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Die innere Organisation einer mesopotamischen Stadt

Nur für kurze Zeit in der Geschichte, ungefähr um 2000 vor Christus, war Maschkan-schapir eine der bedeutendsten Städte der zivilisierten Welt. Ihre Gliederung stellt traditionelle Vorstellungen von einer hochzentralistischen hierarchischen Ordnung früher urbaner Gesellschaften des Nahen Ostens in Frage.

Bemerkenswert in der Landschaft zwischen Euphrat und Tigris im Süden des heutigen Irak, in der sich sonst nur Wüstenstriche mit Steppenzonen und Feldern abwechseln, sind die Tells (arabisch Hügel): künstliche Erhebungen aus Schichten von Ruinen und Lehmziegelschutt. Entstanden im Laufe von fünfeinhalb Jahrtausenden wechselnder Besiedlung, bergen sie die Überreste der ältesten Stadtanlagen überhaupt. Manche Tells erheben sich bis zu 30 Meter über die Ebene und können einen Durchmesser von mehr als anderthalb Kilometern erreichen.

Seit fast zwei Jahrhunderten sind Archäologen dabei, zumindest Teile dieses Puzzles aus in- und übereinandergebauten Mauerzügen zu entwirren und anhand anderer gefundener Artefakte zu deuten. An inzwischen berühmten Grabungsstätten wie Babylon, Borsippa, Kisch, Nippur, Uruk und Ur fanden sich reiche Zeugnisse von der materiellen Kultur der damaligen Bewohner. Dank ihrer Keilschrift-Texte auf Tontafeln, einem relativ dauerhaften und gebrannt praktisch unvergänglichen Material, sind zugleich detaillierte Informationen über Einrichtungen ihres politischen, wirtschaftlichen, religiösen und sozialen Lebens erhalten geblieben.

Trotzdem sind unsere Kenntnisse von der Gesellschaftsstruktur und der baulichen Organisation dieser ältesten urbanen Siedlungen aus mancherlei Gründen immer noch dürftig. Einer ist ausgerechnet der Fundreichtum, so paradox dies auch anmutet. Allein die schiere Größe der meisten Tells erlaubt es selbst Grabungsteams mit großzügigem Budget kaum, mehr als winzige Ausschnitte einer jeden Stadt bis auf den Grund freizulegen und dabei alle Relikte zu erfassen. Noch entscheidender ist allerdings, daß die Anordnung erfaßter Fundamente, Mauerreste und Straßenzüge im allgemeinen keine Anlage widerspiegelt, die so zu einer bestimmten Zeit bestanden hätte. Wie auch heute noch, hatten die früheren Stadtbewohner Altes teils überbaut, teils verändert oder gänzlich eingeebnet.

Vor einem ähnlichen Problem stünden wohl Archäologen, wenn sie das, was in einigen Jahrtausenden vom heutigen London bliebe, interpretieren müßten und sich dabei an keinerlei Beschreibungen, Plänen und Illustrationen orientieren könnten: Aus dem Durcheinander von Überresten moderner Wolkenkratzer, viktorianischer Gebäude, normannischer Burgen und sogar eines römischen Kastells den Stadtkern so zu rekonstruieren, wie er während jeweils einer Epoche ausgesehen hat, dürfte nahezu unmöglich sein.

Aus sozialwissenschaftlichen Studien ist schon lange bekannt, daß sich in der Anlage unserer zeitgenössischen Städte zugleich unsere Gesellschaftsordnung widerspiegelt. Nach unseren eigenen Untersuchungen läßt sich ähnliches auch aus frühen urbanen Siedlungsmustern außerhalb Mesopotamiens folgern.

Bei Sozialstrukturen mit ausgeprägter Zentralgewalt liegen die architektonischen Zentren von Verwaltung, Religion, Handwerk und Handel gedrängt beieinander, umrahmt von Anwesen der gesellschaftlichen Oberschicht. Keine oder nur geringe Anzeichen einer solchen räumlichen Konzentration lassen sich hingegen bei Gemeinschaften erkennen, in denen sich verschiedene Gruppen die Macht teilen und in denen die Entscheidungen auf verschiedenen Ebenen der sozialen Hierarchie getroffen werden. Die en- gen Verknüpfungen zwischen führenden Schichten und dem Rest der Bevölkerung in diesen dezentralisierten Städten zeigen sich in dem Nebeneinander von reichen und armen Haushalten in allen Wohnbezirken.

Wo in diesem Spektrum sind nun die ersten Städte der Menschheit, die mesopotamischen, einzuordnen? Bislang haben Archäologen gewöhnlich Indizien einer Zentralisierung besonders hervorgehoben. Doch ein genauerer Blick auf ihre Argumentation sowie auf die neueren Funde von unserer Grabungsstätte Maschkan-schapir (offizielle Schreibweise Ma`´skan-`´sapir) offenbart, daß diese Ansicht revidiert werden muß.

Bei den frühen Ausgrabungen in Mesopotamien hat man sich vor allem auf Tempel und Paläste als die Sitze von geistiger Autorität, Macht und Reichtum konzentriert, und unter einem ähnlich engen Blickwinkel wurde dann die Struktur der Gesellschaft rekonstruiert, die diese Bauten errichtete. Die schon wegen ihrer einstigen Größe bevorzugt untersuchten Monumente, die hohen Status bestimmter Gruppen erweisen, haben jedoch davon abgelenkt, daß die mesopotamischen Schriftquellen keine deutlich verschiedenen sozialen Klassen verzeichnen, sehr wohl aber die Bedeutung von allgemeinen Versammlungen für Entscheidungen über die gesamte Gemeinschaft.

Eine weitere, subtilere Einseitigkeit der Betrachtung mag ebenfalls mitspielen. Von Historikern anerkannt ist, daß Industrialisierung und Kapitalismus die Welt so entscheidend gewandelt haben, daß es keine modernen Pendants für Städte des Altertums gibt. Statt aber eine breite Spanne möglicher urbaner Organisationsformen in Betracht zu ziehen, haben einige Fachleute – vielleicht vorschnell – ein vereinheitlichtes Modell der präindustriellen Stadt schlechthin aufgestellt, das auf wenigen gut untersuchten Beispielen mit zentralistischem Charakter fußt. Dabei ging ihr Blickfeld selten über das antike Griechenland und manchmal sogar nicht einmal über das mittelalterliche Europa hinaus (vergleiche hingegen "Die Stadt in der Antike" von Frank Kolb, Spektrum der Wissenschaft, November 1987, Seite 62).

In der Folge hat man es praktisch als gegeben angesehen, daß die einstigen mesopotamischen Städte durch dieselben Faktoren geformt wurden wie die späteren Gemeinwesen in Europa. Beispielsweise wurde unterstellt, daß eine dauerhafte landwirtschaftliche Basis existierte und jede Landparzelle einen fixen Gegenwert gehabt habe. In Wirklichkeit war jedoch die ökonomische Basis im Zweistromland alles andere als im Wortsinne beständig, was sich schon aus der Bedeutung des nomadischen Hirtentums ersehen läßt. Selbst kultiviertes Land war nichts Dauerhaftes: Jährliche Überschwemmungen sowie hohe Verdunstungsraten und entsprechend rasche Bodenversalzung bei Bewässerung bedingten ein sich fortwährend verlagerndes Mosaik aus ertragreichen Feldern und Obstplantagen einerseits, wüstenartigen Strichen, Brach- und Sumpfland andererseits. Unter solchen Verhältnissen hatten Macht und Reichtum wenig mit einem generationenüberdauernden Grundbesitz zu tun.

Eingehende Beschreibungen vieler vorindustrieller städtischer Zivilisationen, wie sie in Westafrika und dem islamischen Mittleren Osten sowie in der Neuen Welt bis zur spanischen Eroberung bestanden, dokumentieren eine beträchtliche Variabilität in der Form innerer Organisation. Sie deuten auch auf einen Zusammenhang zwischen der Beständigkeit von Ackerland und dem Grad sozialer und politischer Machtballung hin. Somit gibt es keinen Grund, von vornherein anzunehmen, mesopotamische Städte seien besonders stark zentralisiert gewesen.


Eine bewegte Geschichte

Es bot sich an, die frühe städtische Organisation der Region beispielhaft an einem Ort zu untersuchen, der nur während einer kurzen Phase besiedelt gewesen war. Dessen Ruinen würden eine Art Momentaufnahme einer urbanen Anlage liefern und damit auch gewissen Aufschluß darüber geben können, wie sie Gestalt angenommen hatte: durch Planung und Druck von Priestern und Königen oder aber durch allseitiges Einvernehmen verschiedener Bevölkerungsgruppen.

Wir suchten also eine mesopotamische Siedlung mit städtischen Dimensionen, die anders als die bisher archäologisch erschlossenen Metropolen nach kurzer Zeit wieder aufgegeben worden und – was ebenso wichtig ist – seitdem relativ unberührt geblieben war. Dazu sichteten wir die Informationen, die andere Forscher über die Gesamtverteilung alter Siedlungen im Irak zusammengetragen hatten. Unsere Wahl fiel auf eine noch namenlose Fundstätte, die Robert McC. Adams, der damals an der Universität Chicago tätig war, Mitte der siebziger Jahre entdeckt und nur unter einer Nummer registriert hatte.

Unser erster Besuch dort im Januar 1987 fiel ausgerechnet mit dem Beginn der vom Iran propagierten "letzten Offensive" im Krieg mit dem Irak von 1980 bis 1988 zusammen. Immerhin konnten wir das Areal drei Wochen lang erkunden. Es war mit Siedlungsspuren geradezu übersät: Auf einer Fläche von mehr als 800 Metern Durchmesser zeichneten sich deutlich die Reste von Mauern und Gräbern, ja sogar von alten Kanälen ab. Dazwischen verstreut lagen Keramikscherben; die meisten ließen sich ins erste Viertel des zweiten vorchristlichen Jahrtausends datieren. Wie aus Quantität und Qualität der Funde ersichtlich, hatten die einzigen neuzeitlichen Besucher dieses heute öden Platzes (Bild 1, Photo) – Beduinen mit ihren Kamelen – ihn weitgehend ungestört belassen.

Welche historische Stadt verbarg sich aber hinter diesem namenlosen Ort? Zwei Jahre, in denen wir Vorkehrungen für unsere Rückkehr trafen, mußten wir auf eine Antwort warten. Kurz nach Wiederaufnahme unserer Erkundungen stießen wir zufällig in der Nähe der Überreste eines Stadttores auf ein Stück gebrannten Tons mit Keilschriftzeichen. In rascher Folge sammelten wir 150 ähnliche Fragmente auf und bürsteten sie sauber; zusammengesetzt ergaben sie mehrere gleiche Gedenkinschriften zur Errichtung der Stadtmauer. Schon auf dem dritten Scherben ließen sich klar drei der vier zu kombinierenden Schriftzeichen für den Namen einer Stadt entziffern, die – wenn auch nur für kurze Zeit – eine der wichtigsten der Welt gewesen war: Maschkan-schapir.

Historische Quellen verzeichnen den Ort erstmals gegen Ende des dritten Jahrtausends vor Christus als kleines Hirtendorf am Rande des mesopotamischen Kernlandes (Bild 2). Ohne die politischen Verwicklungen des frühen zweiten Jahrtausends wäre es wohl völlig unbedeutend geblieben. Kurz vor 2000 vor unserer Zeitrechnung fiel aber die sumerische Stadt Ur, Zentrum eines Königreiches, welches das gesamte Schwemmland kontrolliert hatte. In den folgenden beiden Jahrhunderten rangen verschiedene Stadtstaaten um die Vorherrschaft, allen voran Isin und Larsa. Zwar war Larsa die wohl mächtigere, doch vermochte Isin – dank einer günstigeren strategischen Lage weiter oberhalb am alten Lauf des Euphrat – der Rivalin den Einfuhrweg für wichtige Rohmaterialien wie Holz, Metall und Stein aus dem Nordwesten abzuschneiden. Larsa wiederum schickte sich im Gegenzug an, den östlichen Teil des Flußtales unter seine Kontrolle zu bringen und sich den Zugang zum Tigris zu sichern. Als ihr nördlicher Außenposten nahm Maschkan-schapir rasch urbane Ausmaße an und wurde schließlich zur zweiten Metropole des Königreichs.

Die Stadt behielt ihre Rolle zunächst auch nach der Niederschlagung von Isin, da der Aufstieg Babylons unter Führung ihres dann auch als Gesetzgeber bedeutenden Herrschers Hammurabi (er hatte den Thron von 1792 bis 1750 vor Christus inne) eine ähnliche Rivalität um die Kontrolle von Handelswegen entfachte. Schon bald allerdings ließen Hammurabis Eroberungen, durch die er den größten Teil von Südmesopotamien vereinte, die strategische Lage Maschkan-schapirs belanglos werden. Die Stadt wurde um 1720 vor Christus aufgegeben, und die Wasserkanäle, die ihrer Versorgung dienten, verfielen. Maschkan-schapir versank in der Wüste.

Einer Fülle historischer Zeugnisse ist zu entnehmen, wie wir sie uns zur Zeit ihrer kurzen Blüte vorzustellen haben. Als zweite Hauptstadt neben Larsa hatte sie politische Bedeutung und war Ort zahlreicher diplomatischer Aktivitäten. Außerdem war sie Tor zum Handelsweg tigrisaufwärts und Sitz eines Hauptheiligtums des Todesgottes Nergal, einer der mächtigsten Gottheiten des mesopotamischen Pantheons. Da Verwaltung, Religion und Handel wie in anderen großen mesopotamischen Städten die bestimmenden Elemente waren, läßt die Organisationsstruktur von Maschkan-schapir, um die es uns ging, auf die anderer urbaner Zentren schließen.


Schwierigkeiten

Die Möglichkeiten zur archäologischen Erfassung der Stätte erwiesen sich als begrenzt, zum einen durch die unsichere politische Situation in dieser Region, zum anderen durch das zeitaufwendige Beschaffen von Mitteln für ausgedehnte Feldstudien. Erste Erkundungen des Terrains unternahmen wir 1987 und 1989 in zwei dreiwöchigen Kampagnen. Von Januar bis Mai 1990 konnten wir dann – dank Unterstützung durch die amerikanische National Science Foundation, das National Endowment for the Humanities, die National Geographic Society und die American Schools of Oriental Research – die erste Phase des Projekts durchziehen: Es beinhaltete eine systematische Geländebegehung und eine sorgfältige Lufterkundung, um die wesentlichen Merkmale der Stätte zu erfassen und zu kartieren, ferner Ausgrabungen im bescheidenen Umfang, insbesondere um die Beziehung zwischen oberflächlichen Siedlungsspuren und Überresten im Boden zu bestimmen; außerdem zogen wir zum Verständnis der lokalen Geologie Satellitenbilder heran.

Kurz nach Rückkehr in die USA machte der zweite Golfkrieg mit der Invasion Kuwaits allen archäologischen Arbeiten ausländischer Wissenschaftler im Irak ein vorläufiges Ende. Wir hoffen, eines Tages Grabungen an Stellen der alten Stadt aufnehmen zu können, die unseren bislang gewonnenen Erkenntnissen nach den meisten Aufschluß über ihre innere Organisation versprechen.


Feldforschung mit Drachen und zu Fuß

Das Kartieren von Maschkan-schapir erwies sich als nicht leicht, zumal der Kulturschutt kaum einen Ruinenhügel im traditionellen Sinn bildet. Der Ort ist durch Wind so stark erodiert, daß die jüngsten Gebäude bis auf die Grundmauern abgetragen sind und schwere, massive Relikte exponiert an der Oberfläche liegen. Nur an wenigen Stellen erhebt sich die Fundschicht noch mehr als zwei Meter über die umgebende Ebene.

Darum sind größere architektonische Zusammenhänge vom Boden aus schwer auszumachen. So ist der Verlauf der Stadtmauer großenteils nur aus der Luft zu erkennen und stellenweise selbst das nicht einmal mehr. Entsprechend waren Luftaufnahmen für unsere Arbeit unerläßlich. Den oft heftigen Wind nutzend, ließen wir einen Drachen mit einer Kamera steigen. Weil seine Flughöhe mit der Windstärke schwankte, variierte der jeweils erfaßte Ausschnitt beträchtlich; das suchten wir durch viele sich überschneidende Aufnahmen nach bestem Vermögen auszugleichen.

Die rund 1600 Photos aus der Vogelperspektive wären allerdings von wenig Nutzen für die Kartierung gewesen, wenn uns nicht ein Software-Programm zur Verfügung gestanden hätte, das Stadtplanern und Geographen das Auswerten von Satellitenbildern und das Erstellen von Karten erleichtern soll. Wie üblich hatten wir die Ecken der 50 mal 50 Meter großen Planquadrate unserer Untersuchungsfläche mit liegenden Kreuzen gekennzeichnet, damit sich die Photos korrekt zueinander ausrichten und Verzerrungen ausgleichen ließen, wie sie bei Schieflage der schwankenden Kamera auftreten. Digitalisierte Versionen der Bilder wurden korrigiert, auf einheitlichen Maßstab gebracht und zu einem Mosaik zusammengesetzt, das immerhin detailliert genug ist, um die Lage jedes einzelnen Ziegels auf der Oberfläche zu bestimmen.

Bei der ergänzenden Geländebegehung schritt jeweils ein Mitglied unseres Teams Streifen um Streifen ein Planquadrat ab und markierte besondere Merkmale und Gegenstände mit Landvermesser-Fähnchen. Die zahllosen verstreu- ten Reste von Ziegeln, Keramikgefäßen, Brennöfen, Kupferschlacken, Fehlbränden und Bitumen (Erdpech) vermochten wir lediglich als Fundkonzentration und nicht mehr einzeln auf unserer Karte zu vermerken – es waren einfach zu viele. Den hochgerechneten Probezählungen nach liegen allein an der Oberfläche mindestens 30 Millionen Keramikscherben, die größer als ein Fingernagel sind.

Ebenso verzeichnet wurden Gräber, Plattformen aus gebrannten und luftgetrockneten Lehmziegeln sowie Böschungen von Kanälen und Spuren der Stadtumwallung (Bild 3). Mehr als 1200 besonders aufschlußreiche Gegenstände haben wir entdeckt: Werkzeuge, Waffen und Schmuck, Teile von Statuen, Statuetten, Tontafeln, kleine Modelle von Streitwagen sowie heile Gefäße. Ihre unterschiedliche Verteilung zeugt vom komplexen Aufbau dieser recht kurzlebigen Stadt.

Für einen größeren geographischen Überblick griffen wir auf eine Aufnahme von 1988 zurück, die ein französischer SPOT-Satellit zur Erdfernerkundung von dem Gebiet um Maschkan-schapir gemacht hatte (Bild 2 rechts). Auf ihr zeigt sich deutlich ein trockengefallenes Bett des Tigris in der Nähe der Stadt, was erklärt, warum sie mehr als 30 Kilometer vom heutigen entfernt errichtet worden war. Zudem sind die Trassen einiger künstlicher Wasserwege zu erkennen, die vom alten Flußlauf aus das Stadtgebiet durchzogen.


Eine Stadt der Kanäle

Aufgrund dieser Befunde läßt sich etliches über das Leben in Maschkan-schapir sagen. Wie alle mesopotamischen Städte ihrer Zeit war sie von einer Mauer aus ungebrannten Lehmziegeln mit mehreren Toren umgeben. Insgesamt drei haben wir lokalisiert: Zwei für Straßenverkehr lagen in der Nähe von Hauptkanälen; vermutlich begleiteten damals wie heute Straßen die für den Personen- und Gütertransport wichtigen Wasserwege. Die Seitenpfeiler des dritten Tores lagen beidseits eines Kanals. Vielleicht diente es dazu, den Durchfluß oder den Bootsverkehr zu regeln.

Überraschenderweise schloß sich die Stadtmauer nicht überall eng dem Bereich dichter Bebauung an. Insbesondere gab es ein fast leeres Areal im Südosten mit lediglich sechs einzeln stehenden Gebäuden, die anscheinend Speicher gewesen waren. Vielen mesopotamischen Texten ist zu entnehmen, daß der Warenaustausch in der Nähe der Stadttore stattfand, und deshalb könnte diese Freifläche hinter einem der Straßentore als eine Art Marktplatz gedient haben.

Eine weitere offensichtlich nicht überbaute Fläche, in der Nähe eines Kanals gelegen, war möglicherweise ein Gartengelände. Daß es so etwas innerhalb der Umfriedung mesopotamischer Städte gab, bezeugt ein Plan von Nippur, der einige Jahrhunderte später in eine Tontafel geritzt worden war: Er zeigt in einer Ecke dieses einstigen religiösen Zentrums eine große Pflanzung.

Maschkan-schapir unterteilte sich in fünf durch Kanäle getrennte Stadtviertel (Bild 3). Die beiden größten Bezirke, jene gegen Norden und Osten, waren selbst wieder durch schmalere Kanäle untergliedert. Breite Binnenhäfen an zwei Verbindungsstellen der Wasserwe-ge müssen Zentren des Handels gewe-sen sein.

Eine dichte Randbebauung machte die Kanäle zu integralen Strukturen des Stadtgefüges. Maschkan-schapir ist nicht die einzige derart angelegte mesopotamische Stadt, wenn auch bei anderen die Ausdehnung der Kanäle unter mächtigen Schuttablagerungen nicht mehr deutlich zu erkennen ist. Straßen, anderswo ebenfalls unter Schutt verborgen, sind in Maschkan-schapir gerade knapp sichtbar. Einige folgen, wie gesagt, dem Verlauf der Kanäle, andere queren die Stadtteile. Am Schnittpunkt einer solchen Straße mit einem Kanal fanden wir Brückenfundamente aus gebrannten Ziegeln (vielleicht handelt es sich aber auch um die Reste zweier Kais). Von den Hauptstraßen muß – nach Ausgrabungen in anderen mesopotamischen Städten zu schließen – ein Netz von Gassen zu den einzelnen Häusern abgezweigt haben.

Die Luftaufnahmen brachten zwei weitere Abgrenzungen zutage: Eine Mauer verlief quer durch die Südhälfte des Zentralbezirks, eine andere längs durch die des westlichen Areals. Beide erinnern an die innere Mauer von Ur, die den heiligen Bezirk um die Haupttempel der Stadt begrenzte.

Wo nun in diesem Gefüge aus Straßen, Kanälen und Mauern waren die politischen, religiösen, wirtschaftlichen und sozialen Aktivitäten von Maschkan-schapir anzusiedeln? Aus den Ruinen können wir es ablesen.

Der dem Todesgott Nergal geweihte Haupttempel muß der Blickfang gewesen sein. Erbaut auf einer Plattform oder einem Stufenturm (einer Zikkurat), war er vermutlich meilenweit zu sehen und stellte – ähnlich einer mittelalterlichen Kathedrale – ein Symbol der Macht dar. Die Überreste solcher Plattformen aus gebrannten und luftgetrockneten Lehmziegeln, auf denen offenbar die wichtigsten Heiligtümer errichtet waren, befinden sich in dem südlichen Stadtteil. Den religiösen Charakter dieser Terrassen bezeugen die 70 gefundenen Fragmente lebensgroßer Terrakottastatuen von Menschen, Löwen, Hunden und Pferden. Während Löwenfiguren oft selbst die Eingänge kleinerer mesopotamischer Tempelanlagen dieser Zeit schmückten, wurden Plastiken komplexerer Menschen- und Tiergestalten bislang nur in größeren Städten wie Isin geborgen.

Ein Areal mit ebenfalls religiöser Ausrichtung schloß sich im mittleren Bezirk jenseits des Kanals an. Es enthält die bislang einzige Plattform außerhalb des Südviertels und außerdem Spuren zahlreicher Bestattungsstellen nebst einer Anhäufung von Grabbeigaben wie Schmuck und Waffen. Die den Zentralbezirk querende Innenmauer trennt es vom Rest der Ansiedlung ab. Da die meisten Gräber in anderen mesopotamischen Städten inmitten von Wohngebieten liegen (wie auch in Maschkan-schapir viele), dürfte es sich hier um einen eigenen Friedhof mit wahrscheinlich angegliedertem Tempel für eine besondere Bevölkerungsgruppe gehandelt haben – vielleicht jene, die dem religiösen oder administrativen Zentrum verbunden war.

Ebenfalls außergewöhnlich ist das erwähnte abgeteilte Areal im Westbezirk mit sehr geregelt erstellten Bauten, denn die Privathäuser, nach Gutdünken der Bewohner ausgeführt, sind eher willkürlich errichtet worden. Unserer Ansicht nach befand sich hier ein Verwaltungszentrum. Bei der Anlage handelt es sich zwar eindeutig nicht um einen Palastkomplex wie etwa den aus der gleichen Zeit in Mari (dessen um Höfe angeordnete ausgedehnte Trakte wurden unter Hammurabi geplündert), doch könnte sie auch einige administrative Funktionen erfüllt haben. Wie anderswo die Paläste, lag sie an der Peripherie der Stadt. Zudem haben wir in ihren Überresten 1990 zahlreiche aufschlußreiche Siegel ausgegraben. Mit diesen Batzen aus feuchtem, an der Luft erhärtendem Ton, die den Abdruck eines aus Stein geschnittenen Stempels oder Rollsiegels tragen, verplombte man Schnüre, die Türen versperrten, oder das Material, mit dem man Vorratsgefäße verschloß. In einem Haushalt würde man solche Sicherungsmaßnahmen nicht brauchen.

Zu unserer Überraschung barg dieses mauergesäumte Areal auch eine Anhäufung von Miniaturstreitwagen mit Darstellungen der Hauptgottheiten der Stadt: außer denen von Nergal solche von Schamasch, dem Sonnengott. Die Funktion dieser kleinen zweirädrigen Gefährte ist schwer zu erschließen; ihr vorherrschendes Vorkommen in einem offiziellen Bereich schließt aber aus, daß es sich um Spielzeug handelte. Eine mögliche Deutung ist, daß sie für die Anwesenheit der Götter bei formalrechtlichen Akten wie etwa Eidesleistungen standen.


Ein Gemeinwesen ohne Machtkonzentration

Unsere Untersuchungen haben in Maschkan-schapir kein weiteres Areal aufgedeckt, das durch eine besondere Architektur hervorstäche. An allen anderen Stellen lassen sich die Fundgegenstände und Befunde dem häuslichen Bereich zuordnen: Statuetten, kleine Werkzeuge und Waffen, alltäglicher Schmuck (wie Muschelringe) und die Überreste von Häusern und Bestattungen.

Die Hauptstraßen und Kanäle unterteilten zwar das große Stadtgebiet, doch lebten wahrscheinlich in den einzelnen Bezirken jeweils Einwohner aller Schichten nebeneinander. Die recht gleichmäßige Verteilung von Metallobjekten und Steinschalen, die aus importiertem Material arbeitsaufwendig hergestellt wurden, oder von Rollsiegeln als Kennzeichen eines Amtes und von hohem Wert an sich (Bild 4 a) spricht dagegen, daß es Wohnbezirke gegeben habe, die der Oberschicht vorbehalten waren.

Ähnliches gilt für die Werkstätten. Zwar befanden sich offensichtlich aus praktischen Erwägungen Öfen zum Schmelzen von Kupfer und zum Brennen von Töpferwaren vornehmlich im Südosten, so daß der vorherrschende Wind meist den Rauch aus der Stadt wehte. Doch scheinen Handwerker allgemein ihrer Arbeit in Gebäuden inmitten von Wohnhäusern nachgegangen zu sein, so daß wir keinen Bereich der Stadt als ausgesprochenes Gewerbeviertel bezeichnen können. Die Kupferschmieden, gut an Anhäufungen von Schlacke zu erkennen, lagen beispielsweise entlang der Hauptstraße im mittleren Stadtbezirk, während die meisten dekorativ bearbeiteten Steine und die verwendeten Schleifsteine im Südosten zu lokalisieren sind. Keramik wiederum wurde, wie an den Resten von Töpferöfen und Fehlbränden zu erkennen ist, hauptsächlich im Nord- und im Ostbezirk hergestellt; die Fertigungsstätten drängten sich um die kleineren Stichkanäle, die dorthin abzweigten. In der Anordnung der Handwerksbetriebe im Stadtgebiet zeigt sich somit das gleiche überwiegend dezentralisierte Bild wie bei der räumlichen Verteilung der Bauten und Fundgegenstände.

Somit stützen unsere Erkenntnisse über Maschkan-schapir nicht das Mo-dell hochzentralisierter mesopotamischer Städte mit einer entsprechenden Gesellschaftsordnung. Zwar konzentrierten sich religiöse und administrative Bauwerke jeweils auf ein Gebiet, sie waren aber im Süd- und im Westbezirk angesiedelt und somit voneinander und von den übrigen durch Hauptkanäle getrennt. Überdies lagen diese potentiellen Zentren der Macht auch abseits der Plätze, an denen – wie an den Häfen und den bekannten Stadttoren – Handel getrieben wurde; und die Produktion von Gütern scheint in den Händen von Handwerkern gelegen zu haben, die innerhalb größerer Wohngegenden gleichberechtigt neben Mitgliedern der Oberschicht wie auch des einfachen Volkes lebten.

Die gesamte funktionelle Organisation von Maschkan-schapir legt nahe, daß die mesopotamischen Schriftquellen uns über die breite Einbeziehung der Stadtbewohner in die Gestaltung ihrer innerörtlichen Machtverhältnisse nicht getäuscht haben. Diese Schlußfolgerung gestattet wiederum plausible Vermutungen über ältere Gesellschaftsstrukturen: Wenn Bürger während der altbabylonischen Epoche, der Blütezeit Maschkan-schapirs, in einem System ohne extreme lokale Machtzentrierung gelebt haben, ist es höchst unwahrscheinlich, daß zuvor die Autorität über das Gemeinwesen stärker in den Händen einer kleinen Oberschicht gelegen haben soll. Deshalb wirken die Beweggründe, die Ursprünge der Zivilisation im ständigen Streben nach Eroberung und Herrschaft zu suchen, alles andere als überzeugend.

Literaturhinweise


– Frühe Siedlungen in der Alten und der Neuen Welt. Von Helmut Müller-Karpe. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz, 36. Jahrgang, Band 1, 1989, Seiten 1 bis 64.

– Cultural Atlas of Mesopotamia and the Ancient Near East. Von Michael Roaf. Facts on File, 1990.

– The Tell Abu Duwari Projekt, Iraq, 1987. Von Elizabeth C. Stone in: Journal of Field Archaeology, Band 17, Heft 2, Seiten 141 bis 162, Sommer 1990.

– Early Mesopotamia: Society and Economy at the Dawn of History. Von J. Nicholas Postgate, Routledge, 1992.

– The Tell Abu Duwari Project, 1988-1990. Von Elizabeth C. Stone und Paul Zimansky in: Journal of Field Archaeology, Band 21, Heft 4, Seiten 437 bis 455, Winter 1994.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1995, Seite 80
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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