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Drogen, Kräuter und Kulturen. Pflanzen und die Geschichte des Menschen

Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1997. 248 Seiten, DM 68,–.


Die antiken Kelten und Bretonen nutzten zur psychologischen Kriegsführung nicht nur ein kaum erträgliches Getöse aus Schlachthörnern, sondern auch ein abschreckendes Äußeres: Sie bemalten sich vor dem Kampf mit einem blauen Farbstoff aus den Blättern des Färberwaid (Isatis tinctoria). Der Name "Britannien" stammt von dem keltischen Wort brith für Farbe ab. Und britische Traditionen sind langlebig: "Wer heute nach Großbritannien reist, begegnet zwar keinen mit Waid bemalten Kriegern mehr, aber die Uniformen der britischen Polizisten wurden noch lange mit diesem Farbstoff blau gefärbt" (Seite 137).

Michael J. Balick, Direktor des Instituts für Pflanzenökologie im Botanischen Garten von New York, und Paul Alan Cox, Professor für Botanik an der Brigham-Young-Universität in Provo (Utah), lernten sich Ende der siebziger Jahre als Doktoranden an der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) kennen und betreiben seither ein Forschungsgebiet, in dem sehr verschiedene Disziplinen ineinandergreifen: die Ethnobotanik (siehe ihren Artikel "Neue Medikamen- te durch ethnobotanische Forschung", Spektrum der Wissenschaft, August 1994, Seite 40).

Nahrung, Kleidung, Körperschmuck, Narkosemittel und Pfeilgifte, Rohmaterial für riesige Segelschiffe und halluzinogene Schnupfmittel – es gibt fast keinen Bereich, in dem Pflanzen nicht den Weg der Zivilisation mitbestimmt hätten. So spannt sich der Rahmen dieses Buches vom rituellen Verzehr im Rahmen von Kulthandlungen bis hin zu den gesundheitlichen Folgen einer sich ändernden Ernährungsweise, von den medizinischen Erkenntnissen der Schamanen bis zu den Auswirkungen der Nachfrage nach Gewürzen auf die Weltgeschichte.

Die Autoren präsentieren eine Vielzahl von Fakten aus der Naturwissenschaft und der Geschichte, darunter altbekannte wie die Einführung der Digitalisglykoside aus dem Fingerhut in die Medizin durch den englischen Arzt William Withering (1741 bis 1799) oder die Isolierung des Reserpins aus der Schlangenwurzel Rauvolfia serpentina, einem im Himalaya-Gebiet bei Schlangenbissen genutzten Gewächs. Es gibt jedoch vie-le weitere faszinierende Facetten der Ethnobotanik. Beispielsweise verabreichen einheimische Heilerinnen auf Samoa bei einer akuten Hepatitis einen Tee aus der Rinde des mamala-Baumes (Homalanthus nutans). Aus seinem Holz wurde inzwischen das Prostratin isoliert, ein Wirkstoff aus der Klasse der Phorbole, der sich zu einem vielversprechenden Medikament gegen AIDS entwickeln könnte. Der blaue Farbstoff für die Körpertätowierungen der Samoaner stammt aus dem Ruß der verbrannten Nüsse des Lichtnußbaumes Aleurites moluccana. Wer aber weiß schon, daß das langwierige und schmerzhafte Tätowierungsritual den Männern eine Möglichkeit geben soll, die Schmerzen der Frauen bei der Entbindung besser zu verstehen?

Die Autoren schöpfen aus einem großen Fundus an alten Expeditionsberichten, Fakten und eigener Feldforschung in Mittel- und Südamerika sowie in Ozeanien und Südostasien. Nicht nur das: Sie verstehen es auch, dieses Wissen auf äußerst unterhaltsame Art zu vermitteln. Man stößt auf ungezählte, bislang nicht gekannte Eigenheiten anderer Völker, die erklärt und verständlich gemacht werden, und gewinnt Verständnis etwa für die yerbateros, die Kräutersammler aus Belize, oder die wenigen noch in ihrem alten Handwerk kundigen Schiffsbauer Polynesiens. Diese Brücke zu wenig bekannten, oft schon im Untergang begriffenen Kulturen ist vielleicht sogar einer der wichtigsten Aspekte dieses Buches. Daher ist es nur angemessen, daß die Autoren entsprechenden Anliegen breiten Raum geben: dem Naturschutz, dem Erhalt der Artenvielfalt und dem fairen Verhalten gegenüber den Trägern des Wissens. Man soll von diesen Völkern nicht nur lernen und vielleicht sogar profitieren, sondern ihnen auch in angemessener Art helfen, ohne ihre kulturelle Eigenständigkeit zu unterdrücken.

Vielleicht übertreiben die Autoren in manchen Fällen in ihrem Bemühen, die Bedeutung der Pflanzen für die menschliche Geschichte aufzuzeigen. Der Untergang der Anasazi im Südwesten der heutigen Vereinigten Staaten etwa ist ein nach wie vor ungelöstes Rätsel. Ob diese Kultur sich einzig auf den Mais stützte und deshalb einer längeren Trockenzeit zum Opfer fiel (so die These der Autoren), ob auch andere Faktoren wie die Einwanderung kriegerischer Athabasken-Stämme aus dem Norden beteiligt waren oder ob der vielbeschworene Untergang eher ein Übergang war, da die Besiedelung in diesem Gebiet nie richtig unterbrochen war, das sind Fragen, welche die Forschung noch zu klären hat.

Gleichwohl haben die Autoren hier ein unterhaltsames und kenntnisreiches Buch vorgelegt. Nicht zuletzt die ansprechende Bebilderung macht die Lektüre zu einem echten Vergnügen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1998, Seite 108
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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