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Epidemien: Droht eine Rückkehr der Tierseuchen?

Wie ehedem grassieren auch heute immer wieder Seuchen in der Nutztierhaltung. Doch in unserer Zeit sind nicht die Erreger das eigentliche Problem, sondern ihre leichte Verbreitung durch Handel und Verkehr.


Maul- und Klauenseuche, BSE, Schweinepest, Geflügelpest, Tuberkulose bei Rindern: Die Medien sind voll von Schreckensmeldungen. Kehren etwa die Seuchen zurück? Droht uns gar ein Horrorszenario wie im Mittelalter, mit Pocken, Pest und anderen Plagen?

Dabei war doch erst kürzlich die weltweite Ausrottung der Pocken, einer der Geißeln der Menschheit, gefeiert worden! Warum geraten Infektionskrankheiten, insbesondere solche, die bei landwirtschaftlichen Nutztieren auftreten, plötzlich wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit, wo es doch so lange recht ruhig um sie war? Ist es nur wegen der emotional aufputschenden Bilder der Massentötung von Tieren, die publikumswirksam über die Mattscheibe flimmern? Weil Tierkörper jetzt "unschädlich beseitigt", anstatt von uns verzehrt zu werden?

Um die gegenwärtige Situation und die eigentlichen Hintergründe verstehen zu können, müssen wir uns die Entwicklung der Tierseuchen in den letzten Jahren in Deutschland, Europa und weltweit genauer ansehen.

Zunächst einmal: Eine Tierkrankheit wird dann als Seuche bezeichnet, wenn sie durch ein infektiöses Agens (etwa ein Virus oder Bakterium) verursacht wird, auf natürlichem Wege mittelbar oder unmittelbar übertragen werden kann und zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Gebiet vermehrt auftritt. Weltweit fasst das Internationale Tierseuchenamt (OIE, Office international des epizooties) die gefährlichsten Tierseuchen in einer so genannten "Liste A" zusammen.

Viele dieser Krankheiten kamen in Deutschland noch nie oder seit Jahrzehnten nicht mehr vor. In manchen Staaten wird jedoch nicht jeder Ausbruch umfassend gemeldet. Insbesondere in den Entwicklungsländern gibt es sicherlich erhebliche Dunkelziffern.

In Deutschland traten einheimische Tierseuchen noch Anfang der neunziger Jahre relativ oft auf. Viele dieser Infektionskrankheiten konnten aber in den letzten Jahren durch Impfkampagnen oder andere konsequente Gegenmaßnahmen drastisch zurückgedrängt werden. Dazu zählen die Tollwut, die Schweinepest, die Newcastle-Krankheit (atypische Geflügelpest), die Aujeszkysche Krankheit (Juckseuche oder Pseudowut, mit Lähmungen und meist tödlichem Ausgang) und die Rinderleukose (eine infektiöse Leukämie). Andere Tierseuchen hingegen ließen sich bisher nicht sichtlich eindämmen wie etwa die bösartige Faulbrut der Bienen, die Psittakose der Papageienvögel oder auch die Salmonellose der Rinder.

Für die menschliche Gesundheit hatten hier zu Lande in den letzten Jahrhunderten vor allem auch einige bakterielle Tierseuchen eine erhebliche Bedeutung. An Tuberkulose und Brucellose (einer fiebrigen Infektion) bei Nutzvieh werden sich viele Ältere noch erinnern. Heute sind diese Krankheiten in Deutschland praktisch getilgt. Vereinzelt treten sie aber immer wieder auf, wie gerade durch die Tuberkulosefälle bei Rindern in Bayern deutlich wurde. Ursachen für diese "Neuausbrüche" sind meist der Zukauf infizierter Tiere aus dem Ausland unter Missachtung geltender Vorschriften (im Falle von Brucellose) oder Infektionen, die vom Menschen ausgehen (bei Tuberkulose). Hier hat sich also die Situation umgekehrt: Nicht das Tier infiziert den Menschen, sondern der Mensch das Tier!

Trotzdem entstehen aus diesen Einzelausbrüchen keine Epidemien. Das verhindern die regelmäßigen Kontrollen der Tiere in den Beständen und am Schlachthof sowie die Fleischuntersuchungen nach dem Schlachten. Europaweit herrschen dabei einheitliche Verhütungs- und Bekämpfungsvorschriften.

Für die Europäische Union ist die Situation vielfältiger als in Deutschland, schon weil sie Gebiete unterschiedlichster Klimata umfasst, von mediterran bis arktisch. Und sie grenzt an Länder, in denen zahlreiche Tierseuchen endemisch vorkommen, also in Haustierbeständen permanent vorhanden sind. Dabei besteht immer das Risiko, dass diese Krankheiten in Nachbarländer verschleppt werden.

Vielfalt der Erregertypen


Die Maul- und Klauenseuche zum Beispiel trat in den letzten Jahren in Mittel- und Südosteuropa mit verschiedenen Typen des Erregers wiederholt auf. So meldete im Jahre 1994 Griechenland 95 Ausbrüche vom Typ 0, zwei Jahre später erneut 39 Ausbrüche dieses Typs und schließlich im vergangenen Jahr 14 Ausbrüche vom Typ ASIA 1. Die meisten Fälle betrafen Gebiete nahe der türkischen Grenze. Dies verwundert nicht, denn in Teilen der Türkei ist die Maul- und Klauenseuche endemisch. Auch Bulgarien als europäisches Nachbarland zur Türkei erlebte 1991, 1993 und 1996 Ausbrüche dieser Krankheit durch den Erregertyp 0. Italien verzeichnete 1993 insgesamt 57 Fälle der Maul- und Klauenseuche, davon vier in der Umgebung von Verona, der Rest im Süden des Landes. Auch hier erschien der Typ 0, der vermutlich aus dem vorderasiatischen Raum durch illegale Tiertransporte eingeschleppt wurde. 1996 auf dem Balkan hingegen war es ein Typ A22-ähnliches Virus, das die Seuche verbreitete. Dies verdeutlicht, dass sich die Virusvarianten nicht vorhersehen lassen. Wir müssen jederzeit mit den unterschiedlichsten Typen rechnen. In allen genannten Fällen gelang es aber, die Seuche letztlich wieder zu eliminieren – so in den betroffenen Regionen Albaniens und Mazedoniens mit Unterstützung der Europäischen Union durch Notimpfungen und Keulung der betroffenen Bestände.

Im letzten Jahr traten in EU-Ländern zwei bedeutsame Epidemien von Liste-A-Krankheiten auf: Blauzungenkrankheit der Wiederkäuer und Geflügelpest. Die Blauzungenkrankheit suchte Italien und Frankreich zum ersten Mal überhaupt heim (mit 6144 Ausbrüchen vor allem in Sardinien, Kalabrien und auf Sizilien sowie mit 31 Ausbrüchen auf Korsika). Das seit 1960 von der Krankheit nicht mehr berührte Spanien meldete 505 Ausbrüche auf den Balearen-Inseln Mallorca und Menorca. Auch in Griechenland gab es Krankheitsfälle. Der Erreger, ein Virus, wird sowohl durch infizierte Tiere als auch durch bestimmte Stechmücken übertragen. Er verursacht Fieber und Entzündungen. Umfangreiche Impfungen und Handelsbeschränkungen konnten eine noch größere Epidemie verhindern.

Die klassische Geflügelpest, eine Influenzavirus-Infektion, brach im letzten Jahr im Norden Italiens in 346 Betrieben aus, insbesondere in der Provinz Verona. Ein in den Geflügelbeständen bereits vorhandenes, bis dahin relativ harmloses Virus, das bisher nur geringe Verluste verursacht hatte, war spontan zu einem gefährlichen Erreger mutiert. Die Epidemie erfasste mehr als 15 Millionen Vögel, hauptsächlich Puten und Hühner. Zu den wichtigsten Bekämpfungmaßnahmen gehörten Tötung infizierter Bestände und umfangreiche Impfungen. Damit gelang es bisher, die Seuche zu kontrollieren. Noch ist der Erreger aber nicht eliminiert, sodass weiterhin Gefahr droht.

Fragwürdiger Umgang mit dem Risiko


In der heutigen Diskussion über Tierseuchen ist die "prominenteste" gewiss die "Rinderseuche" BSE (bovine spongiform encephalopathy). Diese Infektionskrankheit, die Nervenzellen zerstört, wird höchstwahrscheinlich von einem neuartigen Erreger – einem fehlgefalteten Protein – hervorgerufen, einem so genannten Prion. Ähnliche Erkrankungen sind beim Menschen und bei Tieren schon länger bekannt, drangen aber früher kaum in die Öffentlichkeit. Erst das Ausmaß von BSE insbesondere in Großbritannien und die Verbindung dieser Rinderseuche zu einer neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit des Menschen brachten die Schlagzeilen.

Als wahrscheinlichste Ursache der Rinderseuche gilt die Verfütterung von Proteinen, die aus Wiederkäuern stammen, an Rinder. Dass BSE in Großbritannien erstmals und zahlreich auftrat, lässt sich mit veränderten, gewissermaßen laxeren Herstellungsverfahren von Futter aus Tierkörpermehlen und anderen Produkten aus Tierkörperbeseitigungsanlagen erklären. An Rinder Mischfuttermittel zu verfüttern, die Tiermehl enthielten, war in den achtziger Jahren gängige Praxis.

In andere Länder gelangte BSE wahrscheinlich von Großbritannien aus durch den Handel mit Tieren und kontaminierten Futtermitteln. Zunächst meldeten Irland (im Jahre 1989), die Schweiz (1990) und Frankreich (1991) BSE-Fälle bei Rindern aus dem eigenen Land, später Portugal (1994), die Niederlande (1997), Belgien (1997) sowie Luxemburg (1997). Schon Anfang der neunziger Jahre registrierten auch mehrere europäische Staaten an BSE erkrankte Rinder, die aus Großbritannien stammten. Heute wird deutlich, dass von der Seuche die Rinderpopulationen aller derjenigen Länder betroffen sind, die im europäischen Binnenmarkt im letzten Jahrzehnt einen intensiven Warenaustausch praktizierten. Wie sich nun erwies, blieben auch Deutschland, Dänemark, Spanien und Italien nicht verschont.

Die Rinderseuche BSE ist also ein typisches Beispiel dafür, wie leicht sich Krankheiten durch Handel mit lebenden Tieren und Produkten tierischer Herkunft verbreiten. Der Mensch hat also einen großen Einfluss auf Entstehung und Verbreitung von Tierseuchen.

Global betrachtet galten 1999 unter anderem die Vereinigten Staaten und die skandinavischen Länder als frei von den Liste-A-Tierseuchen (Grafik Seite 95). Hier kann auf ein effizientes Überwachungs- und Meldesystem vertraut werden. Allerdings können auch dort jederzeit für Tier und Mensch gefährliche Infektionskrankheiten eingeschleppt werden. Das belegt das jüngste Auftreten des West-Nil-Virus an der US-amerikanischen Ostküste, das dort bisher nie vorkam. Der subtropische Erreger wird von Stechmücken übertragen und ruft beim Menschen Hirnhautentzündung hervor.

Die Zahlen der gemeldeten Krankheitsfälle geben kein vollständiges Bild, denn bestimmte Tierseuchen kommen in vielen Ländern endemisch, also permanent und flächendeckend, vor. Einzelausbrüche werden deshalb oft nicht weitergemeldet. Häufig fehlt auch die Infrastruktur, um alle Fälle zu diagnostizieren und weiterzuleiten. Letztlich spielt die wirkliche Zahl der Ausbrüche in diesem Kontext eigentlich auch keine Rolle, solange das Vorkommen überhaupt bekannt ist.

Was aber besagen die Daten über die Verbreitung von Tierseuchen heute? Gewisse Trends mögen sich zwar aus ihnen ableiten lassen. Doch keinesfalls zeigen sie, dass die Epidemien in neuerer Zeit insgesamt stetig zurückgegangen wären. Tierseuchen waren und sind weltweit verbreitet, und dies dürfte auch in Zukunft so bleiben.

Die Gefahr, dass die Erreger auch in bislang nicht betroffene Regionen gelangen, ist indessen in den letzten Jahren weiter gestiegen. Mehrere Gründe haben dazu beigetragen:

- die weitgehende Liberalisierung des Handels und somit der freie Zugang zu Märkten durch den Abbau von Zoll- und Handelsbeschränkungen;

- die Transporte von Tieren und tierischen Produkten über große Distanzen, auch auf andere Kontinente;

- die Erweiterung des Weltmarktes durch politische Öffnung von Drittstaaten, insbesondere im asiatischen und afrikanischen Raum;

- die drastische Zunahme des weltweiten Reiseverkehrs.

Nicht nur Tierseuchen, sondern Seuchen insgesamt stellen auch künftig eine Herausforderung für die Menschheit dar. Wenngleich gegenwärtig besonders die Rinderseuche BSE und die Maul- und Klauenseuche viel Aufmerksamkeit erregen, dürfen wir nicht vergessen, dass seit den achtziger Jahren weltweit eine neue Seuche grassiert, die Millionen Tote fordert und ganze Länder in den Ruin treibt: AIDS, die erworbene Immunschwäche.

Nicht die angebliche "Rückkehr der Seuchen" muss uns alarmieren. Sie waren nie verschwunden. Wichtig ist heute aber, dass wir die ständige Bedrohung wieder ernst nehmen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2001, Seite 93
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 2001

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