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Die Maus, die Fliege und der Mensch. Über die moderne Genforschung.

Aus dem Französischen von Gustav Roßler. Berlin Verlag, Berlin 1998. 203 Seiten, DM 36,–.

François Jacob trat 1965 ins Licht der Öffentlichkeit, als er zusammen mit André Lwoff und Jacques Monod den Nobelpreis für Medizin und Physiologie erhielt. Die drei Forscher hatten die Genregulation und Genexpression des Lactose-Operons beim Darmbakterium Escherichia coli entdeckt, ein Beispiel, das heute in keinem Lehrbuch der Molekularbiologie fehlt.

Mit schöner Regelmäßigkeit hat sich Jacob seitdem mit Büchern zu allgemeinen Fragen und Betrachtungen seines Wissenschaftsbereichs zu Wort gemeldet: eine Geschichte der Vererbung („Logik des Lebenden“, 1972), eine molekularbiologisch fundierte Evolutionstheorie („Spiel der Möglichkeiten“, 1983) und eine Autobiographie („Die innere Statue“, 1988). Sein neuestes Buch stellt die Entwicklung der modernen Genforschung dar – der Titel nennt ihre bevorzugten Untersuchungsobjekte – und präsentiert sie als Teil der europäischen Kultur. Es ist primär für einen naturwissenschaftlich ausgerichteten Personenkreis geschrieben; Grundlagen der Genforschung werden vorausgesetzt.

Nach einer historischen Einführung spielt zunächst die Taufliege Drosophila eine entscheidende Rolle, und zwar in der Embryonalforschung. Durch spezielle Mutationen in sogenannten Master-Genen wuchsen den Fliegen doppelte Flügelpaare oder Beine statt Fühlern. Die Genetik der Embryonalentwicklung war auf den Weg gebracht.

Jacob streut dann ein Kapitel über seinen eigenen wissenschaftlichen Lebensweg ein. Er bearbeitete zunächst mit Elie Wollmann den Lebenszyklus des Bakteriophagen Lambda und dann mit Jacques Monod das Operonmodell bei Escherichia coli. Beide Themen veranlaßten ihn, der Frage nach der Genregulation bei höheren Organismen nachzugehen. Die Suche nach einem geeigneten Untersuchungsobjekt gestaltete sich langwierig. Am Ende entschied er sich nicht für Fadenwurm, Seeigel, Frosch oder Fliege, sondern für die Maus: Sie hat unter den hochentwickelten Säugetieren den schnellsten Reproduktionszyklus, und am Institut Pasteur verfügte man über langjährige Erfahrung mit ihr.

Der Autor schwenkt dann zur modernen Genforschung über, die ohne Zweifel mit der Etablierung der Gentechnologie begann. Plötzlich war es möglich, durch Genisolierung die Vielfalt der lebenden Organismen zu vergleichen und Aussagen über deren Evolution abzuleiten. Jacob weist auf den überraschenden Befund hin, daß – wie in einem Baukasten – Gene durch Zusammensetzung vorhandener Genfragmente entstehen können. Wieder einmal bedient sich die Natur einfachster Prinzipien, um hochkomplizierte Strukturen zu erschaffen.

Das Erstaunen ist noch größer bei der Embryonalentwicklung. Obwohl als deren Ergebnis die verschiedensten Formen entstehen, sind bei Frosch, Mensch, Maus, Blutegel, Fadenwurm, Lanzettfischchen und dem Süßwasserpolypen Hydra jeweils nahezu gleichartige Master-Gene beteiligt.

Jacob greift anschließend die kontroverse öffentliche Diskussion der modernen Genforschung auf. Es ist nicht unproblematisch, wenn man durch Analyse seines Erbguts erfährt, daß einem – möglicherweise – der Ausbruch einer unheilbaren Krankheit bevorsteht. Die am Horizont auftauchende Möglichkeit, Monster zu schaffen, widernatürlich aus Erbgut verschiedener Arten zusammengesetzte Lebewesen, löst Ängste aus und verstärkt ein allgemeines Mißtrauen gegenüber der Wissenschaft. Jacob empfiehlt ausreichende gesellschaftliche Diskussion und bedingungslose Wahrhaftigkeit auf seiten der Wissenschaftler. In dem Kapitel „Das Wahre und das Schöne“ geht der Autor schließlich sowohl auf den Zusammenhang von Wissenschaft und Kunst ein als auch auf deren Abgrenzung voneinander.

François Jacob ist es mit diesem Buch gelungen, die moderne Genforschung in den Entwicklungsprozeß der europäischen Kultur einzuordnen. Er bemüht die griechischen Sagen und schildert seine eigenen Erfahrungen auf dem molekularbiologischen Sektor. Er nimmt zu den Grenzen des Wissens ebenso Stellung wie zu dessen Anwendung.

Das Buch beginnt mit der Ungewißheit über unsere Schöpfung und endet mit dem fragenden Blick in die Zukunft. „Wir sind eine zweifelhafte Mischung aus Nukleinsäuren und Erinnerungen, aus Begierden und Proteinen. Das zu Ende gehende Jahrhundert hat sich eingehend mit Nukleinsäuren und Proteinen beschäftigt. Das kommende wird sich auf die Erinnerungen und die Begierden konzentrieren. Wird es solche Fragen zu lösen vermögen?“


Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1998, Seite 127
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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