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Die Sonne, Stern unserer Erde

Aus dem Amerikanischen
von Anita Ehlers.
Springer, Berlin 1996.
300 Seiten, DM 78,-.

Der Autor ist Radioastronom und Professor für Astronomie an der Tufts-Universität in Medford (Massachusetts). Über den Zweck und die wesentlichen Inhalte des Buches gibt er in einem langen Vorwort Auskunft: Er will darlegen, wie sich die Kenntnis der Sonne und ihrer Wechselwirkung mit der Erdatmosphäre durch neue Forschungsergebnisse entwickelt hat. Dazu gehören Messungen der Ultraviolett- und der Röntgenstrahlung aus der Sonnenatmosphäre, aber auch der Neutrinos aus dem Sonneninneren. Der Leser soll erfahren, wie die Polarlichter entstehen und welche Einflüsse Schwankungen der Aktivität der Sonne möglicherweise auf das Klima auf der Erde haben können.

Der Autor löst diesen Anspruch ein – aber er kann selbstverständlich nicht vorhersagen, ob die Sonne uns in den nächsten Jahrzehnten eine Eiszeit oder eine weitere Erwärmung der Erde bescheren wird. Dazu sind die Fakten und kausalen Zusammenhänge zu unsicher bekannt.

Einige künstlerische Photos und Reproduktionen moderner Gemälde, die irgendwie zum Thema Sonne und Sonnenlicht passen, sind in das erste Kapitel und jeweils an den Anfang der weiteren neun eingefügt. Dadurch macht das Buch einen sehr bebilderten Eindruck. Glossar, Literaturverzeichnis und Register sind recht reichhaltig.

Der Text ist gut lesbar und enthält nur wenige Fehler. Aber an den wenigen erkennt man, daß der Autor kein Fachmann für Sonnenforschung ist: Joseph Fraunhofer (1787 bis 1826) ist nicht der Entdecker der nach ihm benannten Fraunhoferschen Linien; der britische Naturforscher William Hyde Wollaston (1766 bis 1828) war ihm 1802 zuvorgekommen. Das Maß der Sonnenaktivität, bestimmt aus den in Gruppen auftretenden Sonnenflecken, ist nicht die Sonnenfleckenzahl, sondern die Sonnenfleckenrelativzahl, gebildet aus der zehnfachen Gruppenzahl erhöht um die Fleckenzahl sowie einer Normierung, welche die Teleskopgröße und die Erfahrung des Beobachters berücksichtigt. Im Glossar wird eine Granule als etwa kreisförmiger Bereich beschrieben, während Granulen in Wirklichkeit ausgesprochen eckig und oft länglich, aber praktisch nie kreisförmig auftreten; wer sich das einzige Granulationsbild im Buch mit einer Lupe anschaut, kann das bestätigen.

Die Übersetzung ist – außer im Glossar – ebenso gut lesbar wie das Original, das 1995 unter dem Titel "Sun, Earth and Sky" ebenfalls im Springer-Verlag erschienen war. Einige schiefe Formulierungen, wenn etwa aus der Spektrallinie des einfach ionisierten Calciums eine einzelne ionisierte Calciumlinie wird oder ein neuer deutscher Terminus "Limbus" für den Sonnenrand eingeführt wird, hätte ein Fachmann vielleicht bereinigt. Erfreulich ist, daß das Literaturverzeichnis gegenüber dem Original um deutschsprachige Titel ergänzt wurde.

Dagegen ist unverständlich, warum die Bearbeiter der deutschen Ausgabe bei der Abbildung einer Sonnenfinsternis einen Hinweis auf angeblich sichtbare dunkle lunare Maria (Lavafluß-Ebenen) und helle Mondebenen eingefügt haben, die man auf dem Bild nicht erkennen kann. Zudem wäre etwa ein aktualisierender Hinweis darauf, daß der Satellit SOHO im Dezember 1995 gestartet wurde, angebracht gewesen.

Das Buch wird im Umschlagtext für Fachkundige und Astronomie-Interessierte angekündigt. Für diesen Leserkreis hätte sich doch wenigstens eine wirklich rote Sonnenaufnahme finden lassen sollen; es ist ärgerlich, wenn häufig von der roten Sonne und der Wasserstoff-alpha-Linie geschrieben wird, aber die Bilder dann doch nur schwarz-weiß sind. Unbefriedigend ist auch, daß – bis auf zwei Ausnahmen – bei Bildern in Falschfarben die Farbskalen für die Umsetzung der Meßwerte fehlen.

Zu oft hat der Autor statt zum Text passender Illustrationen die Lieblingsbilder seiner Kollegen verwendet. Es müßte doch eigentlich Aufnahmen der gesamten Sonne im Radio- und im Röntgenbereich geben, die annähernd vom selben Zeitpunkt stammen und nicht um zehn Jahre auseinanderliegen. In Bildern, die Detailphänomene der Sonne zeigen, fehlt oft eine Größenskala. In den meisten schematischen Darstellungen der Heliosphäre und von Raumsondenbahnen sind die Größen- und Abstandsverhältnisse verzerrt, ohne daß im Text darauf hingewiesen würde.

In den vergangenen Jahrzehnten sind im deutschsprachigen Raum zahlreiche Bücher aus demselben Themenbereich erschienen. Dieses erfüllt trotz einiger Mängel in Inhalt, Bildmaterial und Aktualität mittlere Ansprüche, allerdings zu einem hohen Preis.

Für eine Neuauflage wären zwei Ergänzungen wünschenswert: Fast alle untersuchten Phänomene und Modellrechnungen in der Sonnenforschung liegen heute in Zeitreihen vor. Dies kommt im Buch zu kurz; es werden nur an drei Stellen zeitliche Entwicklungen in Bildern gezeigt. Eine Ergänzung etwa in Form einer CD-ROM mit Videosequenzen wäre sinnvoll. Und für aktuellere Bilder und Resultate sollten Adressen im World Wide Web angegeben werden, etwa die der SOHO-Galerie (http://sohowww.nascom.nasa.gov/gallery).



Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1997, Seite 114
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1997

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