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Bioarchäologie: Die Indianer von La Florida

Nach Ankunft der Europäer dezimierten nicht nur Seuchen, Krieg und Ausbeutung die Ureinwohner Amerikas. Neue bioarchäologische Untersuchungen in der ehemaligen spanischen Kolonie La Florida belegen, dass auch ein drastischer Wandel der Ernährung die Gesundheit der Indianer untergrub.


Für die amerikanischen Ureinwohner erwies sie sich als fatal: die Entdeckung der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus. Wo immer danach europäische Eroberer Fuß fassten, folgten Krankheit und Tod. So auch an der Südostecke des nordamerikanischen Kontinents, in La Florida. Ostern 1513 von Spaniern entdeckt und getauft, wurde die Halbinsel zwischen Atlantik und Golf von Mexiko bald Schauplatz von gewaltsamen Auseinandersetzungen, sogar von Europäern verschiedener Nation untereinander.

Ihre Taten wie auch ihre Untaten beschrieben die Eroberer ausführlich. Was aber geschah mit der dort heimischen Bevölkerung? Zwar erwähnen die zeitgenössischen Berichte, dass Indianer durch Kämpfe, eingeschleppte Infektionskrankheiten und Zwangsarbeit massenweise umkamen. Doch erst neuerdings brachten bioarchäologische Studien tiefere Einsichten, wie drastisch sich auch der Alltag für die Ureinwohner änderte, sobald sie ständigem fremden Einfluss unterlagen. Eklatant zeigt sich dies in den früheren spanischen Missionszentren von La Florida.

Spanische Franziskaner hatten das 1565 errichtete Fort St. Augustine am Atlantik als Brückenkopf genutzt, um die Region zu christianisieren. Richtung Westen reichte die Kette von Missionsstationen über das Stammesgebiet der Timucua und der Apalachee; nach Norden erstreckte sie sich bis zum Territorium der Guale an der Küste des heutigen Georgia. An einigen dieser Orte legten Archäologen die Ruinen großer Kirchen frei, unter deren Böden auch getaufte Indianer bestattet worden waren.

Aus diesen Skeletten konnten Bioarchäologen ein überraschend klares Bild von den Ernährungs- und Arbeitsbedingungen auf den Missionsstationen gewinnen. Die neuen Erkenntnisse – ein Ergebnis des internationalen La Florida Bioarchaeology Project, das ich leite – liefern wichtige Details. Vor allem belegen sie, dass die Indianer von La Florida sich auf eine Kost umstellen mussten, die fast ausschließlich aus pflanzlichen landwirtschaftlichen Produkten bestand. Sie bekam ihnen nicht sonderlich, beeinträchtigte sogar viele in ihrer Entwicklung und Gesundheit.

Frühere Forschungen zur Ernährung der Ureinwohner Floridas stützten sich auf zwei Arten von Quellen: Aufzeichnungen von Europäern sowie Relikte von Nahrung aus den ausgegrabenen Siedlungen. Doch die Schriftzeugnisse sind widersprüchlich, was die Rolle der Landwirtschaft anbelangt. Ähnliches gilt für die überlieferten Pflanzenreste, zumal sich organisches Material in den feuchten und sauren Böden der Küstenregion kaum erhält.

Immerhin gelang es C. Margaret Scarry von der Universität von North Carolina in Chapel Hill und Donna Ruhl von der Universität von Florida nachzuweisen, dass sich die Indianer von zahlreichen Wild- und Kulturpflanzen ernährten, und zwar vor und nach der Kolonisation. An prähistorischen Stätten ebenso wie an Orten, wo Indianer mit europäischen Siedlern in Kontakt kamen, fanden Archäologen zwar auch Körner und Kolben von Mais; doch welchen Anteil das amerikanische Getreide damals an der üblichen Kost hatte, war nicht zu ermitteln.

Der Mensch ist, was er isst


Genauere Aufschlüsse erhofften wir uns von Analysen der sterblichen Überreste, getreulich dem Motto: Man ist, was man isst. Zu Lebzeiten baut nämlich das Knochengewebe Isotope bestimmter Elemente ein, und dies je nach Nahrungstyp in verschiedenen Anteilen. So lässt das Verhältnis der stabilen Kohlenstoff-Isotope C-12 und C-13 erkennen, bei wem mehr Mais auf dem Speiseplan erschien. Denn die Pflanze enthält einen relativ höheren Anteil des schwereren Isotops, weil sie einen bestimmten, effizienten Weg der Photosynthese nutzt. Zwar tun dies auch noch andere Pflanzen, doch praktisch alle in La Florida verzehrten Früchte sowie Weizen, Eicheln und Hickorynüsse entstammen einer Kategorie Pflanzen mit anderem Photosyntheseweg.

Die Guale und andere Küstenbewohner der Region ernährten sich auch nach dem Eintreffen der Europäer teils noch aus dem Meer, wie Gräten und Austernschalen an archäologischen Fundstätten verraten. Aber in welchem Maße? Hier bot sich für unsere Analysen das Verhältnis der beiden stabilen Stickstoff-Isotope an: N-14 und N-15. Denn am Anfang der Nahrungskette im Meer stehen Pflanzen wie Algen, die ein anderes Verhältnis aufweisen als Landpflanzen. Das prägt sich durch bis zum Ende der Nahrungskette, also bis zum Menschen.

Meine Kollegen und ich fanden tatsächlich markante Verschiebungen dieser "Signaturen" in den Gebeinen. Das spricht generell für einen enormen Wandel der Ernährung. Vor allem steigerte sich der Maiskonsum nach Ankunft der Franziskaner: bei den Guale auf St. Catherines und auf der Amelia-Insel sowie bei den Apalachee. Selbst die Timucua, die vorher wenig oder gar keinen Mais aßen, stellten augenscheinlich ihre Ernährung darauf um.

Der "Knochenchemie" zufolge wendete sich das Blatt nicht zum Besten. Zuvor hatten sich die Indianer recht abwechslungsreich ernährt: je nach Region mehr oder weniger von Fischen und Meeresfrüchten sowie von vielen Tieren und Pflanzen des Landes. Fortan aber mussten sie offenbar mit einer einseitigeren Kost vorlieb nehmen, weil die Menschen sich auf den alleinigen Anbau von Mais konzentrierten. Dieses Getreide enthält zum einen viel Zucker, der den Zähnen schadet, zum anderen Phytat, das Eisen bindet und dessen Aufnahme aus dem Darm beeinträchtigt. Wer sich überwiegend von Mais ernährt, ist deshalb anfällig für Blutarmut und andere Folgen des Eisenmangels. Schlimmer noch, eine dermaßen einseitige Ernährung hemmt in jungen Jahren das Wachstum und die Entwicklung, weil sie zu wenig Calcium und Vitamin B3 liefert. Mais versorgt zudem nicht adäquat mit Proteinbausteinen, denn drei der acht für den Menschen nötigen Aminosäuren – Lysin, Isoleucin und Tryptophan – sind je nach Zuchtlinie nur in Spuren oder überhaupt nicht vorhanden.

Nach all dem verwundert es nicht, dass manche Missions-Indianer mehr und tiefere Löcher in den Zähnen aufwiesen als ihre Vorfahren. Die weichere Konsistenz von Nahrung wie Maisbrei trug wohl das ihre dazu bei, weil dann leichter Zahnbeläge entstehen. Von weicherer Nahrung zeugen auch die geringeren Abnutzungsspuren am Zahnschmelz; unter dem Raster-Elektronenmikroskop sieht man weniger der für harte Naturkost typischen Kratzer und Grübchen.

Abweichend von diesem allgemeinen Trend waren in der Missionsstation San Luis die Zähne jedoch weniger kariös als andernorts. Tierische Überreste zeugen davon, dass die Indianer dort als rares Zubrot Rindfleisch und somit proteinreicheres Essen bekamen. Vielleicht verhalf dies auch zu gesünderen Zähnen.

Bakterien, Würmer, Blutarmut


Andere gesundheitliche Probleme schlagen sich bei Jugendlichen ebenfalls in den Zähnen nieder. Wird die Mineralisation gestört, bleiben sichtbare Flecken, Querrillen und weitere auffällige Veränderungen zurück. Wie wir feststellten, waren die Rillen bei manchen Individuen besonders groß, was auf chronische oder vorübergehende schwere Erkrankungen hinweist, ebenso auf Mangelernährung. Mikroskopische Dünnschliffe offenbarten zudem Wachstumsstörungen der Zähne. Gewöhnlich bildet sich im Zahnschmelz eine gleichmäßige Abfolge steiler feiner Linien, die zuerst der schwedische Anatom Anders Adolf Retzius im 19. Jahrhundert beschrieb. Abnorme Streifen fanden wir zwar zu allen Zeiten, aber verstärkt in der Zeit nach Gründung der Missionsstationen.

Hygienische Probleme machten den Missions-Indianern ebenfalls zu schaffen. Siedler müssen, wenn sie sich nicht an Bächen, Flüssen oder Seen niederlassen, Brunnen graben. Bei einer archäologischen Untersuchung in Santa Catalina de Guale entdeckten Forscher, dass die Menschen sich aus einem recht flachen, mit Holzplanken eingefassten Wasserloch versorgten. Solche Brunnen werden leicht verseucht und sind in der Region oft Brutstätten von Parasiten und anderen Krankheitserregern.

Der nahe liegende Verdacht einer beständigen Infektionsgefahr erhärtete sich schließlich bei unseren bioarchäologischen Studien: Zahnschmelz, der während der ersten beiden Lebensjahre angelegt wurde, wies die meisten Defekte auf. In dieser Altersstufe sind Kinder besonders anfällig für Durchfälle. Der daraus resultierende starke Flüssigkeitsverlust stört die Funktion aller Zellen, auch von solchen, die den Zahnschmelz bilden. Wie noch heute in vielen Orten in Entwicklungsländern waren damals in den Missionsstationen La Floridas die sanitären Bedingungen sicherlich so schlecht, dass bakterielle und virale Durchfall-Erreger, die ja vor allem über verschmutzte Nahrung und verseuchtes Trinkwasser verbreitet werden, besonders die Gesundheit von Kleinkindern belasteten. Andere ansteckende Krankheiten wie Windpocken und Masern dürften sich dort ebenso leicht ausgebreitet haben, weil die Indianer in beengten Verhältnissen dicht gedrängt um die Station siedelten.

Von gesundheitlichen Problemen zeugen neben den Zähnen auch die Knochen der Menschen. Zwar wirken sich viele akute Infektionen kaum auf das Skelett aus, oder die Betroffenen sterben, bevor es in Mitleidenschaft gezogen ist. Doch können schlimme Entzündungen von Wunden – etwa durch das Bakterium Staphylococcus aureus – nachhaltige Spuren hinterlassen. Weil man sich am Unterschenkel leicht verletzt, untersuchten wir Schienbeinknochen aus Gräbern. Tatsächlich entdeckten wir daran oft Veränderungen, wie sie durch eiterndes und absterbendes Gewebe entstehen.

Ferner fanden wir ziemlich viele Schädelknochen, deren Oberfläche nicht dicht und fest, sondern porös ist. Hinter dieser "porösen Hyperostose" kann Verschiedenes stecken: zum Beispiel Skorbut – also Vitamin-C-Mangel – im frühen Kindesalter, ferner eine ernährungsbedingte Eisenmangel-Anämie oder ein Befall mit Hakenwürmern. Diese Parasiten setzen sich im Darmtrakt fest und können dem Wirt so viel Blut abzapfen, dass ebenfalls eine Eisenmangel-Anämie eintritt. Knochen aus der Zeit vor der Kolonisation waren allerdings noch selten in dieser Weise geschädigt; vermutlich nahmen selbst die Guale, die damals bereits regelmäßig Mais aßen, durch ihren Fisch so viel Eisen auf, dass sie nicht so leicht anämisch, also blutarm wurden. Dass dann Missions-Indianer so häufig an poröser Hyperostose litten, liegt sehr wahrscheinlich nicht allein an ihrer zunehmend auf Mais ausgerichteten Kost, sondern auch am Befall mit Hakenwürmern.

Folgen der Fron


In ihren schriftlichen Dokumenten über die Eroberung und Missionierung von La Florida berichteten die Spanier unverhohlen, dass sie die einheimische Bevölkerung zu harter Arbeit zwangen. Weil genügend Zugtiere dort erst spät im 17. Jahrhundert zur Verfügung standen, mussten die Indianer schwere Lasten über weite Strecken schleppen. Außerdem hatten sie immer neue Siedlungen anzulegen und zu deren Versorgung große Felder zu bestellen. Insbesondere die Männer wurden zum Bau der Kirchen und Verwaltungsgebäude sowie zu Hilfsdiensten für das Militär herangezogen.

Auf Folgen dieser Fron haben wir gleichfalls unser Untersuchungsmaterial überprüft. So unterliegt das Skelett wie die Muskulatur einem Trainingseffekt, stellt sich also bis zu einem gewissen Grade auf physische Beanspruchung ein. Demnach hätten Indianer von den Missionsstationen stärkere Knochen besitzen sollen als ihre Vorfahren, die nur ihren eigenen Unterhalt bestreiten mussten. Tatsächlich ließen unsere Vergleichsmessungen an Oberarm- und Oberschenkelknochen eine solche Anpassung erkennen. Das Knochenmaterial war dicker und verteilte sich auch anders auf den Querschnitt. Den biomechanischen Berechnungen nach machte dies den Knochen biege- und torsionsfester.

Zugleich waren degenerierte Gelenke bei Skeletten aus der frühen Kolonialzeit weitaus häufiger als bei solchen aus der Phase davor. Derartige Arthrosen, die äußerst schmerzhaft sind und mehr und mehr die Beweglichkeit einschränken, entstehen unter anderem infolge schwerer körperlicher Arbeit. Vielen Indianern wurden bekanntlich Leistungen abverlangt, die ihren Körper überforderten – selbst dann noch, wenn sie bereits krank und ausgemergelt waren.

Die historischen Aufzeichnungen schildern die Erschließung La Floridas lediglich aus Sicht der Spanier. Unsere bioarchäologischen Erkennntnisse vermitteln nicht nur ein umfassenderes, detailreicheres Bild von der Situation der Urbevölkerung, sondern geben auch einen Eindruck von den Schicksalen namenloser Individuen: Seuchen und andere Erkrankungen, unzureichende Ernährung und schwere Arbeit forderten einen hohen Tribut. Die weitere Geschichte der Indianer von La Florida verlief danach kaum besser: Kurz nachdem ihr Land im Jahre 1845 der 27. Bundesstaat der USA geworden war, lebten dort kaum mehr welche.

Literaturhinweise


Skeletons in our Closet: Revealing Our Past Through Bioarchaeology. Von Clark Spencer Larsen, Princeton University Press, 2000.

Regional Variation in the Pattern of Maize Adaption and Use in Florida and Georgia. Von Dale L. Hutchinson et al. in: American Antiquity, Bd. 63, Nr. 3, S. 397, Juli 1998.

In the Wake of Conflict: Biological Responses to Conquest. Von Clark Spencer Larsen und George R. Milner (Hg.), Wiley-Liss, 1994.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 2001, Seite 68
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 2001

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