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Biologie: Die sexuelle Evolution

Partnerwahl und die Entstehung des Geistes
Aus dem Englischen von Jorunn Wissmann. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2001. 576 Seiten, € 29,95


Alle Lebewesen sind an die ökologischen Gegebenheiten ihres speziellen Lebensraumes (Feinde eingeschlossen) durch gewisse genetisch festgelegte Merkmale angepasst. Durch Mutation entstehen genetische Varianten, die unterschiedliche Fortpflanzungsraten aufweisen. Das wiederum hat zur Folge, dass schließlich die am besten an die Umwelt angepassten Varianten vorherrschen; das nennt man natürliche Selektion.

Der englische Kognitionspsychologe Geoffrey F. Miller trägt nun überzeugend sein Argument vor, dass zum Entstehen vieler Merkmale von Tieren und Menschen die sexuelle Selektion eine viel wichtigere Rolle gespielt hat als die natürliche. Selbst bei einem ideal an den Lebensraum angepassten Individuum hängen die Fortpflanzungs-Chancen entscheidend davon ab, ob es einen Paarungspartner gewinnt. Die dafür unterschiedlich ausgerüsteten Mutanten unterliegen nun einer Selektion, die von gleich- und gegengeschlechtlichen Artgenossen ausgeht.

Da ein Männchen mehr Nachkommen haben kann als ein Weibchen, müssen Männchen um Gelegenheiten zur Paarung konkurrieren. Sie tun das, indem sie Rivalen bekämpfen und Weibchen umwerben. Für ihren Erfolg sind in beiden Fällen körperliche, physiologische und Verhaltens-Eigentümlichkeiten entscheidend, die mit Angepasstheit an den Lebensraum nichts zu tun haben und ihr – wie viele auffällige bis bizarre Körperauswüchse sowie Kampf- und Balzrituale – oft sogar entgegen wirken.

Gegen Rivalen entscheiden Größe, Kraft, Ausdauer und Verhaltenstaktiken, aber auch besondere Methoden der Spermienkonkurrenz im Körper des Weibchens, wenn dieses mit mehreren Männchen kopulierte. Um die Aufmerksamkeit und Paarungsbereitschaft des Weibchens zu erringen, kommt es auf verschiedenste weibliche Vorlieben an. Das Überangebot an Männchen erlaubt den Weibchen strenge Auswahlkriterien, die dann besonders effektiv sind, wenn sie sich auf genetische Eigenschaften des Männchens richten, die mit hoher Überlebenswahrscheinlichkeit der Nachkommen einhergehen. Es können beliebige Eigenschaften sein, wenn sie nur so kostspielig sind, dass allein Top-Männchen sie sich leisten können.

So viel erfährt der Leser, mit einigen Umwegen und ablenkenden Plaudereien, in den ersten fünf Kapiteln. Ab Kapitel 6 geht es um den Menschen. Und nun nehmen Vermutungen und hübsch gedachte Möglichkeiten überhand. Zwar heißt es immer wieder "eventuell", "vielleicht", "könnte" und "möglicherweise", es geht dann aber mit dem Fraglichen weiter, als sei es erwiesen. So wird das Sachbuch dann doch zur – durchaus intelligent und eindringlich geschriebenen – Unterhaltungslektüre. Und weil der Autor davon fasziniert ist, was alles am Menschen durch sexuelle Auswahl erklärbar sein könnte (Penis, Brüste, Taille, Gehirngröße, Kunst, Schmuck, Humor, Sprache, Verspieltheit, Kreativität), ist das Buch so ausschweifend dick geworden.

Der Epilog verheißt den Kognitionswissenschaften, dass "Wahrnehmung, Kategorisierung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Schlussfolgerung und Kontrolle der Körperbewegungen sich möglicherweise alle unter einem gewissen Einfluss der sexuellen Auswahl entwickelt haben – oder auch nicht". Eben!

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2002, Seite 106
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2002

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