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Die Grenzen technischer Kriegführung

Eine vorläufige Bilanz des Kosovo-Krieges zeigt, daß ethnische Konflikte oder humanitäre Katastrophen sich mit Luftangriffen allein weder eindämmen noch beenden lassen.


Es war der größte Kampfeinsatz in der Geschichte der NATO, der nordatlantischen Allianz: Vom 24. März bis 9. Juni 1999 wurden rund 38000 Einsätze gegen militärische und zivile Ziele in der südserbischen Provinz Kosovo und in anderen Teilen Jugoslawiens geflogen. 14 der 19 NATO-Mitgliedsstaaten beteiligten sich an den Bombardements und den vorbereitenden Militäroperationen am Boden. Unmittelbarer Anlaß für die Luftangriffe war, daß die jugoslawische Regierung unter Slobodan Milosevic im Zuge ihres Vorgehens gegen die Kosovo-Befreiungsarmee UCK einen Teil der albanischen Bevölkerung durch Sonderpolizei und Milizen verjagen ließ. Die "Operation Allied Force" der NATO sollte diese ethnische Vertreibung beenden, eine Rückkehr der Flüchtlinge ermöglichen und durch Stationierung internationaler Streitkräfte im Kosovo den Konflikt entschärfen und die Region "stabilisieren".

Die Bombardierungen,die sich zunehmend auch gegen die zivile Infrastruktur in Jugoslawien richteten, konnten indes die "humanitäre Katastrophe" im Kosovo nicht verhindern. Die Angriffe wurden erst nach 78 Tagen eingestellt, nachdem Milosevic begonnen hatte, seine Streitkräfte aus dem Kosovo zurückzuziehen. Als Motive für das Einlenken des jugoslawischen Präsidenten werden in der Presse die enormen Schäden an industriellen Einrichtungen, eine drohende Invasion durch NATO-Bodentruppen und die ausbleibende Unterstützung durch Rußland genannt.

Der Kosovo-Krieg löste kontroverse Debatten über das Pro und Contra militärischer Einsätze zum Schutz von Menschenrechten aus. Eng damit verknüpft sind Fragen zu Verlauf, Wirksamkeit und Folgen der Militäroperation: Welche Rolle hat die westliche Hochtechnologie gespielt? Wie sind die Schäden und Kosten des Krieges zu beurteilen? Welche Konsequenzen werden aus dem Krieg gezogen? Die öffentlich zugänglichen Daten erlauben eine – zumindest vorläufige – Bewertung.

Die eingesetzten Waffen und ihre Wirkung

An den Luftangriffen waren anfangs 420 und am Ende des Krieges 1200 Flugzeuge beteiligt, vor allem schwere Bomber und Jagdbomber. Kampfhelikopter und Erdkampfflugzeuge wurden bereitgehalten, kamen jedoch nicht zum Einsatz. Die Angriffe verliefen in drei Phasen: In der ersten sollte die Luftüberlegenheit über dem Kosovo errungen werden, in der zweiten wurden Ziele im Kosovo zerstört und in der dritten Ziele in ganz Jugoslawien. Drei Flugzeugträger und 20 andere Schiffe unterstützten die Einsätze von See her. Insgesamt 329 Marschflugkörper wurden verschossen, die meisten von ihnen im ersten Kriegsmonat. Erstmals zum Einsatz kam der allwetterfähige, etwa zwei Milliarden Dollar pro Stück teure "Tarnkappenbomber" B-2, der direkt von Flughäfen in den USA aus operierte.

Im Kampf hatte die NATO keine Verluste zu beklagen; allerdings kamen bei Übungsflügen zwei Soldaten ums Leben und zwei wurden verletzt, als ihre Apache-Kampfhubschrauber abstürzten. Der materielle Schaden war offenbar relativ gering: Neben etwa zwei Dutzend unbemannten Aufklärungsflugkörpern wurden zwei Flugzeuge abgeschossen: ein F-16-Kampfjet und ein Stealth-Bomber vom Typ Nighthawk F-117, der wie die B-2 mit Radar praktisch nicht geortet wer-den kann.

Zentrale Bedeutung für den Verlauf des Krieges hatten die Befehls-, Kommunikations- und Aufklärungssysteme sowie die elektronische Kriegführung, welche die gegnerische Aufklärung und Kommunikation störte. Doch trotz ihrer technischen Überlegenheit wurde die NATO gelegentlich von der jugoslawischen Armee in die Irre geleitet. So gelang es trotz massiver Angriffe nicht, die mobile Luftabwehr komplett auszuschalten. Offenbar setzten die Serben nicht nur herkömmliche aktive Zielverfolgungssysteme ein, sondern auch passive, mit elektrooptischen Sensoren ausgestattete Systeme, die schwerer zu stören und zu orten sind. Um sich nicht der verbliebenen Flugabwehr auszusetzen, operierten die NATO-Flugzeuge deshalb stets aus Höhen oberhalb von 5000 Metern, was freilich ein Anvisieren von Bodenzielen sehr erschwerte. Fachleuten zufolge werden Lufteinsätze künftig komplexer, weil mit besserer Ausbildung und Ausrüstung des Luftabwehrpersonals zu rechnen ist.

Insgesamt wurden rund 23000 Bomben und Raketen eingesetzt, von denen etwa ein Drittel präzisionsgelenkt waren – soviel wie in keinem anderen Krieg zuvor. Selbst im Golf-Krieg von 1991 lag der Anteil präzisionsgesteuerter Munition nur bei acht Prozent. Da die lasergesteuerten Bomben durch das schlechte Frühlingswetter stark beeinträchtigt wurden, kamen verstärkt satellitengesteuerte Bomben vom Typ JDAM (Joint Direct Attack Munition) zum Einsatz. Gelenkt durch Positionsdaten des Global Positioning System (GPS) können diese Präzisionsbomben bereits weit vor dem Ziel von einem Flugzeug abgeworfen werden und dennoch das Ziel genau ansteuern.

Zusätzlich wurden 1100 Streubomben – auch Clusterbomben genannt – eingesetzt, bevorzugt gegen Ziele wie Kolonnen und Fahrzeugansammlungen. Die Streubombe CBU 87 beispielsweise besteht aus 202 "Bomblets", die jeweils 300 Splitter in einen Umkreis von 150 Metern verschleudern. Je nach Typ können Flächen von der Größe von zwei bis 20 Fußballfeldern zerstört werden. Da etwa fünf bis zehn Prozent der rund 200000 abgeworfenen Bomblets nicht explodierten, stellen diese Blindgänger nach wie vor eine ernste Gefahr für Zivilisten dar. Allein im Juli letzten Jahres sollen 170 Menschen durch Minen und Streubomben ums Leben gekommen sein. Eine völkerrechtliche Ächtung dieser Munition steht noch aus.

Die teilweise verwendete Munition aus abgereichertem Uran ist aus einem anderen Grund problematisch: Die Geschosse können beim Aufprall uranhaltige Aerosole freisetzen. Eine abschließende wissenschaftliche Bewertung, wie groß die dadurch verursachte radiotoxische Belastung ist, steht jedoch noch aus. Des weiteren wurden moderne Graphit-Bomben eingesetzt, um die Stromversorgung in Jugoslawien "auszuschalten". Diese mit Graphitfäden gefüllten "Black-out"-Bomben von der Größe einer Getränkedose werden mit lasergesteuerten Behältern ins Ziel gebracht und erzeugen in nichtisolierten Stromleitungen einen Kurzschluß.

Aufgrund geschickter Tarnung, häufig schlechten Wetters und schwer einsehbaren Terrains blieb ein großer Teil der jugoslawischen Armee und des Gerätes ungeschoren. Nach Aussagen von NATO Oberbefehlshaber Wesley Clark seien 93 Panzer, 153 Schützenpanzer, 389 Artilleriegeschütze sowie 339 Militärfahrzeuge des Gegners zerstört worden. Andere Angaben sind bedeutend niedriger; die Militärzeitschrift "Jane’s Defense Weekly" spricht gar nur von 15 Panzern und 35 gepanzerten Fahrzeugen, die getroffen worden sein sollen.

Aufklärung aus der Luft und vom Weltraum

Durch weiträumige Verteilung, geschickte Nutzung von Wald und Geländestrukturen und Verwendung von Tarnkörpern – wie Plastikplanen, Ofenrohren als Infrarot-Signatur, aufblasbaren Panzerprofilen und künstlichen Brücken, Verwendung von Farbe zur Irritation von Infrarotsensoren – gelang es, die Aufklärung zu täuschen und Bomben in die Irre zu führen. Ein Teil der zerstörten Ausrüstung transportierten die Serben bei Nacht ab. In einigen Fällen mischten sich gepanzerte Fahrzeuge auch in Flüchtlingskolonnen. Eine eindeutige Unterscheidung von zivilen und militärischen Zielen war somit für die Piloten aus 5000 Metern Höhe nicht möglich.

Auch durch die Bombardierung von Treibstoffdepots, Munitionsfabriken, Ersatzteillagern und anderen Einrichtungen des Militärkomplexes gelang es nicht, die Kampfbereitschaft der Serben entscheidend zu schwächen. Eine Armee, die keine größeren Kampfeinsätze am Boden durchführen muß und die meiste Zeit in Wartehaltung steht, läßt sich aus der Luft nur schwer treffen.

Ein wesentliches Merkmal der hochtechnisierten Kriegführung gegen Jugoslawien war die Distanz zum Schlachtfeld. Manche Beobachter sprechen gar von zwei Kriegen, die nur wenig miteinander zu tun hatten: dem Bodenkrieg der Serben und dem Luftkrieg der NATO. Da Einblicke in das Geschehen vor Ort nicht möglich waren, bedurfte es luft- und weltraumgestützter Aufklärungssysteme, die in verschiedenen Spektralbereichen Informationen sammeln und diese in die Auswertezentren weiterleiten. Bei den luftgestützten Systemen kamen neben den bemannten Radarflugzeugen AWACS (für die Verfolgung der Luftbewegungen) und JSTARS (Ortung, Identifizierung und Verfolgung von Bodenbewegungen) vor allem unbemannte Flugzeuge – sogenannte Drohnen – zum Einsatz, die mit Kameras ausgerüstet das Kriegsgebiet in Bodennähe überflogen.

Der ferngesteuerte US-Aufklärer Predator (Raubtier) verfügt gleich über drei Sensoren: einen optoelektronischen Scanner, der hochwertige Video-Bilder direkt an Flugzeugbesatzungen oder Soldaten im Gelände übermittelt; einen Infrarotsensor, um Hitzequellen wie Panzermotoren zu erfassen; und ein Radar mit synthetischer Apertur, das den Boden zeilenweise abtastet und auch bei Dunkelheit und Wolken Daten liefert. Zudem kam der ebenfalls unbemannte Aufklärungsflieger Global Hawk (Falke) zum Einsatz, der über eine Flugstrecke von bis zu 25000 Kilometern autonom navigieren kann; aus einer Höhe von fast 20 Kilometern erreicht er eine Bildauflösung von einem Meter. Von beiden Drohnentypen wurden mehrere Exemplare abgeschossen. Die Bundeswehr war mit der Drohne CL 289 am Kosovo-Einsatz beteiligt, die mit Kamera und Infrarotsensor ausgestattet ist.

Wesentlich leistungsfähiger sind die Aufklärungssatelliten der USA, die aus einigen hundert Kilometern Abstand noch Objekte von einigen Zentimetern Größe abbilden können. Im sichtbaren und infraroten Spektralbereich liefern die 15 Meter langen Keyhole-12-Satelliten den Hauptteil der strategischen Aufklärungsdaten, im Radarbereich die Lacrosse-Satelliten. Das Herausfiltern relevanter Informationen ist aufwendig und personalintensiv. Vor allem bei bewegten Objekten am Boden ist die Leistungsfähigkeit von Satelliten, die nur kurz das Beobachtungsgebiet überqueren und einige Stunden bis zur Wiederkehr benötigen, stark begrenzt. Eine kontinuierliche Betrachtung ist nicht möglich.

Gerade der Kosovo-Krieg hat gezeigt, wie schwierig es ist, die Entwicklung am Boden aus der Ferne zu verfolgen. Selbst mit den vielfältigen Überwachungssystemen der USA gelang es nicht, die Lage der Flüchtlinge hinreichend auszukundschaften. Zudem war für die Öffentlichkeit nicht auszumachen, ob die ihr zugänglichen – und in der Regel künstlich verschlechterten – Luftaufnahmen von Massengräbern der Wahrheit entsprachen.

Neben den Aufklärungssatelliten spielten auch andere Weltraumsysteme eine Schlüsselrolle in der militärischen Auseinandersetzung. Das "Space Command" der USA leistete nach eigenen Angaben "substantielle Weltraumunterstützung der NATO- Operationen im Kosovo". Es beriet zudem die Streitkräfte der USA und ihrer Alliierten vor Ort und koordinierte den "optimalen Einsatz" der Weltraumtechnik. Der Einsatz von Satelliten zur Raketenwarnung, Nachrichtenübermittlung, Wetterbeobachtung, Navigation und Aufklärung habe nach eigenem Bekunden die Kampfkraft der integrierten Streitkräfte der USA gestärkt. Ob Kampfflugzeuge oder Drohnen, ob Marschflugkörper oder lasergelenkte Präzisionswaffen, ob Aufklärungsmission oder Kampfeinsatz – die Luftstreitkräfte der NATO waren auf Satellitendaten angewiesen. Insgesamt sollen an den Kampfhandlungen 50 Satelliten beteiligt gewesen sein, darunter auch zahlrei-che zivile.

Der erste Informationskrieg?

Eine weitere Besonderheit war der "Informationskrieg", der in verschiedenen Medien ausgefochten wurde. Wohl erstmals wurde das Internet einbezogen, indem Hacker in die Rechnernetze der jeweils anderen Seite eindrangen, dabei Informationen anzapften oder gar veränderten. Die Zeitschrift "Aviation Week" berichtete am 8. November, die USA hätten das mobile Telefonnetz Serbiens deswegen weitgehend verschont, damit sie dieses für die eigene Informationsgewinnung benutzen konnten, aber auch um sich in das Militärnetz einzuklinken und Befehlsketten zu stören oder sogar die serbische Luftabwehr zu manipulieren. Auch sollen sich Hacker, die keiner der bei-den Kriegsparteien angehörten, in diesen "Cyberwar" eingemischt haben, etwa als sie die Homepages des Weißen Hauses und der NATO blockierten.

Wenngleich manche der Berichte als überzogen erscheinen, zeigen sie doch die neue Qualität der Kriegführung im Zeitalter vernetzter Information. Das US-Verteidigungsministerium hat sich dieser Thematik bereits angenommen und das Space Command mit der Leitung der künftigen Cyber-Kriegführung betraut.

Der Informationskrieg erfaßte auch die öffentlichen Medien, wobei – wie in allen Kriegen üblich – die Kriegssituation nicht nur in Serbien einseitig oder verfälscht dargestellt wurde. Auf beiden Seiten verstärkten die Medien die Feindbildprojektionen, was oft zu einer Schwarz-Weiß-Darstellung beitrug, in der mögliche Kompromißlinien, die einen Ausweg aus dem Krieg hätten zulassen können, verschüttet wurden.

Da sich die serbischen Streitkräfte im Kosovo den Luftangriffen offensichtlich weitgehend entziehen konnten, verlegte sich die Allianz verstärkt auf Infrastrukturziele, weil diese "festen und damit leicht zu treffenden Installationen" der Unterdrückung im Kosovo dienten. Eine Analyse vom Mai 1999 zeigt, daß sich nur 40 Prozent der Ziele direkt auf das Militär bezogen (25 Prozent serbisches Militär, 15 Prozent Luftverteidigung), während der überwiegende Rest eher zivile Ziele wie Straßen, Brücken, Fabriken, die Stromversorgung, Ölraffinerien und -lager sowie Kommunikationseinrichtungen umfaßte. Auch die Donaubrücken wurden bis auf zwei alle zerstört, was den Schiffsverkehr erheblich einschränkte. Die Wirkung im zivilen Bereich war unmittelbar und weitreichender. So wurden beispielsweise vom 21.–24. April ausgedehnte Stromausfälle in den drei größten Städten Serbiens ausgelöst, die besonders zivile Einrichtungen wie Hospitäler, Tiefkühlhäuser, Kläranlagen und Wasserpumpen lahmlegten. Das Militär verfügt demgegenüber meist über eigene Energiequellen, Versorgungs-, und Kommunikationseinrichtungen, die zudem gut geschützt sind.

Einige spektakuläre Angriffe, in denen Piloten sich im Ziel irrten oder eine falsche Zielangabe vorlag, widerlegten den Mythos einer ausschließlich "chirurgischen Kriegsführung". In etwa 30 Fällen wurde von solchen "Kollateralschäden" berichtet, darunter die folgenden Ereignisse (die Zahlen basieren teilweise auf serbischen Angaben):

‰ 5. April: Eine Bombe trifft ein Wohnquartier in Aleksinac und tötet 12 Einwohner (nach serbischen Angaben 17)

‰ 12. April: Eine lasergesteuerte Bombe trifft auf einer Eisenbahnbrücke nahe Gredelica einen Personenzug (mindestens 10 Tote)

‰ 14. April: Nahe Djakovica wird ein Flüchtlingskon-voi mit Kosovaren angegriffen (75 Tote)

‰ 1. Mai: Nahe Luzane im Kosovo werden 40 Insassen eines Busses getötet, glei-ches wiederholt sich am 3. Mai (20 Tote)

‰ 7. Mai: Vier Bomben des B-2-Bombers treffen die chinesische Botschaft in Bel-grad (3 Tote)

‰ 14. Mai: Acht Streubomben sollen mindestens 50 Kosovaren getötet und 50 verwundet haben.

Eine im Internet ver-fügbare vorläufige Auswer-tung (Weblinks dazu un-ter www.spektrum.de/aktuellesheft.html) der jugoslawischen Regierung vom 1. Juli 1999 listet detailliert die zivilen Schäden auf, die von NATO-Bomben verursacht worden sein sollen – darunter Dutzende von Schulen, Krankenhäusern und kulturellen Denkmälern. "Einige Tausend" Zivilisten seien getötet worden, mehr als 6000 verwundet. Die NATO machte keine Angaben zu den zivilen Opfern ihrer Operation, ließ am Ende des Krieges aber verlauten, durch die Luftangriffe seien etwa 5000 jugoslawische Soldaten, Sonderpolizisten und Paramilitärs ums Leben gekommen und 10000 verwundet worden. Die jugoslawische Seite gab jedoch nur rund ein Zehntel davon an. Ein Journalist der Washington Post berichtete am 11. Juli von etwa 1600 zivilen und 1000 militärischen Opfern.

Medienberichten während des Krieges zufolge sollen einige zehntausend bis zu hunderttausend Kosovo-Albaner von serbischen Einheiten getötet worden sein. Nach Ende des Krieges nannte das britische Außenministerium die Zahl 11000. Spanische Pathologen, die zahlreiche Massengräber exhumierten, gehen von deutlich weniger getöteten Kosovo-Albanern aus; es sei nicht immer eindeutig, ob die Menschen von Serben getötet wurden, durch NATO-Bomben umkamen oder eines natürlichen Todes starben. Eine Kommission des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag versucht weiterhin die Zahl der Opfer zu klären. Im Rahmen der Vertreibungspolitik wurden laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR der Vereinten Nationen 25 Prozent der Behausungen durch die serbische Sonderpolizei zerstört. Es wird geschätzt, daß mehr als 855000 Kosovo-Albaner vertrieben wurden bzw. vor dem Krieg geflüchtet sind. Nach Kriegsende begannen sie in ihre Heimat zurückzukehren, unter dem Schutz der multinationalen KFOR-Truppe, während nun rund 160000 Serben sowie im Kosovo ansässige Roma flüchteten bzw. vertrieben wurden. Die andauernde Gewalt und Vertreibung zeigen, daß eine dauerhafte politische Lösung für das Kosovo-Problem in weiter Ferne ist.

Angriffe auf die Infrastruktur



Schwer abzuschätzen sind auch die kriegsbedingten ökologischen Schäden. Eine "Balkan Task Force" der UNO-Umweltorganisation UNEP kam nach einer 10-tägigen Untersuchung von Industrieanlagen im Juli zu dem vorläufigen Ergebnis, es gebe Indizien für "lokale Umweltprobleme", nicht aber für eine "große Öko-Katastrophe". Ähnlich sieht es ein Expertenteam des regionalen Umweltzentrums für Zentral- und Osteuropa in einem Bericht vom Juni. Die Umweltvergiftung in der Nähe großer Industrieanlagen sei allerdings erheblich – zwar nicht großflächig, wohl aber mit langfristigen Folgen. So wurden bei einem NATO-Angriff Mitte April eine Petrochemie- und Düngemittelfabrik, eine Ölraffinerie und einige Chemieanlagen beschädigt, wobei große Mengen verschiedener Gifte wie Phosgen und Quecksilber sowie das karzinogene Vinylchlorid austraten. Auch wird vermutet, daß Quecksilber und Natronlauge den Boden kontaminiert haben und daß das ebenfalls karzinogene Äthylenchlorid in die Donau gelangt ist. Die "New York Times" berichtete am 14. Juli, daß bei der Bombardierung des Pancevo-Komplexes 100 Tonnen Quecksilber, 800 Tonnen Salzsäure, 3000 Tonnen Ätznatron und 250 Tonnen flüssigen Chlors ausgetreten seien. Als drängendste Umweltprobleme nennt die UNEP-Studie:

‰ Extensive Schädigung der Wasserversorgung und Abwasserreinigung in Jugoslawien sowie eine Beeinträchtigung von Landwirtschaft und Fischerei in Albanien und Mazedonien.

‰ Eine Unterbrechung des landwirtschaftlichen Anbaus, die eine geringere Ernte erwarten läßt.

‰ Schäden an der Elektrizitätsversorgung, die zu einem Energiemangel im Winter beitragen.

‰ Luft- und Wasserverschmutzung mit verschiedenen Giftstoffen, einschließlich einer potentiellen Schädigung durch Munition mit abge-reichertem Uran.

Sowohl kurz- als auch längerfristig hat das Bombardement die Gesellschaft und die Umwelt Jugoslawiens wesentlich stärker getroffen als den Militärkomplex und die Streitkräfte. Dies erschwert möglicherweise den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft und die Zivilisierung der inner- und äußergesellschaftlichen Konflikte Jugoslawiens für lange Zeit.

Kriegskosten

Nach einer Studie der Universität der Bundeswehr in München mußte die NATO während des Krieges für Munition und den Ersatz von militärischem Gerät etwa 11 Milliarden Mark aufwenden (Graphik Seite 96). Hinzu kommen die langfristigen Ausgaben für die Stationierung der KFOR-Truppen, die noch höher seien. Für "humanitäre Hilfsoperationen" werden langfristig 15 Milliarden Mark veranschlagt. Diese Ausgaben sind verglichen mit den unmittelbaren Zerstörungen (26 Milliarden Mark) und den langfristigen volkswirtschaftlichen Schäden (36 Milliarden Mark) sowie den Wiederaufbaukosten vergleichsweise gering. Belgrad beziffert die Schäden an der Infrastruktur auf 181 Milliarden Mark, unabhängige Wirtschaftsexperten nennen 75 Milliarden Mark. Das Wirtschaftsforschungsinstitut "Economist Intelligence Unit" schätzt die Kosten Jugoslawiens alleine für das Jahr 1999 auf 111 Milliarden Mark. Für die Nachbarländer Albanien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Mazedonien und Rumänien geben Weltbank und Internationaler Währungsfonds 2,5 Milliarden Mark an.

Die Ausgaben für direkte Hilfsmaßnahmen sind demgegenüber recht niedrig. Die Weltbank veranschlagt für den Wiederaufbau im Kosovo rund 2 Milliarden Mark, allein die Minenräumung koste knapp 70 Millionen Mark. Trotz aller Unwägbarkeiten, Verzerrungen und Über- bzw. Untertreibungen: Die Kriegsschäden werden Jugoslawien und die Balkan-Region für lange Zeit belasten; der Wiederaufbau wird teurer werden als der Krieg.

Es zeigte sich im Verlauf des Krieges, daß die militärische Hochtechnologie die in sie gesetzten hohen Erwartungen, die durch den Begriff "chirurgische Schläge" geweckt werden, nicht erfüllen konnte. Dabei war nicht nur bedeutsam, daß die Waffensysteme gelegentlich versagten und "Kollateralschäden" verursachten, sondern auch, daß grundsätzliche Grenzen dessen erreicht wurden, was durch den Einsatz von Waffen politisch möglich ist. Wegen der noch immer unzureichenden Informationslage ist selbst ein halbes Jahr nach Ende der Kampfhandlungen keine abschließende Bewertung möglich. Viele Informationen der kriegführenden Parteien bleiben verzerrt, manche Schäden sind im nachhinein nur schwer festzustellen. Dennoch sind die Grenzen einer Luftkriegführung zum Schutz von Menschenrechten deutlich geworden. Eine "humanitäre Tragödie" hat sich trotz der vielfachen Luftüberlegenheit der Allianz nicht verhindern lassen.

Lehren aus dem Krieg

Ernüchternd ist auch die Debatte innerhalb der NATO, die zwar die Operation aufgrund des letztlichen Nachgebens Milosevics als politischen Erfolg darstellt, nicht aber als Modellfall für künftige Menschenrechtsinterventionen. Angesprochen werden auch die Defizite einer technischen Kriegführung ausschließlich aus der Luft. So schrieb der Militärexperte Lothar Rühl: "Im schlechten Balkanwetter der Monate März und April wurde die These von der absoluten technologischen und professionellen Überlegenheit der amerikanischen Streitkräfte falsifiziert und damit ein Mythos entzaubert" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung", 15. September 1999).

Nach Ansicht von General Wesley Clark, seien politische Restriktionen für den begrenzten Erfolg der NATO-Kriegführung mit verantwortlich zu machen, da nicht alle militärischen Mittel, einschließlich der Waffen und Truppen für den Bodenkrieg, zum Einsatz hätten kommen können. Es ist im Nachhinein weder zu beweisen noch zu widerlegen, ob dies den Menschen im Kosovo besser gedient hätte oder der Krieg verkürzt worden wäre. Zu vermuten ist aufgrund der Erfahrung mit früheren Kriegen jedoch, daß Bodenkämpfe die Opfer, Schäden und Kosten auf beiden Seiten vervielfacht hätten und die serbischen Truppen dennoch nicht daran zu hindern gewesen wären, beim erzwungenen Abzug eine Politik der verbrann-ten Erde zu betreiben. Ein gesichtswahrender Ausgang, der eine Voraussetzung für die erzielte politische Einigung war, wäre durch die Totalität des Alles oder Nichts möglicherweise zunichte gemacht worden.

Die von hochrangigen Militärs wie den Generälen Klaus Naumann oder Wesley Clark angesprochenen "Fehler" und "Defizite" dienen in den USA wie auch in Europa als Anlaß für die Forderung nach neuen und noch leistungsfähigeren Waffensystemen, die bestehende Schwächen überwinden sollen. Erforderlich sei unter anderem die Bildung schlagkräftiger Reaktionskräfte, die Vorratshaltung großer Mengen von Präzisionswaffen, eine größere Transportkapazität, ein neues leistungsfähiges Kommunikationssystem für die schnelle Datenübermittlung, eine Verbesserung der strategischen Aufklärung unter Einbeziehung von Satelliten, elektronische Kampfmaßnahmen gegen Luftabwehr, eine wetterunabhängige Zielortung und die Überwindung gegnerischer Tarnung und Täuschung. Die Abstimmung innerhalb der Allianz sei zu verbessern, die "technologische Lücke" zwischen Europa und den USA zu schließen.

Abgesehen davon, daß diese anvisierten Maßnahmen erhebliche finanzielle Anstrengungen erfordern, stellt sich die Frage, ob die angesprochenen Probleme tatsächlich durch mehr Rüstungstechnik zu lösen sind. Wenn die bestehenden und künftig zu erwartenden Konflikte politische und ökonomische Ursachen haben, müßte eine vorbeugende Konfliktlösung bevorzugt hier ansetzen. Die Erfahrung aus dem Kosovo belegt einmal mehr, daß die für die Kriegführung aufgewendeten Mittel diejenigen für eine Konfliktprävention bei weitem übersteigen. Oftmals könnte mit vergleichsweise geringen Beträgen die wirtschaftliche und soziale Lage in Konfliktregionen verbessert werden. Eine langfristig angelegte Außen- und Sicherheitspolitik Europas könnte hier wichtige Beiträge leisten.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2000, Seite 90
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2000

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2000

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Eine vorläufige Auswertung der jugoslawischen Regierung findet sich unter www.mfa.gov.yu/Bilteni/Engleski/si010799_e.html