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Pottwalakustik: Moby Dicks Boombox

Der Pottwal hat die größte Nase im Tierreich: Äußerlich erinnert sie an den Bug eines U-Boots, im Inneren jedoch ist sie völlig asymmetrisch aufgebaut. Ein neues Modell erklärt ihre Funktionsweise als Megaphon für die stärksten Laute von Lebewesen überhaupt.
Pottwal

Eine enorme Schallwelle trifft den Riesenkalmar. Vorübergehend verliert er die Orientierung und taumelt wehrlos weiter. Der Pottwal ist in 1000 Meter Meerestiefe nicht einmal als Schatten wahrnehmbar. Er packt die geortete Beute, zerrt sie trotz heftiger Gegenwehr unaufhaltsam nach oben und verschlingt sie schließlich lebendig in einem Stück.

Zwischen 50 und 100 mittelgroße Tintenfische erjagt ein ausgewachsener, bis zu 20 Meter messender männlicher Pottwal täglich. Die Weibchen des größten Raubtiers, das es je gab, werden halb so lang. Die gigantische "Nase", das hervorstechendste Merkmal dieses Zahnwals, macht hier etwa ein Viertel der Körperlänge aus, bei erwachsenen Bullen sogar bis zu einem Drittel. Wozu die gewaltige Nase dient – denn Pottwale können nicht riechen –, beschäftigt Walfänger und Forscher seit Jahrhunderten. Vor einigen Jahrzehnten hieß es, sie helfe, den Auftrieb bei Tauchgängen auszugleichen. Das ist aber nach neueren Befunden wenig plausibel. Wir haben nun ein anatomisches Modell des Pottwalkopfs entwickelt, in das sowohl akustische Analysen anderer Forschergruppen aus den letzten Jahren als auch eigene anatomische Daten eingingen. Damit konnten wir ein Funktionsmodell vorschlagen, welches beschreibt, wie ein tauchender Pottwal seine Schallemission (Vokalisationen) zu verschiedenen Zwecken modulieren kann.

Wie bei anderen Zahnwalen gehört die Echoortung mit sehr kräftigen Klicklauten zu den wichtigsten Anpassungen der Pottwale an den offenen Ozean. Hiermit orientieren sie sich auch bei völliger Dunkelheit – Jagdausflüge bis in 800 Meter Tiefe sind keine Seltenheit, und große Bullen tauchen manchmal sogar noch wesentlich tiefer. Denn jegliche Objekte, auf welche die Klicks treffen, reflektieren den Schall. Über einen Fettkörper im Unterkiefer hört der Wal die Muster der Echos, die er in seinem riesigen Gehirn augenblicklich in ein akustisches Bild seiner Umwelt umsetzt. Allerdings erfordert die Weite der Tiefsee einen extrem hohen Schalldruck. Dementsprechend erzeugt der Pottwal mit weit über 200 Dezibel die lautesten Vokalisationen im Tierreich. Diese energiereichen Klicks produziert er in der Nase, die somit vor allem eine enorme Schallkanone darstellt. …

September 2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft September 2015

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  • Quellen

Huggenberger, S. et al.: An Acoustic Valve Within the Nose of Sperm Whales Physeter Macrocephalus. In: Mammal Review 44, S. 81 - 87, 2014

Huggenberger, S. et al.: The Nose of the Sperm Whale: Overviews of Functional Design, Structural Homologies and Evolution. In: Journal of the Marine Biological Association of the United Kingdom, 2014