Direkt zum Inhalt

Die menschliche Stimme

Wie unsere Lautäußerungen entstehen und wie sie klanglich ausgeformt werden, ist erst in jüngster Zeit im einzelnen erforscht worden. Darauf beruhen neue Vorsorge-, Pflege- und Therapiemaßnahmen.

Noch vor zwanzig Jahren war die menschliche Stimme in vieler Hinsicht rätselhaft. Wie Laute und Töne eigentlich entstehen und der Stimmapparat am besten zu pflegen sei, wußte man nur ansatzweise, obwohl Sprache – unser wichtigstes Kommunikationsmedium – mit dem ersten Schrei des Neugeborenen beginnt (Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1992, Seite 115) und obwohl Redner und Prediger, Schauspieler und Sänger seit eh und je ihr Publikum fesseln und verzaubern.

Einschlägige medizinische Abhandlungen erschienen selten und beschäftigten sich kaum mit der normalen Funktionsweise des Stimmbildungssystems. Wie gutartige Erkrankungen der Stimmbänder, die keinen operativen Eingriff erfordern, am besten zu behandeln seien, war umstritten; und zu den chirurgischen Verfahren gehörte es, die äußeren Schichten der Stimmfalten abzuschälen – in der Erwartung, daß gesundes Gewebe nachwachsen würde (die Stimmfalte oder Stimmlippe, anatomisch Plica vocalis, umhüllt das Stimmband, Ligamentum vocale, und den Stimmlippenmuskel). Aber viele Patienten blieben für immer heiser.

Inzwischen hat sich die Stimmkunde als neues medizinisches Fach etabliert. So gründete der New Yorker Arzt Wilbur James Gould die Voice Foundation, eine Stiftung, die seit einem ersten Sym- posium im Jahre 1972 Stimmforscher, Kehlkopfspezialisten, Logopäden, Gesang- und Schauspiellehrer sowie darstellende Künstler zusammenbrachte. Die seitherige Entwicklung von Vorsorgemaßnahmen und Therapien für jene, die beim beruflichen Sprechen und Singen Probleme haben, kommt mittlerweile jedermann mit Störungen der Stimm- bildung und Erkrankungen des Stimm-apparats zugute.

Der Stimmapparat

Verschiedenste Strukturen in Bauch, Brust, Hals und Kopf müssen koordiniert werden, wenn wir einen Laut von uns geben: Zwerchfell, Lungen, Luftröhre und Brustkorb dienen als Windkessel und Stimmstütze, Kehlkopf und Stimmritze als Vibrato- und Tonerzeuger, Rachen, Mund- und Nasenhöhle als Resonator. Praktisch beeinflußt der gesamte Körper den Klang der Stimme.

Das wesentliche Organ ist freilich _ wie bekannt – der Kehlkopf (medizinisch Larynx). Er besteht aus vier Grundkomponenten: dem Skelett aus gelenkig verbundenen Knorpeln, der inneren und der äußeren Muskulatur sowie der ihn auskleidenden Schleimhaut (siehe Kästen auf Seite 77 und Seite 78). Die wichtigsten Teile des Skeletts sind der große Schildknorpel (der als Adamsapfel äußerlich sichtbar ist; auf den Bildern jeweils blau), der tieferliegende Ringknorpel (grünlich) und die beiden innen gelegenen kleinen Stellknorpel (ebenfalls bläulich gezeichnet). Während die außen ansetzenden Muskeln den Kehlkopf im Hals verankern, verbinden die inneren die Knorpel miteinander; beide Gruppen wirken entscheidend bei der Stimmbildung mit.

Die paarigen Muskeln, die den Körper der Stimmfalten bilden, ziehen innen von den Stellknorpeln zu einem Punkt unten am Schildknorpel. Der Stimmlippenmuskel ist davon der innere Part. Diese beiden Stränge – die eigentliche Quelle der Stimme – umschließen die Stimmritze (Glottis).

Indem die inneren Muskeln die Knorpel gegeneinander verschieben, verändern sie nicht nur deren Konstellation, sondern auch Form, Position und Spannung der Stimmfalten. So kontrolliert beispielsweise ein Muskel, der vom Schild- zum Ringknorpel reicht, die Höhe der Stimme dadurch, daß er durch Zug am Schildknorpel die Stimmfalten streckt.

Die äußeren Muskeln bewegen den Kehlkopf auf- und abwärts. Dabei wird er ähnlich wie der Balg einer Ziehharmonika gedehnt und gestaucht, so daß sich die Winkel zwischen den Knorpeln jeweils ändern. Auch dies beeinflußt die Streckung der inneren Muskeln in entspanntem Zustand.

Den Kehlkopf bewegt man gewöhnlich unbewußt auf und ab, wenn man die Stimme hebt und senkt. Solche erheblichen Positionsverschiebungen wirken sich allerdings auf die Feinkontrolle der Stimmfalten störend aus, die für eine geschmeidige Tonbildung und einen angenehmen Klang unerläßlich ist. Deshalb lernen Sänger gewöhnlich, mit den äußeren Muskeln den Kehlkopf möglichst auf einer Höhe zu halten; so vermögen sie über ihre gesamte Stimmlage Töne einheitlicher Qualität zu erzeugen.

Die weichen Gewebe, die den Kehlkopf auskleiden, sind wesentlich komplexer aufgebaut, als man früher dachte. Wo sich die Stimmfalten beim Schließen der Stimmritze berühren, hat diese dünne, feuchte Schleimhaut eine andere Struktur als im restlichen Kehlkopf und sonst in den Atemwegen: Sie ist hier ein mehrschichtiges Plattenepithel; schließlich muß sie die Beanspruchung durch Kontakt und Vibrationen aushalten.

Auch die Stimmfalten darf man sich nicht einfach nur als einen mit Schleimhaut überzogenen Muskel vorstellen. Vielmehr identifizierte der japanische Mediziner Minoru Hirano aus Kurume zwischen dem äußeren Epithel und dem Muskel selbst noch drei Schichten Bindegewebe, deren jede andere mechanische Eigenschaften hat; diese fünflagige Struktur sorgt für die gleichmäßigen Scherbewegungen beim Schwingen gesunder Stimmfalten.

Die Stimmbildung

Die Stimmfalten selbst erzeugen beim Vibrieren nur einen Summton, der erst in den Resonanzräumen oberhalb des Kehlkopfes seine Klangfarbe und sein Timbre gewinnt, wobei unter anderem auch die Stellung von Zunge und Gaumen mitwirkt. Ihre Kraft vermittelt der Stimme der Atemtrakt unterhalb des Kehlkopfes, der einen kontrollierten Luftstrom zwischen den Stimmfalten hindurchpreßt.

Durch das Schließen, Öffnen und Umstellen der Stimmritze verändert sich ihr Luftwiderstand unablässig. Dem müssen sich, damit der Ton gleichmäßig klingt, die unteren Atmungsorgane rasch und präzise anpassen. Sänger und Schauspieler nennen den tontragenden Komplex gewöhnlich Atemstütze oder Appoggio beziehungsweise Appoggiamento. Allerdings sind die anatomischen Zusammenhänge recht kompliziert und auch noch nicht völlig verständlich. Verschiedene Künstler meinen, wenn sie über diese Techniken sprechen, nicht immer das gleiche.

Die wichtigsten Muskeln beim Einatmen sind das Zwerchfell, das sich unter dem Brustkorb kuppelförmig nach oben wölbt, und die äußeren Zwischenrippenmuskeln (insgesamt sind anderthalb Dutzend Muskeln und Muskelgruppen beteiligt). Wird das Zwerchfell kontrahiert, vergrößert sich die Lunge, und den entstehenden Unterdruck gleicht die einströmende Luft aus. In Ruhe atmet man weitgehend passiv durch Entspannen der Muskulatur aus, indem sich Lunge und Brustkorb aufgrund ihrer Elastizität zusammenziehen.

Wenn man jedoch absichtlich ausatmet, benutzt man viele Muskeln, die auch an der Lauterzeugung beteiligt sind. Dabei kann erhöhter Druck im Bauchraum das Zwerchfell nach oben wölben, oder aber Rippen und Brustbein werden eingezogen und so die Ausmaße des Brustkorbs verkleinert. Zum aktiven Ausatmen dienen vor allem die Bauchmuskeln, teilweise auch die inneren Zwischenrippenmuskeln sowie weitere Brust- und Rückenmuskeln – insgesamt neun Gruppen.

Die Stimmkraft kann durch Verletzungen oder operative Eingriffe an diesem Muskelapparat beeinträchtigt werden, so wie sie auch bei Asthma und anderen Krankheiten, die das Ausatmen erschweren, leidet. Betroffene kompensieren das oft durch übermäßige Beanspruchung der Kehlkopfmuskulatur, obgleich sie nicht dafür ausgelegt ist, als Kraftquelle der Stimme zu dienen. Die Folge sind dann eventuell Funktionsstörungen, schnelle Erschöpfung, Schmerzen und sogar anatomische Veränderungen, zum Beispiel Knötchen an den Stimmfalten.

Die neuronale Steuerung

Die Codierung für eine Lautäußerung – sozusagen die Idee dafür – entsteht in der Hirnrinde. Entsprechende Befehle gelangen von dort zu motorischen Kernen (Ansammlungen von muskelinnervierenden Nervenzellen) in Hirnstamm und Rückenmark, die ihrerseits komplexe, äußerst fein koordinierte Signalmuster zur Kehlkopf-, Brust- und Bauchmuskulatur sowie an alle Muskeln im Stimmtrakt schicken, die an der Artikulation beteiligt sind. Auch bestimmte motorische Nervenbahnen – das sogenannte extrapyramidale System – und das vegetative Nervensystem spielen dabei mit.

Eine Quelle für Stimmprobleme sind die Nerven, welche die Muskeln des Stimmapparats kontrollieren. Die inneren Kehlkopfmuskeln werden hauptsächlich von einem Ast des größten Eingeweidenerven (Vagus) gesteuert, der durch den Hals in den Brustkorb zieht und von dort zurück zum Kehlkopf (die linke Schleife der beidseits angelegten Stränge reicht besonders tief). Bei Verletzungen und Operationen im Hals- und oberen Brustbereich ist die Gefahr von Schädigungen deshalb groß.

Über Nervenbahnen erhält das Gehirn auch Rückmeldungen über die Lautbildung. Das Ohr vermittelt über den Hirnstamm der Hirnrinde Informationen, ob der erzeugte Klang der Intention entspricht. Dieses Feedback dient der Feinregulation der Stimme. Taktile Rückmeldungen von Kehle und Muskulatur können dabei helfen – man weiß allerdings noch nicht genau, wie. Professionelle Sänger und Redner schulen jedenfalls diese Fähigkeit, weil sie damit rechnen müssen, daß sie bei schlechter Raumakustik, Orchesterbegleitung oder lärmendem Publikum ihre eigene Stimme nicht mehr richtig hören.

Bei der Stimmbildung müssen all diese anatomischen Systeme und Strukturen exakt zusammenwirken. Nur die eigentliche Lautentstehung ist mit der instrumentellen Tonerzeugung etwa beim Trompetenspielen zu vergleichen, wobei der vom Atemtrakt erzeugte Luftstrom hohen Drucks die Lippen des Musikers im Kessel des Mundstücks vibrieren läßt und die Resonanzen des Rohres dem Ton dann seine Klangfarbe geben. Die Prozesse beim Sprechen und Singen sind sehr viel komplexer.

Erzeugung von Ton und Klangfarbe

Besonders darüber, wie menschliche Laute entstehen und abgewandelt werden, hat man in den letzten 20 Jahren zahlreiche Einzelheiten herausgefunden, unter anderem mit Modellen von den Bewegungen der Stimmfalten. Deren fünf anatomisch unterscheidbare Schichten verhalten sich mechanisch eher wie ein dreischichtiges Gebilde: Das Epithel und das obere Bindegewebe bilden eine Decke, die mittlere und die untere Lage von Bindegewebe eine Übergangsschicht und der Stimmlippenmuskel den Körper dieser Struktur.

Bevor ein Ton einsetzt, berühren sich die Stimmfalten auf ganzer Breite; die Stimmritze ist geschlossen (Bild 2). Die von den Lungen ausgestoßene Luft baut nun einen Druck auf, der beim normalen Sprechen typischerweise dem einer etwa sieben Zentimeter hohen Wassersäule entspricht. Dadurch werden die Stimmfalten nach und nach auseinandergedrückt, und zwar zuerst an den Unterkanten des Verschlusses. Zunächst verhindern elastische und andere Kräfte, daß auch die Oberkanten auseinanderweichen; doch schließlich überwindet der einsetzende Luftstrom diesen Widerstand, so daß die Stimmritze sich öffnet.

Sogleich wird ein von dem Schweizer Mathematiker Daniel Bernoulli (1700 bis 1782) beschriebener und nach ihm benannter Effekt wirksam: Mit zunehmender Luftgeschwindigkeit sinkt der seitliche Druck in der engen Spalte, so daß die Stimmfalten gleichsam angesaugt werden. Diesen Vorgang unterstützt die Eigenelastizität des Gewebes.

Infolgedessen und weil nun auch der Druck der Luft unterhalb des Kehlkopfes nachläßt, beginnen die Stimmfalten sich fast sofort wieder zu schließen – an den unteren Kanten treffen sie bereits aufeinander, während sie an den oberen noch auseinanderweichen. Diese Verengung vermindert den Durchstrom, bis schließlich auch die Oberkanten in die Kontaktposition zurückspringen und die Stimmritze geschlossen ist.

Alsbald baut sich in den Atemwegen unter dem Kehlkopf der Druck abermals auf, und der Vorgang beginnt von neuem. Bei diesem Wechselspiel bleibt allerdings im Bereich unterhalb des Kehlkopfes stets ein Überdruck erhalten; trotz der Schwankungen sinkt er kaum jemals völlig ab.

Bei dem ganzen Vorgang ist entscheidend, daß der untere Bereich der Stimmfalten sich immer etwas früher als der obere zu öffnen und zu schließen beginnt. So wird die Schleimhaut auf den Kanten in eine Wellenbewegung versetzt. Wie man sich leicht vorstellen kann, beeinträchtigen Störungen dieses komplexen Schwingungsvorgangs die Stimmqualität – die Sprache klingt zum Beispiel heiser.

Die Stimmfalten bringen die Luft freilich nicht selbst zum Schwingen etwa wie eine angestrichene Geigensaite. Vielmehr entsteht die tonbildende Vibration durch das stoßweise Austreten und Abreißen des Luftstroms.

Das aus dem Kehlkopf kommende Geräusch ist dennoch ein komplexer Ton mit einer bestimmten Grund- oder Fundamentalfrequenz (deren Wert in Hertz sich danach bemißt, wie oft die Stimmritze sich pro Sekunde öffnet und schließt) und einer Reihe von höheren Teiltönen oder Harmonischen. Da letztlich die Teiltöne die Klangfarbe bedingen, mag es viele überraschen, daß eine Laienstimme bei den Stimmfalten noch so ziemlich das gleiche Teiltonspektrum hat wie die ausgebildete von Schauspielern und Sängern.

Erst Rachen, Mund- und Nasenraum geben als Resonatoren nach- und miteinander der Stimme ihren Klang. Dieser Prozeß ist komplizierter als bei Instrumenten wie der Trompete, weil die Form dieser Resonanzräume veränderbar ist. In jedem von ihnen werden einige der Frequenzen gedämpft und andere verstärkt, das heißt mit größerer Amplitude abgestrahlt, so daß manche der Harmonischen schwächer, andere prägnanter werden. Solche den Klang prägenden Frequenzen nennt man Formanten. (Die Vokale zum Beispiel sind allein wegen ihrer jeweils charakteristischen Formanten unterscheidbar.) Wie Johan Sundberg vom Königlichen Institut für Technologie in Stockholm an Sängern und sein Kollege Gunnar Fant an Rednern ermittelten, hat der Vokaltrakt bei jeder Stellung vier oder fünf wichtige Resonanzfrequenzen. Während die Intensität der Stimme sonst gleichmäßig über das Frequenzspektrum abnimmt, hat sie hier ihre Maxima.

Diese Frequenzen sind durch die Form des Vokaltraktes bedingt, und die wiederum wird von den umliegenden Muskelpartien mitgebildet. Dabei sind Form und auch Länge des Traktes individuell verschieden. Er ist freilich bei Kindern und Frauen im allgemeinen kürzer als bei Männern; mithin sind auch ihre Resonanzfrequenzen höher. Allerdings lassen sich die Ausmaße des Vokaltraktes in Grenzen aktiv verändern; das zu lernen ist ein wesentlicher Teil der Stimmausbildung.

In diesem Zusammenhang ist der sogenannte Sängerformant (auch Gesangsformant genannt) interessant. Er ist offenbar dafür verantwortlich, daß eine ausgebildete Sing- oder Sprechstimme trägt, das heißt durchdringt. Um etwa gegen ein Orchester ansingen zu können, verstärkt der Sänger den Ton in einem bestimmten Frequenzbereich, bei dem der Orchesterklang wenig Energie hat. An sich hat eine geschulte Stimme nämlich keine nennenswert stärkere Schallintensität als die nicht ausgebildete.

Der Sängerformant für Vokale liegt generell zwischen 2300 und 3200 Hertz: Bei Bässen hat er etwa 2400, bei Baritonen 2600 und bei Tenören 2800 Hertz; für einen Mezzosopran beträgt er ungefähr 2900 und für einen hohen Sopran 3200 Hertz – wobei er bei Sopranen oft bedeutend schwächer ausgeprägt ist. Außer daß dieser Sängerformant der Stimme Klarheit und Tragfähigkeit verleiht, trägt er auch zum Timbre bei (ob die Stimme etwa brillant hell oder aber metallisch schrill klingt).

Stimmtechnik

Ein Sänger oder Sprecher muß sowohl die Stimmhöhe, die gleich der Grundfrequenz der jeweiligen Sprechlage oder des gesungenen Tones ist, wie die Lautstärke beherrschen. Zwar läßt sich die Grundfrequenz auch dadurch anheben, daß man den Druck der durch den Kehlkopf strömenden Luft steigert; denn aus mechanischen Gründen schlagen die Stimmlippen dann schneller auseinander und zusammen. Aber die Stimme wird dabei zugleich lauter, und die Kunst ist eben, Lautstärke und Stimmhöhe unabhängig voneinander zu kontrollieren. Ein Sänger darf nun einmal nicht automatisch höhere Töne durchdringender hervorpressen oder bei lauteren Passagen höher werden und muß den Effekt darum kompensieren.

Am wirkungsvollsten läßt die Tonhöhe sich ändern, indem man die mechanischen Eigenschaften der Stimmlippen modifiziert. Wenn der Muskel zwischen Schild- und Ringknorpel kontrahiert, dreht er beide, und dabei werden die Stimmfalten gedehnt. Die elastischen Fasern der Stimmbänder schwingen deshalb wie eine straffer gespannte Saite schneller. Der Ton wird also höher, weil die Stimmritze sich nun rascher öffnet und schließt (fachlich sagt man, der Phonationszyklus ist kürzer geworden).

Die Lautstärke hängt indes davon ab, wie stark die Luft im Vokaltrakt in Schwingung gerät. Bei stärkerem Atemdruck schlagen die Stimmlippen weiter aus, und mit zunehmender Differenz zwischen maximaler und beim scharfen Abreißen der Strömung minimaler austretender Luftmenge wächst die Intensität des Tones.

Wie effektiv die Stimme kontrolliert wird, kann man an den Flußmustern während eines Phonationszyklus erkennen. Versucht jemand mehr Lautstärke zu erzwingen, indem er sowohl den Atemdruck als auch den Widerstand dagegen im Kehlkopf übermäßig verstärkt (wobei er einerseits die Muskeln des Stimmtraktes unterhalb des Kehlkopfes anspannt, andererseits die Verschlußmuskeln der Stimmlippen) klingt der Ton gepreßt; man sagt, der Sänger oder Sprecher drücke auf die Stimme. Trotz aller Anstrengung bleibt dabei die Amplitude der Grundfrequenz schwach.

Sie wird allerdings auch dann gering sein, wenn die Verschlußmuskeln so wenig Kraft aufweisen, daß die Stimmfalten keinen Kontakt bekommen. Die Stimme klingt dann stark behaucht, weil viel überflüssige Luft durch die Stimmritze dringt. Erwünscht ist, daß die Stimme locker und leicht klingt. Das wird durch geringen Druck des Atemstroms erreicht, wenn auch die Stimmlippenmuskeln nicht stark angespannt sind. Die Grundfrequenz erhält dabei viel Energie, so daß die Schallintensität hoch ist.

Der Stimmspezialist vermag diese verschiedenen Arten der Stimmbildung zu erkennen. Dafür wird ein sogenanntes Fluß-Glottogramm aufgezeichnet, das die Änderungen im Luftstrom durch die Stimmritze wiedergibt. Wie Sundberg nachwies, können Sänger die Amplitude der Grundfrequenz um 15 Dezibel oder mehr verstärken, nur durch den Wechsel von gepreßter zu freier, unangestrengter Stimmerzeugung. Das Fazit: Wenn man absichtlich auf die Stimme drückt, um laut zu sprechen, wendet man unnötig viel Kraft auf und kann damit dem Kehlkopf schaden.

Medizinische Diagnostik

Das Wissen, wie der Mensch seine Stimme optimal kontrolliert, nutzt man in der medizinischen Praxis, um Probleme zu erkennen und zu beheben wie auch ihnen vorzubeugen. Entscheidend war dafür, geeignete Instrumente zu entwickeln, mit denen man den Stimmapparat in Aktion beobachten kann. Noch vor gut zehn Jahren wurden die Qualität einer Stimme und ihre Funktionsweise sowie Störungen meist nur anhand des Höreindrucks ermittelt.

Zwar hatte schon 1855 der spanische Sänger und Gesangspädagoge Manuel García (1805 bis 1906) die Kehlkopfspiegelung erfunden. Mit einem Zahnarztspiegel und der Sonne als Lichtquelle betrachtete er die Stimmfalten bei einem Schüler. Aber obgleich diese Methode sich rasch in der ärztlichen Praxis etablierte und bis heute Standard ist (außer daß man künstliches Licht nutzt), hat sie doch ihre Grenzen. Die Stimmfalten in Vergrößerung darzustellen und photographisch zu dokumentieren ist schwierig. Außerdem erkennt man bei normalem Licht nicht die schnellen, komplexen Schwingungen.

Abhilfe schuf die Laryngoskopie mit Hilfe eines Stroboskops, das in schneller Folge kurze Lichtblitze erzeugt. Dabei steuert ein unterhalb des Kehlkopfes befestigtes Mikrophon die Frequenz der Stroboskoplampe, die etwa zwei Hertz von der Vibrationsfrequenz der Stimmfalten abweichen muß; dann sieht man deren Bewegung sozusagen in Zeitlupe. In sehr einfacher Version gab es eine solche Vorrichtung schon im vorigen Jahrhundert, doch erst in den letzten zehn Jahren entstanden Stroboskope, die für die ärztliche Routine hell genug sind, und hinreichend empfindliche Videokameras.

Mit dem Stroboskop sind die Ränder der Stimmfalten gut zu erkennen und damit auch viele anomale Strukturen und Funktionen, die einem bei einfacher Beleuchtung entgingen, zum Beispiel kleine Verdickungen, ungleiche Vibrationen der beiden Stimmfalten, Narben oder Frühstadien bösartiger Wucherungen. Digitale Bildanalysen bringen zusätzlichen Aufschluß; noch mehr ließe sich bei wesentlich besserer Bildauflösung erreichen.

Die Schwingungen der Stimmfalten lassen sich auch aufzeichnen, indem man zwei Elektroden außen am Hals dicht beim Adamsapfel befestigt und eine schwache Hochfrequenzspannung anlegt. Der Kehlkopf hat bei geschlossener Stimmritze einen geringeren Widerstand als bei offener. In der graphischen Aufzeichnung, dem sogenannten Elektroglottogramm, sind Unregelmäßigkeiten im Spannungsverlauf erkennbar.

Der Zustand der offenen Stimmritze läßt sich schließlich auch mittels Photoglottographie kontrollieren. Dabei photographiert man sie von oben, während Licht von unten hindurchscheint.

Des weiteren sind Untersuchungen der aerodynamischen Funktionen des Stimmsystems aufschlußreich, also Messungen von Luftreservoir und Kraft der Lunge sowie von Druck- und Strömungsverhältnissen im Kehlkopf, die auch die Effizienz der Stimmfalten bei der Kontrolle des Luftstroms widerspiegeln. Die Fähigkeit zur Stimmbildung, die sich ziemlich leicht prüfen läßt, nutzt man wiederum, um Funktionsstörungen und den Erfolg einer Behandlung zu erkennen. Erfaßt werden unter anderem der Ton- und der Lautstärkeumfang der Stimme und die Dauer, die ein Ton gehalten werden kann.

In speziellen Fällen wird man den Zustand der Muskeln im Kehlkopf direkt durch Ableitung der elektrischen Aktivität mit feinen Elektroden messen. Beispielsweise kann einem Patienten mit einer Stimmbandlähmung eine Operation erspart werden, wenn erkennbar ist, daß der funktionsuntüchtige Muskel sich wohl bald von allein erholen wird.

Ein Fachmann wird schon am Klang der Stimme viele Störungen erkennen. Zusätzlich braucht man aber Meßvorrichtungen, um sie wie auch die individuellen Stimmcharakteristika des Patienten zu quantifizieren. So nützlich das verfügbare Instrumentarium auch bereits ist, reicht es doch lange noch nicht aus.

Beispielsweise kann man mit dem Sonographen das Frequenzspektrum eines Lautes optisch darstellen; alle Harmonischen und auch die Geräuschanteile sind erkennbar (Bild 3). Daraus lassen sich die Stimmqualität, die Tonhöhe und die Lautstärke ablesen wie auch spezielle Merkmale separat bestimmen, so die Formantenstruktur, die Stimmstärke, die Grundfrequenz, die Verhauchtheit, die Klarheit (das Verhältnis von Harmonischen zu Geräuschen) sowie Unregelmäßigkeiten der Schwingungsamplituden und Frequenzen aufeinander folgender Phonationszyklen (die Stimme klingt heiser, belegt oder schwebend, oder sie wackelt, flattert oder zittert).

Dennoch sind manche Feinheiten, die das Ohr durchaus erfaßt, bislang auf solchen Bildern nicht zu erkennen. Man merkt einer geschulten Stimme gewöhnlich an, ob sie müde oder ausgeruht ist; aber was dafür charakteristische Unterschiede in der Bewegung des Stimmapparats sein mögen, hat man selbst mit den besten Geräten noch nicht aufzeigen können.

Bekanntlich wirkt auch die Psyche auf die Stimme. Verfahren, die das erfassen sollen, sind ebenfalls erst ungenügend standardisiert. Immerhin weiß man schon wesentlich mehr darüber, worauf bei solchen Untersuchungen geachtet werden muß, seit man in der Stimmkunde mit ausgeklügelten Fragebögen, Tonbandaufnahmen und der Beurteilung einer Stimme durch verschiedene Personen arbeitet.

Therapeutische Maßnahmen

Mit der verbesserten Diagnostik und Therapie von Stimmerkrankungen läßt sich auf Kehlkopfoperationen mehr und mehr verzichten. Manchmal genügt bereits eine medikamentöse Behandlung.

Indes können Arzneien, die aus anderen Gründen genommen werden (darunter nicht verschreibungspflichtige), die Stimmfunktion beeinträchtigen. So ist eine Nebenwirkung von Antihistaminika (die gegen allergische Erkrankungen wie Heuschnupfen verordnet werden), daß die Schleimhaut im Kehlkopf trockener wird – unter Umständen sind Heiserkeit und Hustenanfälle die Folge; und Acetylsalicylsäure, der Wirkstoff von Aspirin, kann durch Hemmen der Blutgerinnung auch zu Stimmfaltenblutungen beitragen.

Zu den Möglichkeiten, einen durch Überbeanspruchung bedingten Stimmschaden zu beheben, gehört eine gezielte Schulung. Der Betroffene kann lernen, besser zu atmen und die Stimme zu stützen und dadurch die Hals- und Kehlkopfmuskulatur zu entlasten. Sogar manche Veränderungen an den Stimmfalten gehen dann zurück – insbesondere Knötchen, wie sie sich bei vielem Sprechen manchmal bilden.

Entsprechendes gilt für die Vorbeugung. Bei richtigem Einsatz des Stimmapparates treten Schäden durch Ermüdung erst gar nicht auf. Zur Stimmhygiene gehört auch, den Vokaltrakt angemessen feucht und schleimig zu halten und Reizungen durch Rauch und sonstige Luftschadstoffe zu meiden.

In bestimmten Fällen ist jedoch eine Operation nicht zu umgehen: wenn etwa Knötchen sich trotz Stimmtherapie nicht zurückbilden, sowie bei Polypen (Wucherungen des weichen Gewebes), Zysten (flüssigkeitsgefüllten Kapseln) und anderen Wucherungen. Glücklicherweise liegen die meisten gutartigen Veränderungen oberflächlich. Um ein Gewächs an der Schleimhaut oder in der äußeren Bindegewebsschicht zu entfernen, sind sehr sensible mikrochirurgische Verfahren entwickelt worden; wenn man dabei die tieferen Schichten nicht verletzt, gibt es später keine Narben.

Solche phonochirurgischen Eingriffe (ursprünglich verstand man darunter nur Korrekturen von Stimmhöhe oder -qualität) nimmt man meistens durch den Mund vor. Der Arzt blickt durch ein Laryngoskop (ein starres Metallrohr) auf den Kehlkopf, der in einem Operationsmikroskop vergrößert erscheint. So lassen sich je nachdem winzige chirurgische Geräte oder auch Laser präzise einsetzen.

Bei Knötchen, Polypen und Zysten am äußeren Rand der Stimmfalten ist ein konventioneller Eingriff am sichersten. Er gelingt oft bemerkenswert exakt: So vermag man manchmal die Schleimhaut anzuheben, die Zyste oder Wucherung darunter zu entfernen und dann die Schleimhaut wieder anzulegen. Die minimale Verletzung erfordert nicht einmal, die Stimme anschließend zu schonen, und heilt gewöhnlich schnell ohne Beeinträchtigung der Stimmqualität ab.

Auch wenn Laser oft als revolutionierende Hochtechnologie-Instrumente für die Chirurgie gepriesen werden, sind sie für Kehlkopfoperationen nicht immer am besten geeignet. Bei den zum Abtragen von Geweben benötigten Intensitäten hat der auftreffende Strahl eines gewöhnlichen Kohlendioxid-Lasers einen bis zu 0,5 Millimeter weiten Hitzehof; am Rand der Stimmfalte kann dadurch eine Vernarbung in den tieferen Schichten des Bindegewebes ausgelöst werden. Weil dann dieser Bereich nicht mehr mitschwingt, ist Heiserkeit die Folge.

Dennoch ist der Kohlendioxid-Laser bei manchen krankhaften Veränderungen von großem Nutzen. Mit ihm lassen sich erweiterte Blutgefäße versiegeln, die sonst vielleicht zu bluten anfingen, und Blutgefäße veröden, die Polypen, Papillome und bestimmte Krebsgeschwüre versorgen. Aber auch für Eingriffe an den Stimmfalten selbst dürften Fortschritte in der Laser-Technologie schon bald ein geeignetes Instrumentarium bereitstellen.

Ein Pionier neuer Operationsmethoden zur Korrektur des Kehlkopfskeletts ist der japanische Mediziner Nabuhiko Issiki aus Kyoto. Sie sind äußerst hilfreich bei der Behandlung von Stimmfaltenlähmungen, die nach Virusinfektionen und Operationen im Halsbereich oder bei Krebsleiden auftreten.

Früher hat man kleine Mengen Teflon in die gelähmte Stimmfalte injiziert, um das Gewebe zu unterfüttern, so daß die Stimmritze sich wieder schließen konnte. Teflon ist an sich ziemlich reaktionsträge; dennoch treten mitunter Gewebereaktionen dagegen auf. Auch wurde damit die Kante der Stimmfalte lediglich versteift, und das Ergebnis konnte enttäuschend sein. Dann war es schwierig, den Stoff wieder zu entfernen.

Deshalb formt man bei solchen Erkrankungen inzwischen meistens den Kehlkopf um. Der Chirurg schneidet ein kleines Fenster in das Skelett und drückt den Schildknorpel und anderes Gewebe nach innen. Ein eingesetzter Silastikblock hält die Strukturen in der neuen Position fest. Auf diese Weise läßt sich die gelähmte Stimmfalte an die Mittellinie der Stimmritze zwingen, ohne daß in ihr empfindliches Gewebe Fremdmaterial eingebracht werden müßte. Bei Komplikationen ist die Veränderung auch leichter rückgängig zu machen.

Neuerdings injizieren wir versuchsweise statt des Teflons körpereigenes Fett in die Stimmfalte. Der Eingriff ist an sich einfach, muß aber noch weiter erprobt werden.

Auch Verschiebungen der Stimmlage lassen sich mit Operationen am Kehlkopfskelett erreichen. Sie wird höher, wenn man Ring- und Schildknorpel dreht und verlagert und den Raum zwischen ihnen schließt, weil die Stimmfalten sich dadurch verlängern und mehr spannen. Um sie zu verkürzen, also ihre Spannung herabzusetzen und die Stimmlage zu senken, schneidet man senkrecht schmale Scheiben aus dem Schildknorpel heraus. Der Ausgang eines solchen Eingriffs läßt sich allerdings nicht so genau voraussagen, daß Sänger oder Schauspieler sich ihm zur Verbesserung ihrer Stimmqualität unterziehen sollten; er eignet sich aber, um Anomalien zu beheben, und auch, um die Stimmlage nach einer operativen Geschlechtsumwandlung dem neuen Persönlichkeitsbild anzugleichen.

Die meisten Errungenschaften bei der Behandlung der menschlichen Stimme haben sich erstaunlich schnell weithin durchgesetzt, sicherlich weil dabei Mediziner in Forschung und Praxis sowie Sprechkundler, Lehrer, Schauspieler und Sänger zusammengewirkt haben. Viel Erfolg zeitigt auch die Schulung von Patienten, Gesangs- und Schauspielstudenten und Sprecherziehern sowie die Aufklärung der Öffentlichkeit über die Funktionsweise der Stimme und mögliche Erkrankungen. Information ist häufig die beste Vorsorge; vermeidbare Stimmprobleme sind infolgedessen bereits seltener geworden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1993, Seite 74
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!