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Die Transformation der Forschung in den postsozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas


Mehr als ein halbes Jahrzehnt ist vergangen, seit in den Ländern Mittel- und Osteuropas die Herrschaft der kommunistischen Parteien überwunden wurde und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen begannen. Im Mittelpunkt standen und stehen dabei die Demokratisierung der Politik und die Einführung einer Marktwirtschaft; aber die Tranformationsvorgänge haben auch alle anderen gesellschaftlichen Teilbereiche wie das Recht, die Massenmedien, das Gesundheitswesen sowie das Bildungs- und das Forschungssystem erfaßt.

In welcher Lage befinden sich mittlerweile die Forscher und Forschungseinrichtungen dieser Länder? Wir wollen und wir können nunmehr – bei aller Ungenauigkeit, Lückenhaftigkeit und Unzuverlässigkeit der Informationen – Genaueres darüber wissen, welche der ursprünglichen Hoffnungen und Befürchtungen, die das Ende des Sozialismus unter Forschern weckte, in welchem Maße eingetroffen sind.

Westdeutschen ist zumeist allenfalls bekannt, wie sich die Forschung der ehemaligen DDR seit der Wiedervereinigung gewandelt hat. Doch die neuen Bundesländer sind ein Sonderfall, weil sich die ostdeutsche Transformation als Integration in das westdeutsche Gesellschaftssystem und damit auch unter maßgeblichen Vorgaben zunächst externer, nämlich westdeutscher Akteure vollzogen hat. Alle anderen der betrachteten Länder konnten und mußten demgegenüber ihre Transformation allein durchführen. Sie bekamen zwar Ratschläge, aber keine Vorgaben von westlicher Seite; und sie erhielten von dort zudem eine gewisse finanzielle Unterstützung, insbesondere durch private Stiftungen, doch blieb diese weit unter dem Volumen dessen, was der ostdeutschen Forschung vom Staat bereitgestellt worden ist. Insofern ist es gerade auch für das bessere Verständnis der Geschehnisse in Ost- sowie zwischen Ost- und Westdeutschland aufschlußreich, sich die kontrastierendenVorgänge in den anderen Ländern zu vergegenwärtigen.

Es ist fast müßig zu sagen, daß es keine einfachen und keine überall gleichen Antworten auf die Frage gibt, in welcher Lage sich die Forschung in den osteuropäischen Ländern befindet. Manches ist überall besser, anderes überall schlechter geworden; doch das Ausmaß des Besser und Schlechter variiert beträchtlich – von Staat zu Staat und auch innerhalb der Länder selbst zwischen der Akademie-, der Hochschul- und der Branchenforschung sowie zwischen einzelnen Forschungseinrichtungen, ja sogar zwischen individuellen Forschern. Außer solchen teilweise erheblichen graduellen Unterschieden, die immer mitzubedenken sind, wenn – wie auch hier – ein vereinfachtes Gesamtbild gezeichnet wird, finden sich zudem aber bemerkenswerte strukturelle Unterschiede. Entscheidende Weichenstellungen wurden hier so, da gänzlich anders vorgenommen oder unterlassen. Nach eingehender Betrachtung lassen sich die Länder in zwei Gruppen aufteilen: Die einen können die Zukunftsaussichten ihrer Forschung einigermaßen zuversichtlich betrachten, für die anderen sieht es eher düster aus.


Enttäuschte Erwartungen

Der Zusammenbruch des Sozialismus nährte auch unter den Wissenschaftlern zunächst große Hoffnungen. Im Forschungssystem hatten viele unter der kommunistischen Herrschaft nicht weniger gelitten als die Menschen sonst in anderen Gesellschaftsbereichen; so wurden sehr schnell Forderungen laut, der Forschung nun endlich eine nach westlichem Muster institutionalisierte Autonomie zu gewähren. Zahlreiche gewerkschaftsähnliche Vereinigungen von Forschern bildeten sich in fast allen Ländern und wandten sich mit Katalogen von Neuerungsvorschlägen an die politische Öffentlichkeit und die neu entstandenen Parteien. Auch in den Instituten, insbesondere an den nationalen Akademien der Wissenschaften, setzten intensive Diskussionen ein, mit denen man Druck von unten auf die Leitungen auszuüben suchte.

Weitreichende Reformen der institutionellen Strukturen wurden also verlangt – und auch nahezu widerstandslos in vieler Hinsicht gewährt. Überall beseitigten schließlich umfangreiche Gesetzgebungsaktivitäten die alte sozialistische Gängelung der Forschungseinrichtungen und der dort Tätigen. Nur nahm diese Wandlung in einigen Ländern ziemlich viel Zeit in Anspruch. Dies lag nicht etwa daran, daß die entsprechenden Gesetzeswerke umstritten gewesen wären, sondern vielmehr an weitgehendem Desinteresse der politischen Akteure an der Forschung; wirtschaftliche und soziale Probleme hielten sie zu sehr in Atem.

Früher oder später wurde dennoch überall formal abgesichert, daß alle Forscher die im Westen üblichen Freiheiten ungehinderter wissenschaftlicher Kommunikation nutzen können: Zugang zu Fachliteratur, die Einladung von Gästen, Reisen zu Vorträgen oder Tagungen, die Vereinbarung von Kooperationen und die Veröffentlichung eigener Ergebnisse. Alles, was vorher der politischen Überwachung und Beschränkung durch Institutsleitungen und Parteigremien unterlag, wurde nunmehr zu einer innerwissenschaftlichen, oftmals individuellen Entscheidung gemacht. Primär die einzelnen Forscher, sekundär auch die Institute erhielten also die grundlegenden Autonomierechte.

Nun bedeuten Rechte indes nichts, sofern die Voraussetzungen fehlen oder abhanden kommen, sie auch wahrzunehmen. Tatsächlich sind die meisten Forscher dieser Länder heute schlechter über den aktuellen Stand ihrer Disziplin informiert als vor der Transformation, obwohl sie jetzt alles lesen dürfen. Wenn ihren Institutsbibliotheken das Geld dafür fehlt, auch nur die wichtigsten internationalen Fachzeitschriften zu halten, und wenn die nationalen ebenfalls aus Geldmangel eingestellt werden, ist das angesichts der im Prinzip errungenen globalen Öffnung sogar schlimmer als die frühere Einschränkung des Literaturzugangs durch politische Maßnahmen. Die nach westlichen Maßstäben kaum vorstellbare Finanzkrise der Forschung im ehedem sozialistischen Mittel- und Osteuropa hat sehr rasch die zweifellos überfälligen rechtlichen Reformen überschattet.


Umbruch-Verluste

Schon in den achtziger Jahren waren die sozialistischen Länder in wachsende wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, die dann auch der wichtigste Auslöser des gesellschaftlichen Umbruchs wurden. Zunächst waren bei der Finanzierung der Forschung gewisse Engpässe die Folge.

Dennoch überwog anfangs eine Politik, die diesen gesellschaftlichen Bereich durchaus weiter zu fördern gedachte. Entsprechend der sozialistischen Ideologie wurde nach wie vor wissenschaftlich-technischer Erkenntnisfortschritt als wichtigste Triebfeder bei der Entfaltung der Produktivkräfte angesehen, und demzufolge setzten die kommunistischen Parteien darauf, daß Verbesserungen des Technologietransfers zur Industrie aus den wirtschaftlichen Schwierigkeiten herausführen könnten. Am deutlichsten kam diese Strategie in der Sowjetunion unter der Führung Michail Gorbatschows zum Ausdruck, wo die für Forschung bereitgestellten Finanzmittel noch Ende der achtziger Jahre kurzfristig kräftig anstiegen.

Die Verdrängung der kommunistischen Parteien von der politischen Herrschaft und die tiefen Krisen, in welche die Wirtschaftssysteme des sich auflösenden Ostblocks mit dem gesellschaftlichen Umbruch gerieten, wendeten dieses Denk- und Handlungsmuster dann ins Gegenteil. Fortan sahen Staat und Wirtschaft die Forschung vorrangig als Kostgänger an. Die Industrie reduzierte ihre Finanzierung fast überall nahezu auf null, was insbesondere jene Institute, die im sozialistischen System bestimmte Branchen bedient hatten, massenweise zusammenbrechen ließ; aber auch viele Akademie-Institute hatten erheblich von der Industriefinanzierung profitiert, die nun abrupt wegfiel. Die Unternehmen, die selbst um ihren Fortbestand kämpften, konnten in dieser Lage Forschung – selbst wenn sie als äußerst wichtig erschien, um künftige Märkte zu sichern – nur als überflüssigen Luxus einstufen.

Die Einschätzung der staatlichen Akteure wandelte sich – wenn auch aus anderen Gründen – ebenso. Die Regierenden mußten, wollten sie wiedergewählt werden und demokratiegefährdende soziale Unruhen vermeiden, vorrangig die wirtschaftliche Krise und die damit einhergehenden sozialen Probleme zu meistern suchen. Dabei konnten ihnen theoretische Erkenntnisse und experimentelle Befunde weder kurz- noch mittelfristig helfen; vielmehr wurden die dafür erforderlichen Mittel anderweitig dringender gebraucht. Der Anteil der Forschungsausgaben am Bruttosozialprodukt sank etwa in Rußland zwischen 1990 und 1994 von 2 auf 0,82 Prozent, mithin auf weniger als die Hälfte.

Weil gleichzeitig die Steuereinnahmen in allen ehemals sozialistischen Staaten stark schrumpften, war auch absolut viel weniger Geld zu verteilen. Deshalb mußten viele Forschungseinrichtungen in kürzester Frist finanzielle Einbußen von günstigstenfalls einem Drittel, schlimmstenfalls bis zu neun Zehnteln hinnehmen. Die anwendungsbezogene Branchenforschung ist dadurch, wie erwähnt, fast völlig zusammengebrochen. Am glimpflichsten kamen die Hochschulen davon, weil sie primär Bildungseinrichtungen sind.

Am unterschiedlichsten nach Ausmaß und Art der Probleme waren die Institute der nationalen Akademien betroffen – je nach Land, Wissenschaftsgebiet sowie Größe, innerwissenschaftlicher Qualität und außerwissenschaftlicher Relevanz der Einrichtung, ihrer Einbettung in internationale wissenschaftliche und forschungspolitische Beziehungsnetze oder auch der strategischen Fähigkeit der Leitung, um nur einige der Determinanten zu nennen, die zudem nicht gleichsinnig und gleichmäßig wirksam waren. Mittelmäßige Akademie-Institute konnten sich halten und manchmal sogar prosperieren, weil etwa ihr Forschungsgegenstand plötzlich hohe außerwissenschaftliche Bedeutung erlangte – so das Institut für litauische Sprache in Vilnius, dessen Arbeiten sich trefflich in die nationale Identitätsfindung des seit 1991 unabhängigen Litauens fügten, die mit der Abgrenzung gegen alles Russische einherging. Umgekehrt konnten auch manche sehr produktive Einrichtungen in große Schwierigkeiten geraten, wenn sich etwa ihre Leitung forschungspolitisch ausgesprochen ungeschickt verhielt.

In dieser Vielfalt von Transformationsverläufen lassen sich allerdings zwei gegensätzliche Grundmuster entdecken, die jeweils kennzeichnend gewesen sind für eine bestimmte Gruppe von Ländern: Das Verharren beim Hergebrachten in der Hoffnung auf ei-nen allgemeinen Aufschwung hier und eine auf Leistungsverbesserung abzielende aktive institutionelle Umgestaltung dort.


Warten auf bessere Zeiten

Das passive Verhaltensmuster ist charakteristisch für die drei wichtigsten GUS-Mitglieder, also Rußland, Weißrußland und die Ukraine, aber auch – mit gewissen Abstrichen – für die beiden südöstlichen ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion, Rumänien und Bulgarien. Hier waren die Reaktionen auf die Verknappung der Geldmittel primär sozialpolitisch geprägt.

An der Russischen Akademie läßt sich dies verdeutlichen: Die Institute strichen, um die Gehälter weiterhin zahlen zu können, zunächst einmal alle anderen Ausgaben – insbesondere Investitionen und laufende Sachmittel. Als dies nicht ausreichte, wurden die Gehälter aller Mitarbeiter proportional gekürzt und immer häufiger mit großer Verspätung ausgezahlt. Dann führte man Kurzarbeit ein oder beurlaubte Mitarbeiter langfristig und ohne Bezüge, damit sie ihre Planstelle nicht verloren. Überdies wurde dem Forschungspersonal stillschweigend eingeräumt, erstbesten Nebenbeschäftigungen – etwa als Fremdenführer oder Taxifahrer – auch während der offiziellen Arbeitszeit nachzugehen; viele Wissenschaftler verdienen sich so noch immer ihren Lebensunterhalt. Die Institute versuchten überdies, sich durch Auftragsforschung oder die Vermietung von Gebäuden und Geräten zusätzliche Finanzquellen zu erschließen. Erst wenn mit all diesen Bemühungen – in Verbindung mit freiwilligen Kündigungen von Mitarbeitern, die anderswo eine bessere Stelle fanden – das verbleibende Personal nicht zu halten war, entschloß man sich zu Entlassungen.

Das Ergebnis solch zähen Widerstands war, daß der Anteil der in der Forschung Tätigen an allen Beschäftigten in den genannten Ländern weit weniger zurückgegangen ist als der Anteil der Forschungsausgaben am Bruttosozialprodukt. Fast ebenso viele Forscher wie ehedem teilen sich viel weniger und immer noch weiter sinkende Finanzmittel. Eine derartige Solidarität geht auf viele zusammenwirkende Faktoren zurück, von denen vier besonders wichtig sind:

-nUnter den Forschern haben immer schon die Sicherheitsorientierten dominiert. Ihnen kommt es vor allem auf den Erhalt ihres Arbeitsplatzes an. Sie schrecken vor verschärfter wissenschaftlicher Leistungskonkurrenz um knappe Gelder und vor dem Risiko zurück, dabei zu verlieren. Je knapper die Ressourcen werden, desto mehr Betroffene schwenken auf diese Linie ein.

-nDie meisten Institutsleiter waren politische Günstlinge der alten Ära und könnten ebenfalls in einer wissenschaftlichen Leistungskonkurrenz nicht unbedingt bestehen. Sie bleiben aber, auch nachdem die Führungspositionen nun oftmals durch interne Wahl besetzt werden, gerade deshalb im Amt, weil sie der Mehrheit der sicherheitsorientierten Mitarbeiter als Garanten sozialpolitischer Rücksichtnahme gelten.

-nGetragen wird diese stillschweigende Koalition von der vagen Hoffnung, daß man so nur eine – wenn auch vielleicht längere – Durststrecke gemeinsam zu überstehen habe.

-nAuch die staatliche Forschungspolitik zeigte keine ernsthaften Bemühungen, dieses Muster der Problembewältigung zu unterbinden. Daran zeigt sich gleichfalls die große Gleichgültigkeit der Politik gegenüber der Forschung.

Mancherorts hat dieses Warten auf bessere Zeiten geradezu absurde Auswüchse angenommen: Im Jahre 1993 verbrauchte die bulgarische Akademie mehr als 90 Prozent ihrer Ressourcen für Personalausgaben. Das Überleben der Institute und der Erhalt der Arbeitsplätze gewannen damit nahezu uneingeschränkten Vorrang vor der wissenschaftlichen Arbeit.

Der rapide Niedergang der Forschung wird zwar teilweise dadurch überspielt, daß nun viele Institutsmitglieder mehr Arbeiten in den internationalen Fachzeitschriften veröffentlichen als vor dem Sturz der kommunistischen Herrschaft. Allerdings steht zu befürchten, daß dies nur eine vorübergehende Scheinblüte ist – in den achtziger Jahren wurden publizierbare Ergebnisse gleichsam auf Vorrat produziert, der nun bald verbraucht sein dürfte.

Diesen Niedergang unterstreichen noch die zahlreichen Berichte einheimischer Akademiker wie auch ausländischer Besucher von einem erschreckenden Zustand der Infrastruktur – von der Labor- bis zur Bibliotheksausstattung. In manchen Instituten scheitert die wenige Forschung, die überhaupt noch möglich wäre, schlichtweg daran, daß ein unentbehrliches Gerät defekt ist und nicht repariert oder gar erneuert werden kann.

Längerfristig dürfte das Forschungssystem der postsozialistischen Länder mit diesem Problembewältigungsmuster gesellschaftlich in Begründungsnöte geraten. Wenn das knapp gewordene Geld im Interesse einer internen Solidarität verschleudert wird, sind künftig staatliche Haushaltsmittel ebenso wie Forschungsaufträge aus der Industrie um so schwerer zu gewinnen.


Leistungsorientierte Umgestaltung

Sicherheitsorientierte Mitarbeiter und politische Günstlinge unter den Leitern gab und gibt es überall. Trotzdem hat man in Tschechien und Polen, im Baltikum und auch in Ungarn generell ganz anders auf die Finanzverknappungen reagiert: Bei aller Vielfalt im einzelnen war die Grundhaltung das Bemühen um Leistungssteigerung; vorrangig suchte man in diesen Ländern Effektivität und Effizienz der Forschung durch geeignete institutionelle Umbauten zu erhöhen.

Die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen wurden zwar durchaus auch als krisenhaft wahrgenommen, aber mehr noch als Chance, endlich Ballast abzuwerfen. Es war lange schon ein offenes Geheimnis gewesen, daß die Forschungsapparate der sozialistischen Länder überdimensioniert waren. Überflüssige, weil wenig leistungsfähige Kapazitäten sollten nun abgebaut werden, wissenschaftlich gute und außerwissenschaftlich wichtige Konzepte und Projekte hingegen vom Sparzwang möglichst verschont bleiben.

Bald nach dem Sturz der kommunistischen Herrschaft bildeten sich zum Beispiel im tschechischen Akademiesektor Gruppierungen von Mitarbeitern und auch einzelnen Institutsleitern, die weitreichende leistungsorientierte institutionelle Erneuerungen anregten. Diese Vorschläge wurden Grundlage eines Gesetzes, das Mitte 1992 das damals noch tschechoslowakische Parlament für das spätere Tschechien verabschiedete.

Ein innovatives Kernelement war, innerhalb der Akademie eine ständige Evaluationskommission aufzubauen, die sowohl die Institute als auch nach und nach jeden einzelnen Forscher begutachtete. Die Einstufung eines Instituts und seiner Mitarbeiter entschied fortan mit über die Höhe der Finanzierung durch die Akademie. Seilschaften und andere Formen partikularer Begünstigung wurden dadurch ausgeschlossen, daß man in diese Kommission auch ausländische Forscher der verschiedenen Disziplinen berief.

Eine weitere wichtige Reform bestand darin, unter dem organisatorischen Dach der Akademie eine übergreifende, auch anderen Forschungseinrichtungen offenstehende Förderagentur für die Vergabe von Drittmitteln zu schaffen, die besonders auf innerwissenschaftliche Qualität achtet; bei ihr fungieren wiederum auch ausländische Forscher als Gutachter. Daneben haben verschiedene Ministerien eigene bereichsspezifische Förderorganisationen eingerichtet, bei denen außerwissenschaftliche Relevanz ein wichtiges Kriterium ist.

Zwar gab es vergleichbare Pläne etwa auch in Rußland. Doch entstand dort – überspitzt formuliert – kaum mehr als Potemkinsche Dörfer. So wurden zwar zwei Fördereinrichtungen gegründet, die auf Antrag Projektmittel an individuelle Forscher vergeben sollen: die Russische Stiftung für die Grundlagenforschung und die Russische Stiftung für technische Entwicklung. Sie hätten wichtige Instrumente einer auf leistungsorientierte Umverteilung abzielenden Forschungspolitik sein können, erhielten aber nur sehr geringe Mittel zugeteilt, so daß ihr Einfluß gering geblieben ist; weitere Versprechungen, bevorzugt aus Anlaß politischer Wahlen, sind bislang nicht eingelöst worden. Zudem war die Begutachtung von Aufträgen stark von eingespielten Seilschaften alteingesessener Institutsleiter bestimmt, so daß Maßstäbe innerwissenschaftlicher Qualität und außerwissenschaftlicher Relevanz nur eingeschränkt zur Geltung kommen konnten.

Eine andere großangekündigte Gestaltungsmaßnahme war der Entscheid von 1993, rund 60 Wissenschaftszentren einzurichten. Sie sollten als centers of excellence aus besonders zukunftsträchtigen Instituten gebildet und bevorzugt aus dem russischen Staatsbudget finanziert werden. Tatsächlich sind allerdings bislang erst 33 derartige Zentren etabliert, von denen nur 15 besondere Mittel erhielten, die wiederum lediglich einen Bruchteil der ursprünglich zugesagten Summen ausmachten.

Im Unterschied dazu haben die Umgestaltungen in der Tschechischen Republik sehr schnell gewirkt. Die Anzahl der Akademie-Institute ist seit 1989 bis 1994 aufgrund der umfassenden Leistungsevaluation von 82 auf 59 reduziert worden, und das Personal verringerte sich bis Ende 1993 von fast 14000 auf knapp 7000 Mitarbeiter. Die in Leistungskonkurrenz eingeworbenen Drittmittel machten zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 40 Prozent des Gesamtbudgets der Akademie aus.

Wie ist dies, obwohl vielen Beteiligten erhebliche Opfer abverlangt wurden, möglich gewesen? Außer manchen weiteren Faktoren war ein kollektives Selbstverständnis entscheidend, das sich an westlichen Maßstäben orientiert. Hingegen war es in Rußland oft nicht mehr als bloße Rhetorik, wenn die funktionierenden Forschungssysteme kapitalistischer Länder als Vorbilder hingestellt wurden: Die in der Luft liegende Idee sollte eigene Interessen – etwa die Forderung nach Autonomie – überzeugungskräftiger darstellen.

In der Tschechischen Rpublik gab es offenbar eine hinreichend große, durchsetzungsfähige Gruppe von Forschern und Forschungspolitikern, die Leistungskonkurrenz um knappe Finanzmittel geradezu normativ überhöhend als gerecht im Sinne einer wissenschaftlichen Meritokratie empfanden und selbst unter den Schwierigkeiten des Umbruchs von der moralisch verankerten Maxime nicht abließen. Inzwischen stellen sich Erfolge ein. Die Forschungsbedingungen an den Instituten der Akademie haben sich, wenn man Fallstudien glauben darf, verbessert; gleiches gilt für die Qualität der Arbeiten. Die Transformationsdynamik scheint bereits in eine Konsolidierungsphase einzumünden.

Ähnliches läßt sich – mit gewissen Abstrichen – für Polen und Ungarn sowie für die baltischen Staaten sagen. Bei allen nationalen Eigenheiten ist ihre entscheidende Gemeinsamkeit, daß ein sozialpolitisch motiviertes, forschungspolitisch aber ausgesprochen schädliches institutionelles Beharren überwunden werden konnte. Die Kombination von wissenschaftlicher Autonomie und dem Leistungsprinzip hat sich schon recht gut stabilisiert.

So können die Forscher und Forschungseinrichtungen der sich dynamisch erneuernden Länder sehr viel zuversichtlicher in die Zukunft blicken als die derjenigen, die bei Mechanismen des sozialistischen Systems verharren. Der jeweiligen Situation entsprechen unterschiedliche Stimmungslagen, wie der Wissenschaftssoziologe Peter Weingart von der Universität Bielefeld in einem Vergleich tschechischer und russischer Fallstudien herausgearbeitet hat: Optimismus hier, Pessimismus dort. Die Betroffenen registrieren offensichtlich sehr genau, wie gut beziehungsweise schlecht es ihnen vergleichsweise geht und wohl künftig ergehen wird.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1996, Seite 47
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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