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Zoologie: Drosophila

Die Erfolgsgeschichte der Fruchtfliege
Aus dem Englischen von Hubert Mania. Rowohlt, Reinbek 2002. 254 Seiten, € 22,90


Wohl jeder, der sich schon einmal auch nur oberflächlich mit Biologie befasst hat, kennt sie: Drosophila, jene unscheinbare kleine Fliege, an der in Genetik, Entwicklungsbiologie und vielen anderen biologischen Teildisziplinen eine Fülle grundlegender Erkenntnisse gewonnen wurde.

Der britische Biologe und Autor Martin Brookes hat diesem Hauptdarsteller auf der Bühne der Wissenschaft ein amüsant zu lesendes Buch gewidmet. Er berichtet über so ziemlich alle Forschungsgebiete, in denen der kleine Zweiflügler schon einmal eine Rolle gespielt hat. Einleitung und acht weitere Kapitel schildern die Entwicklung der Chromosomentheorie, die Entdeckung und Analyse von Mutanten, Kontrollgene und Embryonalentwicklung, Evolutionsforschung und Populationsgenetik, Verhaltensforschung, Entstehung der Sexualität, Alterungsforschung und entwicklungsgeschichtliche Artbildung. Und natürlich kommen sämtliche großen Gestalten aus der Biologie des 19. und 20. Jahrhunderts vor: von Darwin über Thomas Hunt Morgan, Theodo­sius Dobzhansky und Seymour Benzer bis hin zu Christiane Nüsslein-Volhard ist die Prominenz vollzählig versammelt.

Die betont locker-flockige Sprache lässt das Bemühen erkennen, den Leser bei der Stange zu halten. Jedes Kapitel beginnt nach Art eines guten Zeitungsartikels mit einer kleinen Anekdote, die zwanglos zum jeweiligen Thema hinführt. Mir persönlich geht dieses Bestreben, dem Leser gefällig zu sein, ein wenig zu weit, insbesondere wenn Brookes die Fliege vermenschlicht und ihr beispielsweise eine "Zen-artige Seelenruhe" andichtet.

Immerhin erhält der Laie interessante Einblicke in Themen und Geschichte der biologischen Forschung. Dennoch konnte ich mich eines unguten Gefühls nicht erwehren. Abgesehen davon, dass es immer um Drosophila geht, ist in dem Buch kein roter Faden zu erkennen. Die Anordnung der Kapitel folgt weder der Chronologie noch ­einem anderen Ordnungsprinzip. So wird das Buch zu einer ungeordneten Sammlung einzelner, gewiss vergnüglicher und lehr­reicher Geschichten, aber eben keine "Erfolgsgeschichte". Dass ein unvorbereiteter Leser sich daraus ein Gesamtbild von der wissenschaftlichen Bedeutung der Drosophila machen kann, wage ich zu bezweifeln.

Die Übersetzung ist im Großen und Ganzen gut gelungen. Ein paar kleinere Schnitzer – so heißt es nicht "der Mutant", sondern "die Mutante", und nicht "Sedimentärgestein", sondern "Sedimentgestein" – stören nicht weiter.

Ärgerlich ist aber der eine große Übersetzungsfehler, der sich durch das ganze Buch zieht und auch im Untertitel nicht fehlt: Anders als im ersten Kapitel behauptet wird, ist Drosophila kein "falscher Namensvetter" der Mittelmeer-Fruchtfliege (Ceratitis capitata). Drosophila heißt auf Deutsch nicht Fruchtfliege, sondern Taufliege!

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003, Seite 103
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003

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