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Editorial: Die Kartierung der Persönlichkeit

Dr. Carsten KönnekerLaden...

Schuhe, immer wieder Schuhe. Seit das Geschäft vor Ort meine Lieblingsmarke aus dem Programm nahm, laufen mir noch in den entlegensten Winkeln des Internets schwarze Herrenschuhe über den Weg. Manchmal auch braune. Und bisweilen Damenmodelle – dann schießen die Algorithmen für die Werbung über ihr Ziel hinaus. Vor zwei Jahren hatte ich den Namen des Labels in die Suchmaschine eingegeben. Seither eilt mir beim Surfen der Ruf voraus, lederne Fußbekleidung erstehen zu wollen – zugegeben eine recht simple Facette des gläsernen Nutzers.

Was aber, wenn die individuellen Charakterzüge eines Menschen, politische Überzeugungen oder seine sexuelle Orientierung digital detektierbar werden? Willkommen in der Gegenwart! Denn bis an gewisse Grenzen, die sich ­freilich permanent ausweiten, ist all das schon möglich. Manche Programme kartieren Ihre Persönlichkeit bereits erstaunlich gut – ohne dass Sie dies mitbekommen. Als Daten dienen den Algorithmen zum Beispiel Ihre Likes in sozialen Netzwerken, Ihr Gesichtsausdruck auf Fotos, die Sie per Messenger-Dienst an Freunde verschicken, oder die Tonlage Ihrer Stimme, wenn Sie mit Sprachassistenten konferieren. In einer annähernd durch­digitalisierten Welt werden sich die Informationen, die Sie über sich und andere über Sie preisgeben, zu Bergen auftürmen. Unsichtbare Datenschürfer lesen daraus mehr über Ihr Wesen, Ihre Neigungen oder Ihre momentane Gefühlslage heraus, als Ihr Partner über Sie, ja als Sie selbst über sich wissen. Dieser schaurigen Aussicht steht aber auch ein Nutzen der Digitalisierung des Ich gegenüber, wie Frank Luerweg ab S. 12 schreibt: Denn möglicherweise lässt sich zum Beispiel schweren persönlichen Krisen bis hin zum Suizidversuch künftig effizienter begegnen, wenn automatische Warnungen bei Angehörigen oder Therapeuten eingehen, nachdem wir bewusst oder ­unbewusst entsprechende Signale ausgesendet haben. Herrenschuhe zu suchen, gehört dann vermutlich nicht dazu.

Nachdenklich grüßt Ihr

Carsten Könneker

11/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 11/2018

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