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Die Ursachen des Wachstums. Unsere Chancen zur Umkehr.

Kremayr & Scheriau, Wien 1996.
304 Seiten, DM 53,60.

Der vor 25 Jahren erschienene erste Bericht an den Club of Rome "Die Grenzen des Wachstums" gehört zu den wichtigsten Publikationen dieses Jahrhunderts. Darüber herrscht weitgehend Konsens. Ob er wesentliche Veränderungen bewirkt hat oder doch eher folgenlos geblieben ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Manche verweisen darauf, daß die Öffentlichkeit seither gegen die fortschreitende bedenkenlose Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen sensibilisiert worden sei. Verordnungen und Gesetzesinitiativen sind auf den Weg gebracht, internationale Konventionen geschlossen worden. Die Entwicklung neuer energie- und ressourcenschonender Technologien belege, daß der wissenschaftlich-technische Fortschritt nicht nur in die Umweltkrise hineingeführt habe, sondern in Gestalt ökologischer Modernisierung vielleicht sogar der Königsweg aus ihr heraus sein könne.

Andere halten dagegen, von einer "grundsätzlichen Änderung der Wert- und Zielvorstellungen des einzelnen, der Völker und auf Weltebene", wie die Mitglieder des Club of Rome sie im Nachwort von 1972 gefordert hatten, könne keine Rede sein. Vor allem gelte nach wie vor das wirtschaftliche Wachstum als unentbehrliches Allheilmittel für gesellschaftliche Probleme und globale Fehlentwicklungen aller Art – ein verhängnisvoller Irrtum, der nur tiefer in die Krise führen werde.

An dieser Stelle setzt das vorliegende Buch an, das aus mehrjähriger Arbeit eines interdisziplinären Diskussionskreises am Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung in Altenberg bei Wien hervorgegangen ist. Thematischer Leitfaden der 17 Beiträge ist die Suche nach den Ursachen jener Wachstumsprozesse, deren schädliche Auswirkungen das Überleben des Menschen gefährden. Damit möchte man der Diskussion um die "Grenzen des Wachstums" auf einer inhaltlich anderen Ebene neue Impulse geben.

Der Biologe Rupert Riedl, bekannt durch Publikationen zur Evolutions- und Erkenntnistheorie, liefert mit zwei vorangestellten Beiträgen den theoretisch-methodischen Ansatz. Er führt Verhaltensmängel des Menschen gegenüber gefährlichen Wachstumsprozessen auf Defizite in der genetischen Ausstattung zurück. Sozial und kognitiv sei er an weit einfachere Lebenswelten adaptiert als jene, in der wir uns heute bewegen. Steuermechanismen, die schädliches Wachstum begrenzen könnten, erhofft sich Riedl zum einen von der Systemtheorie, die Zugänge zum Verständnis komplexer Systeme öffne und dadurch die genannten Defizite überwinden helfe, zum anderen von der von ihm selbst entwickelten evolutionären Erkenntnistheorie, die Grundlagen menschlichen Verhaltens und Fehlverhaltens aufdecke.

Fünfzehn Autoren, vor allem Universitätslehrer verschiedener sozialwissenschaftlicher Disziplinen, aber auch Unternehmensberater und Industriemanager aus Österreich und Deutschland, untersuchen in den nachfolgenden Beiträgen Wachstumsprozesse in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen. Ihr Anliegen ist wichtig und verdienstvoll. Dennoch erreicht ihr Werk nicht die methodische Stringenz und inhaltliche Geschlossenheit des Vorbildes von 1972. Vier Aspekte fordern kritisches Nachfragen heraus:

- Die Autoren eint die Erwartung, bevorstehende einschneidende gesellschaftliche Veränderungen würden ohne katastrophale Zuspitzung, in demokratischen politischen Formen und mit Hilfe effizienter Methoden der Massenaufklärung verlaufen. Am Ende eines Jahrhunderts jedoch, in dem wie in keinem anderen verheerende Kriege, Völkermord und hochtechnisierte Verbrechen geschehen sind, ist diese Verkürzung der Perspektive äußerst problematisch. Immerhin wollen die Autoren den Anspruch der Wissenschaft einlösen, Orientierung für die Gesellschaft zu geben; dann dürfen sie nicht übersehen, daß die erhoffte (und wünschenswerte) sanfte Systemregulierung nur eines unter mehreren denkbaren Zukunftsszenarien ist.

- Vor allem die Ökonomen unter den Autoren sind sich weitgehend einig, daß die Gesellschaftsform der Zukunft in ihrem Grundcharakter "ökologischer Kapitalismus" sein werde. Sie erschließen jedoch kaum das theoretische und politische Spannungsfeld, das in dieser Begriffspaarung liegt. Ob und wie eine Brücke errichtet werden kann vom Shareholder-value-Denken der Gegenwart zu einem sich selbst begrenzenden Kapitalismus, ob sie mittels eines langfristigen politischen Programms gebaut oder in einem von den Umständen erzwungenen Crash-Kurs eilig zusammengenagelt werden muß, darüber erfährt der Leser kaum Neues.

- Geradezu kontraproduktiv für das Anliegen der Autoren ist die durchgehende Fixierung auf die Situation und die Probleme der westlichen, vor allem der europäischen Industriestaaten. Mit der Begründung, die "Evolutionsvorteile" dieser Regionen (so der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt) nutzen zu wollen, vernachlässigen die Autoren nicht nur legitime Ansprüche anderer Gesellschaften und Kulturen, sondern vor allem auch deren Potential, zur Lösung globaler Existenzfragen beizutragen.

- Es wäre nicht angemessen, von einem solchen Projekt thematische Vollständigkeit zu fordern. Dennoch ist auf eine gravierende Lücke hinzuweisen: Die sozialen Bedingungen, vor allem die teilweise dramatischen Veränderungen in der Arbeitswelt mit ihren weitreichenden Konsequenzen werden kaum reflektiert. Aber gerade sie müßten vorrangig Thema der dringend gebotenen, bislang weitgehend ausgebliebenen Wertediskussion sein. Das Schicksal unserer Gattung hängt nicht nur von einer tiefgreifenden Korrektur ihres Verhältnisses zur Natur ab, sondern ebensosehr von einer Neubestimmung sozialer Strukturen und Formen des Zusammenlebens.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1997, Seite 122
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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