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Die fliegenden Leichen von Kaffa. Eine Kulturgeschichte der Seuchen und Plagen

Volk & Welt, Berlin 1996.
376 Seiten, DM 39,80.

Im Jahre 1969 verkündete William H. Stewart, damals Präsident der Ärztekammer der USA, die entscheidenden Schlachten gegen die ansteckenden Krankheiten seien geschlagen. Nicht mehr in Mikroben sah er die Hauptgefahr für den Menschen, sondern in leichtsinnigem Lebenswandel: Trinken, Rauchen und Fahren ohne Sicherheitsgurte hätten Beulenpest, Pocken und Cholera abgelöst.

Diese Einschätzung entsprach zwar dem Zeitgeist, erwies sich aber als völlig falsch. Moderne Medizintechniken, ein lässigeres Sexualverhalten, weltweite Mobilität und die Zerstörung der Umwelt trugen dazu bei, daß sich menschenpathogene Mikroorganismen erneut ausbreiteten. Lyme-Borreliose, Legionärskrankheit, AIDS, Ebola-Fieber – um nur einige Beispiele aus einer langen Liste zu nennen – haben gezeigt, daß besiegte Infektionskrankheiten wie die Pocken über kurz oder lang durch neue ersetzt werden. An Gonorrhoe, Lungenentzündung und Tuberkulose andererseits sieht man, daß ehemals verhältnismäßig leicht behandelbare Krankheiten mit neuen Erregertypen daherkommen, gegen die immer mehr Antibiotika wirkungslos sind.

Ist das abrupte Ende eines goldenen Zeitalters, in dem Infektionskrankheiten eher banale, weil kurierbare Randerscheinungen waren, ein Merkmal unserer Epoche und unseres Kulturkreises, oder hat es solche Phänomene in der Geschichte der Menschheit immer schon gegeben? Lassen sich auch bei Krankheit und Gesundheit historische Pendelbewegungen erkennen, ähnlich denen von wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwüngen und Niedergängen? Und wenn ja, was sind die Ursachen dafür?

Diesen Fragen geht der amerikanische Wissenschaftsjournalist Arno Karlen nach. Der reißerische deutsche Titel ist irreführend: Daß die tatarischen Belagerer der Krimfestung Kaffa beim Abzug 1346 ihre Pestleichen in die Stadt schleuderten und deren Bewohnern damit noch nachträglich den Garaus machten, ist innerhalb des Werks nur eine Randepisode. Wie der englische Originaltitel "Man and Microbe" deutlich macht, handelt es sich um ein gründlich recherchiertes und mit soliden Fakten versehenes Sachbuch. Eine ausführliche Bibliographie und ein hervorragendes Sach- und Personenregister machen es auch als Nachschlagewerk nützlich.

Der erste große Einschnitt in althergebrachte Krankheitsmuster fand statt, als unsere Vorfahren vor rund fünf Millionen Jahren die Baumwipfel verließen und auf den Erdboden umzogen. Forschungen in den tropischen Regenwäldern haben gezeigt, daß die Lebensräume von Tieren und Pflanzen – und dementsprechend ihrer Krankheitserreger – häufig horizontal strukturiert sind. Wechselt ein Lebewesen aus seiner angestammten Nische nach oben oder unten, so muß es sich nicht nur auf völlig andere Nahrung und Nahrungskonkurrenten, sondern auch auf neue Parasiten und Keime einstellen.

Wahrscheinlich waren das Fleisch und die Fäkalien der in der Savanne lebenden Pflanzenfresser mit schmarotzenden Würmern verseucht, die auf den Menschen übergingen und ihn bis heute begleiten. Die Trypanosomen und damit die Schlafkrankheit holten sich vermutlich unsere Vorfahren als Jäger von der Tsetsefliege als typischer Begleiterin afrikanischer Savannentiere. Beim Übergang zur seßhaften Lebensweise brachten die domestizierten Wildtiere ihren eigenen Mikrokosmos von Krankheitserregern mit, die nun beste Chancen hatten, auf den neuen Wirt Mensch überzuspringen. Tollwut und Salmonellose, Milzbrand und Zeckentyphus, Toxoplasmose und Echinokokkose sind typische Zoonosen, mit denen sich unsere Vorfahren vor 5000 Jahren erstmalig konfrontiert sahen und die uns noch immer bedrohen.

Mit dem Beginn unserer Zeitrechnung machten sich erstmals jene Faktoren bemerkbar, die auch heute noch vielen Infektionskrankheiten einen idealen Nährboden bereiten: Zusammenballung von Menschen in Großstädten, große Mobilität der Bevölkerung, intensiver Handel und Verkehr. So betrug nach vorsichtigen Schätzungen die Weltbevölkerung um 200 nach Christus bereits 200 Millionen, davon ein Viertel im Einzugsgebiet des Römischen Reiches. Die unter seuchenmedizinischen Gesichtspunkten bis dahin isolierten Großräume Europa, Afrika, Indien und China hatten erstmalig in der Geschichte intensiven Kontakt. Asiatische und afrikanische Krankheitserreger konnten so mit Karawanen, per Schiff oder im Tornister heimkehrender Soldaten in den Mittelmeerraum gelangen. Epidemien von Milzbrand, Masern und Malaria, später auch von Pocken, Pest und Typhus wurden in den Städten zu alltäglichen Heimsuchungen. So starben nach Angaben von Chronisten bei einer Epidemie im Jahre 250 allein in Rom, wo sich mehr als zwei Millionen Menschen auf engstem Raum drängten, täglich 5000 Einwohner. Der Untergang des Imperiums, so Karlen, sei weniger auf Sittenlosigkeit und Dekadenz zurückzuführen, sondern schlicht eine Antwort der Natur auf Übervölkerung und dramatische gesellschaftliche und ökologische Umwälzungen, die neuen Krankheitserregern Tür und Tor öffneten.

Ähnliche Pendelausschläge sieht der Autor auch in folgenden Jahrhunderten immer wieder auftreten. Ob Lepra oder Pest im Mittelalter, Cholera oder Tuberkulose im letzten Jahrhundert – der epidemiehaften Ausbreitung von Infektionskrankheiten gingen stets Eingriffe des Menschen in die natürlichen Lebensräume voraus. Immer wenn er seinen Lebensstil und damit auch seine Umgebung radikal veränderte, geriet auch die natürliche Balance im Zusammenleben mit den Krankheitserregern ins Wanken.

Ein infektionsfreier Garten Eden hat nie existiert und ist auch in der Zukunft nicht vorstellbar. Jeder zivilisatorische Fortschritt hat seinen Preis, der mit biologischer Anpassung an neue Infektionskrankheiten bezahlt werden muß. Dieser Erkenntnis hat Arno Karlen mit seinem Buch neue Substanz gegeben und sie mit einem unterhaltsamen und anregenden Text belegt.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1997, Seite 115
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1997

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