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Die Zukunft der Vergangenheit. Archäologie im 21. Jahrhundert.

Schneekluth, München 1998. 344 Seiten, DM 44,–.

Das ausgehende Jahrtausend regt zu Resümees und Ausblicken an, in denen im Interesse breiter Wirkung möglichst eindringlich vom Epochenwandel gesprochen wird. Der in Zürich tätige Geoarchäologe Eberhard Zangger hat mit Büchern, in denen er das sagenhafte Atlantis mit Troja identifizierte, gezeigt, daß er sich auf derartige publizistische Paukenschläge versteht.

Er greift weit aus: Er will die Aufgaben, Lösungswege und möglichen Erkenntnisse der Archäologie im nächsten Jahrtausend beschreiben. Genauer geht es um das Fachgebiet Geoarchäologie, in dem er seit einigen Jahren erfolgreich arbeitet, und dabei insbesondere um die Frühgeschichte der Ägäis. Hier sollten laut Zangger die Archäologen wegen der komplizierten Befunde eng mit den Naturwissenschaftlern zusammenarbeiten. Doch herrsche seit Entstehung des Faches vor hundert Jahren oft purer Dilettantismus vor. So pflege man das Verschwinden frühgeschichtlicher Hochkulturen wie Kreta und Mykene nach wie vor hauptsächlich mit Naturkatastrophen zu erklären: dem Vulkanausbruch auf Santorin, Erdbeben oder klimatischen Katastrophen, die von naturwissenschaftlichen Laien sämtlich in ihrer Wirkung überschätzt würden. Dagegen ziehe man Überfälle anderer Völker oder militärische Auseinandersetzungen ungern als Ursache für kulturelle Umbrüche heran.

Suggestiv ausgewählte Beispiele machen es dem Autor leicht, die grabenden Archäologen wie Trottel dastehen zu lassen, denen ein wendiger Geoarchäologe ihre Fehler aufzeigt. An die Stelle der oft aus Selbstzweck unternommenen Grabung und einer zeitraubenden Materialsichtung solle die zügige Beantwortung konkreter Fragen unter Einsatz modernster Technik treten. Da es dabei auf die Untersuchung ganzer Landschaften ankomme, müßten hochtechnisierte Feldforschungen, nicht Grabungen im Vordergrund stehen (siehe seinen Beitrag in Spektrum der Wissenschaft, Mai 1995, S. 88).

Dem solcherart mit methodischem Rüstzeug ausgestatteten Leser bietet Zangger auch gleich erste Lösungsversuche. Nachdem er noch einmal ausführlich seine Thesen zur Gleichsetzung Atlantis/Troja wiederholt hat, wendet er sich allgemein dem westlichen Kleinasien zu, das er als den entscheidenden Impulsgeber für die Kulturen Europas sieht. Aus dieser Perspektive erscheine der verbreitet eurozentristische Blick der Archäologie als wissenschaftlich unhaltbar. Neben Kleinasien, so Zangger, wirkte vielmehr auch der Orient (Syrien, Babylonien, Mesopota-mien und benachbarte Landschaften) als wichtige Quelle kultureller Entwicklung im westlichen Mittelmeerraum. Nicht Naturkatastrophen, sondern die Überlegenheit östlicher Kulturkreise bewirkten Veränderungen in der Ägäis. Eine durch Philhellenismus geprägte und methodisch einseitig auf kunstgeschichtliche und philologische Fragen konzentrierte Archäologie hat also die Erforschung der ägäischen Frühzeit behindert.

Das leidenschaftliche Plädoyer für Interdisziplinarität überzeugt, auch wenn kaum ein Projekt den von Zangger geforderten Aufwand treiben kann. Auch dem Wunsch, die Archäologie möge klare Fragestellungen entwickeln, an denen die Materialauswertung auszurichten ist, wird sich jeder anschließen: Zu oft muß man bei einem archäologischen Vortrag unzählige Dias ohne erkennbare Problemstellung über sich ergehen lassen. Zanggers Hinweis auf die Bedeutung Kleinasiens oder des Orients für die Entwicklung der Ägäis ist berechtigt; nur rennt er damit beim Fachmann, auch wenn er Gegenteiliges suggeriert, längst offene Türen ein. Dies zeigen entsprechende Schwerpunktprogramme der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder einschlägige Graduiertenkollegs.

Das Buch ist spannend und sehr flüssig geschrieben; es enthält auch richtige Einsichten etwa in die Notwendigkeit von Feldforschungen. Aber über seine Breitenwirkung wird vorrangig nicht der Inhalt, sondern die verfehlte Art der Präsentation entscheiden. Das angestrengte Bemühen Zanggers, sich selbst zum bedeutenden Gelehrten zu stilisieren und in eine Reihe mit Kopernikus oder Schliemann zu stellen, ist dabei nur der kleinere Fehler. Gravierender ist das Versäumnis, die Einsichten fair in den wissenschaftlichen Disput einzuordnen. Gelehrten jeden Alters werden die „Gegenthesen“ Zanggers nicht als so neu erscheinen, wie er sie ausgibt. Oft nur am Rande erfährt man, daß die Ergebnisse des Autors auch von jenen vertreten werden, deren Grabungen er besucht hat.

Offensichtlich will Zangger mit seiner Darstellung die Fachkollegen provozieren. Das mag ein legitimes Mittel sein, einzelne angeblich erstarrte Forschergehirne wieder in Bewegung zu bringen, und ist auch dadurch erklärlich, daß die Fachwelt die bisherigen Publikationen Zanggers zum Thema sehr reserviert aufgenommen hat. Der Gesamtheit des Faches, und um die geht es schließlich in dem Buch, wird sie aber nicht gerecht. Dies gilt auch für die oft pauschale Kritik an gängigen Methoden der Materialauswertung wie der zeitraubenden Erforschung der Keramikentwicklung. Die im Schlußkapitel erhobene Forderung, auch der Archäologie seien wie der Fußball-Nationalmannschaft eher Persönlichkeiten als Leisetreter zu wünschen, ist zu begrüßen. Wer aber auf dem Buchumschlag für sich den peinlichen Titel „Antiken-Einstein“ übernimmt, sollte sich im Inneren des Buches nicht gerade Stefan Effenberg als Vorbild wählen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1999, Seite 111
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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