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Die Macht der Zahl. Was die Numerologie uns weismachen will.

Aus dem Amerikanischen von Gisela Menzel. Birkhäuser, Basel 1999. 288 Seiten, DM 39,80.


Underwood ("Woody") Dudley bietet uns eine Art geistiger Müllentsorgung. In Jahrzehnten einer Professorentätigkeit an der DePauw-Universität in Greencastle (Indiana) hat er Unfug zum Thema "tiefere Bedeutung und Macht der Zahlen" gesammelt; und das Ergebnis ist wahrhaft eindrucksvoll.

Pythagoras von Samos (um 570 – um 500 v. Chr.), Namensgeber des Satzes über rechtwinklige Dreiecke und Gründer eines legendären Geheimbundes, mag aus seiner Gedankenwelt gute Gründe gehabt haben, die Zahlen von 1 bis 10 mit den merkwürdigsten Eigenschaften zu identifizieren. Dudley jedoch bewertet seine Zahlenmystik nach heutigem Standard – und damit eindeutig als gefährlichen Sondermüll.

Erstaunlich viele Menschen haben versucht, tiefere, verborgene Bedeutungen in Texten zu finden, indem sie Buchstaben durch Zahlen ersetzten und unter diesen Zahlen rechnerische Beziehungen suchten. Prominentestes, aber keineswegs einziges Objekt dieser Bemühungen ist die Bibel. Dudley weist nicht nur nach, dass man Beziehungen dieser Art in allen möglichen Texten finden kann, wenn man sich die interpretatorische Freiheit der Numerologen nimmt; er zeigt auch die beiden wesentlichen Fehlschlüsse auf, denen sie zum Opfer fallen.

Der erste ist, "das Gesetz der kleinen Zahlen" nicht zu beachten: "Es gibt nicht genug kleine Zahlen, um alle Anforderungen zu erfüllen, die an sie gestellt werden." Wenn zu jeder Zahl eine Schublade gehört, und man packt alles, was als charakteristische Eigenschaft eine gewisse Zahl hat, in die zugehörige Schublade, dann finden sich unvermeidlich in derselben Schublade Dinge, die außer ihrer Dreiheit oder Vierheit und so weiter nichts miteinander zu tun haben. Ihnen dennoch einen tieferen Zusammenhang zuzuschreiben heißt, die Bedeutung des Zufalls zu unterschätzen.

Der zweite Fehler: "Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass etwas existiert, ist immer 1." Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass genau das, was da existiert, durch schieren Zufall zu Stande gekommen ist, ist je nach dem verwendeten theoretischen Modell beliebig gering. Das heißt aber nichts! Dass meinem Personalausweis genau die Nummer zugeteilt wurde, die er trägt, ist ein äußerst unwahrscheinliches Ereignis – aber eben ein bedeutungsloses. Ebenso bedeutungslos sind die Zusammenhänge, welche die "Bibelsucher" in Kenntnis des Textes aus ihm herauslesen. Wenn ein Numerologe eine Behauptung aufstellen würde und ein (Bibel-)Text, den er nicht kannte, würde diese Behauptung bestätigen: Dann und erst dann wäre es etwas anderes.

Dudley führt sogar geschickt gewählte quantitative Maße in seine Analyse ein: Die "Rundheit" einer Zahl n ist die Anzahl ihrer echten Teiler, geteilt durch den Logarithmus von n. Und um die Behauptungen der Astrologen und ähnlicher Scharlatane zu ermessen, definiert er den Inhalt eines Satzes als die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Aussage dieses Satzes auf eine zufällig ausgewählte Person nicht zutrifft. Aussagen, die für alle Menschen gelten, sind eben inhaltsleer.

Die Menge an Zahlenunfug, den Dudley in seinem Buch aufführt, ist erschreckend; dabei werden deutschsprachige Verursacher wie Erich von Däniken oder Johannes von Buttlar noch nicht einmal erwähnt. Diesen Mist aufzuräumen ist zweifellos ein verdienstvoller Akt geistiger Hygiene. Aber es ist irgendwie merkwürdig: Man schätzt die Sauberkeit, aber nicht den Müllmann. Mich hat auf den hinteren Seiten des Buches der Überdruss gepackt; es wäre wohl unfair, das Dudley anzulasten.

Ich empfehle daher, das Buch in homöopathischen Dosen zu konsumieren. Die einzelnen Kapitel sind angenehm kurz.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2000, Seite 110
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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