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Klaus Heinloth: Die Energiefrage.

Bedarf und Potentiale, Nutzung, Risiken und Kosten.
Vieweg, Braunschweig/Wiesbaden 1997. 592 Seiten, DM 42,–.

Dies ist das dritte und bislang umfangreichste Buch von Klaus Heinloth zum Thema Energieversorgung. Der Bonner Hochenergie-Physiker hat zehn Jahre lang in den beiden Enquete-Kommissionen des Bundestags zum Schutz der Erdatmosphäre sowie in der UN-

Klimaforschungsorganisation „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC) mitgearbeitet. Nun stellt er auf fast 600 Seiten – 120 Abbildungen und mehr als 100 Tabellen eingeschlossen – seine Kenntnisse zusammen.

Das Buch verfolgt einen dreifachen Zweck. Erstens erläutert es kurz und prägnant die physikalischen Grundlagen der Energiegewinnung aus fossilen Energieträgern, Kernspaltung, Kernfusion, Wasserkraft, Wind, Sonnenstrahlung, Biomasse, Erdwärme und Müll, die Prinzipien der Wasserstoffnutzung sowie verschiedene Transport- und Speichertechniken. Anders als in seinen bisherigen Veröffentlichungen „Energie“ (Teubner, Stuttgart 1983) und „Energie und Umwelt“ (2. Auflage, Teubner, Stuttgart 1996) hat sich Heinloth in den entsprechenden Abschnitten diesmal auf das Notwendigste beschränkt; auch ein Laie kann sich daraus ein Grundverständnis der Technologien verschaffen.

Zweitens tut Heinloth den entscheidenden Schritt über die isoliert naturwissenschaftliche Behandlung des Themas hinaus, indem er akribisch eine Fülle von Faktoren des Energiebedarfs auflistet: vom weltweiten Verlauf der Geburtenrate pro Frau bis zur Anzahl der Single-Haushalte in der Bundesrepublik Deutschland, von der landwirtschaftlichen Gesamt-Nutzfläche auf dem Globus bis zur Entwicklung des Gütertransports in der

Europäischen Union.

Das Buch soll drittens ausdrücklich als Grundlage für energiepolitische Entscheidungen dienen (die als Herausgeberin zeichnende Heraeus-Stiftung hat jedem Bundestagsabgeordneten ein Exemplar geschickt). Dazu muß Heinloth über die Bestandsaufnahme hinausgehen und den Blick in die nähere Zukunft wagen.

Prognosen dieser Art hängen stets entscheidend davon ab, welche Daten man als unverrückbare Rahmenbedingungen hinnimmt und welche man für politisch beeinflußbar hält. Heinloths Annahmen diesbezüglich sind durchweg zurückhaltend: Nicht nur Bevölkerungszahl und Verfügbarkeit von Ressourcen behandelt er als feste Größen; auch die wirtschaftliche Produktivität gilt ihm als letztlich unbeeinflußbar. Daß er dabei

das gegenwärtige deutsche Wirtschaftswachstum nicht einfach – wie lange Zeit üblich – naiv in die Zukunft extrapoliert, wirkt durchaus überzeugend. Skeptischer wird man, wenn er für die Entwicklung von Volkswirtschaften deterministische Schemata unterstellt. Demnach müßten beispielsweise Thailand, Malaysia und Süd-Korea einer jahrzehntelangen ökonomischen Blütephase entgegensehen; das wird sich nach den jüngsten Turbulenzen in diesen Ländern allerdings erst noch erweisen müssen. Letztlich handelt es sich dabei jedoch um Detailfragen der regionalen Verteilung; mit Blick auf die gesamte Welt dürfte gegen die Prognose eines generellen Wirtschaftswachstums mit Schwerpunkt in Ostasien wenig einzuwenden sein.

Von der vielbeschriebenen Steigerung der Energieeffizienz um den „Faktor Vier“ (Spektrum der Wissenschaft, April 1996, Seite 118) ist bei Heinloth keine Rede. Ebenso illusorisch erscheinen ihm Hoffnungen auf einen weitreichenden Wandel im menschlichen Konsumverhalten. Daraus ergibt sich zusammen mit den ökonomischen Rahmendaten zwangsläufig, daß der weltweite Primärenergiebedarf noch für die nächsten 50 Jahre

keineswegs zurückgehen, sondern weiter ansteigen wird.

Falls dieser Bedarf nach wie vor in erster Linie durch fossile Energieträger gedeckt werden sollte, wird der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre weiter zunehmen; und was die Verstärkung des atmosphärischen Treibhauseffekts und ihre Folgen für das globale Klima angeht, ist Heinloth nicht auf der Seite der Optimisten: Daß Wetterextreme und Stürme zunehmen werden, gilt ihm als ebenso unvermeidlich wie die Verschiebung der Klimazonen. Hinzu kommen die bislang unkalkulierbaren Risiken eines Anstiegs des Meeresspiegels (Spektrum der Wissenschaft, Juni 1997, Seite 80) und einer Destabilisierung des gegenwärtig ungewöhnlich stabilen Klimas (Spektrum der Wissenschaft, Januar 1996, Seite 86).

Abwendbar scheinen diese Bedrohungen dem Autor, wenn überhaupt, nur bei maximaler Effizienzsteigerung und unter Einsatz sämtlicher erneuerbarer Energiequellen. Deren Potentiale indes sind sehr beschränkt und die Verfügbarkeit der Kernfusion ungewiß, wie Heinloth ebenfalls ungeschönt darstellt. Angesichts der Gesamtbilanz sieht er keine Alternative zur Nutzung der Kernenergie, vorzugsweise in Form inhärent sicherer Hochtemperaturreaktoren.

Heinloth weiß, daß er mit solchen Schlußfolgerungen in Wespennester sticht. An die Adresse derjenigen, welche die Klimagefährdung oder die Möglichkeit sicherer Kernkraftwerke bestreiten, richtet der Physiker allerdings deutliche Worte: „Die Lauterkeit aller Beteiligten am Spannungsfeld Energie ist in der Vergangenheit zu Schaden gekommen. Ideologische Verblendung hat nüchternes Wissen oft überwuchert. Es ist höchste Zeit, diese Schäden zu beheben, ideologische Verblendung abzubauen: Wir können diese Probleme nicht länger verdrängen, wir müssen sie lösen“ (Seite 120).

Daß Heinloth selbst keinen „bequeme[n] Königsweg“ (Seite 119) anzubieten hat, verwundert nach diesem Gesamtbild nicht. Seine Ratschläge in der „Executive Summary“ sind dementsprechend punktuell, aber nachdrücklich: energiepolitische Weichenstellung zur Effizienzsteigerung und weiteren Erschließung nichterschöpflicher Energiequellen, insbesondere durch Spiegel-Solarkollektoren; Bau inhärent sicherer Hochtemperaturreaktoren; Umleitung der Forschungsbemühungen in der Kernfusion von der bisher favorisierten Tokamak-Technik zur Tröpfchenfusion (Spektrum der Wissenschaft, Spezial 4: Schlüsseltechnologien, 1995, Seite 116) sowie Verbesserung von Verkehrstechniken und Reduzierung von Transportwegen.

Nach Heinloths Ausführungen bleibt freilich wenig Hoffnung, daß – selbst mit diesen Maßnahmen – die sich ankündigenden ökologischen Probleme überhaupt rechtzeitig zu bewältigen wären. So drängt sich am Ende die Frage auf, ob – und wenn ja, wo – er zu pessimistische wirtschaftliche, soziale und technische Eckdaten gesetzt hat. Indessen sind eher konservative Annahmen nur angemessen, wenn man vorrangig Fakten zusammenstellen will, die ihrerseits erst als Diskussionsgrundlage für weiterreichende politische Entscheidungen dienen sollen. Jede optimistischere Vision künftiger Energiepolitik wird sich deshalb mit Heinloths nüchternpragmatischer Bilanz auseinanderzusetzen haben.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1998, Seite 103
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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