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Die Hypothese der Affektlogik

Nach diesem Konzept besteht die Psyche aus zwei untrennbar verbundenen komplementären Funktionseinheiten|: einem qualifizierenden Emotions- und einem quantifizierenden Kognitionssystem. Bewußte oder unbewußte affektive Faktoren beeinflussen das Denken selbst noch in der wissenschaftlichen Logik. Zahlreiche Befunde aus verschiedenen Forschungsgebieten stützen dieses integrative psycho-sozio-biologische Modell.

Fühlen und Denken, Emotion und Kognition, Affekte und Logik sind in der wissenschaftlichen Psychologie und Soziologie bisher vorwiegend isoliert, kaum aber in ihrem regelhaften Zusammenwirken untersucht worden. In der psychischen Wirklichkeit dagegen sind sie immer untrennbar miteinander verknüpft. Diese Tatsache an sich ist zwar schon lange bekannt, aber in ihrer Bedeutung noch nicht hinreichend erfaßt. Das gab den Anstoß zu meinem Konzept der Affektlogik, das vor rund zehn Jahren im Zusammenhang mit dem Problem der Schizophrenie erstmals formuliert und seither kontinuierlich weiterentwickelt und verallgemeinert wurde.

Es beruht auf der ökonomischen Annahme, daß die ganze Komplexität psychischer Strukturen und Prozesse aus dem Wechselspiel von nur zwei grundlegenden und in ihrer Wirkung komplementären Funktionseinheiten erwächst: einem qualifizierenden Fühlsystem, das mit einer kleinen Zahl von affektiven Grundzuständen operiert (wie sie zumindest allen höheren Tieren gemeinsam sind) und einem quantifizierend-abstrahierenden Denksystem, das sich im Laufe der Evolution bis zum heutigen Menschen enorm verfeinert hat. Durch die – meist repetitive – Aktion, das heißt im weitesten Sinne die gesamte erlebte Erfahrung, verbinden sich beide zu funktionell integrierten affektiv-kognitiven Bezugssystemen oder Fühl-, Denk- und Handlungsprogrammen. In ihrer Kombination bilden diese ein hochdifferenziertes Gesamtsystem zur Bewältigung der begegnenden Wirklichkeit.

Auf dieser Basis nun schlage ich ein neues psycho-sozio-biologisches Modell der Psyche vor, in dem den Affekten oder Emotionen – beziehungsweise ihren neurophysiologischen Korrelaten – grundlegende organisatorische und integrative Funktionen zukommen. So verbinden sie zusammengehörige kognitive Inhalte zu kontextabhängigen Fühl-, Denk- und Verhaltensprogrammen mit gleicher emotionaler Färbung. Auch spielen sie bei der funktionsgerechten Speicherung und Mobilisierung von Gedächtnisinhalten eine zentrale Rolle. Darüber hinaus wirken affektive Faktoren bei der Weiterentwicklung kognitiver Funktionssysteme auf höheren Abstraktionsebenen mit. Zahllose Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme stellen somit – und das ist die zentrale Annahme der Affektlogik – auf verschiedensten hierarchischen Stufen die eigentlichen Bausteine der Psyche dar, die entsprechend als ein höchst komplex organisiertes Gefüge solcher Programme verstanden werden kann.

Diese Hypothese verwertet eine Vielzahl gleichlaufender Befunde aus der jüngeren neurobiologischen und neuropsychologischen Forschung ebenso wie aus der sogenannten genetischen Epistemiologie des Schweizer Psychologen Jean Piaget (1896 bis 1980) und der Psychoanalyse von Sigmund Freud (1856 bis 1939). Zugleich stellt sie eine Verbindung zwischen individueller Psychodynamik und soziodynamisch-systemtheoretischen Konzepten her und bezieht auch Erkenntnisse über die nicht-lineare Dynamik komplexer selbstorganisatorischer Systeme fern vom Gleichgewichtszustand ein. Somit vereinigt die Hypothese Beiträge aus verschiedenen Wissensgebieten zu einem übergeordneten theoretischen Konzept und scheint insofern geeignet, zu einer besseren Integration zwischen den in eine Vielzahl von Spezialdisziplinen und Schulen aufgesplitterten Wissenschaften von der Psyche beizutragen. Auch das vielbeklagte Theoriendefizit der Psychiatrie könnte durch eine Sichtweise, die neben dem Denken auch das Gefühl wieder als gleichwertiges, überlebenswichtiges Instrument zum Erfassen und Bewältigen der Realität begreift, gemildert werden.

Grundelemente der Affektlogik

Affekte, Emotionen, Stimmungen oder Gefühle wie Wut, Freude, Ärger, Trauer und Angst werden in der Affektlogik definiert als umfassende qualitative Gestimmtheiten, deren Dauer von wenigen Sekunden (Emotionen im Sinn der Physiologie) bis zu vielen Stunden, ja Tagen und Wochen (Stimmungen im Sinn der Psychologie) reichen kann. Ihr gemeinsamer Nenner ist, daß es sich dabei immer um ganzheitliche – psychische, zentralnervöse wie peripher körperliche – Phänomene handelt, deren vegetative Begleiterscheinungen hormonal vermittelt werden.

Gefühle finden also keineswegs bloß im Kopf statt, sondern sie fahren – wie der Volksmund sagt – in den Bauch, rauben den Atem, lassen das Herz höher schlagen, laufen den Rücken herunter und lassen die Haare sich sträuben. Objektiv meßbar ist dies beispielsweise an Veränderungen von Puls, Blutdruck und Atmung, Muskelspannung, elektrischem Hautwiderstand und Hautdurchblutung. Auch müssen Gefühle oder Affekte in diesem Sinne nicht unbedingt bewußt erlebt werden. Sie bewegen sich, vereinfacht gesehen, zwischen einem positiven und einem negativen Pol (nach Freud zwischen Lust und Unlust) und umfassen – vermutlich als Mischung und Abwandlung einiger weniger Grundgefühle – den ganzen Reichtum aller erdenklichen Gefühlsschattierungen.

Unter Denken, also den kognitiv-intellektuellen Funktionen, ist dagegen der quantifizierende, analysierende Umgang mit Größenverhältnissen, Zeiten, Distanzen, Winkeln und anderen Beziehungen zwischen kognitiven Elementen zu verstehen, und zwar von einzelnen Wahrnehmungen bis zu umfassenden abstrakten Begriffen. Kognition ist Informationsverarbeitung von sensorischen Reizen bis zur Etablierung derartiger Beziehungen. Aus der Art der Selektion und Verknüpfung kognitiver Elemente entsteht eine ganz bestimmte Logik. Ähnliche Informationsverarbeitungsleistungen erbringt auch ein Computer.

Ein einfaches Beispiel mag verdeutlichen, was gemeint ist: Wenn ich eine Reise in eine bestimmte Stadt plane, so ist das typisch Kognitive daran etwa mein Wissen von deren geographischer Lage, von Entfernungen, Verkehrsverbindungen und Zeiten, die Kenntnis des Stadtplans und der Lage meines Hotels. Das Affektive dagegen sind sämtliche aufgrund früherer Erfahrungen oder anderweitiger Informationen mit diesen kognitiven Elementen bewußt oder unbewußt verbundenen positiven oder negativen Gefühle beziehungsweise affektiven Wertungen. Sie färben und bestimmen mein ganzes Denken und Handeln – meine Logik – dieser Stadt gegenüber in entscheidender Weise und sind bei positiver Einstellung dafür verantwortlich, daß ich überhaupt für diese Reise motiviert bin, daß ich meine Aufmerksamkeit genügend lange und intensiv darauf einstelle und daß ich mich – vielleicht über Monate hin – auch entsprechend verhalte und organisiere.

Das Beispiel illustriert zugleich, daß komplementäre affektive und kognitive Elemente sich zu funktionell integrierten Bezugssystemen – eben Fühl-, Denk- und Verhaltensprogrammen – verbinden; man könnte die kognitiven Elemente hierbei mit den zeichnerischen Strukturen eines Gemäldes oder besser noch eines bewegten Films vergleichen, die Affekte dagegen mit dessen Farben. Solche (Farb-)Qualitäten sind gemäß der Affektlogik sämtlichen kognitiven Inhalten zugeordnet – von den elementarsten Wahrnehmungen (etwa eines einfachen Gegenstandes) bis zu den komplexesten intellektuellen Begriffen und Theorien, insbesondere auch allen Wert- und Normensystemen, politische und religiöse Ideologien nicht ausgenommen.

Von Interesse ist ferner ein zeitliches und gleichzeitig strukturelles Moment: Affekte dauern Minuten, Stunden oder gar Tage, während gedankliche Inhalte binnen Sekunden wechseln können. Insofern erscheint das Gefühl zumeist als eine relativ langsame, tragende Grundschwingung oder Invarianz, auf welche die raschen, präziseren Gedanken dann sozusagen als Varianz aufmoduliert sind. (Wesentlich seltener können allerdings auch die Gefühle ein und demselben kognitiven Inhalt – etwa einem Ort oder einer Person – gegenüber plötzlich umschlagen. Man sieht das Objekt dann in einem ganz anderen Licht).

Aus der Kombination von bestimmten Invarianzen mit bestimmten Varianzen ergeben sich – ganz allgemein gesprochen – typische Strukturen jeder Art. Aus der Kombination von bestimmten Emotionen mit bestimmten Kognitionen erwächst somit potentiell die ganze Vielfalt innerpsychischer Strukturen, mit denen wir die – ihrerseits strukturierte – äußere Welt erfassen und bewältigen.

Differenzierung affektiv-kognitiver Strukturen

Mit der Frage, wie affektiv-kognitive Strukturen entstehen und sich bis ins Erwachsenenalter weiterentwickeln, haben sich, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, vor allem zwei wissenschaftliche Richtungen beschäftigt: die Freudsche Psychoanalyse und die genetische Epistemiologie von Piaget. Erstere studierte dabei vorwiegend die affektive, letztere dagegen die kognitive Seite dieses Prozesses.

Obwohl zwischen den beiden sich eher ablehnend gegenüberstehenden Theorien und Forschungsbereichen erst wenige konzeptuelle Brücken geschlagen worden sind, gibt es auf beiden Seiten doch sich frappant entsprechende und ergänzende Befunde. Am deutlichsten ist dies für das erste Lebensjahr. Piaget und seine Mitarbeiter haben hier minutiös erforscht, wie sich elementare kognitive Vorstellungen insbesondere von alltäglichen Gegenständen wie einfachen Spielzeugen oder der Milchflasche herausbilden. Die Psychoanalytiker suchten hingegen die Entwicklung der frühkindlichen Vorstellungswelt vornehmlich anhand einer genauen Analyse der affektiven Beziehungen zwischen Mutter und Kind zu rekonstruieren.

Piaget erkannte dabei, daß die kognitiv-mentalen Begriffe allesamt aus bestimmten sensomotorischen Aktionsmustern hervorgehen, die sich auf der Basis der angeborenen Reflexe vom ersten Lebenstage an anhand der Erfahrungen – von Aktion im weitesten Sinne – entwickeln und weiterdifferenzieren. Ein Beispiel dafür sind die angeborenen Saug- und Greifreflexe. Aus ihnen erwachsen innerhalb weniger Monate, während die Bewegungen von Händen, Kopf, Augen und des ganzen Körpers immer koordinierter und feiner werden, bereits überaus komplexe Schemata für den Umgang etwa mit der Milchflasche oder mit der ganzen Muttergestalt. Daß derartige Abläufe mit wachsender Automatisierung zunehmend verinnerlicht und mentalisiert werden, zeigt sich daran, daß bestimmte sensomotorische Muster zunächst von symbolischen Gesten und mimischen Ausdrücken begleitet werden und schließlich auch von symbolischen sprachlichen Lauten in Form einfachster sogenannter Ein- oder Zweisilbensätze wie da, mäh, meh, dada. Aus solchen Elementen entwickelt sich – ebenfalls aus der Aktion im weitesten Sinne – mit der Zeit die gesamte Wortsprache.

Psychoanalytisch orientierten Beobachtungen zufolge sondert sich die Welt des Neugeborenen zunächst in eine affektiv völlig positiv getönte „Alles-gut-“ und eine völlig negativ getönte „Alles-schlecht-Welt“. Im Laufe eines komplexen Differenzierungsprozesses werden dann in jede dieser Affektwelten immer neue Wahrnehmungs- oder Erlebniselemente, die eine ähnliche Affekttönung aufweisen, mit entsprechenden Verhaltensweisen sozusagen eingetragen. Elementare Lust- und Unlustgefühle scheinen also von Anfang an als fundamentale Organisatoren und Integratoren zu wirken, indem sie sinnvollerweise ermöglichen, alles Begegnende erst einmal grob zu klassifizieren: in Nützliches und Erstrebenswertes einerseits und in Gefährliches, strikt zu Vermeidendes andererseits. Am prägnantesten wirken nach psychoanalytischer Auffassung die für das anfängliche Überleben entscheidenden oralen Vorgänge um Hunger und Sättigung in der Interaktion mit der Mutter (sofern sie die wichtigste Bezugsperson ist).

Ein wichtiger Entwicklungsschritt ist erreicht, wenn gegen den achten Monat hin die anfänglich bloß fragmentarisch erfaßten affektiv-kognitiven Teilaspekte der Mutter sich zu einer ganzen, im Gedächtnis haftenden Muttergestalt verbinden. Diese sogenannte Objektkonstanz zeigt sich vornehmlich daran, daß Säuglinge zu fremdeln beginnen. Sie werden ängstlich und abwehrend gegenüber Unbekannten, da diese nun als deutlich von der Mutter verschiedene Personen erkannt werden.

Beinahe gleichzeitig treten erste, sich verstärkende Verweigerungs- und Trotzreaktionen auf, schließlich auch Symbollaute für nein und ich. In all dem zeichnet sich ab, daß parallel zu den Objektrepräsentanzen auch Selbstrepräsentanzen, also verinnerlichte mentale Vorstellungen der eigenen Person, im Entstehen begriffen sind.

Gerade an dem von Piaget bevorzugten Objekt der Milchflasche beziehungsweise dem von den Psychoanalytikern mehr beachteten Partialobjekt der Mutterbrust wird deutlich, daß beide Ansätze ein- und denselben Prozeß von verschiedener Warte aus beleuchten. Die Zusammenschau zeigt, wie affektive und kognitive Elemente von Anfang an bei der Entstehung psychischer Strukturen untrennbar zusammenwirken. Dies wird denn auch von keiner der beiden Forschungsrichtungen bestritten. Bemerkenswerterweise fand Piaget, als er sich ausnahmsweise doch einmal mit der emotionalen Seite der kognitiven Entwicklung befaßte, daß ebenfalls etwa vom achten Monat an eine sogenannte Affektkonstanz zustande kommt; das heißt, die Verbindung bestimmter Gefühle mit bestimmten kognitiven Inhalten stabilisiert sich weitgehend.

Für das erste Lebensjahr gibt es somit praktisch keinerlei Widersprüche von Belang zwischen den Befunden beider Forschungsrichtungen – abgesehen davon, daß die Zeitpunkte der jeweiligen Entwicklungsetappen etwas unterschiedlich angesetzt und die affektiven und kognitiven Komponenten anders gewichtet werden. Für die späteren Lebensjahre gehen die Ansichten zwar weiter auseinander, doch ergänzen sich auch dann noch die Befunde im Grundsätzlichen sowie in manchen Einzelaspekten.

Stimmige Denkwege sind lustvoll

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang Piagets Analyse der sogenannten majorisierenden Äquilibration. Er versteht darunter die Weiterentwicklung bestehender kognitiver Strukturen (oder Schemata, wie er sie nannte) auf einer höheren Abstraktionsebene. Anhand sinnreich ausgeklügelter Experimente – etwa mit einer bestimmten Menge Flüssigkeit, die von einem niedrigen weiten Glas in ein schmales hohes umgeschüttet wurde – untersuchte Piaget detailliert, wie sich bei Kindern im Alter zwischen fünf und sechs Jahren das Abstraktionsvermögen entwickelt. Von einem elementaren kognitiven Erklärungsschema (höher etwa bedeutet mehr, also ist im hohen Glas mehr Wasser) gelingt in dieser Phase der Sprung zu einem wesentlich abstrakteren Konzept: Das höhere, aber dünnere Glas enthält nach dem Umschütten gleich viel Wasser wie zuvor das niedrigere, aber weitere. Ausgelöst wird dieser Sprung durch zunehmend als störend empfundene Widersprüche bei der Anwendung des ursprünglichen Konzepts, und er vollzieht sich in mehreren Stufen.

Die dabei beobachtbaren Zeichen einer intensiven Affektbeteiligung – zum Beispiel ärgerliche oder erstaunte Ausrufe in einer ersten Phase, ängstliche Unsicherheit in einer durch Ambivalenz geprägten Zwischenphase, triumphale Freude in der letzten – zeugen von einem keineswegs rein kognitiven Prozeß. Sie bleiben bei Piaget indes, obwohl in den Beobachtungsprotokollen vermerkt, in seinem Konzept der kognitiven Entwicklung genauso unbeachtet wie die ebenfalls nicht selten deutlich zutage tretenden affektiven Interaktionen zwischen Kind und Versuchsleiter, die wie Übertragungsphänomene im psychoanalytischen Sinne anmuten. Aus der Sicht der Affektlogik dagegen sind gerade die positiven und negativen Gefühle ein ebenfalls notwendiger integrierender Bestandteil des ganzen Vorgangs. Sie wirken nicht bloß als motivierender Motor, der zur Bildung neuer kognitiver Strukturen beiträgt, wie Piaget immerhin annimmt; vielmehr weisen und bahnen sie zugleich den Weg von schlechten zu guten Lösungen, indem sie Stimmigkeiten durch entsprechende – gute – Gefühle regelrecht anzeigen und unstimmige Elemente über gegenteilige Emotionen aussondern. Angenehme Gefühle der Entspannung heften sich in der Folge an gute Lösungen und festigen sie. Stimmige Denkwege sind lustvoll – sowohl innerhalb schon gebahnter Bezugssysteme wie zu neuen hin. Gleichartige positive Affekte verleimen schließlich mehrere stimmige Elemente regelrecht zu einem funktionellen Ganzen.

Gibt es ein affektfreies Denken?

Insgesamt sind affektive Komponenten also zumindest in der Kindheit mit praktisch sämtlichen kognitiv-denkerischen Leistungen verbunden. Besteht diese Verquickung indes auch noch im Erwachsenenalter? Gibt es nicht in Wissenschaft und Technik oder wenigstens in der Mathematik ein völlig emotionsfreies Denken?

Nach der eingangs gegebenen Definition der Affekte ist es unmöglich, nicht in irgendwelcher Weise affektiv gestimmt zu sein. Sogar Entspannung, Harmonie, Gelassenheit und Nüchternheit, ja Indifferenz sind in diesem Sinne noch Stimmungen mit entsprechenden psychischen und körperlichen Begleiterscheinungen. Wie sehr in der Tat selbst im scheinbar emotionslosen Denken gefühlshafte Elemente mehr oder weniger unbewußt immer mitschwingen, hat nach der psychoanalytischen beispielsweise auch die Vorurteilsforschung gezeigt: Affektbefrachtet sind danach keineswegs nur Reizworte wie Palästinenser oder Israelis, Weiße oder Schwarze, Hiesige oder Fremde, sondern selbst zunächst neutral anmutende alltägliche Begriffe und Selbstverständlichkeiten wie etwa die normalen zwischenmenschlichen Denk- und Verhaltensregeln.

Sogar bei der Entstehung wissenschaftlicher Begriffe und Theorien, ja selbst bei abstrakten mathematischen Operationen spielen Emotionen eine nicht unwesentliche Rolle: Das begeisterte „heureka“ des Archimedes, als er die Menge verdrängten Wassers als Maß für den Auftrieb erkannte, macht augenfällig, wie sehr gerade auch in der Wissenschaft stimmige, plausible Lösungen – ein eminent affektbetontes Wort – von Lust- und Entspannungsgefühlen begleitet sind. Unstimmigkeiten und Widersprüche dagegen gehen mit Unlust und Ärger einher. Zwischen dem Grundschüler, der erstmals mit freudigem Erstaunen die Umkehrbarkeit elementarer Rechenoperationen wie 2 x 2 = 4 und 4 : 2 = 2 entdeckt, und dem künftigen Wissenschaftler, den ähnliche Gefühle beim Erfassen der Stimmigkeit von Formeln wie Albert Einsteins berühmtes E = mc2 bewegen mögen, bestehen Unterschiede nur im Abstraktionsgrad und vielleicht in der Intensität, nicht aber in der grundsätzlichen Qualität der affektiv-kognitiven Vorgänge.

Freilich flaut die anfänglich bewußte emotionale Hochstimmung bei solchen Entdeckungen mit zunehmender Automatisierung der entsprechenden Fühl- und Denkprozesse stark ab. Aber auch dies ist nicht gleichbedeutend mit völliger Emotionslosigkeit. Gut eingeschliffene kognitive Fähigkeiten bereiten, wie Freud gezeigt hat, eine ähnliche untergründige Funktionslust wie etwa das gekonnte Ski- oder Autofahren, also motorische Fertigkeiten. Etwas vom ursprünglichen Hochgefühl schwingt selbst beim scheinbar emotionslosen, gelassenen Umgang mit eingeschliffenen kognitiven Lösungen und Operationen immer noch mit; es äußert sich zum Beispiel darin, daß Wissenschaftler und Mathematiker gerne von der Schönheit oder Eleganz einer bestimmten Formel oder Theorie reden.

Tauchen aber in solchen liebgewordenen Theorien plötzlich irritierende Widersprüche auf oder werden diese Theorien gar – wie etwa bei den Entdeckungen eines Nikolaus Kopernikus, eines Charles Darwin, eines Freud, eines Einstein – durch ein gänzlich neues Paradigma radikal in Frage gestellt, so treten ihre versteckten emotionalen Besetzungen schlagartig wieder an die Oberfläche: Noch heute sind bekanntlich die Flutwellen der Empörung oder Bewunderung nicht gänzlich abgeklungen, welche die von diesen Männern ausgelösten wissenschaftlichen Revolutionen anfänglich aufgeworfen hatten.

Auch im Rahmen der sogenannten Ich-Psychologie ist übrigens die Frage, ob es affektfreie Bereiche des Denkens und Verhaltens überhaupt geben könne, seinerzeit heiß diskutiert worden. So postulierte Heinz Hartmann, ein in den dreißiger Jahren nach USA ausgewanderter Psychoanalytiker, 1937 eine durch Übung und Gewohnheit affektiv neutralisierte konfliktfreie Zone, analog dem ruhigen Hinterland eines an seinen Grenzen bedrohten Staates. Sie könne jedoch durch Einbrüche von der Front der Affekte her jederzeit wieder rekonfliktualisiert werden. Obwohl diese These umstritten blieb, wird niemand bezweifeln, daß ursprüngliche Wut oder Angst, aber auch Freude oder Begeisterung über eine neue Fähigkeit oder Theorie mit zunehmender Routine ruhigeren – und unter Umständen sogar gegenteiligen – Gefühlen zu weichen pflegen. Eine wirkliche Affektfreiheit von kognitiven Funktionen dagegen ist – ebenso wie eine völlige Kognitionsfreiheit von Affekten – zumindest bei intakten Hirnstrukturen nach der Hypothese der Affektlogik eine Fiktion.

Affektlogische Psycho- und Soziodynamik

Selbstverständlich darf die komplexe Hierarchie affektiv-kognitiver Bezugssysteme in keiner Weise als etwas Statisches verstanden werden. Vielmehr handelt es sich nach dem Konzept der Affektlogik um ein neuronal verankertes Gefüge aus Fühl-, Denk- und Verhaltensprogrammen, das sich unter dem Einfluß des aktuellen Erlebens zumindest in Teilbereichen fortwährend umgestaltet. Zugleich speichert und kondensiert es das gesamte vergangene Erleben in einem synchronen Mit- oder Nebeneinander, das sich in ähnlichen Situationen dann gewissermaßen immer wieder zu einem diachronen Nacheinander entrollt. Auf diesem Mechanismus beruhen einfache bedingte Reflexe (konditioniertes Lernen) ebenso wie die komplexesten psychoanalytischen Übertragungsreaktionen. Da sich in solchen Programmen nicht allein das psychische, sondern auch das ganze zwischenmenschliche und umweltbezogene Erleben niederschlägt, ergibt sich zugleich eine konzeptuell klare logische Verbindung zwischen Bereichen, die bisher zumeist mit getrennten Theorien angegangen wurden. So befaßt sich die Psychoanalyse vorzugsweise mit Psychodynamik, während Familien-, Gruppen- und andere soziale Prozesse oft ganz ohne Bezug zum Individuum systemtheoretisch verstanden werden.

Die einmal angelegten Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme bleiben also wandel- und erweiterbar durch Lernen, und gerade dabei spielen affektive Komponenten wiederum eine wichtige organisatorisch-integrative Rolle. Wie die Alltagserfahrung lehrt, werden Ereignisse und Fakten, die mit prägnanten Gefühlen – etwa Freude, Schreck, Angst oder Wut – verbunden waren, besonders gut im Gedächtnis behalten. Rein kognitive Informationen dagegen lassen kalt, werden – wie auch Werbungsexperten und Journalisten sehr wohl wissen – praktisch gar nicht beachtet. Das Phänomen des sogenannten zustandsabhängigen Lernens und Erinnern zeigt, daß Affekte wie Filter oder Schalter wirken, die darüber entscheiden, was überhaupt gespeichert oder abgerufen wird. So registriert etwa der Verliebte, der Glückliche und Euphorische völlig andere Aspekte der gleichen Umwelt als der Traurige, der Wütende oder der Verängstigte; und entsprechend ist seine Erinnerung.

Außer hirnphysiologischen Befunden zu diesen Phänomenen, mit denen wir uns noch näher befassen werden, sprechen auch rein psychologische Beobachtungen dafür, daß durch gleiche Affekte verknüpfte kognitive Gedächtnisinhalte in eben diesen Affektzuständen bevorzugt mobilisiert werden. Eindrucksvoll demonstrierten das beispielsweise die Experimente von Stanislaw Grof in den siebziger Jahren an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (Maryland). Als er mit Hypnose oder mit die Psyche beeinflussenden Drogen Gefühle von Angst, Freude oder Scham induzierte, kamen über das gesamte Leben verstreute, aber verdrängte Erinnerungen mit gleichartiger Gefühlsqualität sozusagen en bloc wieder zum Vorschein; er bezeichnete solche Blöcke als Coex-Erinnerungen (nach englisch condensed experiences, kondensierte Erfahrungen).

Wie auch immer die Aktivierung affektiv-kognitiver Schaltkreise ausfällt, sie hängt nach dem vorgestellten Konzept mindestens ebensosehr von der Struktur der bestehenden affektiv-kognitiven Bezugssysteme selber ab wie von der Natur der Auslöser – seien sie nun kognitiv, affektiv, sensomotorisch oder zentralnervös-biochemisch. Dies vermag zwanglos zu erklären, warum gleiche Stimuli auf verschiedene Individuen derart unterschiedlich wirken können, daß Experimente widersprüchlich ausfallen. Zugleich macht dies klar, warum die nun schon Jahrzehnte dauernde Kontroverse, ob Affekt oder Kognition das Primäre seien, vermutlich nie zugunsten der einen oder der anderen Richtung entschieden werden kann.

Selbst der sogenannte freie Wille zeigt eine typisch affektiv-kognitive Struktur: Er hat einen kognitiven Inhalt (ich will ein Haus bauen, nach Paris reisen, diesen oder jenen Gegenstand kaufen) und entspricht zugleich einem intensiven dominierenden Affekt. Piaget schloß aus der Analyse aller einschlägigen Hinweise und Indizien sogar, der Wille sei eine „affektive Regulation von Regulationen“, sprich ein hierarchisch übergeordneter Gefühlsimpuls.

Seine Interpretation steht ganz im Einklang mit den von der Affektlogik postulierten mobilisatorischen und organisatorisch-integratorischen Funktionen der Affekte: Der gebündelte, dominierende „Willensaffekt“ kanalisiert und polarisiert das Denken stärker als sämtliche untergeordneten Affekte auf ein bestimmtes Ziel hin; er ist deshalb bekanntlich imstande, Berge zu versetzen. Nur beim Menschen jedoch gehen seine Wirkungen so weit, daß gewisse Gefühlsregungen entweder willentlich unterdrückt oder aber simuliert werden können.

Nicht übersehen werden sollte dabei allerdings, daß solche „Regulationen“ ihrerseits wieder letztlich unter der Herrschaft übergeordneter Affekte wie Scham, Angst oder Aggression stehen. Da ein Großteil dieser Affektschaltungen – wie zahlreiche Befunde belegen – weitgehend unbewußt bleiben, wird man von einem „freien Willen“ nur mit größter Vorsicht zu sprechen wagen.

Affekte als Motoren und Organisatoren der sozialen Dynamik

Als letzter Aspekt der affektlogischen Psycho- und Soziodynamik sei hervorgehoben, daß sich praktisch sämtliche mobilisierenden und integrierenden Wirkungen der Affekte, die ich hier vorwiegend auf der – individuellen – Mikroebene aufgezeigt habe, in abgewandelter Form auf der sozialen Makroebene wiederfinden: Kollektive emotionale Impulse, Stimmungen, Haltungen und Wertvorstellungen bewegen und motivieren nicht nur soziale Systeme beliebiger Größe, sondern verleihen ihnen sowohl in einer aktuellen Situation wie auch über die Zeit erst den erforderlichen Zusammenhalt. Ohne eine gemeinsame emotionale Basis fallen Paare wie Familien, Gruppen und ganze Nationen auseinander: Gemeinsames Handeln ist nur aufgrund bestimmter gemeinsamer Gefühle – etwa Angst, Wut, Freude, Enthusiasmus – möglich.

Affekte wie diese sind bekanntlich überaus ansteckend; Massenpanik und Massenhysterie bieten spektakuläre Beispiele. Subtiler äußert sich die ansteckende Wirkung darin, daß Stimmungen innerhalb eines Paares oder einer Gruppe sehr rasch überspringen und dann alle weitere Kommunikation unterschwellig beeinflussen. So können untergründige Affekte wie Wut, Scham oder Angst das gesamte soziale Verhalten entscheidend bestimmen.

Interessanterweise funktionieren Affekte zudem auch im sozialen Bereich bei der Bildung und dem Abruf von Gedächtnisinhalten wie eine Art Schalter: Gewisse kollektive Erinnerungen versinken unter der Wirkung aktueller übermächtiger Emotionen oder tauchen wieder auf – was sich gerade jetzt besonders kraß in der Reaktivierung gewisser Kriegserinnerungen im früheren Jugoslawien oder im Wiederaufflammen nationalsozialistischer Denkinhalte in Deutschland zeigt. Auf der gleichen affektregulierten Verschiebung des Bewußtseinsfokus beruhen auch die periodisch überall zu verzeichnenden „Umschreibungen der Geschichte“.

Das psychisch-mentale Geschehen ist mithin über weiteste Bereiche keineswegs allein von denkerischer Logik, sondern von Affektlogik beherrscht: Es gibt eine Logik der Angst, der Wut oder der Trauer ebenso wie eine Logik der Freude oder der Liebe. Jede kann den Menschen um den Verstand bringen. Irgendwo zwischen den Extremen dürfte allerdings die erwähnte neutralisierte Zone – eine Stimmung ausgeglichener Entspannung und Gelassenheit – liegen, in der die Welt der scheinbar emotionsfreien alltäglichen Automatismen und auch der wissenschaftlichen Gewißheiten angesiedelt ist, die dem konventionellen Begriff von Logik besser entsprechen. Welche dieser Logiken jeweils in der Hierarchie dominiert, ist eine Frage des gesamten Kontextes.

Neurobiologische Grundlagen von Gefühlen

Die Erforschung der anatomischen und physiologischen Grundlagen von Emotionen wie auch von Kognitionen im Gehirn hat in den letzten Jahrzehnten markante Fortschritte erzielt. Insbesondere hat sich die Hypothese von Paul McLean bestätigt, wonach jene Hirnstrukturen, die er 1952 – während seiner Tätigkeit an der Yale-Universität in New Haven (Connecticut) – unter dem Begriff des limbischen Systems zusammenfaßte, für die Regulation von Affekten eine zentrale Rolle spielen. Die wichtigsten Strukturen sind der Mandelkern und der Hippocampus, die an der Innenseite des Schläfenlappens liegen, die Area septalis und verschiedene Regionen der Großhirnrinde (Bild 1). Eine experimentelle elektrische Reizung bestimmter Zellgruppen in diesem System kann, wie sich gezeigt hat, Wut, Angst, Freude oder sexuelle Erregung auslösen.

McLean zufolge sollten die affektregulierenden Hirnteile eine Mittlerfunktion einnehmen: zwischen den entwicklungsgeschichtlich ältesten Hirnbereichen einerseits, welche die biologischen Grundfunktionen (wie Atmung, Herzschlag, Blutdruck, Schlaf-Wach-Rhythmus) sichern, und der Großhirnrinde (dem Neocortex) andererseits, die für höhere kognitiv-intellektuelle Funktionen zuständig ist. Das hat sich inzwischen vielfach bestätigt.

Von den Bereichen der Großhirnrinde, die Sinneseindrücke aus dem Wahrnehmungsapparat getrennt oder vermischt verarbeiten, gehen Nervenbahnen zu den Mandelkernen. (Patienten wie auch tierische Primaten mit zerstörtem Mandelkern verhalten sich so, als sei die Verbindung zwischen Innen- und Außenwelt defekt; komplexe Reize vermögen nicht mehr, adäquate Emotionen zu wecken.) Es scheint aber nach neuesten Erkenntnissen auch eine Art direkten Draht zu vorverarbeitenden Schaltstationen wie dem Thalamus zu geben.

Aller Wahrscheinlickeit nach verleihen speziell die Mandelkerne sämtlichen einlaufenden kognitiv-sensorischen Stimuli eine affektive Färbung. Da sie zudem eng mit den Rindenbereichen des Stirnhirns verknüpft sind, die den höchsten integrativ-kognitiven Leistungen dienen, sind grundlegende Voraussetzungen dafür erfüllt, daß sich umfassende affektiv-kognitive Schaltkreise im Sinne der affektlogischen Hypothese bilden können. Gleichzeitig bestehen aber auch enge Verbindungen zum Hypothalamus und von dort – über die hormonalen Regulationen der Hypophyse, der Hirnanhangdrüse – zur vegetativen „Stimmung“ des gesamten Körpers (Bild 2).

Ebenfalls für die Hypothese der Affektlogik spricht, daß teilweise dieselben limbischen Strukturen, welche die Affekte regulieren, auch für Gedächtnisleistungen entscheidend sind. Ohne intakte Mandelkerne und Hippocampi erlischt praktisch jede dauerhafte Erinnerungsfähigkeit an Neues. Zunächst vermutete man deshalb dort zu Unrecht den eigentlichen Sitz des Gedächtnisses. Heute dagegen setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, daß die gesamte, sich selbstorganisatorisch herausbildende Struktur der Assoziationsbahnen als Speicher dient. Synaptische Verbindungen zwischen Nervenzellen können geschwächt oder gestärkt, deren Fortsätze umgestaltet werden. Man spricht direkt von Plastizität des Gehirns. Sie bedeutet, daß das neuronale Netzwerk sich modifiziert und Schaltkreise um so enger zusammenarbeiten, je häufiger sie gemeinsam aktiviert werden. Dies ist die biologische Grundlage der postulierten aktionsgenerierten Fühl-, Denk- und Handlungsprogramme.

Praktisch sämtliche komplexen Beziehungen zwischen limbischem System, Gedächtnis und Affekten ließen sich in Weiterführung der affektlogischen Hypothese vermutlich mit der einfachen Zusatzannahme erklären, daß ein spezifischer affektiver Imprint erforderlich ist, damit integrierte affektiv-kognitive Bezugssysteme (also Programme) entstehen, die bei der Mobilisierung der entsprechenden Kognitionen durch gleichartige Affekte dann wieder aktiviert würden. Meines Wissens nach ist diese Annahme jedoch noch nicht experimentell untersucht worden.

Die limbischen Strukturen sind zudem spezifische Kreuzungs- und Knotenpunkte für fast alle wichtigen Systeme von Neurotransmittern (siehe Kasten auf Seite 79). Diese chemischen Botenstoffe, die Signale von einer Nervenzelle zur anderen weiterleiten, stehen mit bestimmten Affekten in Beziehung. So spielt das Noradrenalin-System bei aggressiven Zuständen eine entscheidende Rolle, das Serotonin-System bei traurig-depressiven Gefühlen und das Dopamin-System wahrscheinlich bei Angst. Neurotransmitter und -hormone wie die Endorphine – im Gehirn produzierte körpereigene Morphine – vermitteln freud- und lustvolle Emotionen.

Aufgrund ihrer anatomischen Beziehungen scheinen all diese Botenstoffsysteme dazu prädestiniert, weit auseinanderliegende Gehirnteile miteinander zu verbinden, das heißt, je nach Affektzustand zu großräumigen operationalen Einheiten zusammenzufassen. So lassen sich anhand von Tierexperimenten sowie von Beobachtungen an Hirnverletzten zumindest Teile mehrerer weitläufiger Funktionssysteme unterscheiden, die durch bestimmte Emotionen charakterisiert sind: etwa ein Ärger-Wut-System, das von der Hirnmitte zugewandten Bereichen des Mandelkerns und des Schläfenlappens reguliert wird, ein Furcht-Angst-System im Zentrum des Mandelkerns sowie ein Panik-Trauer-System, das mit dem vorderen Gyrus cinguli (einer Windung an der Innenseite der beiden Großhirnhälften) in enger Verbindung steht (Bild 1). Ferner hat man ein Freude-Lust- oder Belohnungssystem (Bild 3) sowie ein sogenanntes Interesse-Erwartungs-System beschrieben.

Allerdings sind solche Strukturen vermutlich wieder nur Elemente von noch weiter ausgedehnten, kontextorientierten Funktionssystemen, die auch sensorische und motorische Anteile umfassen. Erst diese würden die postulierten integratorischen Fühl-, Denk- und Verhaltenssysteme darstellen. Dafür sprechen beispielsweise auch die ausgedehnten affektspezifischen Erregungsmuster im Gehirn, die parallel zu affektbelegten Rufen beim Totenkopfäffchen nachgewiesen wurden.

Für die Hypothese der Affektlogik besonders bedeutsam sind schließlich gewisse Untersuchungen des Hirnstrombildes, des Elektroenzephalogramms (EEG), bei denen das gesamte Frequenzband erfaßt wurde. So ist es Wielant Machleidt und seinen Mitarbeitern von der Klinik und Poliklinik für Neurologie und Psychiatrie in Köln 1989 gelungen, insgesamt fünf sogenannte Grundgefühle (Erwartungsgefühle, Wut, Angst, Trauer und Freude) im Spektral-Enzephalogramm verläßlich zu identifizieren. Sie hatten Versuchspersonen darauf trainiert, sich für einige Minuten intensiv auf ganz bestimmte, stark mit spezifischen Affekten befrachtete Erlebnisse zu konzentrieren. Bei Freude etwa stieg regelmäßig die Leistung des Alpha-Wellen-Bandes, während die der flankierenden Frequenzbänder – der Theta- und der Beta-Wellen – sich reduzierte (Bild 4). Bei Angst dagegen erhöhte sich die Theta-Leistung, während bei den Alpha-Wellen die Leistung sank, die Gipfelfrequenz und die Bandweite aber zunahmen. Bei Mischgefühlen entstanden entsprechende Mischbilder.

Andere, ebenfalls spektral-elektroenzephalographische Untersuchungen zum zustandsabhängigen Lernen und Erinnern haben zudem ergeben, daß die neuronale Informationsverarbeitung erheblich vom aktuellen globalen Hirnfunktionszustand abhängt: ob man nun wacht, schläft, träumt oder unter Drogen beziehungsweise Hypnose steht. Die EEGs für ein und dieselbe neuronale Tätigkeit – etwa die unmittelbare Orientierungsreaktion auf einen einfachen Reiz hin oder das Speichern und Abrufen von komplexerem kognitivem Material – unterscheiden sich dann in charakteristischer Weise. In höher differenzierten Zuständen (wie im Wachen) gespeicherte Informationen blieben dabei interessanterweise in weniger differenzierten Zuständen (wie im Traum) weiterhin verfügbar, nicht aber umgekehrt – Geträumtes vergißt man, sofern man nicht unmittelbar danach geweckt wird.

Die seit langer Zeit mit derartigen Untersuchungen befaßten Schizophrenie-Forscher Martha Koukkou und Dieter Lehmann von der medizinischen Fakultät der Universität Bern und Zürich schlagen deshalb ein Modell vor, wonach bestimmte Gedächtnisspeicher registerartig jeweils nur in bestimmten Hirnfunktionszuständen abrufbar sind (Bild 5). Bestimmte Schubladen sozusagen lassen sich in manchen Zuständen nicht öffnen. Da auch Affekte mit bestimmten globalen Veränderungen des Hirnfunktionszustandes (erkennbar am EEG) einhergehen, sollten sich ähnliche Unterschiede beim Speichern und Abrufen von Gedächtnismaterial nachweisen lassen, wenn sich der emotionale Zustand ändert. Solche kombiniert affektiv-kognitiven Untersuchungen stehen freilich noch aus.

Falls die Grundannahmen der Affektlogik stimmen, zeichnet sich eine Fülle praktischer und theoretischer Konsequenzen auf verschiedenen Gebieten ab – von der gezielten Kommunikation einschließlich Journalismus, Werbung und Unterhaltung über die Psychiatrie und Psychotherapie bis zur Wissenschaftstheorie und Philosophie. Nur einige wenige davon kann ich hier anreißen.

Praktische Konsequenzen

Für jede Art von Kommunikation und Informationsübermittlung hieße dies, daß für die Aufnahme kognitiver Botschaften die grundlegende Affektstimmung von erstrangiger, der Inhalt der zu übermittelnden Informationen dagegen nur von zweitrangiger Bedeutung ist. Wie jeder gute Lehrer, Redner, Verkäufer, Entertainer oder Werbefachmann weiß, muß er sein Publikum erst einmal emotional einstimmen, um überhaupt gehört zu werden. Zudem hat, wie die Alltagserfahrung lehrt, ein sympathisch wirkender Mensch große, ein unsympathischer dagegen kaum Chancen, sich Gehör zu verschaffen – ganz gleich, was er mitzuteilen hat.

Dies ist auch im Bereich der kognitiven Therapien und Verhaltenstherapien allmählich klar geworden: Lautete aus theoretischen und forschungsbedingten Gründen hier eine Zeitlang die Devise, emotionale Faktoren seien möglichst aus dem Spiel zu lassen, so mußte man in der Folge erkennen, daß ein rein kognitives Vorgehen praktisch wirkungslos bleibt. Die Psychoanalyse dagegen hat gerade diesen emotionalen Faktor im Rahmen der Lehre von der Übertragung fast von Anfang an zu ihrem wichtigsten therapeutischen Hebel gemacht. (Bei Übertragungsreaktionen werden frühkindlich geprägte gewohnheitsmäßige Verhaltensweisen und Handlungen einem Elternteil gegenüber auf alle Autoritätsfiguren übertragen; solch unbewußte Übertragungshaltungen werden im Laufe des psychoanalytischen Prozesses gezielt reaktiviert und bearbeitet).

Sehr vernachlässigt wurde und wird die grundlegende therapeutische Bedeutung der emotionalen Atmosphäre paradoxerweise in der traditionellen Psychiatrie, obwohl gerade hier solche Zusammenhänge besonders gut bekannt sein müßten. So werden in den psychiatrischen Krankenhäusern vielerorts noch heute mehr als dreißig Akut-Schizophrene, delirierende Alkoholiker, desorientierte Alterskranke, schwer depressive und selbstmordgefährdete Patienten zusammen in einen sogenannten unruhigen Wachsaal gepfercht, obwohl sich diese verängstigten und verwirrten Menschen vielfach gegen ihren Willen zum ersten Mal in einer für sie völlig fremdartigen, labyrinth- und gefängnisartigen Institution mit unvertrauten Regeln und Riten finden. Kein Wunder, daß manche von ihnen noch kränker und erregter werden als zuvor und dann gewaltsam isoliert, fixiert und mit hohen Dosen von Neuroleptika ruhiggestellt werden müssen.

Beachtet man dagegen zuvörderst den emotionalen Faktor und stellt eine möglichst normale, entspannte Situation in einer freundlichen, überschaubaren Therapie-Einrichtung her, so läßt sich – wie im Pilotexperiment „Soteria Bern“, einer kleinen offenen therapeutischen Wohngemeinschaft für akut erkrankte junge Schizophrene gezeigt – die Schaltkraft der Affekte oft in verblüffender Weise nutzen: Selbst hochgradig gespannte und aggressive Patienten beruhigen sich dort nicht selten schlagartig und benötigen dann keine oder nur noch geringe Dosen von Medikamenten (nach einer derzeit laufenden Untersuchung im Schnitt weniger als halb so viel wie eine traditionell behandelte Kontrollgruppe), um gleichwertige therapeutische Resultate zu erzielen (Bild 8). Ob und wie sich freilich solche Methoden auch in großem Maßstab anwenden lassen, ist offen, denn „Soteria Bern“ nimmt nicht mehr als sechs bis acht Patienten gleichzeitig auf, und die Behandlung einschließlich der jeweiligen sozialen Wiedereingliederung dauert meist mehrere Monate.

Weitere mögliche Konsequenzen des affektlogischen Konzepts für die Medizin betreffen die traditionelle psychiatrische Krankheitslehre und das Verständnis wichtiger psychopathologischer Phänomene. So erscheint es aus der Sicht der Affektlogik zunehmend als fraglich, ob tatsächlich, wie in allen gängigen Klassifikationssystemen vorausgesetzt, bloß die Depression und die Manie und nicht auch die Schizophrenie als eine in ihrem Wesen zutiefst affektive Psychose zu verstehen sei. Gerade die seit jeher als zentral betrachteten psychopathologischen Phänomene der Schizophrenie – psychotische Ambivalenz, Spaltung und Zersplitterung von Denken und Fühlen (Schizophrenie bedeutet Spaltungsirresein) sowie Sprunghaftigkeit und Inkohärenz des Verhaltens – könnten Ausdruck einer fundamentalen Fehlregulation und Entstabilisierung der Affekte sein. Denkbar wäre angesichts der geforderten funktionellen Einheit von Emotion und Kognition, daß das limbische System und sein Zusammenspiel mit dem Frontalhirnbereich gestört sind.

Einige Anhaltspunkte für eine solche „Limbopathie“ liegen in der Tat bereits vor. Wie die EEG-Untersuchungen von Machleidt sowie klinische Beobachtungen belegen, ist die Angst bei der Schizophrenie der dominierende Affekt. Dies zusammen mit dem Umstand, daß Neuroleptika – die bislang einzigen antipsychotisch wirksamen Psychopharmaka – an dem mit dem Angstsyndrom offenbar eng verbundenen Dopamin-Stoffwechsel angreifen, spricht für die Bedeutung affektiver Störungen. Entgegen gängigen Lehrmeinungen könnten deshalb vielleicht auch die Neuroleptika – und nicht nur die als Stimmungsaufheller eingesetzten Thymoleptika – primär das Fühlen und erst sekundär auch das Denken beeinflussen.

Theoretische Überlegungen

Auch auf theoretischem Gebiet eröffnet das affektlogische Modell der Psy-che neue Perspektiven, insbesondere die Möglichkeit, moderne system- und chaostheoretische Erkenntnisse zur Dynamik komplexer Systeme auch auf den mentalen Bereich anzuwenden. Ein offenes System, das unter fortgesetzter Energiezufuhr weit von seinem Gleichgewicht abtreibt, kann an einem bestimmten kritischen Bifurkationspunkt über plötzliche Sprünge in ein anderes dynamisches Organisations- oder Energieverteilungsmuster hineingezwungen werden. Die Annahme liegt nahe, daß auch die plötzlichen Entwicklungssprünge psychischer Systeme – die Piagetschen majorisierenden Äquilibrationen ebenso wie das pathologische Überschnappen in psychotisch verrückte Zustände – etwas Derartiges darstellen, wobei bestimmte Affekte (oder affektiv-kognitive Bezugssysteme) als Attraktoren wirken könnten, quasi als Anziehungspunkte im Raum der möglichen Zustände.

Tatsächlich ließen sich in eigenen chaostheoretisch fundierten Untersuchungen zur psychotischen Verlaufsdynamik bereits erste Anhaltspunkte für das Vorliegen eines fraktalen seltsamen Attraktors in den chaotisch anmutenden täglichen Schwankungen der schizophren-psychotischen Symptomatik über längere Zeit nachweisen (Bild 6). von Gunter Schiepek und Wolfgang Schoppek an der Universität Bamberg ist es zudem gelungen, unter Berücksichtigung affektiver Faktoren und anhand eines differenzierten Modells der schizophrenen Verlaufsdynamik mehrere der von uns beobachteten schizophrenen Langzeitverläufe durch Veränderung bestimmter Kontrollparameter in der Computersimulation recht wirklichkeitsgetreu zu reproduzieren (Bild 7).

Die wesentlichen Träger der Energie, die hinter der Dynamik psycho-sozio-biologischer Systeme steckt, sind nach dem Konzept der Affektlogik wiederum die Affekte. Da nach diesem Konzept auch jegliche Information als etwas Affektiv-Kognitives (und nicht bloß Kognitives) aufzufassen ist, wird die wechselseitige Kopplung zwischen den biologischen, psychischen und sozialen Bereichen besser verständlich: Einerseits beeinflussen die neuronal vorgebahnten Fühl-, Denk- und Handlungsmuster jegliche soziale Wahrnehmung, Kommunikation und Aktion, und andererseits werden diese Bahnungen durch alles soziale Erleben, ja durch die ganze Umwelt fortwährend beeinflußt und weiter differenziert. Der spezifisch psychische, also bewußtseinsfähige Phänomenbereich, der mit dem jeweils gerade aktivierten Aufmerksamkeitsfokus wie die Spitze eines Eisbergs aus dem breiten Untergrund des Unbewußten aufragt, kann als Ergebnis einer auf immer höhere Abstraktionsebenen vorangetriebenen Verdichtung von Information (von „psychischer Energie“) verstanden werden. Bei dieser Verdichtung wird Invariantes (Gemeinsames) sukzessive aus der zunächst chaotisch anmutenden Varianz des Begegnenden extrahiert.

Wenn man zudem die Beziehungen zwischen dem biologischen, psychischen und sozialen Bereich aus der Sicht der Synergetik betrachtet, wie sie der Physiker Hermann Haken von der Universität Stuttgart entwickelt hat, lassen sich die psychischen und biologischen Vorgänge auf der Ebene des Individuums als ein Mikrogeschehen auffassen; aus ihm kann bei genügender Energie- beziehungsweise Informationszufuhr dann auf der sozialen und sozio-kulturellen Ebene ein Makrogeschehen – wiederum eine Art von Invarianz – hervorgehen, das unendlich viele ungeordnete Einzelprozesse zu einem Gesamtprozeß höherer Ordnung zusammenbündelt – analog wie beim Laser durch das Dominantwerden einer bestimmten Schwingung ein intensiver Strahl von kohärentem Licht bestimmter Wellenlänge entsteht.

Was schließlich die angedeuteten Querverbindungen der Affektlogik zu wissenschaftstheoretischen und philosophischen Fragen betrifft, so liegen diese gänzlich auf der Linie des aktuellen Konstruktivismus, der zu klären versucht, wie ein Konstrukt von Wirklichkeit in unserem Kopf zustande kommt: Analog zu den relativistischen Welten der modernen Physik tritt aus affektlogischer Sicht in all unseren „Wahrheitssystemen“ bis in die strenge Logik und Wissenschaft hinein an die Stelle einer einzigen und absoluten Wahrheit eine operationale, kontext- und bedürfnisspezifische und damit relative, multiple und lokale Wahrheit, die erheblich von teilweise unbewußten affektiven Gestimmtheiten und Wertvorstellungen mitbestimmt ist. Ob man die Welt (und sich selber) durch die Brille einer Liebes- oder einer Haßlogik, einer Aggressions- oder einer Angstlogik betrachtet, macht einen gewaltigen Unterschied. Wie weitreichend die Konsequenzen derartiger Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme sein können, hat auf der kollektiven Ebene während des Golfkriegs der französische Präsident François Mitterrand eindrücklich vor Augen geführt, als er von der Logik des Krieges und der Logik des Friedens sprach.

Damit sind wir – nicht zufällig – zum Schluß bei ethischen Fragen angelangt. Die Hypothesen der Affektlogik sind, sollten sie zutreffen, keineswegs harmlos; man denke nur an die Möglichkeiten der Denkbeeinflussung über manipulierte Affekte oder an Anwendungsmöglichkeiten auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz. Es macht deshalb auch einen Unterschied, mit welcher Art von Logik diese Hypothesen aufgenommen und weiterverwendet werden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993, Seite 76
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993

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