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Die Geschichte der androgen-anabolen Steroide

Als Dopingmittel sind die männlichen Keimdrüsenhormone und ihre künstlichen Derivate inzwischen verboten, doch gibt es zahlreiche medizinische Indikationen für ihre Anwendung. Falls bestimmte Präparate als Kontrazeptiva oder allgemein aktivierendes Geriatrikum für den Mann üblich würden, wären legale Verschreibung und Mißbrauch schwerlich mehr zu unterscheiden.

Am 1. Juni 1889 verkündete Charles Édouard Brown-Séquard in Paris vor der französischen Biologischen Gesellschaft, er habe einen Jungbrunnen entdeckt und bereits an sich selbst ausprobiert. Der damals 72 Jahre alte Neurologe und Physiologe (Bild 2), zeitweilig Professor an der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) und seit 1878 Inhaber des Lehrstuhls für experimentelle Medizin am Collège de France, hatte sich wiederholt einen flüssigen Extrakt aus Tierhoden – von Hunden und Meerschweinchen – gespritzt. Seitdem, behauptete er, fühle er sich körperlich kräftiger und geistig frischer; unumwunden teilte er dem Auditorium mit, auch seine Probleme mit Verstopfungen seien behoben, und er könne wieder im hohen Bogen urinieren.

Trotz der Skepsis mancher Kollegen beharrte er auf einem direkten Zusammenhang zwischen Injektion und Wirkung. Noch heute glauben viele Experten eher an einen Placebo-Effekt (um wie geschildert zu wirken, hätte die Medikation wohl wesentlich intensiver sein müssen). Dennoch gilt Brown-Séquard als ein Begründer der Endokrinologie, der Lehre von der Bildung und Wirkung von Hormonen: Seine Vermutung, durch Substanzen aus Hoden lasse sich deren Funktion steigern oder ersetzen, erwies sich später als im Kern zutreffend.

Sein Verdienst ist erkannt zu haben, daß dem Mangel an bestimmten im Körper abgesonderten physiologischen Regulatoren – der Begriff Hormon wurde erst 1905 nach griechisch horman (antreiben, anregen, in Bewegung setzen) geprägt – mit Extrakten tierischer Organe entgegengewirkt werden kann. Er knüpfte damit an grundlegende Forschungsergebnisse seines Vorgängers auf dem Pariser Lehrstuhl an: Claude Bernard (1813 bis 1878) hatte das Konzept des inneren Milieus entwickelt sowie 1855 im Zusammenhang mit Untersuchungen zur Funktion von Leber und Bauchspeicheldrüse im Zuckerhaushalt und bei der Verdauung die Vorstellung einer inneren Sekretion eingeführt.

Damit begannen teils abstruse, teils zunehmend verfeinerte Versuche von Hormonbehandlungen. Die Forschungen kulminierten 1935 in der Synthese von Testosteron, des wichtigsten von den Hoden produzierten Hormons. Es wird sowohl im männlichen als auch – in geringem Maße – im weiblichen Organismus gebildet. Es wirkt zum einen androgen, fördert also die Ausbildung der männlichen Fortpflanzungsorgane und sekundären Geschlechtsmerkmale, prägt auf typische Weise die Psyche und ist an der Spermienreifung beteiligt; zum anderen wirkt es anabol, indem es die Proteinbiosynthese aus Nahrungsprotein – den Anabolismus – steigert. Chemisch ist es ein Steroid (siehe Kasten auf Seite 85).

Seitdem sind verschiedenste künstliche anabol-androgene Substanzen hergestellt worden, die sich aus Testosteron oder verwandten Verbindungen ableiten – ein zwiespältiger Erfolg. Denn aufgrund ihrer beiden Haupteigenschaften boten sie therapeutischen Nutzen ebenso, wie sie zum Mißbrauch verlockten.

Schon in den vierziger Jahren sprach es sich unter Bodybuildern und Leistungssportlern herum, daß derartige synthetische Hormone den Aufbau der Muskulatur beschleunigen und ein intensiveres Training ermöglichen (Bild 1). Dabei wurden massenhaft besonders solche Derivate der Naturstoffe verwendet, die relativ wenig androgen (virilisierend), dafür aber stark anabol wirken und außerdem nur langsam abgebaut werden. Das Doping mit Anabolika ist zwar seit langem verboten und wird, wie der Gebrauch anderer unphysiologisch leistungssteigernder Mittel, seit 1966 bei internationalen Wettkämpfen kontrolliert; aber es gibt nach wie vor eine Grauzone, von der ein Schwarzmarkt mit immens hohen Umsätzen profitiert.

Die andere, weniger bekannte Anwendung ist die legitime zu therapeutischen Zwecken. Länger schon als zum Doping setzt man einerseits Anabolika mit möglichst schwacher virilisierender Wirkung ein, um bei Zehrkrankheiten die Synthese körpereigener Proteine zu steigern, andererseits künstliche Androgene, um einen Mangel natürlicher Hormone zu kompensieren oder etwa auch zur sogenannten hormonalen Kastration von Patientinnen mit Brustkrebs. Zunächst schienen zudem Testosteron und verwandte Substanzen Standardmittel für Männer gegen altersbedingte Verfallserscheinungen zu werden, doch verhinderten das vor allem die Nebenwirkungen bestimmter Präparate: Verhaltensveränderungen, Funktionsbeeinträchtigungen der Leber sowie teilweise Impotenz und Infertilität; auch können Prostata- und Hodenkrebs dadurch verschlimmert werden. Frauen, bei denen man mit Androgen-Gaben manchen hormonell beeinflußten Krankheiten entgegenzuwirken sucht, bekommen oft eine tiefere, rauhe Stimme, eine männliche Körperbehaarung samt Bartwuchs und eine vergrößerte Klitoris.

Je weiter die Pharmakologie und Medizin fortschreiten, desto schwieriger wird es allerdings, legitime Anwendung und Mißbrauch klar getrennt zu halten. Sowohl über die Risiken wie über Einsatzmöglichkeiten gewinnt man immer differenzierteres Wissen. Ein wichtiger Aspekt ist, Nebenwirkungen und Nutzen einer medizinisch indizierten Anwendung gegeneinander abzuwägen. Intensiv geforscht wird auch über Steroide als Verhütungsmittel für den Mann; und manche Ärzte propagieren weiterhin künstliche Sexualhormone, um alternden Männern die körperliche Leistungsfähigkeit, ihre Libido und das Selbstwertgefühl zu erhalten.


Magie und Organotherapie

Brown-Séquard hatte seinen Hodenextrakt kostenlos an Praktiker verteilt, welche die Wirkung erproben wollten. In vielen Ländern wurde versucht, damit verschiedenste Krankheiten zu kurieren, seien es nun Tuberkulose oder Krebs, Diabetes oder Paralyse, Gangräne, Blutarmut, Arteriosklerose, ja selbst Grippe, Hysterie oder Migräne. Im Grunde wirkte dabei noch die uralte magische Vorstellung weiter, daß man Gleiches mit Gleichem behandeln müsse: Similia similibus lautet denn auch ein Grundsatz der Homöopathie, die der in Leipzig, Köthen und Paris wirkende Samuel Hahnemann (1755 bis 1843) begründet hat. Historisch bezeugt ist seit der Antike, daß zum Beispiel Bestandteile von Menschen- oder Tierherzen verordnet wurden, um den Mut zu stärken, Hirngewebe, um Schwachsinn zu heilen, und alle erdenklichen, meist unappetitlichen Organteile, Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen – Galle, Blut, Harn, Fäkalien, Darm, Mutterkuchen, Knochen, Zähne, Horn und Federn – gegen sonstige Beschwerden aller Art.

Schon immer hatten die Sexualorgane und ihre Sekrete in dieser bizarren Apotheke besonderen Stellenwert. So schrieb man auch im alten Ägypten den Hoden medizinische Kräfte zu. Nach Plinius dem Älteren (23 bis 79) galten im antiken Rom der in Öl eingelegte Eselpenis wie auch die penisähnliche Klitoris von Tüpfelhyänen, diese wiederum mit Honig bestrichen, als Aphrodisiaka. Desgleichen empfahl der sagenhafte altindische Heilkundige Sushruta, dessen Lehren in das wohl um 500 kodifizierte medizinische Sammelwerk "Ayurveda" aufgenommen worden waren, gegen Impotenz den Verzehr von Hodengewebe. Noch in einem 1754 erschienenen deutschen Arzneibuch, der "Pharmacopoea Wirtenbergica", ist Wundersames über die Wirksamkeit von Pferdehoden und Meeresgetier-Geschlechtsorganen zu lesen. Und nicht nur in früheren Zeiten konnte man in der Sexualität Mythos und Wirklichkeit schlecht auseinanderhalten.

Zwei durchaus seriöse Forscher ließen sich von Brown-Séquards Ideen zu heute zumindest bedenklich anmutenden Experimenten anregen: Die österreichischen Physiologen Oskar Zoth und Fritz Pregl (der für seine Arbeiten in analytischer Chemie 1923 den Nobelpreis erhielt) prüften im Selbstversuch, ob Flüssigextrakte von Stierhoden die Muskelkraft stärkten und sich für Sportler eigneten; mit einem Ergographen zeichneten sie dabei Ermüdungskurven ihrer Mittelfinger auf.

Einem 1896 erschienenen Artikel Zoths zufolge stellten sie eine deutliche Wirkung auf den "neuromuskulären Apparat" fest. Die beiden Forscher schlossen ausdrücklich aus, was viele ihrer heutigen Kollegen glauben, daß sie nämlich nur einen Placebo-Effekt beobachtet hätten, und meinten daher, daß man das Verfahren an Athleten erproben solle, auch im Dienste des wissenschaftlichen Fortschritts – das war sozusagen der erste sportmedizinische Vorschlag für eine Hormonbehandlung zum Doping.

Andere Wissenschaftler suchten unterdessen nach den aktiven Inhaltsstoffen von Hodenextrakten. Im Jahre 1891 gelang es dem Chemiker Alexander von Poehl, Sperminphosphat in Form von Kristallen zu isolieren. Er erkannte, daß der Stoff auch sonst im Körper vorhanden ist, bei Männern wie Frauen, und schloß, daß er die Alkalität des Bluts erhöhe, das deswegen vermutlich mehr Sauerstoff zu transportieren vermöge.

Nun herrscht, wenn Hämoglobin Sauerstoff bindet, tatsächlich ein leicht alkalisches Milieu und ein leicht saures, wenn es diesen wieder abgibt. Es war aber ein Irrtum von Poehls, eine "dynamogene", vitalisierende Substanz im Sinne Brown-Séquards entdeckt und damit dessen Thesen untermauert zu haben. Inzwischen weiß man, daß Spermin und das verwandte Spermidin zwar speziell den Spermageruch prägen (sie sind darin an die Phosphatgruppen der Nucleinsäuren gebunden), aber weitverbreitete Polyamine sind – sie kommen wahrscheinlich in allen Mikroorganismen, Pflanzen (Wurzeln, Blättern und Früchten) und Tieren vor. Die Vermutung von Poehls hat sich aber insofern als richtig erwiesen, als Spermin und Spermidin wachstumsfördernde Eigenschaften haben; zudem fanden 1992 Ahsan U. Khan von der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) und seine Kollegen Indizien, daß Spermin die Nucleinsäuren vor Sauerstoffradikalen schützen hilft.

Anscheinend wurde 1912 der erste Versuch unternommen, bei Verlust der Sexualfunktionen statt eines Extraktes gleich das hormonliefernde Organ zu übertragen. Damals erhielt ein Mann in Philadelphia einen fremden menschlichen Hoden eingesetzt; der Eingriff soll, wie es später hieß, "offenbar technisch erfolgreich" gewesen sein. Im Jahr darauf operierte in Chicago Victor D. Lespinasse einen Patienten, der beide Hoden eingebüßt hatte. Das Ersatzorgan, das er einem Spender unter Narkose entnommen hatte, schnitt er in drei Scheiben, die er dann implantierte. Vier Tage später, notierte der heroische Praktiker, "hatte der Patient eine kräftige Erektion und ausgeprägtes sexuelles Verlangen; er bestand darauf, das Krankenhaus zu verlassen, um es zu befriedigen". Auch nach zwei Jahren soll er noch potent gewesen sein; Lespinasse sprach von einem "absolut perfekten" Eingriff.

Der wagemutigste und rücksichtsloseste dieser Chirurgen war wohl Leo L. Stanley, Arzt am staatlichen Zuchthaus von San Quentin (Kalifornien), der viele begierige Empfänger und unfreiwillige Spender zur Verfügung hatte: Seit 1918 implantierte er Insassen aller Altersstufen Hoden von frisch Hingerichteten; etliche der Operierten gaben an, ihre Potenz wiedererlangt zu haben. Und aus "Mangel an menschlichem Material" begann Stanley 1920, auch Hoden von Schaf- und Ziegenböcken, Hirschen oder Ebern einzusetzen, die angeblich ebenso gut ihre Funktion erfüllten. Die Zahl seiner Transplantationen ging in die Hunderte. Die Mund-zu-Mund-Propaganda machte daraus bald ein Allheilmittel – nicht nur Impotente und Senile suchten bei ihm Hilfe, sondern auch Asthmatiker, Epileptiker, Diabetiker, Tuberkulose- und Geisteskranke und von Gangrän Betroffene. Schädliche Nebenwirkungen, behauptete Stanley, habe er keine beobachtet; "das tierische Hodenmaterial" übe "deutliche Effekte" aus, auch "bei obskuren Schmerzen", und fördere "das körperliche Allgemeinbefinden".

Aus heutiger Sicht bewegt sich diese frühe Organotherapie – eine Art Vorläuferverfahren der von dem Züricher Urologen Paul Niehans (1882 bis 1971) entwickelten Frischzellentherapie, bei der Aufschwemmungen von Gewebeteilen oder Organfragmenten aus tierischen Embryonen oder frisch geschlachteten Jungtieren injiziert werden – hart an der Grenze zur Quacksalberei. Stanleys Arbeit galt seinerzeit immerhin als reputierlich genug, daß er sie in der renommierten Zeitschrift "Endocrinology" veröffentlichen konnte. Aber wie schon Brown-Séquard beklagte er sich, daß Scharlatane vorgäben, die Manneskraft wiederherstellen zu können, und "Piraten der Medizin" halb blind über dieses "kaum kartierte Meer der Forschung" schifften, von denen manche hauptsächlich die finanzielle Ausbeute im Sinn hätten. Bei seinem eigenen Vorgehen hegte er keinerlei Bedenken; die höchst zweifelhaften Befunde hielt er für überzeugend. Es war die Epoche, als der russisch-französische Chirurg Serge Voronoff mit seinen umstrittenen Transplantationen von "Affendrüsen" Reichtümer scheffelte.

Trotzdem ordnet der Medizinhistoriker David Hamilton auch Voronoff als ernstzunehmenden Forscher ein – weil die Endokrinologie in den zwanziger Jahren noch am Anfang stand und medizinische Ethikkommissionen eine Seltenheit waren. Damals warnten Fachzeitschriften zwar regelmäßig vor "Wunderheilern", "Kuren gegen alles mit Drüsen-Cocktails" und "extravaganten therapeutischen Exkursen", aber sie ließen doch auch vorsichtigen Optimismus erkennen. Bedenkt man den geringen Kenntnisstand zu der Zeit und die vielfältigen Versuchungen, neue Verfahren zu entwickeln, sollte man wohl eher von medizinischer Gratwanderung sprechen als von stets ausgemachtem Schwindel.


Die Entdeckung von Testosteron

Die gezielte Suche nach einer spezifischen Substanz mit androgenen Eigenschaften war unterdessen schon im Gange. So beschrieb A. Pézard im Jahre 1911, daß der Kamm eines kastrierten Hahns wuchs, wenn man ihm Hodenextrakt einspritzte, und zwar proportional zur Dosis. Der Kapaunenkamm-Test und Tiermodelle ähnlicher Art wurden für zwei Jahrzehnte zum probaten Mittel, um die androgene Wirkung verschiedenster Stoffe zu prüfen, die man aus großen Mengen von Tierhoden oder menschlichem Harn isolierte.

Schließlich gelang es 1931 dem in Danzig, Berlin, Tübingen und München tätigen Biochemiker Adolf Butenandt (1903 bis 1995), als erstes Androgen aus 15000 Litern Urin von Polizisten 15 Milligramm Androsteron zu gewinnen (zu dem Testosteron im Organismus abgebaut wird). Daß die Hoden einen noch zehnfach potenteren androgenen Faktor – Testosteron – enthalten, fand man in den folgenden Jahren heraus.

An dem Wettrennen um dieses Hormon beteiligten sich, gestützt auf konkurrierende pharmazeutische Unternehmen, drei Forschungsgruppen:

- Am 27. Mai 1935 reichten Kàroly Gyula David und Ernst Laqueur, die mit der Firma Organon in Oss (Niederlande) zusammenarbeiteten (Laqueur, Pharmakologe in Gent und Amsterdam, lange als wissenschaftlicher Berater), gemeinsam mit Kollegen bei der "Zeitschrift für physiologische Chemie" die klassische Arbeit "Über krystallinisches männliches Hormon aus Hoden (Testosteron), wirksamer als aus Harn oder aus Cholesterin bereitetes Androsteron" ein;

- am 24. August zogen Butenandt und Günter Hanisch, hinter denen die Schering-AG in Berlin stand, in "Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft" mit der Publikation "Über die Umwandlung des Dehydro-androsterons in D4-Androsten-ol-(17)-on-(3) (Testosteron); ein Weg zur Darstellung des Testosterons aus Cholesterin" nach; und

- am 31. August ging bei "Helvetica Chimica Acta" der Artikel "Über die künstliche Herstellung des Testikelhormons Testosteron (Androsten-3-on-17-ol)" ein, dessen Verfasser der kroatisch-schweizerische, in Utrecht und ab 1929 in Zürich tätige Chemiker Leopold Ru`´zi`´cka und der Schweizer Chemiker Albert Wettstein waren, die gleichzeitig im Namen der Ciba-AG (die 1970 mit Geigy fusionierte) die Anmeldung auf ein Patent kundtaten.

Für ihre Forschungen auf dem Gebiet der Hormonchemie – sie hatten unter anderem auch weibliche Geschlechtshormone identifiziert – erhielten Butenandt und Ru`´zi`´cka (1907 bis 1974) im Jahre 1939 den Nobelpreis für Chemie. Butenandt konnte ihn freilich erst nach dem Ende des Hitler-Regimes entgegennehmen; seit 1936 war dies deutschen Staatsbürgern verboten gewesen.


Androgene als Pharmaka und Dopingmittel

Der Kampf um den Markt für synthetisches Testosteron und Derivate davon hatte begonnen. Die klinische Erprobung war schon 1937 im Gange, sowohl mit Testosteronproprionat, einem modifizierten Molekül (wie andere Testosteronester auch läßt es sich als Depotpräparat einsetzen, während Testosteron selbst nur sehr kurzfristig wirkt), als auch mit Methyltestosteron, das man oral verabreichen konnte und das langsamer abgebaut wird als Testosteron (aber starke Nebenwirkungen auf die Leber hat). Diese Untersuchungen waren anfangs kaum weniger ungezielt als die frühen Übertragungen von Hoden oder deren Extrakten. Allerdings gab man die hormonell wirkenden Stoffe zunächst hauptsächlich jungen und erwachsenen Männern mit unterentwickelten Keimdrüsen oder gestörter Hormonfunktion, so daß die sekundären Geschlechtsmerkmale wie tiefe Stimme oder Bartwuchs heranreiften beziehungsweise erhalten blieben, sowie Patienten, denen eine Art männliches Klimakterium – ein noch immer schwer faßbares und umstrittenes Phänomen – attestiert wurde, was unter anderem Impotenz einschließt.

Auch Frauen verabreichte man bald schon synthetische Androgene, die als Antagonisten des weiblichen Steroidhormons Östrogen wirken. Indikatoren waren übermäßige Menstruationsbeschwerden sowie zu starke und zu lange Blutungen, Schmerzen in den Brüsten und auch östrogenabhängiger Brustkrebs, denn schon seit etwa 100 Jahren hatten Ärzte beobachtet, daß metastasierende Mammakarzinome sich in bestimmten Fällen zurückbildeten, wenn sich das hormonelle Gleichgewicht verschob. Nach gegenwärtiger Kenntnis ist jeder dritte Brustkrebs hormonabhängig. Bei fortgeschrittenen Tumoren nach der Menopause ist denn auch eine hormonelle Gegentherapie die zweite oder dritte Maßnahme nach der operativen Entfernung.

In den vierziger Jahren, als man über die Zusammenhänge weniger wußte, unterzog man dieser Therapie Patientinnen aller Altersstufen. Man beobachtete zugleich, daß Androgene krebsbedingte Schmerzen lindern und Appetit, Gewicht und Wohlbefinden steigern können, auch wenn das Tumorwachstum selbst nicht aufzuhalten ist; überdies berichteten viele der Frauen, denen solche Präparate kristallin oder gelöst in hoher Dosis unter die Haut appliziert wurden, von wiederkehrender oder gesteigerter Libido.

Zu einem Standardtherapeutikum bei weiblichen Sexualstörungen wurden Androgene dennoch nicht, auch wenn manche Ärzte in den Vereinigten Staaten und vielleicht noch mehr in Großbritannien und Australien sie dafür verschreiben. Nicht nur empfanden damals wie heute manche Patientinnen den künstlich stark gesteigerten Sexualtrieb denn doch als störend – auch die Vermännlichung der äußeren Erscheinung war eine Nebenwirkung, die schwerlich in Kauf genommen werden konnte. Darüber, ob sie nach Absetzen der Medikation bestehen bliebe oder nicht, wurde in der Fachliteratur hitzig debattiert.

Aufgrund der Vorstellung, Testosteron hebe die Wirkung von Östrogen auf, suchte man damit auch männliche Homosexualität sozusagen zu heilen (schon in den zwanziger Jahren hatten Hoden-Transplanteure daran gedacht). In der Zeitschrift "Endocrinology" etwa war 1940 zu lesen: "Es ist offenbar, daß die Östrogenwerte Homosexueller höher sind", und die Schlußfolgerung war, daß "die Chemie der Geschlechtshormone bei einer homosexuellen Konstitution verschieden ist von der des normalen Mannes". Eine andere Arbeit aus dem Jahre 1944 beschrieb "eine Reihe klinischer Studien zur Organotherapie", an elf "offen Homosexuellen, die aus unterschiedlichen Gründen eine Behandlung wünschten". Die wahren Beweggründe werden allerdings deutlicher, wenn die Autoren im folgenden von vier der Patienten schreiben, sie wären "zu der Organotherapie unter Zwang bereit" gewesen – in einem Fall nach einem Gerichtsurteil, in den drei anderen auf elterliche Anordnung.

Die Maßnahme, zu der es keine Kontrollversuche gab, war ein Fehlschlag. Weil fünf der Probanden über eine Steigerung der Libido klagten, räumten die Forscher ein, es sei möglich, daß "die Behandlung aktiver (aggressiver) Homosexueller mit Androgenen in der Regel den Sexualtrieb eher noch intensivierte", statt ihn zu mindern. "In bestimmten Fällen", beharrten sie gleichwohl, "sind die Resultate einfach zu gut, als daß der Wert dieser Behandlung durch ungerechtfertigten Pessimismus geschmälert werden dürfe."

Schon 1935 hatte Charles D. Kochakian, ein Pionier in der Erforschung synthetischer Hormone, darauf hingewiesen, daß Androgene auch den Aufbau proteinhaltiger Körpersubstanz verstärkten und daß man damit vielleicht bei einer Reihe von Krankheitsbildern Regenerations- und Wachstumsprozesse stimulieren könnte. Die medizinische Fachliteratur der frühen vierziger Jahre enthält viele Erörterungen dieses Zusammenhangs. Von da an finden sich vermehrt Spekulationen, ob sich so nicht der Muskelaufbau im Training erleichtern und mithin sportliche Leistungen erhöhen ließen. Im Jahre 1941 erbrachte ein Ausdauertest von Männern unter Testosteron ein positives Ergebnis. Ein anderer Wissenschaftler überlegte 1944, ob nicht "das altersbedingte Nachlassen der Arbeitskraft durch künstliches Anheben des Geschlechtshormonspiegels beeinflußt werden" könnte.

Bald schon tauchte das Thema in der populärwissenschaftlichen Literatur auf. Besonders mag ein 1945 publiziertes Buch des Schriftstellers Paul de Kruif dazu beigetragen haben, daß Athleten begannen, sich mit Hormonen zu dopen. Wie später erzählt wurde, haben Bodybuilder an der amerikanischen Westküste um 1950 damit herumprobiert. Wenig später berichtete ein sowjetischer Trainer von Gewichthebern (Bild 1) freimütig von Anabolika-Experimenten.

Bis Mitte der sechziger Jahre scheint sich das Rezept der medikamentösen Muskelmast auch unter Betreuern und Aktiven anderer Kraftsportarten herumgesprochen zu haben, und schließlich wurde diese Form des Dopings in immer mehr olympischen Disziplinen üblich, nicht nur bei Leistungssportlern, sondern sogar bei amerikanischen Schülern und College-Studenten. Man schätzt die Zahl derjenigen, die in den USA mit Anabolika Mißbrauch treiben, auf insgesamt eine Million – darunter viele Freizeit-Bodybuilder, die nur mit ihrer Figur Eindruck machen wollen. Wege, die eingeführten Verbote im Wettkampfsport zu umgehen oder bei Kontrollen zu täuschen, fanden sich genug; nicht immer griffen die verantwortlichen Komitees systematisch und hart durch.


Weitere medizinische Anwendungen

Einige medizinische Indikationen für eine Behandlung mit männlichen Steroidhormonen haben sich seit der Frühzeit der Androgentherapie erhalten. Meistens setzt man dazu über Tage bis Wochen wirksame Testosteronester ein. Ein Großteil der Patienten sind nach wie vor Männer mit Hypogonadismus, bei denen die Geschlechtsorgane nicht oder wenig entwickelt sind und die sekundären Geschlechtsmerkmale sich nicht richtig ausprägen, eine weitere Gruppe aus anderen Gründen impotente Männer mit normalem bis niedrigem Testosteronspiegel im Serum, eine dritte Jungen mit stark verzögerter Entwicklung, bei denen man das Wachstum anzuregen und die Pubertät einzuleiten sucht (eine niedrige Dosierung fördert das Längenwachstum der Knochen, eine hohe hemmt es). Auch unterstützend zur Behandlung von Kindern mit Mangel an Wachstumshormon (Somatotropin) ist der Einsatz inzwischen Routine.

Weil anabole Steroide die Bildung roter Blutkörperchen – die Erythropoese – anregen, wurden sie, als Knochenmarkstransplantationen und die Behandlung mit synthetischem Erythropoetin (dem die Blutbildung stimulierenden Hormon) noch nicht möglich waren, bei verschiedenen Formen von Anämie zum Mittel der Wahl. Psychiater verschrieben sie lange Zeit bis Mitte der achtziger Jahre gegen Depressionen, Melancholie und Psychosen mit autistischen Verwirrtheitszuständen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges versuchte man mit solchen Substanzen dem schweren Verfall der Opfer von Konzentrationslagern entgegenzuwirken, der oftmals wegen der chronischen Erkrankungen körperlicher und seelischer Art sonst kaum aufzuhalten schien. Auch Kriegsverwundete wurden so behandelt, um sie wieder aufzubauen; und noch heute erhalten schwer Brandverletzte, Operierte, die sich schlecht erholen, und Krebskranke, die sich einer Strahlentherapie unterziehen müssen, nicht selten Androgene.

Neuerdings wird auch untersucht, ob AIDS-Kranke, die stark abmagern, immer schwächer werden und an Muskelschwund leiden, auf Anabolika ansprechen. Die ersten Studien sind vielversprechend: Die Patienten fühlen sich generell besser; Kraft, Appetit und Gewicht scheinen zuzunehmen.

Im Zusammenhang mit der Suche nach einer Anti-Baby-Pille für den Mann wird des weiteren seit den späten siebziger Jahren darüber nachgedacht, wie sich in die komplexen hormonellen Rückkopplungsschleifen zwischen Gehirn und Geschlechtsdrüsen eingreifen ließe, welche die Testosteron- und die Samenproduktion steuern. Bei einem künstlich erhöhten Androgen-Blutspiegel, etwa durch Testosteron-Ester, sollten die Hoden, zumindest im Idealfall, ihre Funktion gänzlich einstellen und bei Absetzen des Präparats wieder aufnehmen.

Dazu hat die Weltgesundheitsorganisation an zehn Medizinzentren eine umfangreiche internationale Studie durchgeführt. Dem Bericht von 1990 zufolge scheinen anabole Steroide sich tatsächlich als Verhütungsmittel zu eignen; die körperlichen Nebenwirkungen, heißt es darin, seien geringfügig und vorübergehend gewesen. Bemerkenswert ist, daß die getesteten Dosierungen wohl höher waren als jene, die dem kanadischen Sprinter Ben Johnson 1988 zum – nachträglich aberkannten – Olympia-Sieg verhalfen (Bild 3). Bei einem allgemeinen Einsatz als Verhütungsmittel wären die gegen das Anabolika-Doping im Sport vorgebrachten medizinischen Argumente kaum zu halten.

In den späten achtziger Jahren befaßten sich wieder mehr Forscher damit, alternden Männern hormonell aufzuhelfen. Manche begründeten das mit der steigenden Lebenserwartung, andere mit vorläufigen Studien, denen zufolge auch das Wachstumshormon bei ansonsten gesunden Greisen Konstitution und Befinden zu verbessern scheint. Nach 1990 wurden mehrere Pilotprojekte mit Männern mit niedrigem bis normalem Testosteronspiegel unternommen, die mehr als 54 Jahre alt waren. Insgesamt war das Ergebnis positiv. Muskelmasse und Körperkraft nahmen zu; teilweise schien auch der Knochenabbau zurückzugehen, so daß sich womöglich das Risiko von Brüchen verminderte. Wie die Probanden berichteten, verstärkten sich Libido und sexuelle Aktivität. Räumliches Vorstellungsvermögen und Wortgedächtnis verbesserten sich.

Weil viele Ärzte inzwischen eine Hormonsubstitution bei Frauen in und nach den Wechseljahren für richtig halten, dürften sie eine vergleichbare Maßnahme bei Männern befürworten. Daß die Gesellschaft dazu bereit wäre, legt die Berichterstattung in den Massenmedien nahe, die hier generell positive Effekte hervorkehrt.

Vielleicht ist eine solche Behandlung an sich gesunder Männer in zehn Jahren gängige Praxis. Die Entwicklung dahin dürften schon die immer anspruchsvolleren Vorstellungen von Lebensqualität begünstigen. Als beispielsweise die amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstitute in Bethesda (Maryland) 1992 Studien über den Nutzen von Androgenen gegen körperliche Beschwerden und Depressionen älterer Männer anregten, riefen sie auch dazu auf zu klären, ob nicht der Alterungsprozeß selbst regulär als therapiebedürftige Mangelkrankheit zu betrachten sei. Der Geriater John B. McKinley, Direktor des Forschungsinstituts von Neuengland in Watertown (Massachusetts), gab eine ironische Prognose: "Ich glaube nicht an die Midlife crisis bei Männern. Aber auch wenn meines Erachtens dafür keinerlei Belege vorliegen, weder epidemiologische noch physiologische oder klinische, so wird sie doch als Syndrom im Jahre 2000 existieren. Es gibt sehr starke kommerzielle Interessen, daß auch alternde Männer – wie Frauen nach der Menopause – hormonell behandelt werden."

Wenn wirtschaftlicher Druck und gesellschaftliche Bestrebungen zusammenkommen, besteht freilich die Gefahr, daß die Ärzteschaft bedenkliche Nebenwirkungen nicht genügend beachtet und den medizinischen Nutzen einer willfährigen Verschreibung von Androgenen überbewertet. Wie McKinley und seine Kollegen 1994 im "Journal of Urology" warnten, könnte sich allein in den USA ein Markt von 18 Millionen Männern auftun, die eine Behandlung wegen Impotenz wünschten, und das erwecke angesichts fehlender Zusammenhänge mit dem Androgenspiegel doch ziemliche Bedenken. Selbst wenn diese Anwendung synthetischer Steroidhormone enttäuschte, würde das wohl kaum davon abhalten, sie als allgemein aufbauende Mittel und zur Wiederherstellung der Libido einzusetzen. Die Gesellschaft erachtet Altern zunehmend als eigenständiges medizinisches Problem; damit verfestigt sich die Vorstellung, Männer erlitten eine Art Klimakterium wie Frauen, und dagegen müsse etwas getan werden. In welcher Weise ein solcher genereller Einstellungswandel in die medizinische Lehrmeinung eingeht, wird wiederum die allgemeine Einschätzung, was physiologisch normal sei, beeinflussen. Offenbar tendieren wir dazu, es mehr und mehr als legitim zu erachten, daß man den menschlichen Organismus zu immer höheren geistigen und körperlichen Leistungen antreibt.

Literaturhinweise

- Hormone. Die chemischen Boten des Körpers. Von Lawrence Crapo. Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft, Heidelberg 1986.

– The Male Hormone. Von P. de Kruif. Harcourt, Brace and Company, 1945.

– Anabolic-Androgenic Steroids. Von Charles D. Kochakian. Springer, 1976.

– The Monkey Gland Affair. Von David Hamilton. Chatto and Windus, 1986.

– Mortal Engines: The Science of Performance and the Dehumanization of Sport. Von J. Hoberman. Free Press, 1992.

– Anabolic Steroids in Sport and Exercise. Herausgegeben von Charles E. Yesalis. Human Kinetics Publishers, Champaign (Illinois), 1993.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1995, Seite 82
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
4 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 4 / 1995

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