer erfolgreicheren Laufbahn. An der Berliner Universität hielt er zusammen mit dem ungarisch-amerikanischen Mathematiker John von Neumann (1903 bis 1957) und dem österreichischen Physiker Erwin Schrödinger (1887 bis 1961; Nobelpreis 1933) Seminare über Quantentheorie und theoretische Physik. Andere Ideen für Anwendungen aus dieser Zeit betrafen den Linearbeschleuniger, das Zyklotron und das Elektronenmikroskop. Einstein setzte unterdessen seine – letztlich vergebliche – Suche nach einer einheitlichen Feldtheorie fort, arbeitete aber auch mit anderen Erfindern an einem Kreiselkompaß und einem Hörgerät.

Vor Fertigstellung des Kühlschranks verschärfte sich indes die politische Lage in Deutschland. Bei den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 erhielt die damals noch kleine NSDAP fast 20 Prozent der Stimmen. Dank seines politischen Gespürs erkannte Szilard, was die meisten bis zum Ende der Weimarer Republik nicht wahrhaben wollten. In einem Brief an Einstein vom 27. September findet sich eine prophetische Warnung: "Wenn meine Nase mich nicht trügt, [deuten] von Woche zu Woche neue Symptome darauf, daß mit einer ruhigen Entwicklung in Europa in den nächsten 10 Jahren nicht zu rechnen ist. [...] Ja ich weiß nicht einmal, ob es uns gelingen wird, unsere Kältemaschine in Europa zu Ende zu bauen."


Ein funktionstüchtiger Kühlschrank

Bis vor kurzem war das einzige, was man über den Prototyp wußte, daß er äußerst unangenehmen Lärm machte. Eigentlich sollte die elektromagnetische Pumpe völlig lautlos laufen, doch es trat Kavitation auf: Im Flüssigmetall bildeten sich geräuschvoll kollabierende Bläschen. Der englische Physiker Dennis Gabor (1900 bis 1979; für die Erfindung der Holographie erhielt er 1971 den Nobelpreis), in Berlin einer von Szilards besten Freunden, bemerkte einmal, daß die Pumpe "heulte wie ein Schakal".

Korodi wiederum beschrieb das Geräusch als das eines kräftigen Wasserstrahls. Außerdem hing die Lautstärke, wie im AEG-Abschlußbericht beschrieben, von Stärke und Geschwindigkeit des Pumpens ab. Mit etlichen Tricks – zum Beispiel durch Verringern der elektrischen Spannung bei Beginn jedes Hubs – ließ sich der Lärm schließlich auf ein erträgliches Maß senken.

Aus technischer Sicht kritisch war nur der Umgang mit den chemisch reaktionsfreudigen Metallen. Spezielle Vorrichtungen mußten entwickelt werden, damit sie beim Füllen der Pumpe nicht – möglicherweise gasexplosiv – mit dem Luftsauerstoff reagierten. Korodi betonte aber, das Gerät sei im Normalbetrieb völlig ungefährlich gewesen, denn das Kalium-Natrium-Gemisch kreiste in luftdicht verschweißten Edelstahlgefäßen. Als Kältemittel diente mittlerweile das auch in Benzin enthaltene Pentan. So wurden die meisten Probleme – mit Ausnahme der Geräuschentwicklung – gelöst. "Innerhalb von zwei Jahren hatten wir einen kompletten Kühlschrank gebaut, der auch als solcher funktionierte", erzählte Korodi: Am 31. Juli 1931 wurde ein Einstein-Szilard-Apparat am AEG-Forschungsinstitut für den Vergleich mit marktgängigen Produkten in das Gehäuse eines 120 Liter fassenden G40-Modells der amerikanischen Firma General Electric eingebaut. Im Dauerbetrieb lief der Prototyp mit einer Leistung von 136 Watt und einem Tagesverbrauch von 2,3 Kilowattstunden.

Der Wirkungsgrad entsprach laut Korodi den Berechnungen. Doch für die von der Weltwirtschaftskrise angeschlagene AEG war das nicht gut genug. Nachlassende Kaufkraft und Verbesserungen an herkömmlichen Kühlschränken verdarben die Marktchancen des neuartigen Typs. Insbesondere das chemisch reaktionsträge und ungiftige Kältemittel Freon – 1930 von dem US-Unternehmen DuPont vorgestellt – versprach völlig gefahrlosen Betrieb (erst Jahrzehnte später stellte sich heraus, daß Fluorchlorkohlenwasserstoffe die stratosphärische Ozonschicht angreifen).

Noch ein Jahr lang konnte die Gruppe im AEG-Labor an besseren Pumpen und geeigneteren Flüssigmetallen arbeiten. Die Erwärmung im Inneren der Aggregate erwies sich als ausreichend, reines Kalium (mit seinem Schmelzpunkt von 63 Grad Celsius) flüssig zu halten; damit ließ sich in einem Dauertest über vier Monate der elektrische Wirkungsgrad von 16 auf 26 Prozent erhöhen. Dennoch brach die krisengeschüttelte Firma die Entwicklungsarbeiten schließlich ab. Korodi half beim Verfassen des 104seitigen Abschlußdokuments über den Einstein-Szilard-Kühlschrank unter dem offiziellen Titel "AEG Technischer Bericht 689 vom 16. August 1932". (Zum Glück behielt er selber eine Kopie, denn im Zweiten Weltkrieg wurden die AEG-Unterlagen vernichtet.)

Nur wenige Monate später beendete Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler das goldene Zeitalter der Physik in Deutschland. Szilard floh nach Wien, 1934 weiter nach London und emigrierte 1937 in die Vereinigten Staaten; britische und amerikanische Unternehmen vermochte er für das Kühlschrank-Konzept nicht zu interessieren. Einstein fand schon 1933 Zuflucht am Institute for Advanced Study in Princeton (New Jersey). Korodi kehrte nach Budapest zurück, wo er für die ungarische Niederlassung der Philips-Werke arbeitete und sich eine erfolgreiche Karriere im Bereich der Telekommunikation aufbaute; er starb dort am 28. März 1995.

Angewandte Theorie

Im Laufe ihrer siebenjährigen Zusammenarbeit reichten Szilard und Einstein mehr als 45 Patente in mindestens sechs Ländern ein. Zwar kam keines ihrer Kühlschrank-Modelle je auf den Markt, doch hinter jedem steckten raffinierte Anwendungen physikalischer Prinzipien. Insbesondere die Induktionspumpe erwies sich später als wertvoll: Wegen der Betriebssicherheit wurde das Konzept in Kühlsystemen von Brutreaktoren genutzt.

Szilard konnte mit den Ersparnissen sogar noch die Zeit der Emigration in England durchstehen. Nachdem er in selbstloser Weise anderen geflüchteten Kollegen zu Universitätsanstellungen verholfen hatte, wandte er sich der Kernphysik zu und entdeckte im Herbst 1933 die atomare Kettenreaktion bei Kernspaltung mittels Neutronen. Somit ermöglichten ihm eigentlich die Patenteinnahmen, mit der Erforschung der Nuklearenergie zu beginnen; an der Universität Chicago gehörte er zu dem Team, das den ersten Reaktor in Gang brachte, und er wurde einer der Initiatoren des Manhattan-Projekts zum Bau der amerikanischen Atombomben. Nach der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki setzte er sich jedoch vehement für die ausschließlich friedliche Verwendung der Kernenergie und für internationale Rüstungskontrolle ein. In seiner Forschung wandte er sich der Biophysik zu und entwickelte Theorien des Alterns und des Gedächtnisses.

Jahrzehntelang galt Einsteins und Szilards intensive Beschäftigung mit einem Haushaltsgerät in der Fachwelt als Kuriosität am Rande. Heute finden neue Methoden der Kältetechnik – insbesondere auch wegen der Ausdünnung der stratospärischen Ozonschicht – wieder reges Interesse. Für Szilard und Einstein war die Beschäftigung damit nicht bloß ein kurzes, zufälliges Intermezzo. Denn von ihrer ersten Zusammenarbeit im Berlin der Zwischenkriegszeit bis zu ihren späteren Appellen gegen die nukleare Bedrohung der ganzen Welt waren beide Forscher sich einig, daß wissenschaftliche Leistung und gesellschaftliche Verantwortung eng zusammenhängen.

Literaturhinweise

- The Collected Works of Leo Szilard: Scientific Papers. Herausgegeben von Bernard T. Feld und Gertrud Weiss Szilard. MIT Press, 1972.

– Leo Szilard: His Version of the Facts; Selected Recollections and Correspondence. Herausgegeben von Spencer R. Weart und Gertrud Weiss Szilard. MIT Press, 1978.

– Einstein as Inventor. Von Georg Alefeld in: Physics Today, Band 33, Heft 5, Seiten 9 bis 13, Mai 1980.

– Handbook of Electromagnetic Pump Technology. Von Richard S. Baker und Manuel J. Tessier. Elsevier, 1987.

– Der Autor bietet im World Wide Web unter der Adresse http://www.peak.org/~danneng/szilard.html eine Leo-Szilard-Seite an.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997, Seite 94
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997

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