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Die neue Arche Noah

Um selten gewordene Tiere vor dem Aussterben zu retten, könnte man sie klonen. Der biotechnische Eingriff bietet sich besonders bei solchen gefährdeten Arten an, die sich allein nicht genügend vermehren oder deren Lebensraum schwindet. Leihmütter, die zu einer nicht bedrohten Art gehören, würden die Klone austragen.


Noah soll jetzt (im November 2000) zur Welt kommen – das erste geklonte Jungtier einer bedrohten Art. Seine "Mutter", die ihn austrug, ist ein Hausrind, eine Kuh in Iowa. Das Kalb Noah aber ist ein junger Gaur und damit ein Spross des größten heutigen Wildrindes, dessen Bullen mehr als zwei Meter hoch und über drei Meter lang werden.

In Indien, Indochina und Südostasien bewohnen die Gaure Wälder, Bambusdschungel und Grasländer. Von den massigen Rindern leben in freier Natur vermutlich noch höchstens 36000 Tiere in einigen Restpopulationen. Der Mensch bejagte den tonnenschweren Wiederkäuer über Generationen zum Zeitvertreib und zerstörte in letzter Zeit auch seinen Lebensraum immer mehr. Deswegen führt der Internationale Naturschutzverband (IUCN) den Gaur auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) verbietet den Handel mit Gauren: mit lebenden Tieren genauso wie mit ihren Hörnern, Fellen, Hufen und anderen Teilen.

Mit Noah beginnt eine neue Zeit der Schutzbemühungen um bedrohte Arten. Ihm sollen andere Jungtiere derselben und anderer seltener, gefährdeter Säugerarten folgen. Das eigentlich Aufregende an Noahs Geburt: Dieses Kalb stellt den quicklebendigen Beweis dafür dar, dass die "Leihmutter" für einen Klon – ein genaues Duplikat eines bestimmten erwachsenen Tiers – durchaus einer fremden Art angehören kann.

In ähnlicher Weise möchten wir zukünftig den Bongo – eine große afrikanische Antilope –, den Sumatra-Tiger und den Großen Panda (den Bambusbären) klonen, den Liebling von Zoobesuchern, der sich in Gefangenschaft schwer fortpflanzt. Vielleicht gelingt es uns sogar, einige jüngst ausgestorbene Säugetierarten oder Unterarten wieder zum Leben zu erwecken. Wir denken beispielsweise an den Pyrenäen-Steinbock, der eine Unterart des Spanischen (Iberischen) Steinbocks darstellt. Spanier nennen diese "Bergziege" Bucardo. Die letzte Bucardogeiß wurde vor einem Jahr von einem Baum erschlagen. Spanische Wissenschaftler haben von dem Tier aber Zellproben konserviert.

Dank der Fortschritte im Klonen könnten wir zum Beispiel bedrohte Arten retten, deren Lebensraum verschwindet, deren Vermehrung in Gefangenschaft aber sehr schwierig ist. Auf diese Weise würde man die Spezies solange erhalten und weiter vermehren, bis wir diesen Tieren wieder ausreichend natürlichen Lebensraum bieten können. Dann ließen sich die Tiere aus der Menschenobhut wieder auswildern.

Der größte Vorteil des Klonens gefährdeter Arten: Leben von einer Art nur noch wenige Tiere, sodass das Erbgut jedes einzelnen zählt, können wir mit Hilfe von Körperzellen die Gene jedes Einzeltiers in den Genpool der Art zurückbringen. Im Prinzip ließen sich Embryonen auch durch künstliche Befruchtung isolierter Eizellen erzeugen und dann auf Leihmütter übertragen. Doch die Praxis sieht vorläufig anders aus. Weder verfügen die meisten Zoos über eine entsprechende Ausstattung, um von den oft besonders heiklen Pfleglingen Samen zu gewinnen und fachgerecht einzufrieren. Noch lassen sich Eizellen ohne größeren Aufwand beschaffen; und sie werden durch Einfrieren beschädigt. Zum Klonen genügt es dagegen, Körperzellen aufzuheben. In solchen Gewebeproben bleiben auch die Gene des Tieres erhalten. Dieses Genmaterial könnte dazu beitragen, die genetische Vielfalt von bedrohten Populationen einer Art zu bewahren, vielleicht sogar zu bereichern.

Manche im Naturschutz tätigen Biologen können sich selbst mit inzwischen grundlegenden Verfahren einer "gestützten Fortpflanzung" nur langsam anfreunden, etwa mit Hilfsmethoden wie einer In-vitro-Fertilisation – also der Befruchtung des entnommenen Eies im Reagenzglas, das erst später einem Weibchen übertragen wird. Noch zögerlicher stehen viele Artenschützer dem Klonen als Maßnahme zum Arterhalt gegenüber. Sicher – auch wir plädieren dafür, alles zu tun, um vorrangig natürliche Lebensräume zu erhalten, Wildnisregionen für die ungeheure Vielfalt der Lebensformen. Doch leider ist diese Schlacht manchmal schon verloren, und in anderen Fällen sind die Aussichten gering, den Kampf noch zu gewinnen. Auch dann stellt Klonen zwar kein Allheilmittel dar. Aber die Technologie dürfte zumindest ermöglichen, ein paar der gefährdeten Arten zu retten, die sonst vielleicht untergingen.

Nun benötigt auch ein geklontes Säugetier noch immer eine "Mutter", der man den Embryo einpflanzt, die ihn austrägt und zur Welt bringt. Außerdem braucht man Eizellen, in die man das Erbgut des zu klonenden Tieres einbringt. Kaum ein Artenschützer würde aber wollen, dass dafür einige der letzten wildlebenden Weibchen einer gefährdeten Art eingefangen würden. Auch die in Zoos gehaltenen wenigen Individuen sind zu wertvoll, als dass man sie der Prozedur aussetzen wollte. Es gibt nur einen Ausweg: Weibchen von einer anderen, nicht bedrohten Art zu Hilfe zu nehmen; diese Tiere können Eizellen liefern beziehungsweise die Jungen austragen. Wir und andere Wissenschaftler suchen darum nach Wegen, Klone mittels Zellen zweier verschiedener Spezies zu erzeugen, Körperzellen der bedrohten Art und Eizellen einer anderen. Außerdem soll die zweite Art die Leihmütter stellen.

Zellen von zwei Tierarten für einen Klon

Die beiden verschiedenen Zellen zu vereinigen, wirkt äußerlich ganz einfach. Mit einer Hohlnadel muss man die äußere, schützende Glashaut des Eies durchstechen, das sich Stunden vorher noch in einem lebenden Eierstock befand. Dann saugt man damit den so genannten Polkörper und die Chromosomen heraus. Somit beraubt man die Eizelle ihres Kerns und damit fast all ihres Erbmaterials. Zurück bleibt ein Sack voller Zellplasma. Ein wenig Erbmaterial enthalten nun nur noch die Mitochondrien – Zellorganellen, die zur Zellatmung dienen. Jetzt injiziert man mit einer zweiten Hohlnadel eine ganze speziell kultivierte Körperzelle des Tiers, das geklont werden soll, unter die Glashaut des entkernten Eies. Ein sanfter Stromstoß sorgt anschließend dafür, das die beiden Zellen miteinander verschmelzen. Damit ist der Prozess des Klonens abgeschlossen. Das neue Gebilde, ein "früher Embryo", beginnt sich bald darauf zu teilen.

Im Idealfall bildet sich in den nächsten Tagen eine so genannte Blastocyste, ein frühes Embryonalstadium mit vielleicht hundert Zellen, das weit genug entwickelt ist, um es in die Gebärmutter eines Ersatzmuttertieres verpflanzen zu können. Zuvor wurde dieses Weibchen auf seine Rolle hormonell eingestimmt.

Doch in der Praxis erweist sich ein solcher "Kerntransfer" – wie die Wissenschaftler die Technik bezeichnen – alles andere als leicht. Unser Gaur-Projekt beschrieben wir kürzlich in der Wissenschaftszeitschrift "Cloning". Das Kalb Noah blieb als einziger von 692 Klonen übrig, die wir bei Advanced Cell Technology (ACT) in Worcester (US-Bundesstaat Massachusetts) aus Hautzellen eines Gaur-Bullen und entkernten Eizellen von Kühen erzeugten. Denn von den fast 700 frühen Embryonen entwickelten sich überhaupt nur 81 bis zu implantierbaren Blastocysten. 42 von diesen Embryonen konnten wir schließlich auf 32 Kühe übertragen. Von diesen behandelten Kühen wurden wiederum nur acht trächtig. Zwei der Feten entnahmen wir für wissenschaftliche Untersuchungen. Von den restlichen sechs Kühen hatten vier im zweiten oder dritten Monat der Trächtigkeit, die etwa neun Monate dauern sollte, einen Spontanabort. Eine weitere Kuh verlor das Kalb völlig unerwartet im letzten August im Spätstadium der Schwangerschaft.

Die geringe Erfolgsquote macht wieder einmal nur allzu deutlich, dass beim Klonen bisher ebenso viel Glück und Forschergeschick wie Wissenschaft im Spiel ist. Das gilt ganz besonders, wenn der Embryo in eine fremde Art eingepflanzt werden soll. Die beste Statistik erzielen andere Forscher und wir von ACT bisher mit dem Klonen von Hausrindern. Aber selbst in diesem Fall, bei dem Embryo und Leihmutter zur selben Art gehören, entwickeln sich von hundert frühen Embryonen nicht mehr als fünfzehn bis zwanzig zu Blastocysten. Und von denen entsteht nur etwa aus jedem zehnten ein lebend geborenes Kalb. Das bedeutet: Aus hundert erzeugten Klonen gewinnen wir nur ein oder zwei Kälber.

Die Schwierigkeiten rühren einerseits von Problemen beim Kerntransfer her. Wir hoffen, dass wir die Gründe dafür bald verstehen. Andererseits ist aber auch die Technologie der "gestützten Reproduktion" noch nicht genügend ausgereift.

Wir erwarten deswegen, dass die ersten Klone bedrohter Tiere von Arten mit gut erforschtem Fortpflanzungssystem stammen werden. Verschiedene Zoos und Naturschutzgesellschaften befassen sich bereits mit der Fortpflanzungsphysiologie einer Reihe bedrohter Arten. Auch unsere Arbeitsstelle, das Zentrum zur Erforschung bedrohter Arten am Audubon-Institut (AICRES) in New Orleans beteiligt sich daran. Wir haben einige beachtliche Erfolge vorzuweisen. So brachte vor einem Jahr eine Hauskatze eine lebende Afrikanische Wildkatze zur Welt. Dem Muttertier hatten wir einen vorher eingefrorenen Embryo der teils gefährdeten Wildkatze eingepflanzt.

Außer bei dieser Wildkatze und beim Gaur gelang anderen Forschern und uns in vier weiteren Fällen ein Embryotransfer auf eine fremde Art:

- Eine Hauskatze war Leihmutter für eine indische Wüstenkatze;

- eine Elenantilope, ein in Afrika häufiges Huftier, trug einen Bongo aus, eine der seltensten Antilopen;

- ein Hausschaf gebar ein Mufflon;

- ein Weißwedelhirsch, der in Nordamerika lebt, einen Rothirsch, der ebenfalls in der Neuen Welt vorkommt.

Von allen vier Arten erhielten wir lebende Junge – wohlgemerkt nicht Klone.

Vielleicht helfen die Erfahrungen mit den Katzenarten, eines Tages Geparden zu klonen. Von ihnen leben im südlichen Afrika allenfalls noch zwölftausend. Um sich zu paaren, brauchen diese schnellen Jäger ein ausgedehntes Territorium, wohl einer der Gründe, warum Geparden in Gefangenschaft so selten Nachwuchs haben. Der erhebliche Gebietsanspruch lässt umso mehr fürchten, dass diese Katze bei einer weiteren Verkleinerung ihres Lebensraums ausstirbt.

Eine der spektakulärsten Arten für die neue Arche Noah wäre der Große Panda, das Emblem des WWF (World Wide Fund For Nature). Von dieser Bärenart leben in den Bambuswäldern Chinas vermutlich noch höchstens tausend Tiere, auch wenn die Bestände sich in den letzten Jahren vielleicht stabilisiert haben. In Zoos gelten sie als Rarität. Zwar hat bisher noch niemand versucht, Embryonen des Pandas auf Weibchen anderer Arten zu überpflanzen. Doch andere die Fortpflanzung unterstützende Maßnahmen mussten die Tiere schon über sich ergehen lassen. Ein Pandapaar des Zoos von San Diego, das allein keinen Nachwuchs zu Wege brachte, bekam nach einer künstlichen Befruchtung im August 1999 ein Baby.

Internationale Projekte

Wir von ACT verhandeln zur Zeit mit der Regierung Chinas, den Großen Panda zu klonen. Erste Schritte dazu haben chinesische Wissenschaftler bereits unternommen. In der Augustausgabe der englischsprachigen Zeitschrift "Science in China" von 1999 berichteten Dayuan Chen und seine Kollegen, sie hätten erfolgreich Muskel-, Gebärmutter- und Milchdrüsenzellen des Großen Pandas mit Eizellen von Kaninchen verschmolzen. Die Klone hätten sie im Labor dazu gebracht, sich zu Blastocysten zu entwickeln.

Als Leihmütter des Bambusbärs kämen Kaninchen natürlich nicht in Frage. Unsere chinesischen Kollegen und wir möchten Pandas vielmehr von amerikanischen Schwarzbärinnen austragen lassen, von denen wir Eizellen während der Jagdsaison im Herbst gewinnen. In die Eizellen möchten wir Gewebezellen eines männlichen und eines weiblichen Pandas einbringen, die im Zoo von Washington starben. Die Embryonen wollen wir einer Schwarzbärin einpflanzen. Dass sich Schwarzbärweibchen als Leihmütter eignen, haben Forscher von Bear Country USA in Rapid City (US-Bundesstaat South Dakota) bereits gezeigt. Eine Schwarzbärin brachte das Junge einer Artgenossin zur Welt, das ihr als Embryo eingepflanzt worden war. Den Befund veröffentlichten die Forscher 1999 in der Zeitschrift "Theriogenology".

Für andere Projekte hoffen die Wissenschaftler bei AICRES, auch auf die Erfahrungen zurückgreifen zu können, die der Zoo von Cincinnati (US-Bundesstaat Ohio) mit Bongos machte. Beteiligt an dem Projekt zum Erhalt dieser Antilopenart war eine von uns (Dresser), die damals an dem Zoo beschäftigt war, außerdem Charles Earle Popevu von der Universität von Alabama in Birmingham, der jetzt bei AICRES und an der Louisiana State University arbeitet. Schon 1984 konnten wir die Geburt eines Bongokalbs vermelden, das eine Elenantilope zur Welt gebracht hatte. Die Forscher hatten einem trächtigen Bongoweibchen sehr frühe Embryonen entnommen und der Elenkuh eingepflanzt.

Am stärksten ist der Bergbongo gefährdet. Schon heute leben die meisten Tiere dieser Unterart in Menschenobhut. Laut IUCN behaupten sich nur noch ungefähr fünfzig Bergbongos in einem kleinen Gebiet in Kenia. In Vergleich dazu verzeichnete das Internationale Zuchtbuch für 1999 fast 550 Bergbongos in Zoos. Vom Tieflandbongo dürften noch mehrere Tausend Tiere in Zentral- und Westafrika existieren. Diese Unterart wird zur Zeit als "beinahe gefährdet" eingestuft. Mehrere kenianische und amerikanische Naturschutzorganisationen planen, Bergbongos aus Zoo-Nachzuchten in zwei Gebieten Kenias anzusiedeln. AICRES arbeitet in Kenia in einem Projekt, bei dem Bongoembryonen, die eingefroren waren, auf Elenkühe übertragen werden sollen. Auch diese Kälber könnten helfen, die Bestände zu vergrößern. Wenn wir außerdem Bongos klonen und die Klone von Leihmüttern aufziehen lassen, könnten wir die Bemühungen um den Erhalt dieser Art unterstützen.

Wie steht es aber um bereits ausgestorbene Arten? Werden wir manche von ihnen durch Klonen wieder zum Leben erwecken können? Mit Dinosauriern oder Mammuts dürfte das in absehbarer Zeit wohl kaum gelingen. Als Haupthindernis steht dem entgegen, dass es an genügend gut konservierten Geweben mit einigermaßen erhaltener DNA mangelt. Erst kürzlich wurden Forscher enttäuscht: Sie hatten gehofft, das Erbgut eines gefrorenen Mammuts aus Sibirien zu gewinnen. Doch offenbar war der Körper im Laufe der Zeit mehrfach aufgetaut und erneut eingefroren. Dadurch entstanden in den Erbsequenzen Lücken. Noch wissen die Molekularbiologen keinen Weg, diese wieder zu füllen.

Australische Forscher würden gern den Beutelwolf klonen, der in den dreißiger Jahren ausstarb. Sie kämpfen dabei mit ähnlichen Schwierigkeiten. Mitarbeiter des Australien Museum Sydney möchten Zellen eines Beuteljungen klonen, das seit 1866 in Alkohol liegt. Seine DNA ist aber in einem so schlechten Zustand, dass die Wissenschaftler praktisch alle Chromosomen rekonstruieren müssen.

Der Pyrenäen-Steinbock oder Bucardo hingegen ließe sich vielleicht wirklich wieder zum Leben erwecken. Alberto Fernandez-Arias von der Landwirtschafts-Forschungsanstalt im spanischen Saragoza, der Gewebe der letzten Bucardogeiß einfror, kämpfte wie sein Kollege José Folch jahrelang um die letzten dieser Steinböcke. Dennoch wurde der kleine Bestand durch Wilderei, Zerstörung seines Lebensraums und Bergrutsche ausgelöscht. Vor zwei Jahren gelang es den spanischen Forschern, Embryonen einer anderen Unterart des Spanischen Steinbocks in eine Hausziege zu verpflanzen, die auch tatsächlich lebende Junge warf.

Um den Pyrenäen-Steinbock zu klonen, will ACT mit den Spaniern zusammenarbeiten. Doch aus den vorhandenen Zellproben können wir natürlich allenfalls genetisch identische Weibchen erhalten. Wir planen deswegen, männliche Zellen eigens herzustellen: Dazu wollen wir einer vorhandenen weiblichen Zelle eines ihrer beiden X-Chromosomen entnehmen und dieses durch ein Y-Chromosom eines nah verwandten Steinbocks ersetzen. Für den Menschen wurde für solche Manipulationen an den Chromosomen eine Technik entwickelt, bei der man künstliche "Mikrosomen" verwendet. Zum Klonen hat dieses Verfahren bisher aber niemand eingesetzt. Eine eigens gegründete Sponsororganisation, die "Soma Foundation", unterstützt das Vorhaben.

Klone aus dem Tiefkühlzoo

Das Klonen gefährdeter Arten bietet immer noch Anlass zu Kontroversen. Wir vertreten die Ansicht, dass diese Methode neben anderen Anstrengungen um den Erhalt gefährdeter Arten ihren Platz hat. Einige Forscher halten dagegen, Klonen würde die ohnehin schwindende genetische Vielfalt solcher Arten noch weiter einschränken. Das sehen wir anders. Wir plädieren dafür, soweit als möglich von allen Individuen gefährdeter Arten Gewebeproben einzufrieren und in einem weltweiten Netz verfügbar zu halten. Viele Tiergärten haben bereits "Tiefkühlzoos" mit Sperma und Eizellen von Insassen eingerichtet. Ähnlich könnte eine Sammlung von Körperzellen ein genetisches Guthaben darstellen, aus dem sich ganze Populationen wieder aufbauen lassen. Erschwinglich wäre dies allemal. Leider unterhalten bisher nur zwei Stellen solche Zellbanken: AICRES und das Zentrum zur Reproduktion gefährdeter Arten (CRES) am Zoo San Diego.

Andere Kritiker befürchten, die Bemühungen um den Erhalt der Lebensräume von bedrohten Arten würden in den Hintergrund gedrängt, wenn die Tiere geklont werden können. Auch wir halten den Lebensraumschutz für das Fundament zum Artenerhalt. Nur sind manche Länder einfach so arm und die Verhältnisse mancherorts so instabil, dass diese Regionen dauerhafte Schutzmaßnahmen einfach nicht durchsetzen können. Überdies wird wahrscheinlich auch einigen anderen heute noch nicht unmittelbar gefährdeten Arten wegen der wachsenden Weltbevölkerung irgendwann nicht mehr genug Lebensraum bleiben. Wenn wir solche Tiere mit Hilfe anderer Arten durch interspezifischen Kerntransfer klonten, ließe sich dennoch ein umfangreicher Genpool bewahren. Entsprechend große Populationen in Gefangenschaft zu erhalten, die eine ausreichende genetische Mannigfaltigkeit gewährleisten, wäre besonders bei großen Tieren sehr kostenträchtig.

Manche Gegner befürchten, unser Vorhaben könnte Spendengelder von Artenschutzprojekten abziehen, die für den Erhalt der Lebensräume kämpfen. Aber nicht jeder potenzielle Spender möchte Bemühungen unterstützen, die Lebensraumzerstörung abzuwehren. Wir sollten berücksichtigen, dass Menschen, die für Artenschutz um jeden Preis kein Geld aufbringen würden, das Klonen oder andere Methoden künstlicher Fortpflanzung vielleicht gern fördern. – Es ist Zeit zum Handeln.

Literaturhinweise


Klonen für medizinische Zwecke.Von Ian Wilmuth in: Spektrum der Wissenschaft, April 1999, S. 34. Biodiversity Hotspots for Conservation Priorities. Von N. Myers et al. in: Nature, Bd. 403, S. 853. 24. Febr. 2000.

Preservation of Endangered Species and Populations: A Role for Genome Banking, Somatic Cell Cloning, and Androgenesis? Von G. E. Corley-Smith & B. P. Brandhorst in: Molecular Reproduction and Development, Bd. 53, Heft 3, Juli 1999, S. 363.


Der neue Hund soll wieder der alte sein


Schafe, Rinder, Ziegen und Labormäuse vermochten Wissenschaftler schon erfolgreich zu klonen, nicht aber gewöhnliche Katzen und Hunde. Von Katzen konnten unsere beiden Forscherteams geklonte Embryonen erzeugen und diese auch in Katzenweibchen einpflanzen, doch sie wurden bisher nicht voll ausgetragen. Das Klonen von Hunden bereitet wegen deren besonderem Fortpflanzungssystem noch mehr Schwierigkeiten.

Wir erwarten aber, dass wir diese Probleme bald meistern werden. Die Erkenntnisse lassen sich dann sicherlich auch im Artenschutz bedrohter Raubtiere einsetzen. Bei ACT wollen wir neben Heim- auch Gebrauchstiere klonen, die sich besonders bewährt haben: etwa Polizei- und Blindenhunde oder Vierbeiner, die man bei Verhaltenstherapien einsetzt. Das Audubon-Institut und die Louisiana State University möchten sich zusammen mit der Firma Lazaron BioTechnologies in Baton Rouge (US-Bundesstaat Louisiana) vor allem auf Heimtiere konzentrieren.

Erstaunlich viele Menschen können sich vorstellen, ein ihnen nahe stehendes Tier klonen zu lassen. Sie hoffen, dadurch wieder einen Vierbeiner mit ähnlichen Verhaltenseigenschaften zu erhalten. Schließlich beruht nach heutiger Auffassung ein gut Teil des Wesens von Katzen und Hunden auf genetischen Anlagen. Gegen das Klonen von geliebten Haustieren ließe sich einwenden, dass in der Welt genug Hunde und Katzen leben, die ein Zuhause gebrauchen könnten. Viele Tierliebhaber legen aber auf bestimmte Verhaltenseigenschaften Wert, welche die Züchter immer noch in altbewährter Manier durch gelenkte natürliche Fortpflanzung hervorrufen.

Klonen wäre hier eine effizientere Alternative, vor allem bei Gebrauchshunden. Derzeit werden zum Beispiel männliche Blindenhunde früh kastriert, damit sie sich besser auf das Training konzentrieren. Wenn sich ein solcher Hund später als besonders gut erweist, kann er seine Anlagen nicht mehr weitergeben.

ACT und einige andere Firmen bieten Tierärzten bereits Ausstattungen an, um Hautproben von Heimtieren zu gewinnen. Ein Labor züchtet daraus dann reine Zell-Linien, die sich zum Klonen eignen. Die ebenfalls benötigten Eizellen gewinnen wir bei ACT aus Eierstöcken, die beim Sterilisieren von Hunden und Katzen anfallen. Sämtliche erkennbaren Follikel stechen wir an und lassen die daraus hervorgeholten Eizellen in einem speziellen Nährmedium reifen, dem wir Hormone, Proteine und Nährstoffe zusetzen. Erst die reifen Eizellen verwenden wir zum "Kerntransfer". Dabei wird eine ihres Genmaterials beraubte Eizelle mit einer gezüchteten Zelle samt Zellkern des Tieres verschmolzen, das geklont werden soll.

Unser Hauptaugenmerk gilt bisher der Hauskatze, denn deren Fortpflanzungsbiologie ist vergleichsweise gut erforscht. So warfen Katzen bereits lebende Junge, nachdem ihnen normal entstandene Embryonen eingepflanzt worden waren. Dies gelang sowohl bei Übertragung von frühen wie späten Embryonen. Außerdem konnten unsere beiden Forschergruppen Kultursysteme etablieren, um Katzen-Eizellen im Labor zur Reifung zu bringen. Wir können von Katzen inzwischen auch zuverlässig geklonte Embryonen produzieren, die in Empfängertiere eingepflanzt werden.

Hunde bereiten bisher wesentlich mehr Schwierigkeiten, denn ihre Fortpflanzungsphysiologie ist innerhalb der Säuger recht einmalig. Die Eier sind bei der Ovulation noch so unreif, dass sie danach eine sehr lange Reifungszeit benötigen. Das System, das wir für Katzeneier verwenden, können wir hier deswegen nicht gebrauchen. Eine andere Folge ist, dass wir am Ende über erheblich weniger Eier verfügen. Die Katzen werden den Hunden um einige Schnauzenlängen voraus sein – beim Klonen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001, Seite 34
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001

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