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Die leuchtende Tierwelt der oberen Tiefseezone

Sonnenlicht dirngt allenfalls bis in wenige hundert Meter Meerestiefe vor. Eine seltsam anmutende Fauna, die ihre Primärenergie aus höheren Schichten bezieht, nutzt aber die letzte schwache Dämmerung und vielerlei selbsterzeugende Leuchteffekte, um sich in diesem kaum bekannten Lebensraum zu behaupten.

Die Vielfalt der Organismen ist im Meer weitaus reicher als auf dem Lande, schon deswegen, weil das Leben sich lange nur im Wasser entwickelt hat. Zudem sind rund 70 Prozent der Erdoberfläche von Ozeanen bedeckt; durch seine Tiefen ist der marine Lebensraum 200mal so groß wie der terrestrische. Pflanzen können zwar nur bis ungefähr 200 Meter unter der Oberfläche wachsen, weil darunter das Restlicht dazu nicht mehr ausreicht; doch ihre absinkenden Produkte und abgestorbenen Teile erhalten über Nahrungsnetze auch in den dunklen Gründen eine erstaunlich vielgestaltige Tierwelt.

Von den meisten dieser Organismen weiß man bislang – wenn überhaupt – fast nur, daß sie äußerst exotisch wirken. Ihr Habitat ist das dem Menschen am schwersten zugängliche und deshalb am wenigsten erforschte der Erde. Erst modernste Tauchtechniken ermöglichten, Natur und Verhalten dieser Lebewesen eingehender zu erkunden und einiges über ihre besonderen Anpassungen an die für uns fremde und feindliche Umgebung zu erfahren.

Seit einigen Jahren ergründen meine Kollegen und ich vom Forschungsinstitut des Aquariums der Monterey Bay in Pacific Grove (Kalifornien) die sogenannte Freiwasserzone vor der amerikanischen Pazifikküste. Dabei haben sich die Lebenserscheinungen dort als sehr anders erwiesen, als wir sie uns selbst bei einigem Vorwissen vorgestellt hatten.


Vorstoß ins Mittelwasser

Unser Forschungsgebiet liegt zwischen 100 und einigen tausend Metern unter dem Meeresspiegel. Man kann es den oberen Bereich der Tiefsee nennen; manchmal spricht man auch von Mittelwasser, der mittleren Freiwasserzone oder wissenschaftlich dem Mesopelagial. Ich verbrachte viele aufregende Stunden in der Deep Rover, einer speziell für Forschungszwecke ausgelegten Ein-Mann-Druckkapsel, die dem Wissenschaftler Rundumsicht erlaubt. Nicht ganz so abenteuerlich, aber ebenso aufschlußreich ist die Arbeit mit der Ventana, einem ferngesteuerten Unterwasserfahrzeug von den Dimensionen eines Kleinwagens, das mit Kameras, Meßinstrumenten, diversen Sensoren und Sammelvorrichtungen bestückt ist und zur Vorverarbeitung von Daten einen Computer an Bord hat (Kasten auf den Seiten 86 und 87).

Verglichen mit der heutigen Technologie war die Ausrüstung für frühere wissenschaftliche Vorstöße in diesen Lebensraum recht plump. Der Meeresbiologe Eric G. Barham von der Stanford-Universität (Kalifornien) etwa, der in den fünfziger Jahren dieselbe Tiefenregion wie wir vor der Küste bei Monterey erforschte, mußte sich mit dem begnügen, was im Echolot erkennbar war oder Schleppnetze einfingen. Seine Arbeit war bahnbrechend, aber das Artenspektrum, das er beschrieb, noch bescheiden: Garnelen, Laternenfische, Tintenfische und Pfeilwürmer. Auch konnte er nur relativ grob und lediglich bis in 300 Meter Tiefe erfassen, wie diese Organismen sich auf bestimmte Wasserschichten verteilen und des Nachts weiter nach oben wandern.

Vor allem entgingen ihm die vielen zarten Gebilde, die nicht einmal eine Berührung durch Netze überstehen und schon gar nicht den Verlust des sie tragenden Elements.

Seit wir sie direkt oder mit Hilfe von Kameras sehen können, meinen wir sogar, daß gerade die vielen Tiere, die aus beinahe nichts anderem als Wasser bestehen, diese Tiefenzonen überhaupt zu einem Lebensraum machen, weil sie ihn prägen und strukturieren.

Die größeren dieser Wesen stellen nämlich alle möglichen gallertigen und schleimigen Organismen, unter ihnen hauptsächlich Quallen im weiten Sinne, also Nesseltiere. Viele haben extrem lange Körperanhänge, die Nahrung einfangen. Zudem pflegen sie bei Gefahr, nach Gebrauch oder unter sonstigen Umständen Teile von sich abzuwerfen, auch Nesselarme, die dann frei treiben.

Im Meer vor der Bucht von Monterey beeindrucken besonders die riesigen, langgestreckten Staatsquallen (Siphonophoren). Das sind bizarre Gebilde, die bis zu 40 Meter Länge haben können (Bild 4). Sie gehören somit zu den größten Lebewesen der Erde. Es ist schwierig zu entscheiden, ob man sie als Kolonien aus Tausenden von Individuen oder als Superorganismen ansehen sollte – die Riesenstöcke entstehen durch Knospung aus einem Mutterpolypen, und die einzelnen Personen, wie Zoologen seit Ernst Haeckel (1834 bis 1919) die einzelnen Polypen darin nennen, bleiben in engem Austausch, sind aber auf verschiedene Funktionen spezialisiert. Ich selbst bezeichne diese absonderlichen Wesen gern als lebende Treibnetze (Bild 3 und Kasten auf der nächsten Doppelseite).

Recht häufig sind in diesem Lebensraum des weiteren die ballonförmigen, glasig-durchsichtigen großen Filtergehäuse, durch die bestimmte primitive Chordatiere – die Appendicularien oder Copelaten – ihre Nahrung strudeln. Besonders beeindruckend sind jene der großen Form Bathochordaeus; die von diesem Tier gebildeten gallertigen Schleimfilme wirken wie versunkene treibende Inseln.

Mit den vielen regulär abgestoßenen oder bei einer Attacke verlorenen Körperteilen, den Exkreten, Schleimgebilden und sonstigen tierischen Erzeugnissen erscheint das Wasser manchmal regelrecht wie eine dicke Brühe. Am besten stellt man sich dort unten einen dämmrigen, unabsehbaren Raum vor, der in allen Richtungen von scheinbar schwerelosen filigranen Fetzen wie von Spinnweben durchzogen ist. Ich möchte gern einen Eindruck von dem vermitteln, was meine Kollegen und ich gesehen oder über Kameras beobachtet haben. So paradox es klingt – am erstaunlichsten ist die Bedeutung des Lichts in dieser vermeintlich totalen Finsternis, und zwar das der Sonne ebenso wie das von ihren Bewohnern erzeugte.


Leuchtende Silhouetten

Jahrzehntelang galt, daß für Organismen im Ozean selbst vom hellen Tageslicht allenfalls bis in ungefähr 300 oder 400 Meter Tiefe noch ein Rest wahrnehmbar sei, ungeachtet dessen, daß manche Fische und Tintenfische, die noch tiefer leben, große, hochentwickelte Augen haben. Tatsächlich ist für die Tiere des Mesopelagials noch die äußerst geringe Strahlung wichtig, die durch den mächtigen Filter über ihnen dringt.

Diese Erkenntnis hat mir erst der eigene Augenschein vermittelt. Oft, wenn ich mehr als 500 Meter tief allein im Deep Rover hockte, habe ich sämtliche Lampen und Scheinwerfer ausgeschaltet und dann in die zunächst schwarze Wassersphäre um mich her gestarrt. Wenn meine Augen sich daran gewöhnt hatten, nahm ich immerhin wahr, daß es mir nach oben hin etwas weniger finster vorkam, als wenn ich abwärts blickte. Mittlerweile fanden andere Meeresbiologen und ich Indizien dafür, daß viele Tiere diesen feinen Unterschied zu nutzen vermögen. Außerdem können die meisten zu bestimmten Zwecken noch selber leuchten.

Biolumineszenz ist bei landbewohnenden Tieren ziemlich selten, bei denen der oberen 1000 Meter des Meeres hingegen beinahe die Regel. Überdies glimmen viele der Schwebteilchen und Überreste von Lebewesen auf, wenn sie angestoßen oder verwirbelt werden. Solche Phänomene können in der Finsternis plötzlich einen unwirklichen Schimmer erzeugen.

Es gibt Tausende von Weisen, wie die Organismen der mittleren Freiwasserzone sich des Eigenleuchtens bedienen. Einige überziehen jeden Angreifer mit einer klebrigen, funkelnden Masse, wodurch er für seine eigenen, mit hochempfindlichen Lichtsinnesorganen ausgestatteten Freßfeinde sichtbar wird. Andere tarnen sich wiederum mit Licht: Manche Fische und Tintenfische, die sich sonst, von unten gesehen, gegen das von oben matt erhellte Wasser dunkel abzeichnen würden, neutralisieren ihren Schattenriß mittels schwach glimmender Leuchtorgane an der Unterseite.

Vorzüglich gelingt dies den Tintenfischen Chiroteuthis und Galiteuthis, deren Körper durchsichtig sind mit Ausnahme der beiden Augen und des Tintenbeutels. Wie immer solch ein Tier sich nun drehen mag, ob mit dem Kopf nach oben oder nach unten, mit vorgestreckten oder nachgezogenen Armen – stets läßt es an der jeweils abwärtigen Seite dieser Strukturen Leuchtorgane erglimmen. Ich fand es ein wenig unheimlich, in ein Auge zu sehen, das scheinbar unbewegt bleibt und nicht einmal blinzelt, während die übrigen Körperteile dieses Wesens sich nach sämtlichen Richtungen winden und recken.

Daß eine aufgelöste Silhouette nützlich ist, um Feinden nicht aufzufallen und unbemerkt an Beute heranzukommen, läßt sich unmittelbar einsehen. Doch es gibt andere Leuchterscheinungen, die man erst jetzt verstehen lernt.

Schon früher waren Ringelwürmer aus der Familie der Tomopteriden gefangen worden, die an den Enden ihrer vielen Beinchen Leuchtorgane tragen; diese Tiere mit einem sich nach hinten verjüngenden Körper können gut schwimmen und sind recht agil. Aber letztes Jahr entdeckten James C. Hunt von der Universität von Kalifornien in Los Angeles, der auch in meiner Institution arbeitet, und ich bei einer neuen Art ein bisher unbekanntes Verhalten: Wo typischerweise die Leuchtorgane sitzen, trägt das Tier pigmentierte Poren. Wird es irritiert oder erschreckt, speit es daraus eine lumineszierende Flüssigkeit aus. Ein Fingerhut voll des Sekrets enthält Hunderte hellgelb schimmernder winziger Stäbchen. Sie bilden eine den Ringelwurm umhüllende glimmende Wolke oder, falls er flieht, eine leuchtende Spur.

Andere Tiere haben die Strategie, mit einem emittierten Leuchtstoff Angreifer in die Irre zu führen. Doch ob dies bei dieser Art zutrifft, weiß man noch nicht. So ist rätselhaft, warum die winzigen Lichtquellen stäbchenförmig sind, und erst recht, weshalb sie ausgerechnet gelb strahlen, wo doch die meisten Bewohner dieser Tiefenzone nur blaugrünes Licht wahrnehmen können.

Lichtkaskaden

Ebenso mysteriös ist, daß ein Großteil der Schwebpartikel und die meisten der größeren, gallertigen Tiere bei Berührung aufleuchten. Gewöhnlich herrscht Dunkelheit, in der diese Organismen sich ruhig verhalten, wie auch ihre Überreste nicht sichtbar sind. Doch wenn man sie mit dem Tauchboot anstößt und Wirbel erzeugt, beginnt es um einen herum plötzlich überall aufzublitzen.

Regelrechte Kettenreaktionen solcher Leuchterscheinungen können Organismen auch selbst auslösen, einfach indem sie sich rühren. Es ist ein tief beeindruckendes Erlebnis, wenn in der Düsternis plötzlich irgendwo in der Nähe ein Geschöpf zu flimmern beginnt, wohl weil es eine Störung spürte, und dann – wie von einer sich allseits ausbreitenden Erregungswelle erfaßt – mehr und mehr zuvor inaktiv schwebende Tiere sich bewegen, aufscheinen und weitere Lichtblitze stimulieren. Trifft das sich fortpflanzende Blinken auf eine dichte Schicht von Schwebteilchen, hat man fast den Eindruck eines Wetterleuchtens in einer schwülen Sommernacht.

Den Sinn dieses Geschehens und soviel energetischen Aufwands von niederen Organismen kann man noch nicht deuten. Allerdings haben verschiedene höher entwickelte Tiere sich offenbar gut darauf eingestellt.

Seehechte beispielsweise wie auch einige Tintenfische, die als flinke Räuber großräumig auf Fang ziehen, treiben sich oft bei der Ventana herum. Offensichtlich lockt sie das Scheinwerferlicht – vielleicht zeigt Helligkeit ihnen normalerweise Beute an. Es könnte sein, daß sie gleichermaßen reagieren, wenn lichtscheue Arten des Nachts näher zur Wasseroberfläche steigen und dabei Schichten mit Quallen und Partikeln, die bei Kontakt lumineszieren, zum Funkeln bringen.


Hinterhalt im Schattenreich

Insgesamt allerdings dürfte diese beim geringsten Anlaß aufleuchtende Umwelt die Bewegungsaktivität ihrer Bewohner eher drosseln. Wahrscheinlich ist die vorherrschende Strategie, möglichst Aufmerksamkeit zu vermeiden. Viele der an sich durchaus mobilen Lebewesen wirken meist befremdlich in sich versunken, wenn sie lange reglos verharren.

Das gilt sogar für einige der räuberischen, jagenden Arten. Die schlanken, schnellen Barrakudinas beispielsweise, die zu den Laternenfischen gehören, aussehen wie aus Quecksilber gemacht und auch selbst Leuchtkörper haben, stehen während der Tagesstunden sehr oft senkrecht mit der Schnauze nach oben, als würden sie mit ihren besonders großen Augen nach den Silhouetten von über sich vorüberziehenden Beutetieren Ausschau halten (Kasten auf der nächsten Doppelseite unten Mitte).

Andere Schattenjäger sind die silbrigen, wie von innen erleuchteten Beilbauch- oder Beilfische der Gattung Argyropelecus, deren namensgebendes Körpermerkmal wie ein Kiel eine stabile horizontale Position erlaubt. So vermögen sie mit ihren obenliegenden Teleskopaugen stets senkrecht über sich zu blicken (Bild 2 rechts Mitte). Sie leben in 300 bis 600 Meter Tiefe, wo offenbar die Lichtverhältnisse diese Art der Jagd noch zulassen. Der nahe Verwandte Sternoptyx nämlich, der noch tiefere Zonen bewohnt, hat kleinere, normal gebaute Augen, die seitlich liegen (Bild 2 rechts).

Für meine These, daß es in der mittleren Freiwasserzone noch hell genug ist, um Beute auszumachen, sprechen auch zwei Schutzstrategien. Zum einen sind sehr viele Tiere transparent, mithin in dem schwachen monochromatischen Licht vermutlich selbst für hochempfindliche Augen praktisch unsichtbar. Zum anderen haben viele Bewohner dieser Tiefenzone rote Pigmente, die blau-grünes Licht ohne jede Reflexion absorbieren, als eine Art Tarnkappe.

Daß solche Eigenschaften erfolgreiche Adaptationen sind, überrascht nicht. Man könnte die optische Szenerie dieser Tiefseezonen mit Bildern von restlichtverstärkenden Kameras vergleichen: Das Farbspektrum ist schmal, die Aufnahmeempfindlichkeit hoch, die Auflösung aber schlecht; zudem geht, weil alles Licht aus derselben Richtung kommt, die Perspektive verloren – alles wirkt schemenhaft flach. Das bloße menschliche Auge erkennt nach einiger Gewöhnung dort unten eigentlich nur grobe Umrisse: streifenförmige Silhouetten von Fischen und Tintenfischen, rundliche oder auch unregelmäßige Flecken hauptsächlich von Nesseltieren, Rippenquallen und den schleimigen Fangapparaturen primitiver Chordaten, lineare Gebilde von absinkendem Schleim oder den teils extrem langen Fangfäden der Staatsquallen sowie kleine Tupfen etwa von Planktontieren oder von organischen Überbleibseln, dem sogenannten Meerschnee.

Etliche der Organismen verändern allerdings bei Störung und Bedrohung ihre Gestalt, meistens, indem sie sich krümmen oder zusammenziehen. Die schlanken Aalmütter etwa biegen sich zu einem Kringel und schweben dann reglos im Wasser (Bild 2 unten Mitte und Kasten auf dieser Seite). Meines Erachtens ist dies eine Art Mimikry; denn ich habe beobachtet, wie ein Seehecht, der davonstiebenden Fischen nachjagte, die aufgerollten Fische dicht daneben in Ruhe ließ. Vermutlich erscheinen sie den Räubern dann wie Medusen, die mit ihrem Wassergehalt von 98 Prozent fast keinen Nährwert haben und außerdem bei Berührung ihr Nesselgift absondern.

Nicht alle Fachkollegen akzeptieren diese Deutung. Bezeichnend ist jedoch, daß dieses Verhalten in noch größerer Tiefe kaum vorzukommen scheint, wo vermutlich selbst für hochempfindliche Augen Schemen nicht mehr wahrnehmbar sind. Ich glaube, auch mich haben abgewandelte Silhouetten manches Mal getäuscht.

Helligkeitsreize bei Blinden

Die meisten gallertigen Tiere der Tiefsee, wie die Quallen, haben keine Augen; einen bildlichen Eindruck ihrer Umgebung können sie also nicht gewinnen. Manche von ihnen reagieren dennoch, selbst in einiger Entfernung, deutlich auf die Scheinwerfer unserer Tauchboote – sie scheinen den Lichtstrahl nicht zu mögen.

Wir vermuten und suchen zur Zeit nach Hinweisen darauf, daß diese Organismen mit ihrer Lichtempfindlichkeit im Tagesverlauf feststellen, ob sie in höhere oder tiefere Wasserschichten ziehen sollten. Man kennt solche regelmäßigen Auf- und Abstiege unter anderem vom Krill, einer massenhaft auftretenden Spezies garnelenartiger Krebse, die von pflanzlichem Plankton leben, oder von Fischen, die ebenfalls nachts weiter oben Nahrung suchen.

Ein faszinierendes Beispiel für solch lichtempfindliches Verhalten konnten wir mit der Ventana dokumentieren – mit Glück, denn der Star dieser Aufnahmen hat sich uns bisher nur ein einziges Mal gezeigt: Bathyphysa (Kasten unten). Das etwa zwei Meter lange bizarre Wesen tauchte in einem halben Kilometer Tiefe vor den Kameras auf. Es hielt sich, als wir die Geräteplattform darauf zusteuerten, noch senkrecht, mit dem gasgefüllten Pneumatophor zuoberst. Die Längsachse war regelrecht von einer Mähne sich windender, schlangenartiger Auswüchse eingehüllt, den Freß- oder Nährpolypen, deren endständige Münder die Umgegend sondierten. Aus der Mitte des Stammes entsprossen einer runden, zusammengezogenen Stelle etliche fünf bis zehn Meter lange Fangfäden.

Die Achse dieser prächtigen Staatsqualle wirkte außerordentlich geschmeidig. Das Folgende machte uns klar, wozu das gut ist: Das Geschöpf entschwand nämlich vor dem Licht langsam in die Tiefe, indem es sich im oberen Teil immer wieder pulsierend zusammenzog und streckte. Gleichzeitig warf es nach und nach Freßpolypen ab, die dann einzeln forttrieben. Der Rückzug wirkte durchaus organisiert und zielgerichtet, wenn er auch recht langsam vonstatten ging und verlustreich war.

So erstaunlich es scheinen mag, daß augenlose Lebewesen selbst noch sehr schwaches Licht bemerken, so sicher ist, daß sie selbst zu leuchten vermögen. Die kleine Meduse Colobonema mit einer münzengroßen Glocke schimmert bezaubernd. Wird sie angestrahlt, irisieren die Muskelbänder des Schirms metallisch blaugrün. Die Tentakel sind durchgehend tiefblau und haben eine leuchtend weiße Spitze (Bild 2 unten links).

Voll entwickelte Exemplare tragen an der Glockenbasis einen gleichmäßigen Kranz aus 32 solchen Fangarmen. Viele allerdings haben weniger, zudem unterschiedlich lange Tentakel. Dies mag davon herrühren, daß die Tiere bei Gefahr davonschießen, wobei sie zahlreiche glitzernde, noch zappelnde Anhänge in dem aufgewirbelten Wasser zurücklassen (Kasten unten). Gelegentlich sah ich, wie zuvor Leuchtwellen durch die Glocke liefen, aber daß das Tier selbst sogleich wieder dunkel wurde, wenn es eine größere Menge Fangfäden abwarf, bevor es im Zickzackkurs in die Nachtschwärze entschwandt.


Nische für Exoten

Im Pazifik vor Monterey ändert sich der Sauerstoffgehalt mit der Tiefe. Dicht unter der Oberfläche ist das Wasser fast gesättigt. Weiter nach unten zu nimmt die Konzentration jedoch stark ab. Bei etwa 700 Metern liegt ihr Minimum mit lediglich einem Dreißigstel des Wertes nahe dem Meeresspiegel (Bild 5). Genau darunter geht eine Zone ziemlich klaren Wassers unvermittelt in eine milchig-trübe Schicht voller winziger Partikel über. Dort ist wieder ein wenig mehr Sauerstoff vorhanden, und in 1000 Meter Tiefe ist der Gehalt noch höher.

Im sauerstoffärmsten Bereich leben Tiere, die offenbar speziell an diese Umgebung angepaßt sind. Eines der seltsamsten ist ein urtümlicher Tintenfisch: Vampyroteuthis infernalis (Bild 2). Er ist entfernt mit dem achtarmigen Kraken (Octopus) verwandt und auch mit den zehnarmigen Tintenfischen (Biologen nennen die gesamte Gruppe dieser Weichtiere auch Tintenschnecken).

Der Tiefseevampir ist samtig-braun und erreicht etwa die Größe eines amerikanischen Footballs – er hat auch ungefähr dessen längliche Form. Im Scheinwerferlicht glühen die großen Augen wie blaue Opale. Am hinteren Teil des stumpfen Mantelkegels setzen zwei kräftige, rundliche Flossen an, mit denen das Tier beim Schwimmen rudert. Dort befinden sich auch zwei große Leuchtorgane, die irisartig verschließbar sind.

Anders als beim Kraken spannt sich zwischen den acht Armen des Tiefseevampirs eine Haut wie bei einer Fledermaus – daher sein Name. An der Innenseite der Arme sitzen nicht nur Saugnäpfe, sondern noch paarweise nach innen gerichtete fingrige Zirren. Außerdem verfügt das Tier über zwei lange bewegliche Fühler, die es in seitliche Taschen zwischen dem dritten und vierten Arm einholen kann.

Das Geschöpf ist gewissermaßen ein lebendes Fossil, ein Überlebender einer alten Gruppe von Kopffüßern, aus der sowohl die acht- wie die zehnarmigen Tintenfische hervorgegangen sind. Um rasch vorwärtszukommen, preßt es Wasser zwischen den Armen mit ihrer beutelnden Haut vor, wobei ein kräftiger Rückstoß entsteht. In der Mitte zwischen den Armansätzen liegt ein dunkler Hakenschnabel. Noch wissen wir nicht, wie es sich ernährt; selber dürfte es in dem extrem sauerstoffarmen Lebensraum nicht viele Feinde haben.

Wie meine Kollegen und ich entdeckt haben, trägt Vampyroteuthis auch an jeder Armspitze ein Leuchtorgan. Diese treten offenbar in Funktion, wenn das Tier die Arme hochwirft und sich sozusagen darin einhüllt, so daß die Saugnäpfe und Zirren sichtbar werden: Der flache, schrumplige Ball verwandelt sich in eine stachelige Ananas mit einer lichten Spitze (Bild 2 links oben). In diesem Zustand scheint das Tier trotz verdeckter Augen durch die dünne Spannhaut zwischen den Armen etwas sehen zu können. Obwohl wir das Verhalten oft beobachtet haben, verstehen wir noch immer nicht recht dessen Sinn.

Mit der Ventana konnten wir bislang bis in 1000 Meter Tiefe vorstoßen – länger ist das Versorgungskabel nicht. Die Kameras haben eine Reichweite von einem Zentimeter bis zu mehreren hundert Metern (so die Sichtverhältnisse bei Scheinwerferlicht das erlauben). Auch wenn uns damit ein großer Teil der Tierwelt rund um das Tauchsystem vor Augen kommt und wir den Aktionsradius der meisten Arten recht gut abdecken können, bleiben doch viele wesentliche Aspekte ihres Lebens und Verhaltens noch unerforscht.

Dies soll sich bald ändern. An unserem Institut werden Technologien entwickelt, um noch tiefer zu tauchen. Und mit einer neuen optischen und akustischen Ausrüstung möchten wir aus mehr Distanz weiträumigere Bereiche erfassen und so die Verteilung und Bewegung der Bewohner möglichst ungestört durch uns aufzeichnen.

Unsere Vision sind selbstgesteuerte Sonden, die an bestimmten Stellen Kameras absetzen. Von denen erwarten wir uns dann rund um die Uhr, vielleicht über Tage oder noch wesentlich länger, Aufnahmen von den räumlichen Bah-nen der bedächtigeren Tiere. Schnell schwimmende Roboter sollen den flinkeren Arten folgen und kontinuierlich Daten zu ihrem Wander- und Freßverhalten liefern. In der Tiefsee harren noch Entdeckungen ohne Ende.

Literaturhinweise

- Developments in Deep-Sea Biology. Von Norman B. Marshall. Blandford Press, 1979.

– Bioluminescence in the Monterey Submarine Canyon: Image Analysis of Video Recordings from a Midwater Submersible. Von E. A. Widder, S. A. Bernstein, D. F. Bracher, J. F. Case, K. R. Reisenbichler, J. J. Torres und B. H. Robison in: Marine Biology, Band 100, Heft 4, 1989, Seiten 541 bis 551.

– Kiyohimea Usagi, a New Species of Lobate Ctenophore from the Monterey Submarine Canyon. Von G. I. Matsumoto und B. H. Robison in: Bulletin of Marine Science, Band 51, Heft 1, Juli 1992, Seiten 19 bis 29.

– Midwater Research Methods with MBARI's ROV. Von Bruce H. Robison in: Marine Technology Society Journal, Band 26, Heft 4, Winter 1992, Seiten 32 bis 39.

– New Technologies for Sanctuary Research. Von Bruce H. Robison in: Oceanus, Band 36, Heft 3, Herbst 1993, Seiten 75 bis 80.

– In der Tiefe des Blaus. Die Unterwasserfotografie des Norbert Wu. BLV-Verlag, München 1995.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1995, Seite 82
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
10 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 10 / 1995

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