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Chemische Waffen: Die unerträgliche Leichtigkeit des Sarins

Terroristen können mit einfachen Mitteln tödliche Nervengase herstellen. Die Zutaten dafür kommen bequem und schnell mit der Post.


Wie realistisch sind Terrorattacken mit chemischen Waffen? Fachleute sind da durchaus geteilter Meinung. Manche halten es für zu schwierig, tödliche Gase herzustellen und einzusetzen. Andere hingegen warnen davor, Fähigkeiten und Skrupellosigkeit von Terroristen zu unterschätzen. Einig sind sich jedoch alle in einem Punkt: Man sollte es potenziellen Tätern nicht zu leicht machen. Genau deshalb ist der nachfolgend geschilderte Fall so erschreckend.

James M. Tour ist Professor für Chemie und für Werkstoffkunde an der Rice-Universität in Houston (Texas). Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er am Entwurf und an der Synthese von organischen Molekülen für molekulare Schaltelemente. Seine Mitwirkung an der Erfindung der kleinsten elektronischen Schalter der Welt hat ihn auch international bekannt gemacht (siehe "Rechnen mit Molekülen", Spektrum der Wissenschaft 8/2000, S. 38). Für das US-Verteidigungsministerium untersuchte er den möglichen Einsatz von chemischen Waffen durch Terroristen. In dieser Studie kam Tour zu dem Schluss, dass die Grundmaterialien für die Herstellung chemischer Kampfstoffe sehr leicht zu beschaffen seien und es keinerlei Sicherheitskontrollen gebe. Deshalb plädierte er in einem Artikel, der am 10. Juli 2000 in der Zeitschrift "Chemical & Engineering News" erschien, dafür, den freien Verkauf bestimmter Chemikalien einzuschränken.

Leider scheint dieser Artikel in genau demselben Papierkorb gelandet zu sein wie schon ähnliche Warnungen zuvor. Ein Wehrexperte versicherte dem Chemiker Tour, dass die Behörden bereits "jeden Teelöffel voll" potenziellen Waffenmaterials überwachten.

Daraufhin führte Tour ein kleines Experiment durch. Er füllte ein Bestellformular für all jene Chemikalien aus, die er brauchte, um drei der gefährlichsten Nervengifte herzustellen: Sarin (auch unter der Bezeichnung "GB" bekannt), Soman (GD) und Cyclosarin (GF). Die drei Substanzen sind chemisch verwandt; es handelt sich um Ester eines Derivats der Phosphonsäure. Den Kampfstoff Sarin hatte die japanische Aum-Shinrikyo-Sekte bei ihren beiden Anschlägen 1994 und 1995 eingesetzt. Seine Bestellung ließ Tour an die Firma Sigma-Aldrich schicken, eine der angesehensten Produktions- und Vertriebsgesellschaften für Chemikalien in den USA. Wenn irgendeine Bestellung Alarm auslösen sollte, dann diese.

Doch anstatt Besuch von der Bundespolizei FBI zu erhalten, bekam Tour bereits am nächsten Tag ein großes Paket mit den gewünschten Substanzen. Anhand einer der bekannten Sarin-Rezepturen – Dimethylmethylphosphonat, Phosphortrichlorid, Natriumfluorid und Alkohol müssen in geeigneten Anteilen und in richtiger Reihenfolge gemischt werden – hätte er 280 Gramm des Giftes oder eine vergleichbare Menge Soman oder Cyclosarin herstellen können (was mehr als 100 Teelöffel voll gewesen wären). Und das für nur 130,20 US-Dollar zuzüglich Bearbeitungs- und Versandgebühren.

Der Einsatz des Wirkstoffes wäre ebenfalls kein Kunststück. Um sich nicht selbst zu gefährden, könnten Terroristen eine so genannte Binärwaffe bauen, in der die chemische Reaktion zur Herstellung des Giftes erst vor Ort in Gang gesetzt wird. Mit einem herkömmlichen Spritzgerät für Pflanzenschutzmittel ließe sich die Mischung dann in die Klimaschächte eines Gebäudes blasen. Abhängig von der Verteilung des Nervengiftes und der Zahl der anwesenden Personen reichten 280 Gramm Sarin aus, hunderte oder tausende Menschen zu töten. Die Aum-Sekte hatte für ihren Anschlag auf mehrere U-Bahn-Stationen in Tokio etwa 5000 Gramm Sarin eingesetzt – allerdings ohne Sprühgerät – und damit zwölf Personen getötet.

Gewiss: Der Chemiker James Tour ist in seiner Branche jedem bekannt, und er könnte bei Sigma-Aldrich wohl jederzeit jede beliebige Chemikalie bestellen. Doch die meisten Vertriebsfirmen überprüfen ihre Kunden nicht. Man brauche sich nur an eine Internet-Firma zu wenden, eine Kreditkartennummer anzugeben und schon erhalte man das Gewünschte per Post, so Tour. (Zum Test gab die Redaktion von "Scientific American", der Mutterzeitschrift von "Spektrum der Wissenschaft", eine Bestellung bei einem kleinen Lieferanten auf. Die gewünschte Ware wurde geliefert.)

Fachleute sind sich darüber einig, dass der Zugang zu den chemischen Grundstoffen für Nervengase streng kontrolliert werden müsse – zumal jetzt, nach dem 11. September 2001, die anderen mit der Vorbereitung eines Giftgasanschlages verbundenen Schwierigkeiten gar nicht mehr so problematisch erscheinen. Die Hemmnisse auf Seiten der Terroristen dürften geringer sein als zuvor vermutet: Für Selbstmordkommandos stellt sich die Frage nicht, ob sie sich nach dem Einsatz von Giftgas noch in Sicherheit bringen können.

Es gibt zwar Bedenken, dass Zugangsbeschränkungen für die besagten Chemikalien den legalen Nutzern nicht zuzumuten seien und einen zu allem entschlossenen Terroristen sowieso nicht aufhalten könnten. Die Chemie-Industrie kommt indes auch mit den Kontrollen für drogenrelevante Chemikalien klar. Und ein geringes Maß an Schutz wäre allemal besser als gar keiner. "Jeder weist darauf hin, wie ein Überwachungssystem umgangen werden könne", so Tour. "Natürlich muss das bedacht werden. Doch das Problem ist, dass es im Moment gar nichts zu umgehen gibt."

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002, Seite 92
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002

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