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Die Sprachenvielfalt der Welt

Erstbesiedlung, Ausbreitung der Landwirtschaft, Völkerwanderung, Handel und Eroberung sind die wesentlichen Ursachen dafür, daß eine Sprache sich in einem Gebiet durchsetzt. Ein Zusammenwirken vieler Disziplinen erlaubt es, diese Geschichte für die ganze Erde im einzelnen zu rekonstruieren.

Im 5. Jahrhundert vor Christus notierte der antike Geschichtsschreiber Herodot, der ägyptische Pharao Psammetich I. (Regierungszeit 664 bis 610 vor Christus) habe zwei Neugeborene in völliger Isolation aufziehen lassen, bis sie miteinander zu sprechen begannen. Ihre erste Äußerung sei "bekos" gewesen: das Wort für Brot in der anatolischen Sprache Phrygisch, wie die Hofschreiber herausfanden. Sie schlossen daraus, daß Phrygisch die Ursprache der Welt sei.

Über lange Zeit war die Qualität der einschlägigen Forschung nicht wesentlich besser als dieses abstruse Experiment. Bis zum 19. Jahrhundert waren die Spekulationen über den Ursprung der menschlichen Sprache gar so inhaltsleer geworden, daß die Pariser linguistische Gesellschaft das Thema aus ihren Diskussionen verbannte.

Inzwischen jedoch haben Fortschritte in der Archäologie, der Genetik und der Sprachwissenschaft selbst endlich Möglichkeiten eröffnet, die Vielfalt der Sprachen auf der ganzen Erde und ihre Entstehung plausibel nachzuvollziehen. Einzelheiten sind noch heftig umstritten, und jeder Versuch einer Synthese kann bislang nur vorläufig sein; aber die großen Linien beginnen sich abzuzeichnen.

Die Linguisten können ihre Hypothesen auf den Ertrag von 200 Jahren Forschungsarbeit gründen. Manche Sprachen sind einander im Wortschatz, in der Grammatik, der Wortbildung und der Aussprache so ähnlich, daß sie von einem gemeinsamen Vorläufer abstammen müssen. Die berühmteste frühe Zu-sammenfassung zu einer solchen Sprachfamilie unternahm 1786 Sir William Jones (1746 bis 1794), ein britischer Richter am Gerichtshof von Kalkutta: Er erkannte Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Sanskrit, Lateinisch, Gotisch und Persisch. Diese Familie nennen wir heute Indoeuropäisch; im deutschen Sprachraum ist die Bezeichnung Indogermanisch üblich.


Die Problematik von Stammbäumen

Spätere Generationen haben die analytischen Methoden dieses Pioniers weiterentwickelt und verfeinert. Heutzutage vergleicht die historische Sprachwissenschaft, die aus der Indogermanistik entstanden ist, systematisch die Sprachen einer Familie und rekonstruiert aus dem gewonnenen Material eine hypothetische gemeinsame Protosprache, aus der alle anderen enstanden seien.

Nach dem gleichen Prinzip, nämlich anhand gegenwärtig zu beobachtender Daten Abstammungsverhältnisse aufzuklären, arbeitet auch die Evolutionsbiologie. Von jeher versuchen ihre Vertreter, von anatomischen und physiologischen Merkmalen auf die genetische Verwandtschaft von Arten zu schließen. In den letzten Jahrzehnten haben sie dieses Verfahren auf molekulare Merkmale ausgedehnt: auf gewisse Nukleotidsequenzen der Erbsubstanz DNA. In beiden Fällen ergibt sich eine Klassifikation, die ausschließlich auf Eigenschaften jetzt lebender Organismen beruht, eine phänetische Taxonomie.

Häufig kann man die relative Ähnlichkeit taxonomischer Einheiten – Arten oder Sprachen – in einem Baumdiagramm wiedergeben (Bild 2). Seit Charles Darwin (1809 bis 1882) neigen die meisten historisch arbeitenden Wissenschaftler einschließlich der Linguisten und der Paläontologen dazu, einen solchen phänetischen Baum mit dem echten (phylogenetischen) Familienstammbaum zu identifizieren. Man unterstellt also, die Entwicklungslinien hätten sich in der zeitlichen Abfolge und nach dem Muster des phänetischen Diagramms getrennt.

Dahinter stecken einige nicht unproblematische Annahmen. Unter anderem muß man voraussetzen, daß der evolutionäre Wandel mit annähernd konstanter Rate stattgefunden habe. In einem Zeitraum von beispielsweise 1000 Jahren, einerlei ob in prähistorischer oder jüngster Vergangenheit, hätte sich stets ungefähr die gleiche Anzahl neuer Wörter in einer Sprache – oder Mutationen innerhalb einer Art – etabliert. Dementsprechend hätten sich räumlich getrennte Sprachen beziehungsweise Arten mit konstanter Geschwindigkeit auseinanderentwickelt.

Wenn das nicht zutrifft, können leicht Fehlschlüsse unterlaufen. Man stelle sich etwa vor, das Englische und das Deutsche hätten sich später getrennt, als das Dänische sich von der allen drei gemeinsamen Wurzel abspaltete. Der richtige Stammbaum würde dann Englisch und Deutsch gemeinsam auf einem Zweig und Dänisch auf einem anderen verzeichnen. Man nehme weiter an, Deutsch und Dänisch hätten sich seither wenig, Englisch aber stark verändert. Dann wären Deutsch und Dänisch einander nach wie vor sehr ähnlich und Englisch von beiden deutlich verschieden. Ein Sprachwissenschaftler ohne andere Erkenntnisquellen würde deshalb fälschlich Deutsch und Dänisch zusammenfassen, dem Englischen aber einen getrennten Zweig zuweisen.

Eine weitere Grundannahme besagt, daß Ähnlichkeiten auf gemeinsame Abkunft zurückzuführen seien und auf nichts sonst. Das trifft in der Biologie nicht immer zu, denn es gibt Konvergenz: Ähnlichkeiten, die nicht durch Abstammung, sondern beispielsweise durch Anpassung an gleiche Umweltbedingungen zu erklären sind wie die Flossen der Fische und der Wale.

Konvergenz im linguistischen Sinne tritt auf, wenn gleichzeitig gesprochene Sprachen einander durch Entlehnung von Wörtern, Phrasen und grammatischen Formen beeinflussen. Der fast universelle Gebrauch des amerikanischen idiomatischen Ausdrucks "okay" in Nordeuropa ist ein Beispiel. Weil Entlehnung selten die Grundelemente einer Sprache betrifft, kann man sie in der Regel erkennen. Die Fachleute sind sich allerdings nicht einig darüber, welche Indizien als Beweis für eine Entlehnung ausreichen; immerhin gibt es auch zufällige Ähnlichkeiten.

Innerhalb der Sprachwissenschaft ist die Begeisterung für universelle Sprachenstammbäume alles andere als ungeteilt. Seit vielen Jahren sind zwei gegnerische Denkschulen deutlich erkennbar: die der "Spalter" und die der "Vereinheitlicher".

Erstere betonen eher die Unterschiede, die Sprachen als nicht verwandt erscheinen lassen, und klassifizieren diese in kleine, voneinander unabhängige Gruppen. Um falsche Verwandtschaftshypothesen nicht aufkommen zu lassen, legen sie strenge Maßstäbe an: Eine Gruppe von Sprachen dürfe erst dann als Familie gelten, wenn eine Reihe von Ähnlichkeiten und Entsprechungen zwischen ihnen nachgewiesen sei. Aus genau diesen müsse man auch die hypothetische Ursprache dieser Familie rekonstruieren.

Die Vereinheitlicher hingegen halten bereits weniger Indizien für ausreichend, um Verwandtschaftsbeziehungen zu behaupten. Zwar befassen sich einige unter ihnen mit der Rekonstruktion von Protosprachen, andere halten aber selbst das für entbehrlich.

Gleichwohl ist die Existenz verschiedener Sprachfamilien im wesentlichen unbestritten. Dazu zählen die indoeuropäische, die afroasiatische (früher hamitosemitisch genannt), zu der die semitischen Sprachen und die meisten Sprachen Nordafrikas gehören, und die uralische Familie, die unter anderem Finnisch und Ungarisch umfaßt. Ob man gewisse andere Gruppen Familien nennen darf, ist weit weniger klar.

Neue Ideen aus Linguistik...

Im Jahre 1963 gelang dem Sprachwissenschaftler Joseph H. Greenberg von der Universität Stanford (Kalifornien) ein entscheidender Schritt vorwärts auf dem Weg der Vereinheitlichung: Er gliederte die Sprachen Afrikas nahezu erschöpfend in nur vier Makrofamilien, nämlich Afroasiatisch, Khoi-San, Niger-Kordofanisch und Nilo-Saharanisch. Anstatt nach der bevorzugten Methode der Linguistik einzelne Wörter zu vergleichen, arbeitete er mit einem Massenvergleich, der sogenannten multilateralen Analyse (Kasten auf Seite 77).

Trotz der Einwände der Spalter haben sich viele Gelehrte der Klassifikation Greenbergs für Afrika angeschlossen. Vor kurzem hat er sein Verfahren auf die Sprachen Nord- und Südamerikas angewandt und damit drei wichtige Familien oder Makrofamilien identifiziert (siehe seinen Artikel "Der Sprachstammbaum der Ureinwohner Amerikas" gemeinsam mit Merritt Ruhlen, Spektrum der Wissenschaft, Juli 1994, Seite 58). Zwei davon, nämlich Eskimo-Aleutisch und Na-Dené, fanden allgemeine Zustimmung. Dagegen stieß seine Restklasse "Amerindisch", welche die meisten Eingeborenensprachen Amerikas zu einer einzigen Makrofamilie zusammenfaßt, auf heftige, bisweilen beißende Kritik.

Als Archäologe will ich mich zumindest vorläufig eines Urteils über die Gültigkeit dieser Makrofamilien-Rekonstruktion und anderer enthalten, welche der freischaffende Sprachwissenschaftler Merritt Ruhlen aus Palo Alto (Kalifornien), ein ausgewiesener Vereinheitlicher, unterbreitet hat. Statt dessen setze ich die umstrittenen Familien in Anführungszeichen (Bild 1), lasse die Frage nach ihrem Wesen offen und wende mich einer konkreteren Frage zu: Wie kam es zu der gegenwärtigen Verteilung der Sprachen?


... und Archäologie

In den letzten Jahren sind aus zwei archäologischen Richtungen Lösungsansätze gekommen. Einer hat mit der Evolution unserer Art zu tun, der andere mit der Evolution unserer Kultur.

Wir wissen über die frühen Hominiden wesentlich mehr als noch vor zwanzig Jahren. Keiner bezweifelt mehr, daß die Gattung Australopithecus vor vier bis fünf Millionen Jahren in Afrika auftrat. Ebenfalls dort entwickelte sich vor etwa 1,6 Millionen Jahren der früheste Vertreter unserer Gattung, Homo erectus, der sich nach Asien und Europa ausbreitete; Fossilien und Artefakte von ihm sind auf allen drei Kontinenten gefunden worden. Unsere eigene Art, Homo sapiens, geht mit Sicherheit auf Homo erectus zurück und hat seit mehr als 100000 Jahren ihre gegenwärtige Gestalt als anatomisch moderner Mensch, Homo sapiens sapiens.

Nach Überzeugung der meisten Archäologen fand dieser Prozeß ausschließlich in Afrika statt. Eine alternative Hypothese verlegt den Übergang vom Homo erectus zum Homo sapiens in ein größeres Gebiet und postuliert, er könne sich mehrfach - auch in Asien und vielleicht sogar Europa – ereignet haben; aber die genetischen Befunde stützen vorerst eher die sogenannte Out-of-Africa-Theorie (vergleiche die Kontroverse zum Thema in Spektrum der Wissenschaft, Juni 1992, Seiten 72 bis 87).

Diese vorausgesetzt, können wir die Entstehung des Homo sapiens sapiens in Afrika ungefähr auf die Zeit vor 100000 Jahren ansetzen. Danach breitete sich der Mensch allmählich über die Alte Welt aus; vor ungefähr 40000 Jahren hatte er den Nahen Osten, Südasien, Europa, Zentral- und Ostasien, Neuguinea und Australien kolonisiert. Vielleicht schon vor etwa 37000, spätestens aber vor 16000 Jahren hatten Pioniere von Asien aus auch die Beringstraße überquert und mit der Besiedlung der Neuen Welt begonnen. Wir müssen annehmen, daß all diese Völker eine oder mehrere Sprachen hatten, wenngleich wir von ihnen keine klare Vorstellung haben.

Die zweite Neuerung betrifft die Darstellung und Interpretation der Mechanismen kulturellen Wandels. Die Archäologen haben die vereinfachende Gleichsetzung von Sprache, Kultur und Volk aufgegeben. Insbesondere neigen sie nicht mehr dazu, einen Wandel in der bildenden Kunst, das Aufkommen einer neuen Religion, die Entstehung einer neuen Sprache, allgemein jede Änderung in menschlichen Frühkulturen ohne weiteres als Ergebnis einer nur vage definierten Wanderung zu erklären.


Die vier Mechanismen der Sprachverbreitung

Grundsätzlich gibt es vier Prozesse, die zur Folge haben, daß eine bestimmte Sprache in einem bestimmten Gebiet gesprochen wird: Erstkolonisierung einer unbewohnten Region, Divergenz, Konvergenz (beide schon erwähnt) und Ersetzung, durch die eine Sprache von einer anderen, auswärtigen verdrängt wird. Wenn nie eine Ersetzung stattgefunden hätte, wäre Divergenz die Hauptursache für den Wandel der Sprachen, und eine entsprechende Weltkarte gliche einem Flickenteppich aus lauter kleinen Einheiten, die sich von ihren Nachbarn stark unterscheiden würden und als eigene Familien – genauer: als isolierte Sprachen – einzustufen wären.

Ein solches Mosaik finden wir tatsächlich für die Eingeborenensprachen Nordaustraliens, wo eine große Anzahl von Sprachfamilien sich in einem kleinen Areal drängt. (Weiter südlich in Australien existiert eine einzige umfassende Sprachfamilie, Pama-Nyunga; die Ursache dieser außergewöhnlich weiten Verbreitung ist bislang ungeklärt.) Gleiches gilt für die Gartenbaukulturen auf Neuguinea sowie für den Kaukasus; auch wenn man die Karte der Eingeborenensprachen von Kalifornien und Teilen Südamerikas studiert (und dabei einmal Greenbergs Klassifikation als "Amerindisch" beiseite läßt), hat man einen ähnlichen Eindruck.

Aber weite Bereiche der Weltkarte sehen völlig anders aus. Einzelne Sprachfamilien nehmen große Gebiete ein – in einer Weise, die nur durch Ersetzung entstanden sein kann. Ich schlage drei einfache Ursachen für dieses Muster vor.

Die erste ist Dominanz. Einige wenige Sprachfamilien haben ihre gegenwärtige Ausdehnung durch den Einfluß einer Elite erreicht. Nach diesem Modell ergreift eine neu ankommende Minderheit die Macht, wirft sich selbst zu einer Aristokratie auf und versieht die eigene Sprache mit einem solchen Prestige, daß die eingeborene Bevölkerung sich veranlaßt sieht, sie zu übernehmen und ihr den Vorzug vor der ererbten zu geben. Das setzt voraus, daß die Eroberer über eine zentralistische Organisation verfügen; deshalb kann eine solche Hypothese nur für späte prähistorische und für historische Zeiten gelten, seit es stark hierarchische Gesellschaften gibt.

So ist das Chinesische erst in geschichtlicher Zeit im heutigen Südchina übernommen worden, und zwar infolge der militärischen Expansion des dynastischen Reiches. Die Ausbreitung des Lateinischen in einem großen Teil Europas entspricht diesem Prinzip, ebenso die Ausdehnung indoeuropäischer Sprachen in den Iran sowie nach Nordindien und Pakistan, die man dem Aufkommen nomadischen Hirtentums im zweiten vorchristlichen Jahrtausend zuschreiben kann. Im Mittelalter begannen die altaischen Sprachen im Gefolge der Eroberungskriege zu Pferde in Zentralasien zu dominieren.

Die meisten weitverbreiteten Sprachfamilien sind jedoch als Ergebnis zweier Ausbreitungsprozesse anzusehen, die beide nach dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 10000 Jahren stattfanden. Der eine hängt mit der Einführung der Landwirtschaft zusammen, der andere mit dem Eindringen in bislang unbesiedelte Gegenden, die durch milder gewordenes Klima bewohnbar geworden waren.

Diese umweltbedingte Ausbreitung betraf Territorien nördlich des 54. Breitengrades, die in der letzten Kaltphase des Pleistozäns noch menschenleer waren. Die Vorfahren der heutigen Sprecher von eskimo-aleutischen Sprachen wanderten sogar wahrscheinlich erst in den letzten Jahrtausenden dort ein, während die uralisch-jukagirischen und die tschuktschisch-kamtschatkischen Sprachen früher in ihr gegenwärtiges Verbreitungsgebiet vorgedrungen waren.

Bei den Na-Dené-Sprachen liegt der Fall komplizierter. Wie Greenberg postuliert hat, kamen ihre Sprecher wahrscheinlich vor denen des Eskimo-Aleutischen nach Nordamerika, wenn auch lange nach der Erstbesiedlung des Kontinents. Nach meiner Überzeugung war ihre Lebensweise bereits früh an die Verhältnisse der Tundra angepaßt. Als die Region später aus klimatischen und ökologischen Gründen unwirtlich wurde, zogen sie südwärts. Einige Sprecher von Proto-Na-Dené drangen bis nach Arizona und New Mexico vor.

Die wichtigste Einzelursache für die Entstehung einer weitverbreiteten Sprachfamilie scheint jedoch Sprachersetzung durch Vordringen der Landwirtschaft gewesen zu sein. Nach dieser Theorie steht am Anfang eines solchen Prozesses die einheitliche Sprache einer Bevölkerung von Jägern und Sammlern, in deren Gebiet es domestizierbare Pflanzen und vielleicht auch Tiere gibt. Im Laufe der Zeit entwickeln die Bewohner eine Weide- und Ackerwirtschaft, die sie auch bei seßhafter Lebensweise ernähren kann, was eine intensivere Nahrungsmittelproduktion, geringere Kindersterblichkeit und höhere Geburtenrate begünstigt. Die Bevölkerungsdichte wächst und damit die lokale Vorherrschaft der Bauern und ihrer Sprache.

Es ist plausibel anzunehmen, daß zumindest in einigen Fällen die angebauten Pflanzen und in Herden gehaltenen Tiere zusammen mit der zugehörigen Technologie auch unter andersartigen ökologischen Bedingungen gedeihen. Unter solchen Umständen wandern die Sprache oder die Sprachen des Kernareals im Gleichschritt mit den Trägern der Subsistenzkultur in neue Siedlungsgebiete, folgen also einer demischen Diffusion, der – im Gegensatz zu Landnahme- oder Eroberungszügen – langsam voranschreitenden Ausbreitungswelle einer Bevölkerung. Eine andere Möglichkeit ist, daß Jäger- und Sammler-Gruppen zusammen mit der neuen Wirtschaftsweise auch die Sprache von benachbarten Ackerbauern übernehmen. In diesem Falle sind – anders als bei demischer Diffu-sion – die beiden Gruppen von Angehörigen der Sprachengemeinschaft genetisch nicht miteinander verwandt.

Ein – im wesentlichen unbestrittenes – Beispiel für demische Diffusion ist die Verbreitung der Bantu-Sprachen in Afrika innerhalb der niger-kordofanischen Familie. Peter Bellwood von der Australischen National-Universität in Canberra hat gleiches nicht nur für die polynesischen, sondern für die austronesischen Sprachen insgesamt behauptet (siehe seinen Artikel "Frühe Landwirtschaft und die Ausbreitung des Austronesischen", Spektrum der Wissenschaft, September 1991, Seite 106). Ich selbst habe solche Überlegungen auf archäologischer Basis detailliert auch für die indoeuropäischen Sprachen Europas vorgebracht (siehe meinen Artikel "Der Ursprung der indoeuropäischen Sprachfamilie", Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1989, Seite 114). Thomas W. Gamkrelidse und Wjatscheslaw W. Iwanow kamen mit linguistischen Mitteln zu im wesentlichen denselben Ergebnissen ("Die Frühgeschichte der indoeuropäischen Sprachen", Spektrum der Wissenschaft, Mai 1990, Seite 130).

Einige Autoren haben eingewandt, daß in Nordwesteuropa eher Kulturübernahme als Bevölkerungsbewegung stattgefunden habe; mit linguistischen Mitteln wären die beiden Prozesse nicht zu unterscheiden. Genauso kann man für die afroasiatischen und vielleicht auch für die elamo-drawidischen Sprachen sowie für die erste Ausbreitung der altaischen Sprachen innerhalb Asiens argumentieren. Letztere, insbesondere die Turksprachen, wurden später durch die Eliteherrschaft berittener nomadischer Hirten noch viel weiter getragen.

Charles F. Higham von der Universität von Otago in Dunedin (Neuseeland) hat kürzlich einen ähnlichen Mechanismus für die austroasiatischen Sprachen Südostasiens (Munda und Mon-Khmer) postuliert. Diese Gruppe scheint ihren Ursprung in derselben Gegend zu haben, in der in Südostasien erstmalig Reis kultiviert wurde. Die Ausbreitung der tibetochinesischen Sprachen scheint zunächst mit der Kultur von Hirse und anderem Getreide im Tal des Gelben Flusses verknüpft gewesen zu sein und erst später mit der von Reis.

Die Annahme einer Ausdehnung im Zusammenhang mit der Landwirtschaft ist in jedem Einzelfall detailliert zu begründen. Das ist mit Mitteln heutiger Archäologie sehr wohl möglich. Man kann nämlich im allgemeinen die ursprüngliche Heimat einer domestizierten Pflanzen- oder Tierart, den ungefähren Zeitpunkt des ersten Auftretens von Zuchtformen und den Prozeß ihrer Verbreitung aus materiellen Hinterlassenschaften bestimmen. Dagegen sind linguistische Beweise grundsätzlich indirekter Natur: Prähistorische – ungeschriebene – Sprachen haben keine archäologisch auffindbaren Spuren hinterlassen; erst vor etwa 5000 Jahren setzte die schriftliche Überlieferung ein (Bild 3).

Die Radiokohlenstoff-Methode liefert zunehmend genauere Daten für die Ausbreitungsprozesse der Landwirtschaft; sie liegen generell früher als die von den Linguisten erschlossenen Zeiten für die Frühphase der zugehörigen Sprachfamilien. Allerdings leiden deren Methoden unter einer prinzipiellen Unsicherheit: Es gibt keinen unabhängigen Maßstab für die Datierung von Protosprachen.

Wenn also zahlreiche Sprachfamilien im Gefolge einer Klimaveränderung, einer Revolution in der Lebensweise oder einer Eroberungswelle verbreitet wurden – was ist mit den übrigen? Sie überleben in Rückzugsarealen, die über die Sprachen-Weltkarte als kleine Flecken verstreut sind, und müssen vor langer Zeit in ihre gegenwärtigen Verbreitungsgebiete gekommen sein, nämlich während der ersten Vorstöße des anatomisch modernen Menschen in die jeweiligen Kontinente. Zu ihnen zählen die Khoi-San- und die nilo-saharanischen Sprachen in Afrika, das Baskische, die nord- und die südkaukasischen, die australischen, die zahlreichen kleinen, wahrscheinlich nicht miteinander verwandten Sprachen in Neuguinea ("Indopazifisch") sowie die Vorläufer der Na-Dené-Sprachen in Nord- und Südamerika. Diese letzte, sehr große Kategorie umfaßt ohne Zweifel mehrere Subfamilien, deren räumliche Verteilung größtenteils durch sekundäre Prozesse – unter anderem eben die Verbreitung der Landwirtschaft – zustande kam.


Genetische Beweise

Dieses Gesamtbild von der Verteilung der Sprachen auf der Erde ist zumindest teilweise mit Hilfe der Molekularbiologie verifizierbar. Man kann zum Beispiel die Häufigkeit des Auftretens bestimmter Gene in verschiedenen Populationen vergleichen, aus den so gewonnen Daten einen (zunächst phänetischen) Baum erstellen, dessen Zweiglängen genetischen Abständen entsprechen, und nachprüfen, inwieweit diese Verwandtschaftsbezüge die Aussagen des großen Szenarios bestätigen. Die Out-of-Africa-Theorie ist durch die Auswertung von DNA heute lebender Menschen aus verschiedenen Populationen bereits eindrucksvoll bestätigt worden (Bild 2).

Inwieweit hinterlassen die verschiedenen Formen der Sprachverbreitung Spuren im Erbmaterial? Bei der Erstbesiedlung eines Gebiets ist der Fall einfach: Sprachliche und genetische Abstammungsverhältnisse sind identisch, weil die Pioniere nicht mit anderen Menschen Kontakt haben. Bei der Ausbreitung der Landwirtschaft findet eine nennenswerte Vermischung von Bevölkerungsgruppen gleicher Sprache nur im Falle der demischen Diffusion statt; eine Kulturübernahme wird allenfalls schwache genetische Spuren hinterlassen, ebenso die Sprachersetzung durch eine Eliteherrschaft: Eroberer sind üblicherweise männlichen Geschlechts, und selbst wenn sie mit einheimischen Frauen zahlreiche Nachkommen zeugten, gäbe es keine Auswirkungen auf die mitochondriale DNA. (Vergleichende Untersuchungen auf genetische Verwandtschaft nimmt man gemeinhin nicht an den Chromosomen des Zellkerns vor, sondern an den Mitochondrien, semiautonomen Organellen der Zelle mit eigenem Genom; diese werden nur über die weibliche Linie vererbt.)

Am besten untersucht sind die Bezüge mit der Ausbreitung der Landwirtschaft für Europa. Dessen Landkarte zeigt eine deutliche Variation gewisser Genhäufigkeiten entlang einer Achse von Südost nach Nordwest. Nach neueren statistischen Untersuchungen von Robert R. Sokal und seinen Kollegen von der Staatsuniversität von New York in Stony Brook ist ein wesentlicher Teil dieser Variation mit der Ausbreitung der Landwirtschaft von Anatolien aus zu erklären – womit allerdings noch nicht bewiesen ist, daß diese Bauern einen ursprünglichen indoeuropäischen Dialekt sprachen.

Vor kurzem hat der Statistiker Guido Barbujani von der Universität Padua eine vergleichbare Analyse für die anderen Sprachfamilien durchgeführt, deren Verteilung mit dem Vordringen der Landwirtschaft vom Nahen Osten aus erklärt werden kann: Afroasiatisch, Elamo-Drawidisch und Altaisch. Es fanden sich ähnliche Übereinstimmungen. Im pazifischen Raum korreliert die Verbreitung der polynesischen Sprachen noch beeindruckender mit dem genetischen Befund – was nicht überrascht, denn die Polynesier besetzten unbewohnte Inseln; ihre Wanderungen lassen sich also unter landwirtschaftlicher Ausbreitung wie auch unter Erstkolonisierung einordnen.

Laurent Excoffier von der Universität Genf und seine Kollegen lieferten weitere Bestätigungen. Sie fanden in Afrika eine hochgradige Übereinstimmung zwischen den Varianten von Gammaglobulin in Blutproben und der Sprachfamilie ihrer Probanden. Insbesondere für die afroasiatischen Sprachen stützen die Ergebnisse das hier gezeichnete Bild.

Der konsequenteste Verfechter einer Korrelation zwischen genetischen und sprachlichen Daten ist allerdings Luigi Luca Cavalli-Sforza von der Medizinischen Fakultät der Universität Stanford (siehe seinen Artikel "Stammbäume von Völkern und Sprachen", Spektrum der Wissenschaft, Januar 1992, Seite 90). In einem ehrgeizigen Unternehmen hat er den genetischen mit dem linguistischen Stammbaum zur Deckung zu bringen versucht – mit einigem Erfolg.


Makrofamilien

Bis jetzt habe ich keine Sprachverwandtschaften ins Feld geführt, die älter als ungefähr 10000 Jahre sind. Eine so ferne Vergangenheit würden die meisten Sprachwissenschaftler guten Gewissens schon gar nicht mehr untersuchen. Allerdings begründe ich meine Datierungen auch nicht mit irgendwelchen neuen Klassifikationen; vielmehr setze ich die Ursprungszeit allgemein anerkannter Sprachfamilien früher an als üblich.

Nun aber gilt es, im Sinne der Vereinheitlicher noch ein Stück weiter in die Vergangenheit zu gehen, zu den hypothetischen umfassenderen Makrofamilien wie Amerindisch oder Indo-Pazifisch. Deren jeweils gemeinsamer Vorfahr, wenn es tatsächlich eine einzige Protosprache war, wäre deutlich früher als vor 20000 Jahren gesprochen worden.

Die wahrscheinlich am besten bekannte Makrofamilie haben die russischen Experten Wladislaw M. Illitsch-Switytsch und Aaron B. Dolgopolsky von der Universität Haifa (Israel) herausgearbeitet (siehe "Streit um Wörter" von Philip E. Ross, Spektrum der Wissenschaft, Juni 1991, Seite 92). Sie faßten Indoeuropäisch, Afroasiatisch, Drawidisch, Altaisch und Uralisch zu einer einzigen Makrofamilie namens Nostratisch (von lateinisch noster, unser) zusammen. Diese stamme ihrerseits von einem Protonostratisch ab, das vermutlich im Nahen Osten vor ungefähr 15000 Jahren gesprochen worden sei.

Greenberg hat eine ähnliche Makrofamilie namens Eurasiatisch definiert. Im Gegensatz zum Nostratischen enthält sie Drawidisch und Afroasiatisch nicht, dafür zusätzlich Eskimo-Aleutisch und Tschuktschisch-Kamtschatkisch. Diese Makrofamilien passen erstaunlich gut zum genetischen Befund, wie Cavalli-Sforza ihn anführt, und zumindest teilweise zu den archäologischen Indizien für die Ausbreitung der Landwirtschaft.

Gleichwohl haben die Vereinheitlicher unter den Linguisten die Mehrheit ihrer Kollegen noch nicht überzeugen können. Immerhin zehrt die multilaterale Analyse Greenbergs von einer Masse lexikalischen Materials, die den Nichtspezialisten sicherlich beeindruckt; und die nostratische Schule bequemt sich sogar dazu, die vergleichende Methode der historischen Rekonstruktion anzuwenden, was Greenberg unterlassen hat und wofür er herbe Kritik von seinen Kollegen einstecken mußte. Die archäologischen und genetischen Ergebnisse stimmen jedenfalls gut mit einigen Schlußfolgerungen der Vereinheitlicher überein. Dieser Erfolg läßt vermuten, daß weitere Arbeit in diese Richtung lohnen wird.

Einige Forscher, vor allem Ruhlen, haben sogar noch tieferliegende Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Makrofamilien gesehen, zum Beispiel zwischen Amerindisch und Eurasiatisch. Das läuft auf die Hypothese hinaus, manche modernen Wortformen stammten nachweislich von einer einzigen Protosprache ab, die dann unsere frühesten Vorfahren in ihrer afrikanischen Heimat gesprochen hätten. Eine solche Aussage ist aber kaum nachzuprüfen und wird von den meisten Sprachwissenschaftlern als zu gewagt zurückgewiesen. Immerhin steht sie nicht im Widerspruch zu den archäologischen, anthropologischen und molekularbiologischen Belegen für die Out-of-Africa-Hypothese.

Bei aller Ungewißheit läßt sich, so scheint es, ein schwacher Schimmer der wirklichen Geschichte erahnen. Bestätigung kam von sprachwissenschaftlichen Arbeiten, die zunächst gar nicht Verwandtschaften klären sollten. Johanna Nichols von der Universität von Kalifornien in Berkeley hat sehr viele Sprachen nach gewissen strukturellen Merkmalen untersucht. Aufgrund ihrer interessanten Analyse setzt sie für die Entstehung der Sprachen der Welt drei Stadien an, die mit dem von mir vorgestellten Szenario in Einklang gebracht werden könnten.

Nach ihrer Einteilung gibt es zwei Typen von Spracharealen: Ausbreitungszonen sind große Gebiete, die nur eine oder zwei Sprachfamilien beherbergen, wie Europa mit den indoeuropäischen und Nordafrika mit den afroasiatischen Sprachen. In den erheblich kleineren Restzonen dagegen existieren jeweils zahlreiche sehr alte Sprachfamilien; das gilt etwa für den Kaukasus und Neuguinea. Auch Johanna Nichols sieht in den Ausbreitungszonen das Resultat von Ereignissen, die nach dem Ende der letzten Eiszeit stattfanden; die Restzonen seien im wesentlichen die Überbleibsel früherer Erstkolonisierungen.

Es bleibt noch viel zu tun. Dennoch beginnen bereits jetzt die archäologischen, die genetischen und zumindest teilweise die sprachwissenschaftlichen Belege sich zu einem stimmigen Bild zu fügen. Eine große neue Synthese zeichnet sich ab, die in den nächsten zehn Jahren nicht nur die Vielfalt menschlicher Sprachen, sondern auch die ihrer Gene und Kulturen erhellen dürfte.

Literaturhinweise


– A Guide to the World's Languages. Band 1: Classification. Mit einem Nachtrag. Von Merritt Ruhlen. Stanford University Press, 1991.

– Archaeology, Genetics and Linguistic Diversity. Von Colin Renfrew in: Man, Band 27, Heft 3, Seiten 445 bis 478, September 1992.

– Linguistic Diversity in Space and Time. Von Johanna Nichols. University of Chicago Press, 1992.

– World Languages and Human Dispersals: A Minimalist View. Von Colin Renfrew in: Transition to Modernity: Essays on Power, Wealth and Belief. Herausgegeben von J. A. Hall und I. C. Jarvie. Cambridge University Press, 1992.

– Verschieden und doch gleich. Von Luca und Francesco Cavalli-Sforza. Droemer-Knaur, München 1994.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1995, Seite 72
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 1995

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