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Dinosaurierforscher. Die abenteuerliche Suche nach einer vergangenen Zeit


Das Buch liegt im Trend des noch immer anhaltenden Interesses für die Dinosaurier des Erdmittelalters. Es reiht sich ein in die bald unübersehbare Vielzahl einschlägiger Publikationen fachlicher und populärer Art, ohne allerdings gesicherte neue Erkenntnisse oder eine Gesamtwertung dieser fossilen Tiergruppe zu bringen.

Der deutsche Titel ist unzutreffend (das Original erschien 1992 unter dem Titel "Kings of Creation"). Nicht die Wissenschaftler stehen im Mittelpunkt, auch wenn sie kurz biographisch und durch Photos vorgestellt werden. Vielmehr vermittelt das Buch den gegenwärtigen Stand der Dinosaurierforschung, basierend auf den zum Teil sehr kontroversen Auffassungen und Ergebnissen vieler Experten aus aller Welt über Herkunft, Evolution und die rund 150 Millionen Jahre dauernde Lebensgeschichte dieser Reptilien.

Der Schwerpunkt der Darstellung liegt eindeutig in Nordamerika, denn dort befindet sich der Sitz der internationalen Dinosauriergesellschaft (Dinosaur Society), einer Stiftung zur Forschungsförderung, deren Präsident der Autor ist. Früher entdeckte bedeutende Fossilvorkommen wie im Oberjura von Tendaguru in Ostafrika, jüngste Grabungen französischer Forscher in kreidezeitlichen Ablagerungen Zentralafrikas oder die erst kürzlich in Argentinien entdeckten Dinosaurier aus demselben Erdzeitalter bleiben unerwähnt.

Das Buch ist chronologisch in elf Abschnitte gegliedert. Ausgehend vom gegenwärtigen "Mekka der Dinosaurierforschung" in Drumheller (Kanada) mit seinen großartigen Funden aus der Oberkreide von Alberta berichtet Lessem zunächst von den geologisch ältesten Dinosauriern aus der Obertrias von Argentinien und ihrer unbekannten Herkunft. Das folgende Kapitel handelt von dem obertriassischen Vorvogel Protoavis und den gegensätzlichen Auffassungen der Experten über dessen systematischen Status und seine Bedeutung. Der Theorie eines Massensterbens durch Katastrophen extraterrestrischer Ursache, die aus dem Dinosauriervorkommen von Neuschottland abgeleitet wird, stimmt der Autor nicht vorbehaltslos zu.

Die sich im Jura explosionshaft entfaltenden Dinosaurier erreichten in der Fauna von Dashanpu (China) einen ersten Entwicklungshöhepunkt. An diesen und vor allem an den Dinosauriern des Oberjura von Wyoming (USA) entbrennen die Diskussionen um ihre Physiologie und den Ursprung der Vögel aus kleinen, zweibeinigen, räuberischen Theropoden. Aus dem obersten Jura des westlichen Nordamerika stammen die meisten Funde der bekannten vierfüßigen, pflanzenfressenden Sauropoden. Ihre gewaltige Gesamtlänge von mehr als 30 Metern ist ehrgeizigen Forschern Anlaß für den Prioritätsstreit, wer die Reste des größten Landtiers aller Zeiten entdeckt hat.

Am Beispiel der Dinosauriervorkommen in der Unterkreide nahe dem damaligen Nordpol in Alaska und dem Südpol in Queensland (Australien) wird ihr Leben unter polaren Bedingungen, wiederum sehr kontrovers, diskutiert (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, September 1993, Seite 56). Die interessantesten Kapitel führen in die auch heute noch schwierig zu erforschende Gobi (Mongolei; siehe Spektrum der Wissenschaft, Februar 1995, Seite 68) und nach Montana (USA). Diese beiden oberkreidezeitlichen Fundstellen enthalten Eigelege und Nistkolonien, Eier mit Embryonen sowie Jung- und Alttiere, die Rückschlüsse ermöglichen auf das Sozialverhalten wie Brutpflege, Zusammenschluß und Verständigung in Familienverbänden, saisonale Wanderungen oder habitatabhängige Evolution (Spektrum der Wissenschaft, Juni 1984, Seite 130). Diese Befunde werden jedoch unterschiedlich interpretiert.

Im letzten Kapitel schließlich spekulieren Paläontologen, Geologen, Botaniker, Astrophysiker und interessierte Laien über das Aussterben der Dinosaurier, dessen Ursache bis heute nicht mit Sicherheit bekannt ist – eine unerschöpfliche Fundgrube für angebliche Fakten und Gegenbeweise, Theorien, Hypothesen und Gegenthesen.

Jedem Kapitel sind eine erdgeschichtliche Zeittabelle und eine – allerdings ungenügend informierende – paläographische Karte ohne jegliche Erläuterungen beigefügt. Ein Teil der – ausschließlich schwarzweißen – Photos ist unscharf. Hingegen sind die Rekonstruktionszeichnungen der Tiere von hoher Qualität. Ein Glossar, eine Liste weiterführender Literatur, ein ausführliches Quellenverzeichnis, eine Weltkarte mit allen bekannten Dinosauriervorkommen, ein (allerdings völlig veraltetes) Verzeichnis der Museen und Institute, die Dinosaurier zeigen, sowie ein Register schließen das Buch ab.

An der salopp geschriebenen deutschen Fassung, die sich schon in den Kapitelüberschriften ausdrückt, einer Anzahl von Orthographie- und Druckfehlern sowie zahlreichen fachlichen Übersetzungsfehlern, die hier aufzuzählen nicht der Platz reicht, habe ich keinen Gefallen gefunden. Wenn dann noch auf fast jeder Seite Stilblüten wie "Dinosauriertick", "Dinosaurier mit Schweineschnauze", "in der Katastrophentheorie Trittbrettfahrer spielende Wissenschaftler", "Dino-Massenmörder", "Echsenmischmasch", "Styracosaurier mit hängenden Nasen", "beknackte Wirbelsäule", "zusammengeschusterte Skelette" oder "taxonomisches Tohuwabohu" erscheinen, um nur einige aufzuzählen, wird der gesamte Forschungszweig ins Lächerliche gezogen. Der Birkhäuser-Verlag wäre gut beraten gewesen, die Übersetzung fachlich und vor allem sprachlich revidieren zu lassen. In dieser Form kann das Buch kaum empfohlen werden.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1995, Seite 126
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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