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Die Wahrheit über Tyrannosaurus rex

War der größte aller Raubsaurier Aasfresser? Lebte er als Einzelgänger oder in sozialen Verbänden? Bisher vernachlässigte „Spurenfossilien“ offenbaren Neues über seine Lebensweise.


Wenn Biologen einer Tierart einen Namen geben, verpacken sie darin ihre Theorie über dieses Lebewesen. Das behauptet zumindest der Paläontologe Stephen Jay Gould von der Harvard-Universität in Cambridge (US-Bundesstaat Massachusetts). Für welches Tier gilt dies mehr als für Tyrannosaurus rex, das größte Landraubtier, das jemals lebte?

Die "Könige der Tyrannosaurier", jene "Herrscher" unter den vor rund 65 Millionen Jahren ausgestorbenen Dinosauriern, leben nicht nur in der Phantasiewelt der Kinder weiter als die Killerbestien schlechthin. Der bis zu sechs Meter große und 15 Meter lange, acht Tonnen schwere Koloß wütet auch in Horrorgeschichten – zuletzt in Steven Spielbergs Film "Jurassic Park". In dieser unübertroffen präzisen populären Darstellung von Dinosauriern tritt T. rex wieder einmal als blutrünstiges Monster auf, das nichts anderes im Sinn hat, als schutzlose Wesen brutal abzuschlachten.

Dieses Bild des Reptils haben Paläontologen durchaus miterschaffen: Schließlich ist auch für sie Tyrannosaurus rex der Superstar unter den Dinosauriern. So heißt es in einem amerikanischen Sachbuch: "Für uns ist es einerseits ein Glück, daß wir T. rex kennen und daß wir ihn erforschen und uns schaudern machen dürfen. Am meisten müssen wir uns aber glücklich schätzen, daß er tot ist."



Raubsaurier mit sozialem Sinn


Wie T. rex ausgesehen hat, wissen wir nach hundert Jahren Forschung ziemlich gut. Immerhin haben die Paläontologen von ihm 22 fast komplette Skelette ausgegraben. Vorsicht ist allerdings geboten, allein aus dem Körperbau auf die Lebensweise zu schließen. Die wahre Natur des Giganten liegt weitgehend im Dunkeln. So streiten die Experten noch immer darüber, ob der größte aller Tyrannosaurier, der am Ende der Kreidezeit mit den anderen Dinosauriern unterging, seine Beute überwiegend selbst tötete oder ob er sich als Aasfresser ernährte. Das heißt, wir wissen im Grunde nicht, welche ökologische Nische dieser Gigant innehatte.

Erst in letzter Zeit gewinnen wir auch eine Vorstellung von der Lebensweise der Riesenraubtiere. Eine neue Wissenschaftlerfraktion erforscht das Fossilmaterial auf Verhaltensspuren hin und versucht, die lebendige Umwelt ausgestorbener Arten zu rekonstruieren. Nicht alle der fossilen Indizien für ihre Aktivitäten sind neu. Viele waren nur bisher unbemerkt oder wenig beachtet geblieben.

Hinweise auf die Form der Kontakte zu Artgenossen oder auch zu anderen Spezies liefern uns zum Beispiel Fundstätten mit den Skeletten vieler Individuen. Aufschlußreich sind des weiteren sogenannte Spurenfossilien, jene steingewordenen direkten Zeugnisse von Lebensäußerungen: wie Bißmale an Knochen oder Verschleißspuren an Zähnen, aber auch versteinerte Kotballen – "Koprolithen" – die, wenn sie von Raubtieren stammen, oft fossilierte Knochenreste von Beutetieren enthalten.

Weil die Paläobiologen annehmen, daß T. rex sich ähnlich verhalten haben mag wie andere nah mit ihm verwandte Raubsaurier, können wir auch Befunde an anderen Tyrannosauriern einbeziehen. Durch den Vergleich ließ sich manche Vermutung erhärten. Zu Vertretern der Familie Tyrannosauridae rechnen etwa die Gattungen Albertosaurus, Gorgosaurus und Daspletosaurus, die gemeinhin als Albertosaurier zusammengefaßt werden.

Tyrannosaurier werden uns gewöhnlich als Einzelgänger präsentiert. (In "Jurassic Park" haben die Schöpfer des Monsters sich aus anderen Gründen wohlweislich von vornherein mit nur einer Bestie begnügt.) Jedoch sieht es immer mehr so aus, als hätte T. rex zumindest in bestimmten Lebensabschnitten in Gruppen gelebt, wie etwa eine Fundstätte in der Hell Creek Formation in Ostmontana vermuten läßt.

Als Paläontologen des Bezirksmuseums von Los Angeles 1966 einen erwachsenen T. rex freilegen wollten, stießen sie darüber auf ein zweites, kleineres Exemplar. Sie hielten es für eine kleinere Art. Doch als ich später die Knochenstruktur untersuchte, kam ich zu dem Schluß, daß es sich wohl um einen jungen Tyrannosaurus rex handeln müsse (siehe Bild auf Seite 46 unten).

Auch "Sue", das unter allen bisherigen Funden größte und vollständigste Skelett eines T. rex, hatte vermutlich Gesellschaft. Dieses Fossil fand die Berufssammlerin Susan Hendrickson 1990 in Süddakota. (Das Field Museum in Chicago ersteigerte das Skelett später für den Rekordpreis von 8,36 Millionen Dollar). An derselben Stelle lagerten noch die Überreste dreier weiterer T. rex: eines erwachsenen, eines halbwüchsigen und eines Jungtiers. Es könnte zwar sein, daß jedes Individuum allein den Ort aufgesucht hatte. Doch andere Wissenschaftler, die die Hell Creek Formation untersuchten, sind mit mir einig, daß die Tiere genausogut zu einer Gruppe oder Herde gehört haben könnten. Zumindest wäre das die einfachere Erklärung.

Diese These bestärkt auch ein besonders eindrucksvoller Fund von 1910. In der kanadischen Provinz Alberta stießen damals Forscher des Amerikanischen Naturhistorischen Museums in New York auf eine sogenannte Knochenbreccie, eine Massen-Ansammlung fossiler Knochen von verschiedenen Tierarten. Sie fanden darunter Überreste von mindestens neun Albertosauriern.

Ein Team um Philip J. Currie vom Royal Tyrrell Museum für Paläontologie im kanadischen Drumheller (Alberta) hat den Fundort kürzlich wieder ausfindig gemacht und das Knochenlager erstmals gründlich untersucht. Solche Knochenbreccien von Fleischfressern können entstehen, wenn ein Tier nach dem anderen zu einem Beutetier strebt, das an einer morastigen Stelle feststeckt, und dort selbst einsinkt. Allerdings müßte man dann auch Skelettreste der anvisierten Beute finden, und das sind normalerweise Pflanzenfresser. Doch weder bei "Sue" noch bei den Albertosauriern kamen welche zutage. Demnach scheinen die gleichzeitig fossilierten Tyrannosaurier im Leben assoziiert gewesen zu sein. Sie könnten zusammen verdurstet, ertrunken oder an einer Seuche eingegangen sein.

Nach dem bisher geborgenen Fossilienmaterial der Albertosaurier schätzt Currie, daß die Tiere dieser Gruppe zwischen vier und fast neun Metern lang waren. Es könnte sich also um einen Zusammenschluß von Erwachsenen und jüngeren Individuen gehandelt haben. Einer dieser Raubsaurier war zudem deutlich größer und auch massiver gebaut als die restlichen. Sicherlich könnte dieses Tier eine andere, größere Albertosaurier-Art dargestellt haben. Doch eigentlich ist ein solches gemischtes Rudel eher unwahrscheinlich. Falls T. rex tatsächlich in Sozialverbänden lebte, dann, so glaube ich, könnte das herausragende Individuum als das Leittier fungiert haben.

Tyrannosaurier in Herden, vielleicht sogar mit komplexen sozialen Beziehungen – dies zu denken ist in vieler Hinsicht so ungewohnt, als würde man nun mit einer völlig neuen Tierart konfrontiert. Bei all dem verharmlosen die Wissenschaftler diese Raubtiere der oberen Kreidezeit aber keineswegs zu Kuscheltieren. Dazu dürfte der Umgang in den Gruppen viel zu rauh gewesen sein. Hiervon zeugt so manche schlecht verheilte Bißwunde, offenbar ausgeteilt von Artgenossen. Currie und der Paläopathologe Darren Tanke, ebenfalls vom Royal Tyrrell Museum, haben diese Verletzungen kürzlich in einer Arbeit beschrieben. Darren Tanke, Spezialist für Krankheiten und Verletzungen fossiler Tierarten, hat festgestellt, daß Theropoden – fleischfressende Dinosaurier, zu denen auch die Tyrannosaurier zählen – am Kopf ein besonderes Muster von Bißspuren aufweisen. Und zwar tragen viele Tiere dort charakteristische Einkerbungen und Einstiche: an den Seiten des Maules und auch unten im Unterkiefer sowie oben und seltener hinten am Schädel.

Tanke und Currie rekonstruierten hieraus eine bestimmte Kampfmanier: Zwei Streithähne hätten nicht von vorn nacheinander geschnappt, sondern ihre mächtigen Kiefer seitlich ineinander verbissen. Nach Meinung der beiden Experten sind auf solches "Kiefer-Hakeln" auch eigenartige Bißspuren an den Zahnseiten zurückzuführen. Es scheint so, daß ihre Köpfe während eines Kampfes immer auf gleicher Höhe blieben. Offenbar zögerten die Tiere nicht, dabei heftig zuzuhauen, denn mitunter müssen T. rex sich gegenseitig schwer verletzt haben. Einer der von Tanke und Currie untersuchten Tyrannosaurier trug davon anscheinend sogar einen fremden Zahn in seinem Kiefer davon – regelrecht ein Souvenir einer solchen Auseinandersetzung.

Worum mögen die Tyrannosaurier gekämpft haben? Vermutlich – wie üblich – um Nahrung, Sexualpartner oder Reviere. An den Verletzungsrelikten können wir ablesen, daß die Kolosse im Laufe ihres Lebens öfter mit anderen fochten. Im Fossilbefund scheinen bei jüngeren Tieren mehr Verletzungen vorzukommen. Sie könnten öfter als ältere Artgenossen in Auseinandersetzungen verwickelt gewesen sein – weil sie nicht nur mit Gleichaltrigen rangelten, sondern zudem von Erwachsenen "zurechtgewiesen" wurden. Mitunter könnten sie aber auch den Bissen größerer Tiere erlegen sein. Vielleicht kämpften die stärksten Individuen ebenso häufig, nur konnten ihre Wunden verheilen und sind daher an den Fossilien kaum mehr zu erkennen.

Die Zähne des Tyrannosaurus rex konnten etwa 15 Zentimeter weit aus dem Kiefer herausragen. Diese Dolche trugen zudem Sägekanten – für Beutetiere wahrhaftig "todbringende Bananen", so die Beschreibung Kevian Padians von der Universität von Kalifornien in Berkeley.

Noch vor zehn Jahren meinten die meisten meiner Kollegen dennoch, daß es kaum fossile Bißspuren von Tyrannosaurier-Zähnen gäbe. Bis dahin wurden entsprechende Befunde in wissenschaftlichen Artikeln selten und höchstens marginal erwähnt. Die Paläontologen hatten noch nicht erkannt, daß solche Male Hinweise auf die Ernährungsgepflogenheiten der riesigen Theropoden liefern können.

Dennoch beschäftigten die Tyrannosaurierzähne immer wieder die Wissenschaft. Im Jahre 1973 begann Ralph E. Molnar vom australischen Queensland-Museum Überlegungen darüber anzustellen, ob die Form der Zähne auf ihre Stärke schließen läßt. Später argumentierten James O. Farlow von der Indiana University – Purdue University in Fort Wayne und Daniel L. Brinkman von der Yale University in New Haven (Connecticut) nach aufwendigen morphologischen Untersuchungen, die im Querschnitt gerundete Form habe die Dolche sehr widerstandsfähig gemacht. Sie hätten auch dem Zertrümmern von Knochen standhalten können.

1992 erhielt ich Gelegenheit, diesem Gedanken nachzugehen. Damals brachte mir Kenneth H. Olson, der für das Museum of the Rockies in Bozeman (US-Bundesstaat Montana) Fossilien sammelt, bemerkenswerte Fundstücke. Es handelte sich um ein eineinhalb mal ein Meter großes Beckenfragment eines erwachsenen Triceratops und um einen Zehenknochen von einem ebensolchen Edmontosaurus. Beide stellen Wissenschaftler zu den Vogelbecken-Dinosauriern (Ornithischia). Die Triceratops waren sechs Meter lange und zweieinhalb Meter hohe Hornsaurier: pflanzenfressende, stämmige Vierbeiner mit einem großen Knochenkragen am Hinterschädel und nashornartigen Gesichtsauswüchsen (Bild Seite 42). Die Edmontosaurus waren Vertreter der Entenschnabel-Dinosaurier, deren hochgewölbte Stirn und vorstehendes Maul der Trivialname bezeichnet.

Beide Fundstücke waren übersäht mit Löchern und Kerben. Manche der Rinnen waren zwölf Zentimeter lang und mehrere Zentimeter tief. An dem Beckenfossil zählte ich fast 80 solcher Einkerbungen und Stanzungen (Beispiel im eingefügten Bild Seite 44). Von einigen der größeren fertigte ich Abdrücke an. Zu erkennen ist, daß die Zähne des Verursachers etwa zehn Zentimeter Abstand voneinander gehabt hatten. Diese Zähne hatten im Querschnitt etwa die Form eines menschlichen Auges: Sie wiesen jeweils auf der Vorder- und der Rückseite eine erhabene Kante auf, die regelrechte Sägezähne trug. Nach allen Indizien dürften die Bißmarken von Tyrannosaurus rex stammen. Das wäre der erste eindeutige Beleg von Fraßspuren dieses Raubtiers.

Dieser Befund bestätigt erstmals, was Paläontologen schon immer vermuteten: daß T. rex tatsächlich die beiden häufigsten seiner großen Dinosaurier-Zeitgenossen fraß. Mindestens ebenso interessant ist aber seine Art des Fressens. Offensichtlich wendete der Gigant dabei zwei verschiedene Techniken an: Einerseits schlug er der Beute die Zähne tief ein, bis in die Knochen, und zerrte dann so kräftig, daß das Fleisch zerriß und an den Knochen lange, tiefe Löcher und Kerben zurückblieben (Bild Seite 45 oben). Offensichtlich hat das Raubtier dem Triceratops auf diese Weise durch mehrfaches Zubeißen und Reißen das große Stück Becken regelrecht abgebissen – die Bißkante ist an dem Fossil deutlich zu erkennen. Dieses mächtige Zupacken und dann Zerren war wohl vorherrschend.

T. rex verfügte aber auch über eine Knabber-Technik. Dazu benutzte er seine vorderen Zähne. Mit ihnen packte er das Fleisch an schwer zugänglichen Stellen, etwa zwischen den Wirbeln, und zog es in kleinen Fetzen ab. Hierbei blieben im Knochen parallele gerade Furchen zurück (Bild Seite 45 unten). Vielfach liegen die Einbisse an dem Beckenfossil nur wenige Zentimeter auseinander – als hätte das Raubtier das Fleisch systematisch vom Knochen abgenagt, etwa so wie wir einen Maiskolben abknabbern würden. Bei jedem Biß muß der Saurier etwas vom Knochen mit herausgehauen haben. Hatte er den Knochen mit verschluckt? Daß dies für T. rex nicht ungewöhnlich ist, erfuhren wir einige Jahre später durch ein Fossil völlig anderer Art.

1997 erhielt Karen Chin vom Vermessungsamt der USA einen merkwürdigen, länglich-spitz geformten Gesteinsbrocken, den Mitarbeiter vom Königlichen Museum der kanadischen Provinz Saskatchewan ausgegraben hatten. Das 7100 Gramm schwere Objekt mit den Maßen 44 mal 16 mal 13 Zentimeter entpuppte sich als versteinerter Kotballen eines T. rex (siehe Bild auf Seite 46 oben). Dieser Koprolith ist der erste eindeutige eines Theropoden. Er ist mehr als doppelt so groß wie das größte bisher beschriebene solche Fossil eines Raubtiers. Besonders bemerkenswert: Der Brocken steckt voller zerkleinerter Knochen. Chin und ich untersuchten das Stück in bewährter Weise histologisch: Demnach stammen die Knochentrümmer von einem jungen pflanzenfressenden Dinosaurier. Damit hatten wir nachgewiesen, daß T. rex wirklich auch Knochenstücke verschlang – und sie teilweise verdaute.

Olson und ich folgen letztlich den früheren Überlegungen von Farlow und Molnar, wenn wir nun die These verfechten, es müßten eigentlich zahlreiche Fraßspuren von T. rex existieren. Daß solche Belege scheinbar bisher weitgehend fehlen, hat unserer Meinung nach andere Gründe. Zum einen haben Paläontologen nach Bißmalen niemals systematisch gesucht. Entscheidender noch könnte gewesen sein, daß professionelle Sammler einzelne zerbissene Knochenfragmente meist wenig geschätzt haben, weil die Museen – ihre Arbeitgeber – in der Vergangenheit möglichst komplette Skelette zu erhalten wünschten. Doch vollständige Skelette stammen selten von gefressenen Tieren, denn diese werden von den Räubern gewöhnlich zerstückelt und die Knochen verteilt.

Die Paläontologin Aase Roland Jacobsen vom Royal Tyrrell Museum hat kürzlich einzeln gefundene Knochenfragmente begutachtet. Ein Vergleich mit dem Zustand der Knochen von fast kompletten Skeletten aus Alberta ergab: Von den verstreuten Fossilteilen trugen 14 Prozent Bißspuren, dreieinhalbmal mehr als Einzelknochen von ganzen Skeletten, die nur zu 4 Prozent Zahnmale aufwiesen. Dies läßt erahnen, wieviel aufschlußreiche Spurenfossilien wahrscheinlich noch in der Erde auf uns warten.

Manches vom Leben der Tyrannosaurier werden wir wohl nie erfahren, etwa welche Farben sie trugen, wie sie ihre Stimme gebrauchten oder wie ihre Liebesspiele aussahen. Immerhin ihre Ernährungsweise sollte sich aber aus Fossilien erschließen. Der Streit darüber, ob T. rex Aasfresser war oder Tiere selbst tötete, währt nun seit achtzig Jahren. Weitere Spurenfossilien werden ihn hoffentlich bald beilegen.

Als vor hundert Jahren das erste Skelett eines Tyrannosaurus rex auftauchte, haben die Forscher den Koloß wegen seines mächtigen Raubtiergebisses und der starken Kiefer sofort als Räuber eingestuft. Doch auch ein Aasfresser benötigt zum Zerlegen der Kadaver mitunter durchaus sehr kräftige Waffen. Und Braunbären zum Beispiel ernähren sich als Allesfresser nur zu einem Teil von erlegter Beute, ansonsten von pflanzlicher Nahrung. Als der kanadische Paläontologe Lawrence Lambe 1917 einen teilweise erhaltenen Albertosaurier-Schädel untersuchte, fand er die Zähne so wenig abgenutzt, daß er daraus folgerte, die Tiere müßten weiches, verwesendes Fleisch gefressen haben. (Die Zukunft sollte allerdings zeigen, daß 40 Prozent aller ausgefallenen Tyrannosaurier-Zähne sehr stark abgeschliffen und abgesplittert sind. Nach der von mir geschätzten Zeit, in der Tyrannosaurier ihre Zähne erneuerten, wären diese schweren Benutzungsspuren in nur zwei bis drei Jahren entstanden.) Lambe fand mit seiner Aasfresser-These allerdings nur vergleichsweise wenige Anhänger. Solange die Paläontologen im Disput um die Ernährungsweise von T. rex vor allem dessen Körperbau und Kraft beachteten, stand Meinung gegen Meinung. Das Lager der Aasfresser-Hypothese hielt die auffallend langen Zähne von T. rex für ungeeignet, zappelnde Beute festzuhalten oder Knochen zu durchbeißen. Das Gebiß wäre dazu praktisch zu schwach gewesen. Der Koloß hätte außerdem mit solchen Stummelärmchen niemals Beutetiere schlagen können. Ohnehin sei er für die Jagd zu langsam gewesen.

Die Gegenseite konterte mit Biomechanik. Unter anderem verwies sie auf meine Studie über die Beißkraft von T. rex, derzufolge die Zähne durchaus ziemlich robust gewesen sein dürften (siehe Bild oben). (Wie gesagt, ist für mich der Schluß, T. rex habe Beute geschlagen, dennoch nicht zwingend.) Die Wissenschaftler dieser Fraktion beziehen sich auch auf eine Berechnung von Kenneth Carpenter vom Naturhistorischen Museum in Denver (US-Bundesstaat Colorado) und Matthew Smith, vormals Museum of the Rockies: Danach hatten die Stummelärmchen von T. rex immerhin Kraft, um bis zu 180 Kilogramm zu packen. Auch verweisen diese Forscher auf die Kalkulationen Per Christiansens von der Universität Kopenhagen zur Renngeschwindigkeit anhand der Gliedmaßenproportionen. Demnach könnte dieser Raubsaurier Sprints von 47 Kilometer pro Stunde geleistet haben. So schnell war keiner seiner Zeitgenossen – auch wenn zusätzlich Ausdauer und Behendigkeit der Beutetiere berücksichtigt werden müßten, was allerdings schwer zu schätzen ist.

Letztlich können auch solche Berechnungen die Frage nach der Ernährungsweise von T. rex, also nach seiner ökologischen Nische, nicht lösen. Eigentlich hilft es wenig, zu wissen, daß T. rex potentiell Beute schlagen konnte. Es gilt vielmehr herauszufinden, was er tatsächlich tat: ob und inwieweit er die verschiedenen Möglichkeiten nutzte, die seine Umwelt ihm bot – zum Beispiel auch verendete Tiere verzehrte. Viele heutige große Fleischfresser, die normalerweise selbst jagen, fressen bei Gelegenheit auch Aas, wie umgekehrt typische Aasräuber mitunter auch selbst töten. Die Befunde scheinen immer mehr darauf hinzuweisen, daß auch T. rex beides tat.

Im Verbreitungsgebiet von T. rex finden sich Knochenbreccien mit den Überresten Hunderter, manchmal Tausender von Edmontosauriern. Offenbar kamen diese Entenschnabel-Dinsosaurier bei Katastrophen um – denkbar wären etwa Überflutungen oder Dürren. T. rex scheint auf solchen Friedhöfen Nahrung gefunden zu haben. Davon zeugen sowohl seine Bißmale an den Knochen der Edmontosaurier als auch abgebrochene Zähne von ihm, die zwischen den Skeletten herumliegen.

Ähnliches fand übrigens Jacobsen für Albertosaurier. Carpenter lieferte andererseits einen eindeutigen Beweis, daß Tyrannosaurus rex ein aktiver Jäger war: Er beschrieb ein Skelett eines Edmontosaurus mit mehreren gebrochenen und wieder verheilten Schwanzknochen. Der große Pflanzenfresser muß als bereits erwachsenes Tier einem Raubtier entkommen sein, und wegen der Größe des Angreifers, der Stellung seiner Zähne und seiner Bißkraft kommt als Kandidat eigentlich nur Tyrannosaurus rex in Frage.

Wie oft T. rex das eine oder das andere Verfahren anwandte, müßte sich aus dem Fossilbefund wiederum durch Vergleich der Häufigkeiten erschließen lassen. Auch wäre es zur Beilegung des Streits hilfreich, wenn die Paläontologen sich auf eine übliche Definition für Beutegreifer und Aasfresser einigen könnten. Die extreme Position etwa, daß jedes Raubtier ein Aasfresser sei, wenn es auch nur gelegentlich an Kadavern weidet, würde auch fast alle heutigen normalerweise räuberischen Vögel und Säugetiere zu Aasfressern machen, was aber nicht ihrer ökologischen Funktion entspricht.

Plausibler wäre die Unterscheidung, zu der die meisten Paläontologen ohnehin neigen: daß eine Art als räuberisch einzuordnen sei, wenn sie sich überwiegend von selbstgetöteten Tieren ernährt, wenn also die meisten Individuen in der Regel Fleisch fressen, das sie oder ihre Artgenossen erlegt haben; bei einer Aasfresser-Art würde demnach ein Großteil der Nahrung nicht von eigener Jagd stammen.

Wie kann man den Unterschied an Fossilien erkennen? Aufschlußreich wäre dafür zum Beispiel, was T. rex überwiegend fraß. Wenn er die meisten Spuren an Knochen von Tieren hinterlassen hat, die für ihn leichte Beute waren, spräche dies nach Jacobsen für eine räuberische Lebensweise. Wenn er sich hingegen ohne Unterschied auch über große, wehrhafte oder gut gepanzerte Tiere hergemacht hat, könnte dies auf einen Aasfresser hinweisen.



Kein Kannibale?



Die Forscherin sichtete Tausende von Dinosaurierknochen aus der Provinz Alberta. Diejenigen von – relativ ungeschützten – Entenschnabel-Dinosauriern wiesen doppelt so oft Tyrannosaurier-Bißmale auf wie Fossilien von vermutlich gefährlicheren Hornsauriern. Dazu ergänzte Tanke, der am Sammeln dieser Knochen beteiligt war, daß an Überresten von den rundum gut gepanzerten, oft auch noch dornenbewehrten Ankylosauriern überhaupt keine Bißspuren entdeckt worden seien.

Der Eindruck könne allerdings täuschen, bemerkt Jacobsen hierzu. Denn bei den Entenschnabel-Dinosauriern handelt es sich überwiegend um Einzelfunde. Die Hornsaurier hätten hingegen meist in Knochenbreccien gelegen. Schon wegen der besonderen Umstände ihres Todes dürfte ein größerer Anteil dieser Individuen von Räubern unberührt geblieben sein. Das korrekte Verhältnis könne erst ein Vergleich mit ebenfalls einzeln fossilierten Hornsauriern liefern. Wie groß andererseits die Jagdlust der Tyrannosaurier gewesen ist und gegen wen sie sich richtete, könnte auch eine größere Analyse von Fossilien mit verheilten Knochenverletzungen durch diese Raubtiere erweisen.

Der nach Jacobsens Befunden anscheinend fast nicht vorhandene Kannibalismus bei Tyrannosauriern wäre noch ein weiteres Indiz für eine räuberische Lebensweise. Nur an zwei Prozent zumindest der Albertosaurierknochen fand die Paläontologin Biß-Spuren von Artgenossen. Demgegenüber weisen die Überreste der pflanzenfressenden Arten zu 14 Prozent solche Male auf. Ein Aasfresser hätte sich vielleicht öfter über Kadaver von seinesgleichen hergemacht, zumal falls er mit ihnen im Verband lebte – vorausgesetzt natürlich, er mochte diese Nahrung überhaupt. Frisch verendete Artgenossen hätten ab und zu ein willkommenes Mahl bieten können – näm-lich ein leichter zugängliches als tote Pflanzenfresser, die erst gesucht werden mußten.

Nicht zuletzt könnte auch der Inhalt von Kotversteinerungen erkennen las-sen, ob Tyrannosaurier eher junge oder alte Tiere fraßen. Knochenreste von jungen Pflanzenfressern sprächen für räuberische Vorlieben von T. rex, denn die jungen Tiere in Pflanzenfresserherden wären leichter zu erlegen. Falls T. rex aber eher ein Aasfresser war, müßten manche solcher Versteinerungen Spuren von älteren Tieren enthalten.

Die eindrucksvolle Statur des größten aller Raubsaurier kennen die Paläontologen schon länger recht gut. Sein Verhalten verstehen die Wissenschaftler viel weniger – obwohl fossile Spuren von seiner Lebensweise durchaus vorhanden sind. Wir müssen sie nur beachten, dann können wir uns Tyrannosaurus rex auch lebensnah vor Augen führen.

Literaturhinweise


Saurier und Urvögel. Spektrum der Wissenschaft, Digest 5, 1/1997.

Dinosaurier – Riesenreptilien der Urzeit. Von Annette Broschinski. Beck, 1997.

Dinosaurier – Im Reich der Giganten. Von Tim Haines. vgs., 1999.

The Complete T. rex. Von John Horner und Don Lessem, Simon & Schuster, 1993.

A King-Sized Theropod Coprolite. Von Karen Chin, Tymothy T. Tokaryk, Gregory M. Erickson und Lewis C. Calk, in: Nature, Bd. 393, S. 680-682; 18. Juni 1998


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1999, Seite 42
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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