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Selbstbetrug: Doppelte Buchführung

Ob Kreditgeschäfte, Plagiatsvorwürfe oder Schwarzgeldaffäre - immer wieder geraten Politiker mit zweifelhaften Praktiken in die Schlagzeilen. Doch keiner von ihnen wähnt sich im moralischen Abseits. Glauben sie tatsächlich selbst, dass sie sich untadelig verhalten haben? Möglich wär's: Die Mechanismen der Selbsttäuschung können das Urteilsvermögen gewaltig trüben.
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Wie sich die Bilder gleichen. Anfang 2011 erklärt der damalige Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg, die abgekupferten Passagen seiner Doktorarbeit seien das Ergebnis von Überlastung und Nachlässigkeit – und keineswegs der Versuch einer vorsätzlichen Täuschung. Anfang 2012 gerät der amtierende Bundespräsident Christian Wulff in Verdacht, in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident Vorteile angenommen und dienstliche mit privaten Interessen verquickt zu haben. Auch er gesteht nur vereinzelt Fehler ein und will die ­Affäre aussitzen, muss schließlich aber wie ­Guttenberg sein Amt räumen. Doch Zweifel an seiner moralischen Integrität will er bis heute nicht zulassen.
Ist es denkbar, dass Wulff und Guttenberg an ihrem Tun tatsächlich nichts Unmoralisches finden konnten? Und wie ließe sich eine derart verzerrte Wahrnehmung erklären?
Diese Fragen haben Psychologen anhand zahlreicher Experimente beantwortet – mit erstaunlichen Befunden. Wulff und Guttenberg sind demnach nur zwei prominente Beispiele für ein durchaus verbreitetes Phänomen: ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten, auch wenn offenkundige Beweise für moralisches Fehlverhalten vorliegen ...

April 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist April 2012

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Literaturtipps

Trivers, R.: Deceit and Self-Deception. Fooling Yourself the Better to Fool Others. ­Allen Lane, London 2011
Biologie und Psychologie der Selbsttäuschung

Wirth, H.-J.: Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik. Psychosozialverlag, Gie­ßen, 4. korrigierte Auflage 2011
Analytische Fallstudien an politischen Machthabern wie Helmut Kohl und Slobodan Milošević


Quellen

Batson, C. D. et al.: Moral Hypocrisy: Appearing Moral to Oneself Without Being So. In: Journal of Personality and Social Psychology 77, S. 525-537, 1999

Chance, Z. et al.: Temporal View of the Costs and Benefits of Self-Deception. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA 108, S. 15655-15659, 2011

Galinsky, A. D. et al.: Power and Perspectives Not Taken. In: Psychological Science 17, 1068-1074, 2006

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Peterson, J. B. et al.: Self-Deception and Failure to Modulate Responses Despite Accruing Evidence of Error. In: Journal of Research in Personality 37, S. 205-223, 2003

Ross, M., Wilson, A. E.: It Feels Like Yesterday: Self-Esteem, Valence of Personal Past Experiences, and Judgments of Subjective Distance. In: Journal of Personality and Social Psychology 82, S. 792-803, 2002

Valdesolo, P., DeSteno, D.: The Duality of Virtue: Deconstructing the Moral Hypocrite. In: Journal of Experimental Social Psychology 44, S. 1334-1338, 2008

Van Kleef, G. A. et al.: Power, Distress, and Compassion: Turning a Blind Eye to the Suffering of Others. In: Psychological Science 19, S. 1315-1322, 2008