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Die launische Sonne widerlegt Klimatheorien.

Aus dem Englischen von Helmut Böttiger. Dr. Böttiger, Wiesbaden 1997. 208 Seiten, DM 68,–.

Nigel Calder, englischer Wissenschaftsautor und Verfasser zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher, stellt in seinem neuesten Werk die Theorie des anthropogenen Treibhauseffekts in Frage, indem er die Sonne als alleinige Verursacherin der Klimaschwankungen ins Zentrum rückt. Dabei bezieht er sich vor allem auf die Arbeit von Eigil Friis-Christensen, Henrik Svensmark und Knud Lassen, drei Wissenschaftlern des Dänischen Meteorologischen Instituts in Kopenhagen.

Die Sonne beeinflußt das Klima der Erde – dies ist unbestritten. Während sie kurz nach ihrer Geburt vor etwa 4,5 Milliarden Jahren deutlich weniger leuchtkräftig war als heute, wird sie in weiteren 4 bis 5 Milliarden Jahren um Größenordnungen heller sein und alles Leben auf der Erde verbrennen. Über Zeiträume von einigen zehntausend Jahren sind klimatische Veränderungen auf der Erde auf Variationen der Erdbahn zurückzuführen (Spektrum der Wissenschaft, September 1993, Seite 48). Die Ursachen kurzfristigerer Klimaveränderungen – über Zeiträume von einigen Jahren oder Jahrzehnten – sind umstritten. Seit der Entdeckung der Sonnenflecken zu Beginn des 17. Jahrhunderts hat man immer wieder versucht, Variationen des solaren Aktivitätszyklus zur Erklärung heranzuziehen – meistens vergeblich: Ein Zusammenhang ließ sich statistisch nicht nachweisen.

Friis-Christensen und Lassen machten nun 1990 eine verblüffende Entdeckung. Man wußte schon seit langem, daß die Aktivitätszyklen der Sonne nicht genau elf Jahre betragen. Einige sind kürzer, andere deutlich länger. Kürzere Zyklen sind zugleich auch stärker, gemessen an der Anzahl Sonnenflecken. Friis-Christensen und Lassen bestimmten die Länge der Aktivitätszyklen über die letzten 150 Jahre. Zu ihrer Überaschung stimmte die Kurve erstaunlich gut mit dem globalen Temperaturverlauf auf der Erde überein. Aber das konnte noch Zufall sein; die dänischen Wissenschaftler suchten also nach einem ursächlichen Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen.

Seit Beginn entsprechender Satellitenmessungen vor etwa 20 Jahren weiß man, daß die Helligkeit der Sonne in Phase mit dem Aktivitätszyklus schwankt, allerdings nur um etwa 0,1 bis 0,2 Prozent – zu wenig, um sich in den unteren Atmosphärenschichten der Erde bemerkbar zu machen. Friis-Christensen und seine Kollegen schlagen statt dessen einen indirekten Weg vor. Sie hatten entdeckt, daß der Bewölkungsgrad der Erde mit der Intensität der kosmischen Strahlung korreliert ist: je intensiver die Strahlung, desto dichter die Bewölkung. Der Effekt ist mit zunehmendem Breitengrad ausgeprägter – plausibel, denn die vor allem aus Protonen bestehende kosmische Strahlung wird durch das Erdmagnetfeld zu den Polen hin abgelenkt.

Ein Einfluß der Sonne auf das irdische Klima wäre dann so zu erklären: Die Sonne moduliert die Intensität der auf die Erde einfallenden kosmischen Strahlung durch das interplanetare Magnetfeld, das in Phase mit dem Aktivitätszyklus stärker und schwächer wird. Im Aktivitätsmaximum hindert es die kosmische Strahlung daran, die Erdatmosphäre zu treffen, es bilden sich weniger Wolken, und die Atmosphäre heizt sich auf.

Das klingt sehr einfach und einleuchtend. Dennoch ist es erst eine Skizze eines möglichen, sehr komplexen Zusammenspiels. Wie im einzelnen die kosmische Strahlung Gasmoleküle in der Atmosphäre ionisiert und wie diese dann als Keime für die Wolkenbildung dienen, muß erst noch durch Experimente und detaillierte Modelle geklärt werden. Der Einfluß der Wolken auf das Klima ist ebenfalls erst sehr unvollständig verstanden. Eine dichtere Bewölkung verursacht nämlich nicht einfach eine Abkühlung. Das gilt allenfalls für tiefe Wolken, während hohe zu einer Erwärmung führen.

Das Klima der Erde ist das Resultat eines äußerst delikaten Gleichgewichts unterschiedlichster Kräfte, das bereits durch kleine Einwirkungen aus der Balance gebracht werden kann. Es ist deshalb vermessen, aufgrund des heutigen, noch sehr unvollständigen Kenntnisstands die Sonne allein für

die beobachteten Klimaveränderungen verantwortlich zu machen.

Nigel Calders Buch hat ein wissenschaftliches und ein politisches Gesicht. Ersteres gibt einen lesenswerten und spannenden Einblick in die Forschungsresultate der dänischen Meteorologen. Das politische Gesicht dagegen ist reißerisch und läßt die notwendige wissenschaftliche Objektivität vermissen. Es vermischt auf provokante Art und Weise wissenschaftlich gewonnene Erkenntnisse und politisch motiviertes Handeln, macht aus Wissenschaftlern Propagandisten und stilisiert den wissenschaftlichen Diskurs zum Kampf von David gegen Goliath. Dem heute dringend gebotenen sachlichen Dialog zwischen Wissenschaft und Politik ist damit nicht gedient.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999, Seite 116
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999

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