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Paolo Rossi:: Die Geburt der modernen Wissenschaft in Europa.

Aus dem Italienischen von Marion Sattler Charnitzky und Christiane Büchel.
C. H. Beck, München 1997. 380 Seiten, DM 58,–.

Als Johannes Kepler (1571 bis 1630) seine revolutionären Arbeiten zur Astronomie verfaßte, schrieb er gleichzeitig an einer Verteidigungsschrift für seine Mutter, die der Hexerei angeklagt war.
Paolo Rossi, Philosophiehistoriker an der Universität Florenz, wendet sich mit seinem Buch "in erster Linie an Leser und Leserinnen, die einen Einstieg in die Ideengeschichte und die rasch sich ausbreitenden komplizierten und faszinierenden Erkenntnisse der Naturwissenschaften und der Philosophie suchen". Er behandelt den Zeitraum von etwa 1500 bis zu Isaac Newton (1643 bis 1727), und vieles davon ist Allgemeinwissen: zum Beispiel daß Nikolaus Kopernikus (1473 bis 1543) die Erde aus dem Mittelpunkt der Welt verbannte, Galileo Galilei (1564 bis 1642) mit Hilfe von Fernrohren die Jupitermonde entdeckte, Giordano Bruno (1548 bis 1600), der die Lehre des Kopernikus zu einer metaphysischen Kosmologie mit den Fixsternen als Zentren anderer Planetensysteme erweitert hatte, als Ketzer verbrannt wurde, und eben Keplers drei Gesetze der Planetenbewegung.
Rossis Verdienst ist es, diese geistigen Leistungen in den Kontext ihrer Zeit einzuordnen. Er nimmt dabei nicht den Standpunkt eines geschichtlich interessierten Wissenschaftlers ein, sondern den eines Historikers, der sich mit der Wissenschaft befaßt. Das moderne Denken versteht er als Paradigma, das sich gegenüber dem mittelalterlichen durchgesetzt habe; die Wissenschaft sei lediglich ein Ausdruck dieses Wandels unter vielen. Seine Entstehung war nicht ein bloßes Fortschreiten des Wissens, sondern eine eigentliche Revolution: Sie brachte etwas qualitativ Neues hervor, das sich nur verstehen läßt, wenn man die historischen Bedingungen dieses Prozesses kennt.
"Krise und Ende des Anthropozentrismus", "Leibniz und seine Kritik an der mechanistischen Lehre" – das sind Kapitelüberschriften, wie man sie in einem Buch zur Wissenschaftsgeschichte erwartet. "Banausen", "Perlen vor die Säue", "Musik und Tanzwut", "Wunderliche Steine": Solche Titel befremden vorerst. Aber sich befremden zu lassen ist eine Voraussetzung für das Verständnis historischer Prozesse: "Wenn wir uns einem Denken nähern", schreibt Rossi in der Einleitung, "müssen wir zu vergessen suchen, was wir wissen oder zu wissen meinen."
Banausía ist das griechische Wort für handwerkliche Arbeit. Ernstzunehmende Gelehrte befaßten sich im Mittelalter nicht mit Banausenhaftem wie der Technik. Als Galilei sich das Fernrohr zunutze machte, nahm er nicht einfach ein neues, besseres Instrument in Gebrauch; es war vielmehr revolutionär, daß ein Wissenschaftler überhaupt ein technisches Gerät einsetzte und ihm vertraute. Ein Experiment mit eigens dafür geschaffener Anordnung, eine Beobachtung mit einem die Sinne unterstützenden Instrument – das waren künstliche Eingriffe in die Natur, mit denen sich nach mittelalterlicher Auffassung keine gültigen Aussagen über die natürliche Welt machen ließen. Eigenen Erfahrungen mehr zu trauen als der Autorität eines Kanons antiker Schriften setzte ein Selbstverständnis des Individuums voraus, das dem Mittelalter fremd war. Bis Galileis Blick in das Firmament möglich wurde, mußte weit mehr zusammenkommen als die Fähigkeit, Linsen zu schleifen und zu Fernrohren zu kombinieren.
Wie umwälzend dessen Beobachtungen waren, erkennen wir ebenfalls erst, wenn wir uns in die Zeit versetzen: Daß der Mond Berge und Krater aufweist, daß der Jupiter eigene Monde hat, das bedeutete nicht weniger, als daß andere Himmelskörper gewisse Eigenschaften mit der Erde teilen, die Erde also nicht einzigartig ist. Die Idee wurde verblüffend schnell populär: Bereits wenige Jahrzehnte nach Galilei waren Reisen zum Mond und Spekulationen über fremdes Leben im Universum beliebte Themen der phantastischen Literatur.
Die eingangs erwähnte Episode um Keplers Mutter steht in der Einleitung des Buches. Der Hexenwahn gehört zu der dunklen Seite jener geschichtlichen Phase Europas, die gleichzeitig mit der Revolution des Wissens einherging. Es wäre freilich falsch, das geistige Leben der Zeit säuberlich aufzuteilen: hier die modernen Wissenschaften und die Aufklärung, dort das alte Denken, die Kirche, welche die Wissenschaft unterdrückte, Hermetismus, Mystizismus, Magie und Alchimie. Nicht nur liefen die einander widersprechenden Denkparadigmen zeitlich parallel, sie durchdrangen und beeinflußten einander auch.
Kopernikus berief sich auf Hermes Trismegistos, den mythischen Vorvater der Hermetiker. Kepler suchte im Universum in pythagoreischer Tradition nach Harmonien; der Erde ordnete er die Töne mi und fa zu, welche für miseria und famis – Elend und Hunger – stünden. Die erste Anzeige gegen Galilei hatte nicht sein Bekenntnis zu Kopernikus zum Inhalt; er wurde vielmehr angeklagt, Horoskope erstellt zu haben, sowie außerdem, statt der heiligen Messe seine Mätresse zu besuchen. Selbst Newton, der Begründer der klassischen Physik, verwandte einen erheblichen Teil seines Schaffens auf Alchimie und Astrologie, auf die Interpretation der Apokalypse und den Versuch zu beweisen, daß die Welt unmöglich älter als etwa sechstausend Jahre sein könne.
Dem Anspruch, nicht für Spezialisten, sondern für interessierte Laien zu schreiben, wird Rossi mit einer verständlichen Sprache, die nicht allzuviel Vorwissen voraussetzt, gerecht. Etwas ärgerlich ist freilich, daß lateinische Buchtitel und Kurzzitate in der Regel nicht übersetzt sind.
Die Lektüre lohnt sich gerade für Naturwissenschaftler, denn: "Die Wissenschaftsgeschichte vermag uns daran zu erinnern, daß das rationale Denken, die logische Genauigkeit, … ja selbst die Struktur der wissenschaftlichen Erkenntnis, die aus sich selbst erwachsen kann, kein immerwährendes Geistesgut und auch keine unabänderlichen Gegebenheiten der Menschheitsgeschichte, sondern historische Errungenschaften sind."


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1998, Seite 111
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 1998

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