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Die Nachtseite des Bewußtseins. Warum wir träumen


Michel Jouvet, Professor für experimentelle Medizin an der Universität Lyon und einer der phantasievollsten und intelligentesten Pioniere der neueren, physiologisch orientierten Schlaf- und Traumforschung, präsentiert in dieser Aufsatzsammlung noch einmal seine wichtigsten Entdeckungen und Theorien zum Traum. Sein Buch gewährt zudem einen hervorragenden Einblick sowohl in die Geschichte als auch in die Denkweise dieser Forschungsbewegung.

Im Jahre 1953 hatten Eugen Aserinsky und Nathaniel Kleitman in Chicago herausgefunden, daß spezifische Gehirnstrom-Muster in Verbindung mit raschen Augenbewegungen (nach englisch rapid eye movements kurz REM genannt) mit intensivem Träumen einhergehen. Wenig später entdeckte Jouvet, daß sich diese Phasen noch genauer durch ein drittes physiologisches Phänomen, eine Muskelatonie, definieren lassen (Spektrum der Wissenschaft, Juni 1983, Seite 100). Damit wurde es möglich, in umfassender Weise Träume der Menschen dem üblichen Vergessen zu entreißen und auf vielfältige Weise zu untersuchen.

Die Behauptung dieser neuen Traumforschergeneration lautete damals: "Wer ,remmt', der träumt auch." Als man dann fand, daß alle echten Warmblüter im Schlaf REM-Phasen haben, waren alle überzeugt, daß auch Tiere träumen. Das war mehr als eine Bestätigung dessen, wovon Tierliebhaber immer schon überzeugt waren – es eröffnete die Möglichkeit, neurophysiologische und neurochemische Begleitvorgänge von Träumen am lebenden Tier zu studieren.

Bei Untersuchungen von Katzen entdeckte Jouvet, daß während des REM-Schlafs die sogenannten PGO-Zellkomplexe aktiv werden und eine ausgedehnte Neuronenaktivität in der Großhirnrinde und in darunterliegenden Bereichen in Gang bringen. (PGO steht für drei Hirnstrukturen, in denen diese Aktivitäten zu finden sind: die Brücke, pons, den seitlichen Kniehöcker, corpus geniculatum laterale, sowie den Hinterkopf, occiput). "Die Musik dieses Orchesters wäre dann nichts anderes als die Traumtätigkeit" (Seite 77).

Dem PGO-Komplex ist ein zweites System beigeordnet, das die Abfuhr motorischer Engramme so behindert, daß daraus Stoff für bildhafte Träume werden kann. Als es Jouvet gelang, diese Hemmungsleitung (durch Läsionen im Locus coeruleus alpha der Brücke) experimentell auszuschalten, schien er den besten Beweis für seine Annahmen erbracht zu haben: Anstatt bewegungslos zu halluzinieren, zeigten die Tiere nun ein spezifisches "Traumverhalten", das man wie auf einer Bühne beobachten konnte. Träume wurden jetzt szenisch ausagiert – die Katzen leckten ihr Fell, verfolgten Beute, fauchten gegen imaginäre Angreifer, entwickelten Zeichen von Angst und anderes mehr. Gab es einen schlagenderen Beweis dafür, daß Tiere träumen und daß es einen neuronalen Traumproduktionsapparat gibt?

Zur großen Enttäuschung vieler Neurophysiologen wiesen dann aber andere Traumforscher wie David Foulkes von der Emory-Universität in Atlanta (Georgia) und Inge Strauch in Zürich nach, daß beim Menschen REM-Aktivität keine notwendige Bedingung für Traumbildung ist. Wir können vollwertige bildhafte Traumvisionen, die sich von Träumen im REM-Schlaf formal und inhaltlich in nichts unterscheiden, ebensogut – wenn auch seltener – in Nicht-REM-Phasen erleben. Entscheidende Grundannahmen der Neurophysiologen sind damit ungültig geworden; die Gleich- und Ineinssetzung mentaler Prozesse (in diesem Falle des Traumes) mit neuronalen Vorgängen, die man als Isomorphismus bezeichnet, und das Kausalitäts-Primat der Physiologie sind widerlegt.

Jouvet hat diese Erkenntnis in seinem Buch ziemlich heruntergespielt. Es scheint ihn auch nicht sonderlich irritiert zu haben, daß das Schlafwandeln des Menschen, das seinem Traumverhalten so sehr gleicht, ebenfalls in Nicht-REM-Phasen auftritt. Traum-Physiologie und Traum-Psychologie sind ohne Zweifel aufeinander bezogen und bedingen einander; aber bisher weiß niemand, wie.

Schon gar nicht läßt sich sagen, wie sich neuronale und neurochemische Aktivitäten in sinnhafte Traumbilder und Empfindungen umsetzen oder auf das Gedächtnis einwirken. Diese Zusammenhänge sind nicht zu klären, solange wir nicht wissen, wie das menschliche Gedächtnis überhaupt beschaffen ist. Die Isomorphie-Hypothese ist dabei nur hinderlich, weil sie Phänomene gleichmacht, die völlig unterschiedlichen Kategorien angehören, und weil sie falsche Kausalitäten postuliert. So kritisch und faktenbezogen naturwissenschaftlich operierende Traumforscher gerne auftreten – wann immer sie ihre Köpfe aus ihren Laboratorien herausstrecken, neigen sie zu Übertreibungen und methodischen Unschärfen.

Jouvet ist ebenfalls Anhänger der Isomorphie-Hypothese, er ist aber zu klug und phantasievoll, um solche Ansichten starr und rechthaberisch zu behaupten. Das sieht man an den vielfach geäußerten Zweifeln, an seinen mit großer Spekulationslust vorgetragenen Hypothesen zur iterativen Reprogrammierung angeborenen Wissens (Kapitel 8) oder bei der methodisch rein psychologischen Untersuchung von Zeiterleben im Traum (Kapitel 3). Dazu paßt, daß es ihn jetzt gedrängt hat, über seinen Forschungsgegenstand einen Roman zu schreiben: "Das Schloß der Träume" (Byblos, Berlin 1993).


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1995, Seite 128
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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