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Posttraumatische Belastungsstörung: Die Hand fest im Blick

Zum Repertoire vieler Traumatherapeuten zählt die Methode EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing, zu Deutsch: Desensibilisierung und Neuverarbeitung durch Augenbewegungen). Während sich der Patient das traumatische Erlebnis ins Gedächtnis ruft, folgen seine Augen der Hand des Behandlers, die abwechselnd nach rechts und links wandert. Die Augenbewegungen stimulieren beide Hirnhälften, so die Annahme, und helfen derart, belastende Erinnerungen neu abzuspeichern. Aber stimmt das auch?

Ein Team um den Mediziner Martin Sack von der Technischen Universität München nahm die EMDR-Therapie genauer unter die Lupe. 139 Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung durchliefen dazu bis zu acht wöchentliche Therapiesitzungen. Die Probanden hatten Körperverletzungen, Unfälle oder sexuelle Gewalt erlitten und klagten über Flashbacks und Angstattacken. In den Sitzungen instruierten die Therapeuten jeden Patienten, sich emotional und gedanklich noch einmal in die traumatische Situation zurückzuversetzen. Eine Gruppe von Probanden durfte frei entscheiden, wohin sie ihre Aufmerksamkeit richteten. Die übrigen sollten beim Erzählen des traumatischen Geschehens die Hand des Therapeuten fixieren: Bei der Hälfte der Patienten ließ er die Hand vor sich ruhen, bei der zweiten Gruppe bewegte er sie hin und her.

Ergebnis: Alle drei Gruppen berichteten nach den Sitzungen im Schnitt über deutlich weniger Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung als zuvor. Am meisten profitierten jedoch jene beiden Gruppen, die auf die Hand des Therapeuten blickten – egal, ob er sie dabei bewegte oder nicht. 80 Prozent ging es nach der Therapie deutlich besser, im Vergleich zu 62 Prozent jener Teilnehmer, die selbst entscheiden durften, wohin sie während der Exposition schauten. Ausschlaggebend für den Therapieerfolg war offenbar, dass der Patient seine Aufmerksamkeit während der Exposition auf einen bestimmten äußeren Reiz richtete. Die Stimulation der beiden Hirnhälften – und damit die nach rechts und links wandernden Augenbewegungen – spielten demzufolge keine Rolle.

2/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 2/2017

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  • Quellen
Psychother. Psychosom. 85, S. 357–365, 2016